Unter einem rostigen Auto lag eine fast verhungerte Hündin über fünf Welpen, doch erst als wir nach ihnen griffen, begriff ich, was sie geopfert hatte.
„Nicht näher.“
Katrin hielt plötzlich den Arm vor mich. Wir standen am Rand eines verwilderten Grundstücks in einem alten Gewerbegebiet bei Duisburg, zwischen kaputten Betonplatten, hohem Gras und braunem Wasser.
Vor uns stand ein ausgeschlachteter Wagen auf Betonsteinen.
Keine Räder. Rost an den Türen. Eine eingeschlagene Scheibe.
Und darunter bewegte sich etwas.
Ich arbeite seit Jahren ehrenamtlich in der Tierrettung. Meistens fahre ich Tiere, helfe beim Einfangen oder springe ein, wenn irgendwo dringend zwei zusätzliche Hände gebraucht werden.
Man glaubt irgendwann, man hätte schon alles gesehen.
Ich hatte mich geirrt.
Ein Lagerarbeiter aus der Nähe hatte angerufen. Seit zwei Tagen hörte er leises Fiepen von dem verlassenen Grundstück. Er hatte etwas Futter hingestellt, aber sobald er sich näherte, verschwand eine Hündin unter dem alten Auto.
Also waren Katrin und ich gekommen.
Ich ging in die Hocke und leuchtete vorsichtig unter den Wagen.
Im ersten Moment konnte ich kaum erkennen, was dort lag.
Dann sah ich die Augen.
Die Hündin war mittelgroß, kräftig gebaut gewesen, vermutlich irgendein Terrier-Mischling. Doch von kräftig war nichts mehr übrig.
Sie bestand fast nur noch aus Knochen, Haut und schmutzigem Fell.
Ihre Rippen zeichneten sich einzeln ab. Die Hüftknochen standen heraus. Das Fell war verklebt und voller Schlamm.
Aber das Schlimmste war nicht ihr Zustand.
Es war ihre Haltung.
Sie lag nicht einfach unter dem Auto.
Sie hatte ihren Körper halbkreisförmig um fünf winzige Welpen gelegt.
Die Kleinen drängten sich dicht an ihren Bauch. Einer lag unter ihrem Vorderbein. Zwei hatten die Köpfe unter ihren Brustkorb geschoben.
Und die Mutter lag an der offenen Seite des Autos.
Wie eine Wand.
Hinter ihrem Rücken gab es ein kleines Stück trockenen Boden.
Dort lagen die Welpen.
Vor ihr stand das Wasser.
Ich verstand sofort, was sie getan hatte.
Sie hatte ihnen den geschützten Platz überlassen und selbst außen gelegen.
Ihr Fell war komplett durchnässt und kalt. Die Welpen waren schmutzig, aber deutlich trockener.
„Mein Gott“, flüsterte Katrin.
Die Hündin hob den Kopf.
Nur wenige Zentimeter.
Mehr schaffte sie offenbar nicht.
Aus ihrer Kehle kam ein tiefes, heiseres Geräusch. Kein richtiges Knurren. Dafür fehlte ihr die Kraft.
Aber die Botschaft war eindeutig.
Bis hierhin.
Nicht weiter.
Ich sah zu den Welpen.
Ihre Bäuche waren erstaunlich rund.
Dann sah ich wieder die Mutter an.
Man brauchte keinen Tierarzt, um zu verstehen, was passiert war.
Sie hatte gefüttert.
Immer weiter.
Während ihr eigener Körper immer weniger wurde.
Katrin sagte leise: „Sie gibt denen alles.“
Ich antwortete nicht.
Wir hatten weiches Futter dabei. Ich nahm ein kleines Stück und schob es langsam auf dem Boden in ihre Richtung.
Die Hündin roch daran.
Sie bewegte sich nicht.
Einer der Welpen begann zu fiepen.
Sofort drehte sie den Kopf zu ihm.
Nicht zum Futter.
Zum Welpen.
Da bekam ich zum ersten Mal diesen Kloß im Hals, den ich bis heute spüre, wenn ich an sie denke.
Wir mussten alle sechs dort herausbekommen.
Und wir mussten schnell sein.
Doch wir konnten nicht einfach zugreifen.
Die Welpen waren vielleicht drei oder vier Wochen alt. Sie hätten sich problemlos aufnehmen lassen.
Die Mutter war das Problem.
Nicht weil sie aggressiv war.
Sondern weil sie entschlossen war.
Katrin setzte sich einige Meter entfernt auf einen trockenen Betonrest.
Sie redete mit der Hündin.
Ganz ruhig.
„Ist gut, Mädchen. Wir tun den Kleinen nichts.“
Natürlich verstand die Hündin die Worte nicht.
Aber sie verstand unsere Stimmen.
Unsere Bewegungen.
Unsere Richtung.
Ich machte mich klein und schob das Futter noch etwas näher.
Nach einer Weile kroch ich auf den Knien ein Stück vor.
Die Hündin beobachtete jede Bewegung.
Dann streckte ich langsam die Hand nach dem Welpen aus, der am weitesten von ihr entfernt lag.
Und etwas geschah, das ich nie vergessen werde.
Die Hündin stand auf.
Ich weiß bis heute nicht, wie.
Dieses Tier hatte kaum Kraft, den Kopf zu heben.
Aber als meine Hand sich ihrem Welpen näherte, stemmte sie die Vorderbeine unter ihren Körper.
Dann die Hinterbeine.
Sie zitterte so stark, dass ihre Pfoten im Schlamm wegrutschten.
Trotzdem stand sie.
Zwischen mir und ihren Jungen.
Ihre Beine waren dünn wie Stöcke. Jede Rippe war sichtbar. Ihr Kopf hing tief.
Aber sie stand.
„Zurück“, sagte Katrin.
Ich zog sofort die Hand weg.
Die Hündin schwankte.
Sie hatte nichts mehr, womit sie uns hätte bekämpfen können.
Keinen kräftigen Biss.
Keinen schnellen Angriff.
Kaum noch eine Stimme.
Also stellte sie das Einzige zwischen uns und ihre Welpen, das ihr noch geblieben war.
Sich selbst.
Katrin wischte sich übers Gesicht.
„Sie denkt, wir nehmen sie ihr weg.“
Wir blieben einfach sitzen.
Minutenlang passierte fast nichts.
Katrin redete.
Ich bewegte mich nicht.
Irgendwann schnupperte die Hündin in unsere Richtung.
Dann sah sie wieder zu den Welpen.
Ihre Beine zitterten immer stärker.
Sie konnte diese Stellung nicht lange halten.
Und trotzdem blieb sie stehen.
Bis plötzlich einer der Kleinen direkt neben ihrer Pfote fiepte.
Die Mutter drehte sich zu ihm.
Sie leckte ihm einmal über den Kopf.
Dann sackte ihr Hinterteil langsam nach unten.
Nicht wie ein Zusammenbruch.
Fast kontrolliert.
Als wollte sie selbst in diesem Moment entscheiden, wann sie ihre Stellung aufgab.
Sie legte sich wieder neben die Welpen.
Diesmal blieb ihr Kopf oben.
Ich wartete.
Dann streckte ich erneut langsam meine Hand aus.
Sie knurrte nicht.
Ich berührte den ersten Welpen.
Die Mutter beobachtete mich.
Ich hob ihn wenige Zentimeter hoch und setzte ihn direkt wieder neben sie.
Sie roch an ihm.
Dann an meiner Hand.
Das war der Moment.
Nicht volles Vertrauen.
Nicht einmal Nähe.
Aber Erlaubnis.
Wir holten eine Transportbox.
Einen Welpen nach dem anderen legten wir hinein.
Bei jedem einzelnen kontrollierte die Mutter, was wir taten.
Als der fünfte Welpe in der Box lag, versuchte sie aufzustehen und hinterherzugehen.
Sie schaffte zwei Schritte.
Dann knickten ihre Beine weg.
Wir legten eine Decke neben sie.
Katrin und ich hoben sie gemeinsam hoch.
Ich erschrak über ihr Gewicht.
Oder besser gesagt: über das fehlende Gewicht.
Eine Hündin dieser Größe hätte um die 25 Kilo wiegen können.
Sie fühlte sich an wie ein Hund, der nur noch zur Hälfte vorhanden war.
Im Wagen stellten wir ihre Box direkt neben die der Welpen.
Sie blieb unruhig.
Erst als Katrin die Tür der Welpenbox kurz öffnete und die Mutter alle fünf sehen und riechen konnte, legte sie den Kopf auf die Decke.
Ihre Augen blieben auf die Kleinen gerichtet.
In der Tierpraxis wurden zuerst die Welpen untersucht.
Leicht ausgetrocknet.
Einige Parasiten.
Zu dünn.
Aber insgesamt erstaunlich stabil.
Alle fünf hatten gute Chancen.
Dann kam die Mutter dran.
Der Tierarzt, Herr Dr. Seidel, sagte lange nichts.
Er tastete ihren Bauch ab, hörte Herz und Lunge ab, kontrollierte Schleimhäute und Blutwerte.
Schließlich sah er Katrin und mich an.
„Die Hündin verhungert.“
Nicht: Sie ist mager.
Nicht: Sie muss zunehmen.
Sie verhungert.
Ihr Körper hatte bereits fast sämtliche Fettreserven verbraucht. Danach hatte er angefangen, Muskelmasse abzubauen.
Sie produzierte trotzdem weiter Milch.
„Noch ein paar Tage“, sagte Dr. Seidel. „Vielleicht weniger.“
Ich sah zur Hündin.
Sie lag auf der Untersuchungsmatte und versuchte über den Tischrand hinweg die Transportbox zu sehen.
„Und die Welpen?“, fragte ich.
„Die sind erstaunlich gut versorgt.“
Dr. Seidel sah wieder zur Mutter.
Dann sagte er einen Satz, der den ganzen Raum still machte.
„Das ist genau das Problem.“
Wir verstanden nicht sofort.
Er erklärte uns, dass eine säugende Hündin sehr viel Energie benötigt. Viel mehr als normalerweise.
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