Zum 80. Geburtstag allein am Tisch, bis ein Fremder sich dazusetzt

Als ich das Handy ans Ohr hielt, war mein Daumen noch feucht vom Kondenswasser auf dem Lenkrad. Ich hatte „Mama“ getippt, obwohl ich seit vierzehn Tagen immer wieder nur gedacht hatte: gleich, später, morgen. Jetzt gab es kein Morgen mehr zwischen uns, nur dieses Klingeln, das mir plötzlich viel zu laut vorkam.

„Ja?“ Ihre Stimme kam vorsichtig, als hätte sie schon gelernt, dass Anrufe um diese Uhrzeit selten gute Nachrichten bringen. Im Hintergrund lief irgendetwas im Fernsehen, gedämpft und weit weg, so wie ein anderes Leben hinter einer Wand. Ich schluckte und merkte erst da, wie trocken mein Mund war.

„Hallo, Mama“, sagte ich noch einmal, obwohl ich das gerade eben schon gesagt hatte. „Ich… ich wollte nur kurz deine Stimme hören.“ Ein peinlich einfacher Satz für ein Gefühl, das so groß war, dass es kaum durch die Leitung passte.

Es war einen Moment still, und dann hörte ich dieses kleine Ausatmen, das sie immer machte, wenn sie sich zurückhielt. „Kind“, sagte sie leise, und in diesem einen Wort lag mehr als in all meinen Ausreden der letzten Jahre. „Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Ja“, log ich nicht. „Aber ich hab heute jemanden getroffen, Mama. Eine Frau, die achtzig geworden ist und… die allein am Tisch saß.“ Ich merkte, wie meine Stimme wackelte. „Und plötzlich hab ich dich gesehen, obwohl du gar nicht da warst.“

Wieder dieses Ausatmen. „Kommst du morgen auf einen Kaffee?“ fragte sie, so vorsichtig, als wäre die Frage aus Glas. Als würde ein falsches Wort reichen, um alles wieder zu zerbrechen.

„Ja“, sagte ich sofort, bevor mein Kopf wieder anfangen konnte zu rechnen. „Ich komme. Wirklich.“ Und als ich aufgelegt hatte, blieb ich noch eine ganze Weile sitzen, die Hände auf dem Lenkrad, und fühlte mich gleichzeitig schwer und erleichtert, als hätte ich endlich etwas abgestellt, das ich viel zu lange getragen hatte.

Zu Hause roch meine Jacke noch nach Werkstatt und Restaurant, nach Öl und warmem Zucker. Ich hing sie über den Stuhl und blieb im Flur stehen, weil ich nicht wusste, wohin mit mir. In meinem Kopf sah ich immer wieder Inges Hände vor ihrem Mund, ihre Schultern, die gezittert hatten, als das Lokal für sie gesungen hatte.

Als ich später meine Hosentasche ausleerte, fiel ein zusammengefalteter Zettel auf den Küchentisch. Eine Serviette, auf die jemand eine Nummer gekritzelt hatte, darunter nur ein Name: „Inge“. Ich erinnerte mich, wie die junge Bedienung mir beim Rausgehen kurz die Hand berührt und gesagt hatte: „Sie hat gefragt, ob Sie… ob Sie sich melden würden.“

Ich starrte auf die Zahl, als wäre sie ein kleiner Auftrag, der nichts mit Pflicht zu tun hatte, sondern mit Anstand. Dann tippte ich eine Nachricht, löschte sie wieder, tippte neu. Am Ende stand da nur: „Hier ist der von Tisch 4. Ich hoffe, Sie sind gut nach Hause gekommen.“

Die Antwort kam erst am nächsten Morgen, als ich gerade den Motor startete, um zu meiner Mutter zu fahren. „Guten Morgen, junger Mann. Ich habe geschlafen wie ein Stein. Danke. Wirklich. Ich heiße übrigens nicht ‘gnädige Frau’. Ich heiße Inge. 🙂“ Ich musste lachen, richtig lachen, und das tat so gut, dass es fast weh tat.

Meine Mutter wohnte noch immer in derselben kleinen Wohnung, in der ich als Teenager Türen geknallt hatte. Der Hausflur roch nach Putzmittel und alten Briefkästen, und als ich klingelte, merkte ich, wie mein Herz schneller schlug, als würde ich zu einem Bewerbungsgespräch gehen. Dabei war es nur ein Kaffee.

Sie machte sofort auf, als hätte sie hinter der Tür gewartet. Sie trug einen Pulli mit kleinen Fäden, die an den Ärmeln zogen, und ihr Haar war schneller grau geworden, als ich es in Erinnerung hatte. Für einen Moment standen wir uns gegenüber und wussten beide nicht, ob wir umarmen dürfen.

Dann trat sie einfach einen Schritt vor und legte die Arme um mich. Kein großes Drama, keine Vorwürfe, nur diese feste Wärme, die nach Zuhause roch. Und ich merkte, wie sehr mir das gefehlt hatte, ohne dass ich es mir je eingestanden hatte.

„Du siehst müde aus“, sagte sie, als wir in der Küche saßen. Sie stellte zwei Tassen hin, als hätte es die letzten zwei Wochen gar nicht gegeben, als wäre es selbstverständlich, dass ich da war. Und genau das war das Wunder daran: Sie machte keinen großen Moment daraus, damit ich bleiben konnte.

„War ein komischer Abend“, sagte ich und erzählte ihr von Inge, vom leeren Tisch, vom Lied, vom Parkplatz. Meine Mutter hörte zu, die Hände um ihre Tasse gelegt, und ihre Augen wurden weich, aber nicht mitleidig. Eher so, als hätte sie etwas verstanden, das sie schon lange kannte.

„Weißt du“, sagte sie, „manchmal sind Menschen nicht böse. Sie sind nur… abgelenkt von ihrem Leben.“ Sie schob mir den Zuckertopf rüber, als wäre das eine Form von Trost. „Aber das macht es für die, die warten, nicht weniger traurig.“

Als ich ging, stand sie mit mir im Flur und hielt meinen Arm einen Tick zu lange fest. „Ruf einfach an“, sagte sie, nicht als Bitte, sondern als einfache Regel für die Zukunft. Ich nickte und merkte, dass es manchmal so leicht sein kann, wenn man endlich aufhört, es schwer zu machen.

Im Auto schrieb ich Inge: „Ich war bei meiner Mutter. Wegen gestern. Danke, dass Sie’s… möglich gemacht haben.“ Ich schickte es ab, bevor ich wieder zu viel nachdenken konnte.

Diesmal kam die Antwort schnell. „Dann hat Karl doch noch recht: Gelbe Rosen bringen Glück. 🙂 Wollen Sie Sonntag Kaffee trinken? Meine Tochter hat sich gemeldet.“ Dahinter stand noch: „Und bevor Sie fragen: Ja, ich habe ihr die Meinung gesagt. Aber nett.“

Ich lächelte, und gleichzeitig zog sich wieder etwas in mir zusammen. „Deine Tochter hat sich gemeldet.“ Zwei Worte, die nach Hoffnung schmeckten, aber auch nach all den Jahren, in denen sich niemand gemeldet hatte, weil man dachte, es reicht später.

Am Sonntag fuhr ich zu Inge, mit einer Tüte Gebäck auf dem Beifahrersitz und einer einzelnen gelben Rose, die ich an einer kleinen Bude gekauft hatte, einfach weil ich an Karl denken musste.

Ihre Adresse führte mich in eine ruhige Straße mit niedrigen Häusern und Vorgärten, in denen selbst der Winter noch ordentlich aussah. Als sie die Tür öffnete, trug sie dieselbe Schärpe nicht mehr, aber sie hatte sich Lippenstift aufgetragen, so dezent, dass man es fast übersehen konnte.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen