Zwanzig Minuten nach ihrer Nachricht sah ich meinen Bruder alles zerstören

Ich klingelte.

Nicht leise. Nicht zögernd. Einfach so, als gäbe es für diesen Morgen nur zwei Möglichkeiten: weiter lügen oder endlich atmen.

Drinnen wurde es still.

Ich hörte Schritte. Dann öffnete Jana die Tür, mit einem Kartonmesser in der Hand und einer losen Haarsträhne im Gesicht.

„Da bist du ja“, sagte sie. „Komm rein. Sven baut gerade den Schrank auf und verflucht dabei wahrscheinlich sein ganzes Leben.“

Sie lächelte noch.

Aber nur mit dem Mund.

In ihren Augen war etwas, das mir gestern nicht aufgefallen war. Oder das ich nicht hatte sehen wollen.

Ich trat in den schmalen Flur.

Überall standen Kisten. Küche. Bücher. Bad. Winterjacken. Die Wohnung roch nach Staub, Pappe und frischer Wandfarbe. Dieser Geruch von Übergang. Von Dingen, die noch keinen Platz haben.

Sven kam aus dem Schlafzimmer.

Als er mich sah, blieb er sofort stehen. Kein Gruß. Kein Versuch, normal zu wirken. Nur dieses kurze Erstarren, das zwischen Menschen entsteht, wenn einer weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist.

Jana sah von ihm zu mir.

Dann wieder zu ihm.

Es war nur ein kleiner Blick.

Aber plötzlich hatte ich das Gefühl, dass ich die Letzte im Raum war, die verstanden hatte, dass hier längst etwas kaputt war.

„Was ist?“, fragte sie.

Niemand antwortete.

Sven strich sich einmal über das Gesicht. Dann setzte er sich auf einen ungeöffneten Karton, als würden ihn seine Beine nicht mehr tragen.

„Jana“, sagte er.

Mehr brachte er zuerst nicht heraus.

Sie stellte das Kartonmesser auf die Kommode. Ganz vorsichtig, als dürfte jetzt nichts Lautes passieren.

„Sag es ordentlich“, sagte sie.

Kein Zittern in der Stimme. Das erschreckte mich mehr als alles andere.

Sven nickte langsam.

„Ich habe dich belogen.“

Jana blinzelte nicht einmal.

„Seit wann?“, fragte sie.

Das war ihre erste Frage.

Nicht mit wem. Nicht warum. Nicht wie oft.

Seit wann.

Sven sah auf seine Hände.

„Seit einigen Monaten.“

Jana stand einfach da.

Ich hätte erwartet, dass sie schreit. Oder weint. Oder wenigstens einen Schritt zurückgeht. Aber sie wurde nur stiller. So still, dass ich plötzlich das Ticken einer Uhr aus der Küche hörte, die wahrscheinlich noch gar nicht aufgehängt war.

„Mit derselben Frau?“, fragte sie.

„Ja.“

Sie nickte einmal.

Dann setzte sie sich auf den Boden zwischen zwei Kisten, genau wie am Abend davor in der alten Wohnung. Nur dass es diesmal nicht nach Umzug aussah. Sondern nach einem Menschen, dem kurz die Kraft aus den Knien gefallen war.

Ich wollte etwas sagen.

Irgendetwas.

Aber Jana hob die Hand, ohne mich anzusehen.

„Nicht du“, sagte sie leise. „Bitte gerade nicht.“

Also schwieg ich.

Sven stand auf, ging einen halben Schritt auf sie zu und blieb wieder stehen.

„Es ist vorbei“, sagte er. „Ich habe es beendet.“

Jana lachte kurz.

Trocken. Leer. Fast müde.

„Gestern auf dem Parkplatz sah das nicht nach gestern beendet aus.“

Da hob er den Kopf.

„Du wusstest es?“

Sie sah ihn jetzt direkt an.

„Ich wusste nicht alles“, sagte sie. „Aber ich bin nicht dumm, Sven.“

Mir wurde heiß und kalt zugleich.

Sie hatte also etwas gespürt. Vielleicht schon länger. Vielleicht viel länger als wir beide begreifen wollten.

„Seit wann?“, fragte ich, bevor ich es verhindern konnte.

Diesmal sah sie mich an.

„Seit Monaten“, sagte sie. „Vielleicht schon vor Weihnachten. Erst nur so ein Gefühl. Dann dieses Wegsehen. Dieses Immer-zu-müde-Sein. Diese Höflichkeit zwischen uns, die sich irgendwann schlimmer anfühlte als Streit.“

Sven machte die Augen zu.

Jana redete ruhig weiter.

„Ich habe mir eingeredet, dass es der Druck ist. Das Geld. Die Arbeit. Die Angst. Ich dachte, wenn wir erst umziehen, wenn alles kleiner und übersichtlicher wird, dann finden wir vielleicht wieder zueinander.“

Sie strich über den Rand eines Kartons.

„Es ist seltsam“, sagte sie. „Man merkt oft, dass etwas stirbt. Aber man deckt den Tisch trotzdem noch für zwei.“

Niemand sprach.

Draußen fuhr irgendwo ein Lieferwagen vorbei. Aus dem Hausflur hörte man eine Tür. So ein normaler Morgen. Und mitten darin standen wir zwischen Kisten und dem Rest einer Ehe.

Schließlich sagte Jana: „Ich möchte mit ihm allein reden.“

Sie sagte es nicht hart.

Nur klar.

Ich nickte sofort. Sven sah mich an, als wolle er noch irgendetwas von mir. Schutz vielleicht. Oder ein letztes Zeichen, dass er nicht ganz allein war. Aber ich konnte ihm nichts geben.

Nicht diesmal.

Ich ging hinaus auf den Balkon.

Er war so klein, dass ich kaum wusste, wohin mit mir. Zwei Stühle hätten wirklich gerade so gepasst. Unten auf der Straße schob eine ältere Frau einen Einkaufstrolley über das Pflaster. Jemand hängte Bettwäsche ans Fenster. Das Leben machte einfach weiter. Wie unverschämt es manchmal weitergeht.

Drinnen hörte ich keine Worte.

Nur gedämpfte Stimmen. Dann lange nichts.

Ich stand da vielleicht zwanzig Minuten. Vielleicht auch eine Stunde. Zeit ist seltsam, wenn man auf das Geräusch eines Zusammenbruchs wartet.

Irgendwann ging die Balkontür auf.

Jana trat heraus.

Allein.

Ihre Augen waren rot, aber trocken. Nicht diese dramatische Art von Tränen, die laut nach außen wollen. Mehr so, als hätte sie alles schon innen geweint.

„Er ist gegangen“, sagte sie.

„Für heute?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Erstmal ganz.“

Ich sah sie an.

„Und du?“

Sie lehnte sich an das Geländer.

„Ich weiß es noch nicht“, sagte sie. „Im Moment atme ich. Das reicht für diese Stunde.“

Dann schwiegen wir beide wieder.

Nach einer Weile sagte sie: „Du hast es gestern gesehen, oder?“

Ich nickte.

„Warum hast du nichts gesagt?“

Da war keine Anklage drin. Nur Erschöpfung. Und echte Neugier. Vielleicht tat diese Frage mir deshalb mehr weh als Vorwürfe.

„Weil du mit Lampen und Gardinen beschäftigt warst“, sagte ich. „Weil du auf dem Boden zwischen Kartons gesessen und vom Balkon gesprochen hast. Weil du so gehofft hast. Und ich dachte für einen Abend lang, vielleicht darfst du diese Hoffnung wenigstens noch bis morgen behalten.“

Jana sah hinaus auf die gegenüberliegenden Dächer.

„Das Verrückte ist“, sagte sie, „ich glaube, ein Teil von mir wollte auch noch eine Nacht lang so tun, als wäre alles nur anstrengend und nicht kaputt.“

Sie drehte den Ring ihrer Mutter zwischen den Fingern. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass sie ihn wieder aus dem Stoffbeutel genommen hatte.

„Und jetzt?“, fragte ich.

Sie lächelte schwach.

„Jetzt muss ich erst mal diese Wohnung aushalten.“

Wir verbrachten den Rest des Tages mit Auspacken.

Nicht, weil das die Welt rettet. Sondern weil Teller irgendwo hinmüssen. Handtücher auch. Und weil ein Mensch nach einem Schock manchmal etwas braucht, das man anfassen kann.

Ich räumte Gläser in einen zu hohen Küchenschrank.

Jana legte Besteck in eine Schublade, die klemmte.

Zweimal vergaß sie mitten in einer Bewegung, was sie gerade tun wollte. Dann blieb sie einfach stehen und starrte auf einen Topflappen oder einen Stapel Bücher, als läge darin die Antwort auf alles.

Am Nachmittag klingelte es.

Jana zuckte zusammen.

Vor der Tür stand Sven.

Nicht mit Koffer. Nicht mit großem Auftritt. Nur mit einer Papiertüte von der Bäckerei und seinem Werkzeugkasten.

„Der Kleiderschrank ist noch nicht richtig fest“, sagte er in den Flur hinein. „Und ihr habt nichts zu essen.“

Jana antwortete nicht sofort.

Dann trat sie einen Schritt zurück und ließ ihn herein.

Es war keine Versöhnung.

Nicht einmal Nähe.

Es war nur das, was nach vielen Jahren manchmal noch übrig ist, wenn alles andere gerade zerbrochen ist: Gewohnheit. Und ein Rest Fürsorge, der nicht weiß, wohin mit sich.

Sven schraubte im Schlafzimmer schweigend die Rückwand fest.

Danach stellte er Brötchen, Käse und zwei Nusshörnchen auf den Küchentisch. Eines schob er wortlos zu Jana.

„Ich weiß, dass du die magst“, sagte er.

Sie sah das Hörnchen lange an.

„Ja“, sagte sie schließlich. „Aber du weißt offenbar ziemlich vieles und hast trotzdem das Falsche getan.“

Er nickte.

Keine Verteidigung.

Kein Aber.

Nur dieses Nicken, das mir zum ersten Mal ehrlicher vorkam als alles, was er am Vortag gesagt hatte.

In den nächsten Tagen wurde die neue Wohnung langsam bewohnbar.

Nicht schön. Noch nicht.

Aber bewohnbar.

Jana schlief schlecht. Das hörte man an ihren Nachrichten nachts um halb drei. Einmal schrieb sie nur: Bist du wach? Ein anderes Mal: Glaubst du, man kann jemanden vermissen und gleichzeitig nicht mehr zurückwollen?

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