Wir nahmen einen alten Kater zum Sterben auf doch dann begann er plötzlich wieder zu leben

Wir fanden ihn in seinem Körbchen.

Die Maus lag unter seinem Kinn.

Er atmete.

Aber er war so still, dass mir sofort schlecht wurde.

Wir ließen ihn noch am selben Vormittag untersuchen.

Die Tierärztin war eine ruhige Frau um die sechzig. Sie nahm sich Zeit, tastete seine Gelenke ab, hörte Herz und Lunge und beobachtete, wie er lief.

Dann sagte sie:

„Er liegt nicht im Sterben.“

Maren begann sofort zu weinen.

Ich musste gleichzeitig lachen.

Die Tierärztin hob aber gleich die Hand.

„Er ist trotzdem sehr alt. Und er hat Beschwerden. Wir müssen darauf achten, dass es ihm nicht nur irgendwie weitergeht, sondern dass seine Tage noch gute Tage sind.“

Dieser Satz blieb bei mir.

Gute Tage.

Nicht möglichst viele.

Gute.

Wir passten seinen Alltag an und beobachteten ihn genauer.

Und Fiete?

Zu Hause marschierte er als Erstes zu seinem Spielzeugkorb.

Die Maus war noch da.

Alles war offenbar in Ordnung.

Ein paar Tage später bekam Maren einen Anruf von einer älteren Frau.

„Sind Sie die Familie, bei der Fiete lebt?“

Ihre Stimme zitterte.

Die Frau hieß Ingrid.

Sie war 81.

Nach einem Sturz war sie in eine betreute Wohnanlage gezogen. Während dieser chaotischen Wochen hatte ihr Sohn die Wohnung auflösen müssen.

Dabei war auch ihr Kater abgegeben worden.

Nur hieß er früher nicht Fiete.

Er hieß Milo.

Ingrid hatte geglaubt, er sei längst nicht mehr am Leben.

„Ich will ihn Ihnen nicht wegnehmen“, sagte sie sofort.

Dann schwieg sie.

„Ich wollte nur wissen, ob es ihm gutgeht.“

Maren setzte sich.

Fiete stand im Flur.

Natürlich mit seiner Maus im Maul.

„Möchten Sie ihn sehen?“, fragte Maren.

Am anderen Ende blieb es lange still.

Dann sagte Ingrid:

„Nur wenn es für ihn nicht zu viel ist.“

Dieser Satz entschied für uns alles.

Wir machten keinen großen Plan daraus.

Wir wollten sehen, wie Fiete reagieren würde.

Ein paar Tage später fuhren wir mit ihm zu Ingrid.

Als sie die Tür öffnete, stand eine kleine Frau in einer Strickjacke vor uns.

Ihre Hände zitterten.

Sie schaute sofort zur Transportbox.

„Milo?“

Fiete hob den Kopf.

Sein Körper wurde plötzlich ganz aufmerksam.

Maren öffnete die Box.

Fiete kam heraus.

Zwei Schritte.

Pause.

Zwei Schritte.

Ingrid setzte sich auf das Sofa.

Fiete ging zu ihr.

Als er ihre Füße erreichte, sagte sie noch einmal:

„Milo.“

Dann legte sie beide Hände an seinen Kopf.

Und Fiete drückte sich gegen sie.

Nicht vorsichtig.

Nicht unsicher.

Er lehnte sein ganzes Gewicht in ihre Hände.

Dann begann er zu schnurren.

Laut.

Ingrid weinte.

„Es tut mir so leid“, sagte sie immer wieder.

Fiete verstand diese Worte wahrscheinlich nicht.

Aber er blieb bei ihr.

Fast eine Stunde.

Er rieb sich an ihren Beinen, saß neben ihr auf dem Sofa und ließ sich am Kopf kraulen.

Ich sah Maren an.

Sie sah mich an.

Uns war beiden klar, dass wir gerade etwas beobachteten, für das es keine einfache Erklärung gab.

Dieser Kater hatte uns angenommen.

Aber er hatte Ingrid nicht vergessen.

Als wir gehen wollten, öffnete Maren die Transportbox.

Fiete sah hinein.

Dann zu Ingrid.

Dann wieder zur Box.

Ingrid streichelte seinen Kopf.

„Geh ruhig“, sagte sie leise. „Die passen auf dich auf.“

Nach einigen Sekunden stieg Fiete selbst hinein.

Auf der Rückfahrt sagte keiner von uns viel.

Zu Hause ging er direkt zu seinem Körbchen.

Die Stoffmaus lag dort.

Er legte sich daneben und schlief.

Von da an besuchten wir Ingrid gelegentlich, solange Fiete die Fahrten gut verkraftete.

Er erkannte sie jedes Mal.

Und jedes Mal kam er danach mit uns zurück.

Etwa einen Monat später hatten wir unsere erste wirklich schlimme Nacht.

Fiete fraß nicht.

Er stand nicht auf.

Kurz nach drei Uhr saßen Maren und ich auf dem Wohnzimmerboden neben ihm.

Keine Diskussion mehr darüber, was richtig oder falsch war.

Nur dieser kleine, alte Körper zwischen uns.

Wir brachten ihn zur tierärztlichen Notversorgung.

Dort bekam er Flüssigkeit und Unterstützung.

Wir blieben.

Stundenlang.

Irgendwann sagte Maren:

„Wenn er nicht mehr kann, halten wir ihn nicht für uns fest.“

Ich nickte.

Aber meine Hände zitterten.

Denn ich wollte vernünftig sein.

Und gleichzeitig wollte ich einfach meinen Kater wieder mit nach Hause nehmen.

Am frühen Morgen kam eine Mitarbeiterin zu uns.

Sie lächelte vorsichtig.

„Er steht wieder.“

Nur drei Wörter.

Aber ich werde sie nie vergessen.

Als wir zu ihm durften, sah Fiete furchtbar müde aus.

Doch als er uns erkannte, hob er den Kopf und brachte ein kratziges Miauen heraus.

Maren lachte unter Tränen.

„Ja, Chef. Wir fahren nach Hause.“

Dort angekommen, lief Fiete langsam ins Wohnzimmer.

Zum Korb.

Er steckte den Kopf hinein.

Wühlte.

Und zog seine Stoffmaus heraus.

Damit marschierte er zu seinem Bett.

An diesem Vormittag riefen wir das Tierheim an.

„Wir möchten ihn übernehmen.“

Am anderen Ende entstand eine kurze Pause.

Dann sagte die Mitarbeiterin:

„Ich hatte gehofft, dass Sie das sagen.“

Fiete weiß natürlich nichts von Papieren.

Er weiß nicht, was Pflegestelle bedeutet.

Oder Adoption.

Oder Lebensabend.

Er weiß nur, dass der Teppich unter seinen Pfoten nicht rutscht.

Dass sein Napf an derselben Stelle steht.

Dass seine Maus morgens noch da ist, wo er sie abends abgelegt hat.

Dass Ingrid sich freut, wenn sie ihn sieht.

Und dass er danach wieder zu uns nach Hause fährt.

Er muss auch nicht mehr so tun, als wäre er jung.

Er darf langsam sein.

Er darf schlafen.

Er darf schlechte Tage haben.

Und wenn er morgens kurz nach sechs meine Hand sucht, lege ich sie auf seinen Kopf und bleibe noch einen Moment liegen.

Manchmal legt er die zerzauste Maus neben mich.

Dann sehe ich diesen alten Kater an, den wir eigentlich nur aufgenommen hatten, damit er irgendwo weich und ruhig seine letzten Tage verbringen konnte.

Und ich denke nicht mehr darüber nach, wie viel Zeit ihm noch bleibt.

Ich denke nur daran, dass er heute aufgestanden ist.

Dass er gefressen hat.

Dass er Ingrid noch erkannt hat.

Dass er seine lächerliche Stoffmaus durch den Flur getragen hat.

Dass er noch da ist.

Wir wollten Fiete einen ruhigen Abschied geben.

Stattdessen hat dieser alte Kater unser stilles Haus wieder mit Leben gefüllt.

Vielleicht besteht Liebe manchmal nicht darin, ein Ende aufzuhalten.

Vielleicht besteht sie einfach darin, dafür zu sorgen, dass jemand bis dahin nicht mehr allein sein muss.

Und manchmal passiert dabei etwas, mit dem niemand gerechnet hat:

Jemand, den alle bereits abgeschrieben hatten, findet plötzlich wieder einen Grund aufzustehen.

Nach oben scrollen