Zwanzig Minuten nach ihrer Nachricht sah ich meinen Bruder alles zerstören

Ich sah meinen Bruder mit einer fremden Frau küssen, zwanzig Minuten nachdem seine Ehefrau mich gefragt hatte, welche Gardinen ihr neues Zuhause wärmer machen würden.

Die Nachricht von Jana kam, als ich gerade im Baumarkt vor den Regalen stand.

Beige oder hellgrau, hatte sie geschrieben.

Was meinst du? Die Wohnung ist ja kleiner, ich will nicht, dass sie traurig wirkt.

Ich musste lächeln, obwohl mir gar nicht danach war. Jana war so ein Mensch. Selbst wenn ihr das Leben die Wände enger schob, dachte sie noch darüber nach, wie man es freundlich aussehen lassen konnte.

Ich schrieb:

Hellgrau. Macht es ruhig, aber nicht düster.

Sie schickte ein Herz zurück. Danach noch ein Foto von zwei Lampen. Dann ein Bild von einem alten Küchenstuhl, den sie unbedingt behalten wollte, obwohl das Holz schon an zwei Stellen gerissen war.

Zu schade zum Wegwerfen, schrieb sie.

Nicht alles Alte ist wertlos.

Ich kaufte noch Klebeband, Müllsäcke und diese dicken Marker für Umzugskartons. Jana und mein Bruder Sven wollten am Wochenende in eine kleinere Wohnung ziehen. Nicht, weil sie Lust auf einen Neuanfang hatten. Sondern weil man sich vieles eben nicht mehr leisten konnte, ohne ständig Angst vor der nächsten Rechnung zu haben.

Als ich auf den Parkplatz trat, sah ich zuerst nur Svens Jacke.

Dunkelblau. Die kannte ich sofort.

Er stand nicht allein da.

Die Frau vor ihm hatte die Hand an seinem Hals, so selbstverständlich, als hätte sie dort schon oft gelegen. Und dann küsste er sie. Nicht flüchtig. Nicht verwirrt. Nicht wie ein Fehler, der in einer Sekunde passiert und sofort bereut wird.

Sondern wie etwas, das schon eine Weile existierte.

Ich blieb stehen.

In meiner Hand raschelte die Tüte aus dem Baumarkt. Mehr nicht. Kein Schrei. Kein Schritt nach vorn. Nur dieses trockene Geräusch von Plastik in meiner Faust.

Sven sah mich erst, als die Frau schon ins Auto stieg.

Er wurde blass. Ich glaube, ich auch.

Niemand sagte etwas.

Er kam einen Schritt auf mich zu.

„Nicht hier“, sagte er leise.

Ich nickte nicht einmal. Ich drehte mich um, trug mein Klebeband zu meinem Wagen und fuhr zu ihnen, als wäre nichts gewesen.

Bis heute weiß ich nicht, warum ich das getan habe.

Vielleicht, weil Jana wartete.

Vielleicht, weil manche Wahrheiten einen nicht sofort mutig machen, sondern erst einmal stumm.

Als ich bei ihnen ankam, saß Jana auf dem Boden zwischen halb gepackten Kartons. Die Haare zu einem lockeren Knoten, ein alter Pullover, in der Hand ein Stapel Geschirrtücher.

„Du bist mein Rettungsdienst“, sagte sie und lachte. „Ich finde den Anfang beim Packen immer schlimmer als das Ende.“

Ich stellte die Sachen ab und zwang mich, normal zu atmen.

Sie zeigte mir die neue Wohnung auf dem Handy. Kleine Küche. Schmaler Flur. Ein Balkon, auf den gerade so zwei Stühle passen würden.

„Ist nicht viel“, sagte sie. „Aber vielleicht tut uns weniger Platz sogar gut. Dann muss man sich wenigstens wieder ansehen.“

Sie sagte das mit einem kleinen Lächeln.

Nicht bitter.

Nicht vorwurfsvoll.

Fast hoffnungsvoll.

Und genau das machte es so schwer.

Sven kam zehn Minuten später. Er küsste Jana auf die Stirn, als wäre sein Mund nicht noch kurz vorher auf einem anderen Gesicht gewesen.

Ich musste wegsehen.

Beim Abendessen redete fast nur Jana. Über die Nachbarin in der neuen Straße. Über eine Bäckerei um die Ecke. Darüber, dass sie diesmal einiges anders machen wollte.

„Nicht mehr alles auf später verschieben“, sagte sie. „Nicht immer nur funktionieren. Ein bisschen leben wäre auch schön.“

Sven stocherte in seinem Teller herum.

Ich sah seine Hände. Sie zitterten leicht.

Später trug ich mit ihm zwei Kartons runter in den Keller. Da standen wir dann zwischen alten Winterreifen, Werkzeug und einem kaputten Wäscheständer.

Er machte als Erster den Mund auf.

„Ich wollte es beenden.“

Ich lachte kurz. Nicht, weil es lustig war. Eher, weil ich sonst etwas anderes gemacht hätte.

„Was genau?“, fragte ich. „Die Affäre oder deine Ehe?“

Er sah mich an, müde, älter als sonst.

„Ich weiß es nicht mehr“, sagte er.

Und dann kam nichts Schlaues. Keine Ausreden. Keine Schuldzuweisungen. Keine Sätze darüber, was Jana falsch gemacht hätte.

Nur ein Mann, der aussah, als würde er seit Monaten in seinem eigenen Leben herumlaufen wie in nassen Schuhen.

„Es ist nicht wegen Jana“, sagte er.

„Das macht es nicht besser“, sagte ich.

„Ich weiß.“

Mehr sagte er nicht.

Als ich wieder hochging, saß Jana allein in der Küche. Vor ihr lag ein kleiner Stoffbeutel.

Sie zog einen Ring heraus. Den alten ihrer Mutter.

„Den habe ich heute weggegeben“, sagte sie. „Für die Kaution hat es sonst nicht gereicht.“

Mir wurde kalt.

„Sven weiß das noch nicht. Ich wollte es erst sagen, wenn wir drin sind. Er trägt schon genug.“

Sie lächelte dabei sogar. Dieses leise, müde Lächeln von Menschen, die sich daran gewöhnt haben, stark zu sein, ohne dass es jemand bemerkt.

Dann nahm sie mein Handy aus der Hand, öffnete das Foto mit den Gardinen und fragte:

„Ehrlich jetzt. Hellgrau? Oder wirkt das zu kühl? Ich will, dass es nach Zuhause aussieht. Nicht nach Übergang.“

Ich konnte sie kaum ansehen.

In der Nacht schrieb Sven mir eine Nachricht.

Bitte sag heute nichts. Gib mir diese eine Nacht.

Fast im selben Moment kam eine neue Nachricht von Jana.

Ich habe doch die hellgrauen genommen.

Vielleicht sieht es mit Licht ja wieder freundlich aus.

Ich saß lange mit beiden Nachrichten vor mir.

Mein Bruder auf der einen Seite.

Seine Frau auf der anderen.

Der eine hatte gelogen.

Die andere hoffte noch.

Am nächsten Morgen stand ich vor ihrer neuen Wohnung. Jana hatte mir vor Wochen den Ersatzschlüssel gegeben, falls beim Umzug etwas schiefläuft.

Ich hielt ihn in der Hand und hörte drinnen ihre Stimmen. Kartons wurden geschoben. Eine Schranktür fiel ins Schloss. Für einen Moment klang alles fast normal.

Fast wie ein Anfang.

Ich hob die Hand, um zu klingeln.

Aber bis heute weiß ich nicht, ob ich in diesem Moment dabei war, Jana zu retten, oder ihr das Letzte zu nehmen, woran sie noch glaubte.

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