Wir nahmen einen 15-jährigen Kater auf, damit er nicht allein sterben musste – drei Wochen später trug er plötzlich sein Spielzeug durchs ganze Haus.
„Er steht kaum noch auf.“
Die Mitarbeiterin des Tierheims sagte diesen Satz so ruhig, dass ich zuerst gar nicht wusste, was ich antworten sollte.
Neben mir saß meine Frau Maren am Küchentisch. Ich hielt das Telefon etwas vom Ohr weg und sah sie an.
„Fünfzehn Jahre“, sagte ich leise.
Maren verstand sofort.
Wir hatten eigentlich nicht vorgehabt, noch einmal eine Katze aufzunehmen.
Unser Haus am Rand von Kassel war seit Jahren still geworden. Die Kinder waren längst ausgezogen. Abends standen zwei Tassen auf dem Tisch, morgens zwei Teller.
Mehr nicht.
Doch als das Tierheim fragte, ob wir einem alten Kater für seine vermutlich letzte Zeit eine ruhige Pflegestelle geben könnten, sagte Maren nur:
„Hol ihn.“
Der Kater hieß dort Fiete.
Er war groß, grau getigert und an der Schnauze fast weiß geworden. Seine Augen waren etwas trüb, seine Bewegungen langsam. Wenn er aufstand, wirkte es, als müsste er erst jeden einzelnen Knochen überzeugen.
In seinen Unterlagen standen wenige Sätze.
„Sehr ruhig.“
„Bewegt sich wenig.“
„Abgegeben.“
„Senior.“
Und ganz unten der Hinweis, dass es wahrscheinlich keine langfristige Vermittlung mehr werden würde.
Wir bereiteten unser Wohnzimmer vor, als würden wir einen sehr gebrechlichen Gast erwarten.
Auf dem Laminat legten wir Läufer aus, damit Fiete nicht wegrutschte. Neben der Heizung bekam er ein flaches, weiches Körbchen. Futter und Wasser stellten wir so hin, dass er keine Stufen überwinden musste.
Wir erwarteten keinen Neuanfang.
Wir wollten nur verhindern, dass sein Ende einsam wurde.
Am ersten Abend kam Fiete aus seiner Transportbox, machte drei Schritte und legte sich hin.
Das war alles.
Er schlief.
Stundenlang.
Am nächsten Morgen lag er noch fast an derselben Stelle. Nur sein Kopf hatte sich gedreht.
Maren kniete sich neben ihn.
„Na, alter Mann.“
Fiete öffnete ein Auge.
Dann schloss er es wieder.
In der ersten Woche schlief er so tief, dass ich manchmal stehen blieb und auf seinen Brustkorb schaute.
Nur um sicherzugehen.
Es war kein gemütliches Katzenschläfchen.
Es wirkte eher, als hätte jemand monatelang nicht richtig schlafen können und würde jetzt endlich merken, dass niemand ihn mehr stört.
Manchmal öffnete Fiete die Augen, wenn ich vorbeiging.
Er beobachtete mich kurz.
Dann schlief er weiter.
Am sechsten Tag saß ich morgens in der Küche, als ich hinter mir ein Geräusch hörte.
Tapp.
Pause.
Tapp.
Ich drehte mich um.
Fiete stand in der Tür.
Nicht elegant.
Nicht sicher.
Aber er stand.
„Maren!“
Sie kam aus dem Flur gelaufen und blieb ebenfalls stehen.
Fiete machte zwei weitere Schritte.
Pause.
Noch zwei.
Dann setzte er sich neben seinen Futternapf.
Maren lachte.
Ich weiß noch genau, wie erleichtert dieses Lachen klang.
Als ich das Futter nahm, bewegte Fiete seine Schwanzspitze.
Nur ein kleines Zucken.
Aber plötzlich sah dieser uralte Kater nicht mehr aus wie jemand, der innerlich schon Abschied genommen hatte.
Von diesem Tag an folgte er uns.
Nicht überall.
Und schon gar nicht schnell.
Aber wenn ich vom Wohnzimmer in die Küche ging, hörte ich irgendwann dieses langsame Tapp-Tapp hinter mir.
Wenn Maren Wäsche zusammenlegte, tauchte Fiete irgendwann in der Tür auf.
Wenn wir abends auf dem Sofa saßen, lag er nicht mehr fünf Meter entfernt.
Er lag zwei Meter entfernt.
Dann einen.
In der zweiten Woche legte er sich zum ersten Mal direkt neben Marens Füße.
Sie bewegte sich fast eine Stunde nicht.
„Mein Bein schläft ein“, flüsterte sie irgendwann.
„Dann beweg es.“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Sie sah hinunter zu Fiete.
„Weil er gerade entschieden hat, dass er mir vertraut.“
Ich sagte nichts mehr.
In unserem Wohnzimmer stand ein Korb mit alten Katzensachen, die eine Nachbarin uns gegeben hatte.
Ein kleiner Ball.
Ein Stück Stoff.
Eine ausgefranste Spielmaus.
Nichts Besonderes.
Eines Nachmittags sahen wir Fiete vor diesem Korb stehen.
Er steckte den Kopf hinein.
Wühlte.
Zog ihn wieder heraus.
Dann noch einmal.
Schließlich erschien er mit einer völlig zerzausten Stoffmaus im Maul.
Maren sah mich an.
„Das glaub ich jetzt nicht.“
Fiete trug die Maus quer durchs Wohnzimmer.
Langsam.
Mit steifen Beinen.
Aber mit hoch erhobenem Kopf.
Dann ließ er sie vor uns fallen.
Wir lachten beide.
Fiete setzte sich daneben und sah uns an.
Seit diesem Tag gehörte die Maus ihm.
Er trug sie vom Wohnzimmer in den Flur.
Vom Flur in die Küche.
Von der Küche zurück zu seinem Körbchen.
Manchmal bewegte er sie nur zwei Meter.
Aber er nahm sie mit.
In der dritten Woche begann Fiete morgens an unser Bett zu kommen.
Kurz nach sechs.
Er miaute nicht.
Er legte einfach eine Pfote auf meine Hand.
Wenn ich die Augen öffnete, stand dort dieser alte Kater und drückte seinen Kopf gegen meine Finger.
Und irgendwann lag auch die Stoffmaus neben meinem Kopfkissen.
„Er bringt dir Geschenke“, sagte Maren.
„Er will Frühstück.“
„Lass mir meine Version.“
Unser Pflegekater, der angeblich kaum aufstand, begann sogar, kleine Runden durchs Wohnzimmer zu drehen.
Zwei Minuten Bewegung.
Dann legte er sich hin, als hätte er einen Halbmarathon hinter sich.
Trotzdem machte uns niemand etwas vor.
Fiete war alt.
Seine Gelenke waren steif.
Er hatte gesundheitliche Probleme, die regelmäßig kontrolliert werden mussten.
Deshalb kam der Anruf des Tierheims trotzdem.
„Wir sollten über die weitere Versorgung sprechen.“
Dieser Satz traf mich härter, als ich erwartet hatte.
Fiete saß in diesem Moment auf einem Teppich vor der Küchentür.
Die Stoffmaus lag zwischen seinen Pfoten.
Die Mitarbeiterin fragte, wie er fraß.
Gut.
Ob er trank.
Ja.
Ob er noch selbstständig zur Katzentoilette ging.
Ja.
Ob er Schmerzen zeigte.
Schwer zu sagen.
Dann sagte sie:
„Bei einem Kater in seinem Alter kann sich der Zustand schnell verändern.“
Natürlich wusste ich das.
Aber Wissen und Hören sind zwei verschiedene Dinge.
Wir vereinbarten eine Untersuchung.
Am Abend danach war Fiete ungewöhnlich anhänglich.
Er folgte uns ins Wohnzimmer.
In die Küche.
Zurück in den Flur.
Und als wir ins Bett gingen, tat er etwas, das er bis dahin nie geschafft hatte.
Er sprang hoch.
Na ja.
„Sprang“ ist vielleicht übertrieben.
Er zog sich hoch, schob, strampelte ein wenig und landete schließlich mit einem dumpfen Geräusch auf der Matratze.
Dann lief er zu meinem Kopfkissen.
Legte die Stoffmaus daneben.
Und rollte sich zusammen.
Ich lag lange wach.
Am nächsten Morgen kam Fiete nicht zu meiner Hand.
Um sechs Uhr blieb alles still.
Um halb sieben ebenfalls.
Maren setzte sich auf.
„Wo ist er?“
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