Wir fanden eine fast verhungerte Hündin, die ihre fünf Welpen mit dem eigenen Körper beschützte

Diese Hündin hatte draußen kaum etwas gefunden.

Vielleicht Reste.

Vielleicht das Futter, das der Lagerarbeiter hingestellt hatte.

Vielleicht hin und wieder etwas aus einem Müllbehälter.

Aber offenbar war fast nichts davon bei ihr selbst angekommen.

Die Welpen hatten volle Bäuche.

Die Mutter war fast verhungert.

„Ihr Körper hat alles in die Milch gesteckt“, sagte Dr. Seidel. „Sie hat sich praktisch selbst aufgebraucht.“

Niemand sagte etwas.

Ich dachte an die Stelle unter dem Auto.

An den kleinen trockenen Bereich hinter ihrem Rücken.

An ihre durchnässte Seite.

An die fünf Welpen.

Und an diesen Körper, der sich noch einmal auf vier zitternde Beine gestellt hatte.

Wir gaben ihr später den Namen Frieda.

Nicht aus einem besonderen Grund.

Katrin sagte einfach: „Sie braucht endlich einen Namen.“

Und Frieda passte.

Vielleicht weil der Name ruhig klang.

Vielleicht weil nach allem, was sie erlebt hatte, etwas Ruhiges richtig erschien.

Am Abend bekam Frieda ihre erste kleine Portion Futter.

Sehr wenig.

Bei stark unterernährten Tieren darf man nicht einfach eine riesige Schüssel hinstellen. Der Körper muss sich langsam wieder an Nahrung gewöhnen.

Dr. Seidel stellte das Futter vor sie.

Frieda roch daran.

Dann drehte sie den Kopf weg.

Wir erschraken.

Eine Hündin, die so lange kaum gefressen hatte, müsste doch hungrig sein.

Der Tierarzt versuchte es erneut.

Frieda reagierte nicht.

Katrin flüsterte: „Ist sie schon zu schwach?“

Das war auch mein erster Gedanke.

Doch Dr. Seidel beobachtete sie eine Weile.

Dann sah er zur anderen Seite des Raumes.

Dort standen die Welpen in ihrer Box.

„Bringen Sie die Kleinen her.“

Wir setzten die fünf auf eine Decke neben ihre Mutter.

Sofort hob Frieda den Kopf.

Ein Welpe krabbelte an ihren Hals.

Ein anderer suchte ihre Zitze.

Sie schnupperte jeden einzelnen ab.

Eins.

Zwei.

Drei.

Vier.

Fünf.

Sie kontrollierte sie regelrecht.

Dann legten wir etwas Welpenfutter vor die Kleinen.

Sie hatten vorher bereits zusätzliche Nahrung bekommen und waren satt, aber sie schleckten ein wenig daran.

Frieda sah zu.

Dann sah sie wieder zur eigenen Schüssel.

Und begann zu fressen.

Langsam.

Im Liegen.

Vier oder fünf kleine Bissen.

Dann kontrollierte sie wieder die Welpen.

Noch ein paar Bissen.

Wieder ein Blick.

Dr. Seidel stand daneben und schüttelte leicht den Kopf.

„Sie wollte nicht essen, bevor sie wusste, dass die Kleinen versorgt sind.“

Katrin ging aus dem Raum.

Ich folgte ihr kurz darauf.

Nicht weil etwas passiert war.

Sondern weil man manchmal einfach zwei Minuten braucht, bevor man wieder so tun kann, als wäre man an solche Dinge gewöhnt.

Friedas Genesung dauerte Wochen.

Es gab keine schnelle Verwandlung.

Kein Wunder nach drei Tagen.

Sie musste mehrmals am Tag kleine Portionen bekommen. Ihre Werte wurden kontrolliert. Die Futtermenge wurde langsam gesteigert.

Anfangs schlief sie fast ständig.

Doch selbst im Schlaf reagierte sie auf jedes Fiepen.

Wenn einer der Welpen sich bewegte, öffnete Frieda sofort die Augen.

Immer.

Bei allen fünf.

Nach einigen Tagen konnte sie wieder kurze Strecken laufen.

Nach zwei Wochen sah ihr Gesicht anders aus.

Nicht mehr so eingefallen.

Nach einem Monat konnte man zum ersten Mal erkennen, wie sie wahrscheinlich vorher ausgesehen hatte.

Ihr Fell war dunkel gestromt.

Auf der Brust hatte sie einen weißen Fleck.

Das rechte Ohr stand meistens aufrecht.

Das linke kippte zur Seite.

Und unter all dem Schmutz und der Angst kam eine Hündin zum Vorschein, die Menschen mochte.

Das überraschte mich fast am meisten.

Frieda hätte jeden Grund gehabt, uns aus dem Weg zu gehen.

Stattdessen begann sie irgendwann, ihre Schnauze in Katrins Hand zu drücken.

Später auch in meine.

Nicht lange.

Nur kurz.

Als müsste sie erst ausprobieren, ob Nähe etwas Sicheres sein konnte.

Die fünf Welpen entwickelten sich prächtig.

Sie wurden rund, laut und anstrengend.

Sie bissen in Decken, zerrten an Schuhen und schliefen anschließend übereinandergestapelt ein.

Frieda sah ihnen dabei zu.

Mit zunehmendem Alter wurden die Kleinen unabhängiger.

Und etwas änderte sich an ihrer Mutter.

Diese ständige Alarmbereitschaft verschwand.

Nicht sofort.

Aber Stück für Stück.

Der erste Welpe wurde vermittelt.

Dann der zweite.

Beim dritten stand Frieda am Türgitter und sah hinterher.

Ich hatte Angst, sie würde in Panik geraten.

Doch sie blieb ruhig.

Sie schnupperte an der Stelle, an der der Welpe gelegen hatte.

Dann ging sie zurück zu den anderen.

Beim fünften Welpen setzte sie sich nach der Verabschiedung neben Katrin.

Einfach so.

Als hätte sie verstanden, dass ihre Aufgabe vorbei war.

Alle fünf waren sicher.

Alle fünf hatten ein Zuhause.

Nun war Frieda an der Reihe.

Nur wollte sie zunächst kaum jemand.

Welpen finden schnell Interessenten.

Eine erwachsene, kräftige Mischlingshündin hat es schwerer.

Wochen vergingen.

Frieda wartete in ihrer Pflegestelle.

Sie nahm weiter zu.

Sie lernte, auf einem Hundebett zu schlafen.

Anfangs lag sie immer am Rand, als müsste sie den größten Teil des Platzes für jemanden freihalten.

Später rollte sie sich mitten darauf zusammen.

Sie lernte sogar, Futter einfach anzunehmen.

Ohne vorher den Raum abzusuchen.

Ohne zu prüfen, ob irgendwo ein Welpe hungrig war.

Das klingt nach einer Kleinigkeit.

Für Frieda war es riesig.

Vier Monate nachdem wir sie unter dem Auto gefunden hatten, kam ein älteres Ehepaar zu Besuch.

Die Kinder waren längst ausgezogen. Sie wollten keinen Welpen, sagten sie.

Sie wollten einen ruhigen erwachsenen Hund.

Frieda ging auf den Mann zu, roch an seiner Hose und setzte sich dann vor seine Frau.

Die Frau kniete sich hin.

Frieda legte ihr den Kopf auf den Oberschenkel.

Die beiden blieben fast zwei Stunden.

Als sie gingen, stand fest, dass Frieda mit ihnen gehen würde.

Ich war bei der Übergabe dabei.

Katrin auch.

Kurz bevor Frieda ins Auto stieg, drehte sie sich noch einmal zu uns um.

Nur für einen Moment.

Dann sprang sie auf die Rückbank.

Ohne Angst.

Ohne sich umzudrehen.

Ich sehe bis heute manchmal dieses andere Bild vor mir.

Nicht die gesunde Frieda.

Nicht die Hündin mit glänzendem Fell auf einem weichen Hundebett.

Sondern die Gestalt unter diesem rostigen Auto.

Fünf Welpen hinter ihrem Rücken.

Ihr eigener Körper davor.

Und dann dieser unmögliche Moment, als eine fast verhungerte Hündin sich auf Beine stellte, die sie kaum noch trugen, weil zwei Fremde ihren Kindern zu nahe gekommen waren.

Früher dachte ich, Mut habe viel mit Kraft zu tun.

Seit Frieda weiß ich, dass das nicht stimmt.

Manchmal ist keine Kraft mehr da.

Man steht trotzdem auf.

Und manchmal sieht Liebe nicht schön aus.

Manchmal ist sie schmutzig, abgemagert und erschöpft.

Manchmal liegt sie unter einem alten Auto und gibt fünf kleinen Körpern den einzigen geschützten Platz, während für sie selbst nichts übrig bleibt.

Frieda wäre dort gestorben.

Davon bin ich überzeugt.

Nicht weil sie aufgegeben hatte.

Sondern weil sie es niemals getan hätte.

Sie hätte weiter gefüttert.

Weiter gewacht.

Weiter ihren Körper zwischen die Welpen und alles gestellt, was sie für gefährlich hielt.

Bis nichts mehr von ihr übrig gewesen wäre.

Heute lebt sie in einem ruhigen Haus am Stadtrand.

Sie hat ihr eigenes Bett.

Sie hat immer genug Futter.

Und nach allem, was Katrin mir erzählt, hat sie inzwischen eine neue Angewohnheit.

Wenn ihr Napf hingestellt wird, schaut Frieda nicht mehr zuerst durch den Raum.

Sie wartet auf niemanden.

Sie prüft nicht, ob jemand anderes satt ist.

Sie geht einfach hin.

Und frisst.

Ich glaube, genau das ist mein Lieblingsende dieser Geschichte.

Nach allem, was sie gegeben hatte, musste Frieda am Ende nur noch eines lernen:

Dass auch für sie etwas übrig bleiben durfte.

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