Ich öffnete den Ordner.
Die meisten Dateien hatten keine Namen.
Nur Daten.
Ich klickte auf eine Aufnahme von ungefähr zwei Wochen vor seinem Tod.
Das Bild erschien.
Fabians Zimmer.
Die Kamera stand offenbar auf dem Boden neben dem Regal.
Ein ungewöhnlicher Winkel.
Man sah die Wand, einen Teil des Bettes und Fabian.
Er saß auf dem Boden.
Mit dem Rücken an der Wand.
Die Knie angezogen.
Ich erkannte ihn zunächst kaum.
Nicht wegen seines Aussehens.
Wegen seines Gesichts.
Dieses Gesicht hatte ich noch nie gesehen.
Keine Ironie.
Kein schiefes Grinsen.
Keine Augenbraue, die hochging, kurz bevor er einen dummen Spruch machte.
Fabian zitterte.
Seine Hände waren ineinander verkrampft.
Seine Atmung war schnell und unruhig.
Er versuchte mehrmals, tief Luft zu holen, schaffte es aber offensichtlich nicht.
Ich wusste nicht, dass er solche Momente hatte.
Nicht einen einzigen.
Dann kam Vito ins Bild.
Er rannte nicht.
Er bellte nicht.
Er brachte kein Spielzeug.
Er ging einfach zu Fabian.
Langsam.
Er stellte sich vor ihn und sah ihn einige Sekunden an.
Dann drückte er seinen Körper gegen Fabians Beine.
Fabian reagierte zunächst überhaupt nicht.
Vito blieb stehen.
Einfach stehen.
Schwer.
Ruhig.
Dann legte er seinen Kopf auf Fabians Brust.
Genau unter dessen Kinn.
Fabian hob die Arme und schlang sie um seinen Hals.
Minutenlang passierte fast nichts.
Und trotzdem konnte ich den Blick nicht vom Bildschirm nehmen.
Vito bewegte sich kaum.
Fabian hielt ihn fest.
Nach und nach wurde seine Atmung ruhiger.
Seine Schultern sanken.
Das Zittern ließ nach.
Dann hörte ich meinen Bruder sprechen.
Seine Stimme war leise.
So leise, dass ich die Lautstärke erhöhen musste.
„Du merkst das immer zuerst, oder?“
Vito hob kurz den Kopf.
Fabian strich über sein Ohr.
Dann sagte er einen Satz, bei dem mir kalt wurde.
„Miriam soll sich keine Sorgen machen. Die fragt sowieso schon immer so viel.“
Ich stoppte das Video.
Mein Herz schlug so stark, dass ich es im Hals spürte.
Ich hatte gefragt.
Natürlich hatte ich gefragt.
„Alles okay?“
„Du bist so still heute.“
„Willst du reden?“
Aber wenn Fabian „passt schon“ sagte, ließ ich ihn in Ruhe.
Ich dachte, das sei Respekt.
Vielleicht war es manchmal auch nur Bequemlichkeit.
Ich schaute zu Vito.
Er lag noch immer auf dem Pullover.
Sein Kopf war jetzt angehoben.
Er beobachtete mich.
Und plötzlich hörte ich wieder die Geräusche aus jener Nacht.
Das Kratzen.
Das Stoßen.
Das Winseln.
Ich stand auf und ging zur Tür.
Erst jetzt sah ich die Spuren.
Unten im Holz waren lange Kratzer.
Mehrere.
Einige so tief, dass kleine helle Stellen unter dem Lack sichtbar geworden waren.
Ich kniete mich hin.
Fuhr mit dem Finger darüber.
Vito kam zu mir.
Er schnupperte an den Kratzern und setzte sich hin.
Da verstand ich.
In jener Nacht hatte er nicht herumgetobt.
Er hatte nicht spielen wollen.
Er hatte versucht, zu Fabian zu kommen.
Das dumpfe Geräusch war Vito gewesen, der seinen Körper gegen die Tür warf.
Wieder und wieder.
Und ich hatte im Bett gelegen und gerufen:
„Vito, Schluss jetzt.“
Der Gedanke traf mich so hart, dass ich mich auf den Boden setzen musste.
„Du wusstest es“, sagte ich.
Natürlich konnte Vito mir nicht antworten.
Aber er kam näher.
Setzte sich neben mich.
Lehnte seine Schulter gegen meinen Arm.
Genau wie in dem Video.
Da brach etwas in mir auf.
Drei Tage lang hatte ich kaum richtig geweint.
Ich hatte organisiert.
Telefoniert.
Kaffee gekocht.
Menschen begrüßt.
Meine Mutter festgehalten.
Meinem Vater gesagt, er solle sich setzen.
Ich hatte funktioniert.
Auf diesem Boden konnte ich plötzlich nicht mehr funktionieren.
Ich legte die Arme um Vito.
„Es tut mir leid“, sagte ich.
Immer wieder.
Ich wusste selbst nicht genau, wem ich es sagte.
Fabian.
Vito.
Mir.
Vielleicht uns allen.
Vito blieb einfach da.
Er machte nichts Besonderes.
Und genau das war plötzlich alles.
Später sah ich noch weitere Videos.
Nicht alle.
Ich konnte es nicht.
Aber genug.
Auf einigen war Fabian fröhlich.
Er spielte mit Vito.
Er machte Unsinn.
Er kochte Nudeln und ließ etwas fallen, woraufhin Vito sofort unter dem Tisch erschien.
Doch dazwischen gab es andere Aufnahmen.
Momente, in denen Fabian allein war.
Still.
Manchmal redete er gar nicht.
Vito lag dann neben ihm.
Auf seinen Füßen.
An seinem Rücken.
Mit dem Kopf auf seinem Bein.
Ich begann zu verstehen, dass die Geschichte meines Bruders zwei Seiten gehabt hatte.
Die Seite, die wir kannten.
Und die Seite, die Vito kannte.
Das bedeutete nicht, dass Fabian uns nicht liebte.
Heute glaube ich sogar, dass er vieles verborgen hatte, weil er uns liebte.
Er wollte niemandem zur Last fallen.
Er wollte nicht, dass unsere Mutter nachts wach lag.
Er wollte nicht, dass unser Vater hilflos wurde.
Und er wollte offenbar auch nicht, dass ich ständig fragte.
Also wurde aus „mir geht es schlecht“ irgendwann „bin nur müde“.
Aus „ich komme gerade nicht klar“ wurde „war ein langer Tag“.
Aus Rückzug wurde „ich brauche einfach mal meine Ruhe“.
Und weil diese Erklärungen vernünftig klangen, akzeptierten wir sie.
Menschen sind erstaunlich gut darin, die Antwort zu glauben, die ihnen am wenigsten Angst macht.
Unten verabschiedeten sich inzwischen die ersten Gäste.
Ich hörte Schritte auf der Treppe.
Meine Mutter blieb in der Tür stehen.
Sie sah mich auf dem Boden.
Dann Vito.
Dann den Laptop.
„Was machst du hier?“, fragte sie.
Ich wollte zunächst sagen: „Nichts.“
Das Wort lag schon auf meiner Zunge.
Genau dieses kleine, harmlose Wort.
Nichts.
Dann dachte ich an Fabian.
„Ich habe etwas gefunden“, sagte ich.
Meine Mutter setzte sich zu mir.
Ich zeigte ihr einen kurzen Teil des Videos.
Nicht alles.
Nur Vito.
Wie er zu Fabian ging.
Wie er sich gegen ihn lehnte.
Wie die Atmung meines Bruders langsam ruhiger wurde.
Meine Mutter hielt sich die Hand vor den Mund.
Dann weinte sie.
Sehr still.
„Warum hat er nichts gesagt?“
Ich wusste keine Antwort.
Also sagte ich endlich einmal nicht etwas, nur damit die Stille verschwand.
Vito setzte sich zwischen uns.
Meine Mutter legte ihre Hand auf seinen Rücken.
„Der hat es gewusst“, flüsterte sie.
Ja.
Vielleicht nicht auf unsere menschliche Art.
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