15 raue Handwerker tauchten nachts auf der Kinderkrebsstation auf – dann hörte die Oberschwester ein Lachen

Um drei Uhr nachts standen fünfzehn Männer in abgetragenen Arbeitsjacken vor der Kinderkrebsstation. Die Oberschwester wollte sofort den Sicherheitsdienst rufen. Doch dann hörte sie etwas, das sie seit Wochen vermisst hatte.

Ein Kind lachte.

Nicht laut. Nicht besonders kräftig.

Aber es war ein echtes Lachen.

Und es kam aus Zimmer 304.

„Was um alles in der Welt machen Sie hier?“

Marlene Vogt blieb mitten auf dem Flur stehen. Sie war 59 Jahre alt, arbeitete seit fast vierzig Jahren in der Pflege und leitete die Kinderstation eines Krankenhauses in Kassel seit mehr als zwanzig Jahren.

Sie hatte schon vieles erlebt.

Wütende Angehörige. Verzweifelte Eltern. Ärzte, die keine guten Nachrichten mehr hatten. Kinder, die Fragen stellten, auf die niemand eine Antwort wusste.

Aber fünfzehn fremde Männer mitten in der Nacht?

Das war neu.

Der Mann ganz vorne war groß und breitschultrig. Seine graue Arbeitsjacke hatte einen ausgefransten Ärmel, an den Händen saßen dunkle Spuren, die selbst gründliches Waschen offenbar nicht mehr entfernte.

Er hatte eine tiefe Narbe über der linken Augenbraue und ein Gesicht, das aussah, als würde es nur selten lächeln.

Hinter ihm standen vierzehn weitere Männer.

Einige trugen alte Handwerkerjacken. Einer hatte noch seine Arbeitshose mit Zollstocktasche an. Ein anderer hielt einen großen Karton voller Stofftiere.

Ein kräftiger Mann mit Glatze trug eine Holzkiste, aus der kleine Fahrzeuge herausragten.

„Sie können hier nicht einfach hereinspazieren“, sagte Marlene scharf.

Der Große nickte.

„Versteh ich.“

„Dann erklären Sie mir bitte, was das hier soll.“

„Wir wollen zu Tim.“

Marlene erstarrte.

„Zu welchem Tim?“

„Zimmer 304.“

Sofort griff sie nach ihrem Diensttelefon.

„Wer hat Ihnen diese Information gegeben?“

Doch bevor der Mann antworten konnte, hörte sie aus dem Zimmer wieder dieses ungewöhnliche Geräusch.

Ein helles Kinderlachen.

Marlene sah zur halb geöffneten Tür.

Sie kannte dieses Lachen.

Oder genauer gesagt: Sie hatte es früher einmal gekannt.

Vor drei Wochen hatte sie es zum letzten Mal gehört.

Seitdem war es still geworden um den neunjährigen Tim.

Tim lag seit fast vier Monaten auf der Kinderkrebsstation.

Am Anfang hatte er noch mit den Pflegekräften gescherzt. Er hatte seine Bettdecke zu einer Rennstrecke erklärt und aus zusammengefalteten Handtüchern kleine Garagen gebaut.

Sein größter Traum war es, einmal auf einem Motorrad mit Beiwagen mitfahren zu dürfen.

An seinem Bett hingen Bilder von alten Maschinen, Motorrädern und Werkstätten.

Er konnte stundenlang erzählen, wie ein Motor funktionierte.

Zumindest hatte er das früher getan.

Inzwischen lag er meistens auf der Seite und starrte gegen die Wand.

Die Behandlungen hatten ihn erschöpft.

Seine Haare waren ausgefallen. Seine Beine waren so dünn geworden, dass Marlene manchmal wegsehen musste, wenn sie ihm beim Aufstehen half.

Doch das Schlimmste war nicht seine Krankheit.

Es war seine Einsamkeit.

Tims Eltern hatten sich kurz vor seiner Diagnose getrennt.

Sein Vater war schon vorher kaum noch Teil seines Lebens gewesen. Nach einigen Besuchen meldete er sich überhaupt nicht mehr.

Seine Mutter war anfangs täglich gekommen.

Sie hatte an seinem Bett gesessen, ihm vorgelesen und versucht, stark zu bleiben.

Dann wurden die Besuche kürzer.

Irgendwann kam sie nur noch zweimal in der Woche.

Schließlich blieb sie ganz weg.

Der Sozialdienst hatte versucht, sie zu erreichen. Es gab Gespräche, Unterstützung und weitere Versuche, den Kontakt wiederherzustellen.

Doch seit drei Wochen hatte Tim seine Mutter nicht mehr gesehen.

Einmal hatte er Marlene gefragt, ob Erwachsene manchmal einfach aufhörten, jemanden lieb zu haben.

Marlene hatte ihm erklärt, dass Menschen aus Angst und Überforderung Dinge taten, die Kinder nicht verstehen konnten.

Tim hatte genickt.

Dann hatte er gefragt:

„Aber wenn Mama mich noch lieb hat, warum kommt sie dann nicht?“

Darauf hatte Marlene keine gute Antwort gehabt.

Sie hatte seine Hand gehalten.

Mehr konnte sie in diesem Moment nicht tun.

Als Marlene nun in Zimmer 304 blickte, traute sie ihren Augen nicht.

Der große Mann aus dem Flur kniete neben Tims Bett.

In seiner riesigen Hand hielt er ein kleines Motorradmodell.

Er schob es langsam über die Bettdecke und machte dabei ein tiefes Motorengeräusch.

„Brrrrummm. Und jetzt kommt die Kurve.“

Tim kicherte.

„So klingt doch kein richtiger Motor!“

„Ach nein?“

„Nein! Viel tiefer!“

Der Mann versuchte es erneut.

Diesmal so übertrieben, dass Tim laut lachen musste.

Ein zweiter Mann stand am Fußende des Bettes und hielt einen kleinen hölzernen Anhänger hoch.

„Den haben wir selbst gebaut“, erklärte er.

Tim richtete sich ein Stück auf.

„Wirklich?“

„In unserer Werkstatt. Hat drei Anläufe gebraucht, bis die Räder ordentlich liefen.“

Tim streckte die Hand aus.

„Darf ich?“

„Natürlich. Ist deiner.“

Marlene blieb in der Tür stehen.

Sie hatte Tim seit Tagen nicht mehr so wach gesehen.

Trotzdem durfte sie nicht vergessen, wo sie sich befanden.

Auf dieser Station lagen schwer kranke Kinder mit teilweise stark geschwächtem Immunsystem.

Besuchszeiten und Hygieneregeln gab es nicht ohne Grund.

„Alle sofort einen Schritt zurück“, sagte sie.

Der große Mann drehte sich um.

„Entschuldigung.“

„Haben Sie sich überhaupt die Hände desinfiziert?“

„Ja. Die junge Schwester hat uns alles gezeigt.“

„Welche junge Schwester?“

Hinten im Zimmer bewegte sich jemand.

Anna.

Die 27-jährige Pflegekraft stand neben dem Schrank. Ihre Augen waren gerötet.

Marlene brauchte nur einen Blick auf sie zu werfen.

„Anna. Auf den Flur. Sofort.“

Anna senkte den Kopf.

„Ja, Marlene.“

Der große Mann erhob sich langsam.

„Wenn jemand Ärger bekommt, dann ich“, sagte er.

„Sie bleiben bitte hier stehen, bis wir geklärt haben, was los ist.“

„In Ordnung.“

Tim hielt das kleine Motorrad fest.

„Marlene?“

Sie sah ihn an.

„Ja, mein Schatz?“

„Bitte schick sie nicht weg.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Die sind extra wegen mir gekommen.“

Auf dem Flur erzählte Anna schließlich, was passiert war.

Einige Tage zuvor hatte sie einen Beitrag in einer privaten Gruppe für ehrenamtliche Helfer gelesen.

Darin ging es um ältere Handwerker, die Spielzeug reparierten, kleine Fahrzeuge bauten und vor Weihnachten Geschenke für Kinder sammelten.

Die Männer trafen sich regelmäßig in einer ehemaligen Kfz-Werkstatt.

Viele waren bereits in Rente.

Einige hatten jahrzehntelang zusammen in einem großen Industriebetrieb gearbeitet.

Andere waren frühere Fernfahrer, Schlosser, Mechaniker oder Elektriker.

Sie nannten sich einfach die Werkstattfreunde.

Anna hatte ihnen geschrieben.

Ohne Tims Namen, ohne Foto und ohne medizinische Unterlagen.

Sie hatte von einem neunjährigen Jungen erzählt, der schwere Behandlungen durchmachen musste und sich nichts mehr wünschte als jemanden, der mit ihm über Motoren sprach.

Und davon, dass dieser Junge nachts besonders einsam war.

Innerhalb einer Stunde hatte sie eine Antwort bekommen.

Wir kommen.

Anna hatte geglaubt, die Männer würden vielleicht in der nächsten Woche zwei Spielzeugfahrzeuge vorbeibringen.

Stattdessen hatten sie gefragt, wann Tim gewöhnlich nicht schlafen konnte.

„Sie wollten heute Nacht kommen“, erklärte Anna leise. „Weil sie gehört haben, dass er manchmal bis morgens wach liegt.“

Marlene verschränkte die Arme.

„Und du hast sie einfach hereingelassen?“

„Ich habe sie am Nachteingang abgeholt.“

„Fünfzehn fremde Männer?“

„Sie sollten eigentlich unten warten. Nur zwei sind mit mir hochgekommen. Aber dann haben die anderen die Kisten gebracht, und plötzlich standen alle auf dem Flur.“

Marlene schloss die Augen.

„Anna, du weißt, dass das nicht geht.“

„Ich weiß.“

„Du hättest mit mir sprechen müssen.“

„Ja.“

„Du kannst nicht selbst entscheiden, wer nachts auf eine solche Station kommt.“

Anna nickte.

Ihre Lippen zitterten.

„Ich dachte nur an Tim.“

Marlene sagte zunächst nichts.

„Gestern hat er mich gefragt, ob es etwas ausmacht, wenn niemand mehr seinen Geburtstag weiß“, flüsterte Anna.

Marlene blickte auf.

„Was?“

„Er hat gefragt, ob man einen Geburtstag überhaupt feiern muss, wenn niemand kommt.“

Anna wischte sich über die Wange.

„Er wird nächsten Monat zehn, Marlene.“

Die beiden Frauen standen schweigend nebeneinander.

Aus Zimmer 304 kam eine tiefe Männerstimme.

„Pass auf, Tim. Wenn du mir jetzt erklären kannst, wozu eine Kupplung da ist, dann darfst du uns alle für eine Woche herumkommandieren.“

„Eine ganze Woche?“

„Versprochen.“

„Dann hör gut zu!“

Marlene presste die Lippen zusammen.

Schließlich sagte sie:

„Die Männer im Zimmer bleiben vorerst dort. Alle anderen gehen zurück zum Nachteingang. Und ich kläre sofort mit dem diensthabenden Arzt, was medizinisch vertretbar ist.“

Anna nickte erleichtert.

„Danke.“

„Bedank dich noch nicht. Morgen führen wir beide ein sehr ernstes Gespräch.“

Der große Mann hieß Georg Krüger.

Aber niemand nannte ihn Georg.

Für alle war er Schorsch.

Er war 62, hatte fast vierzig Jahre als Kfz-Mechaniker und später als Werkstattleiter gearbeitet.

Seine Frau sagte manchmal, er könne an einem Motor hören, welches Teil kaputt war, aber nicht merken, wenn sie seit einer Stunde traurig neben ihm saß.

Früher hatte Schorsch darüber gelacht.

Seit vier Jahren lachte er darüber nicht mehr.

Denn vor vier Jahren war sein Sohn Markus gestorben.

Markus war zehn Jahre alt gewesen.

Auch er hatte Krebs gehabt.

Als Tim gerade das zweite Motorradmodell auf seiner Bettdecke untersuchte, zog Schorsch eine sorgfältig gefaltete kleine Jacke aus einer Stofftasche.

Es war eine dunkelblaue Kinderwerkstattjacke.

Über der Brusttasche war ein kleines Stück Stoff aufgenäht.

Darauf stand mit etwas schiefen Buchstaben:

Werkstattchef.

Tim sah neugierig auf.

„Für wen ist die?“

Schorsch hielt die Jacke einen Moment lang fest.

„Die hat früher meinem Jungen gehört.“

„War der auch Mechaniker?“

„Er wollte einer werden.“

„Wie alt war er?“

„Zehn.“

Tim strich mit zwei Fingern über den Aufnäher.

„So alt wie ich bald.“

Schorsch nickte.

„Ja.“

„Wo ist er jetzt?“

Die Frage traf ihn unerwartet.

Er hatte damit gerechnet, dass Tim nach dem Stoff fragen würde. Oder nach dem kleinen Schlüsselanhänger an der Tasche.

Aber nicht danach.

Schorsch setzte sich langsam auf den Stuhl.

„Mein Markus ist vor vier Jahren gestorben.“

Tim wurde still.

„Auch krank?“

„Ja.“

„Auch Krebs?“

Schorsch nickte erneut.

Einen Augenblick lang war nur das leise Geräusch eines medizinischen Geräts zu hören.

Dann fragte Tim:

„Hat er Angst gehabt?“

Schorsch betrachtete seine groben Hände.

„Manchmal sehr.“

„Ich auch.“

„Das glaube ich dir.“

Tim sah auf die kleine Jacke.

„Und warum hast du die mitgebracht?“

Schorsch atmete tief ein.

„Markus hat sie von meiner Frau bekommen. Er hat sie immer angezogen, wenn er bei mir in der Werkstatt war.“

Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Er hat dann so getan, als wäre er mein Chef. Hat mir gesagt, wo ich die Schrauben hinlegen soll. Und wenn ich etwas falsch gemacht habe, musste ich einen Euro in eine alte Kaffeedose werfen.“

Tim grinste.

„War bestimmt viel Geld drin.“

„Du glaubst gar nicht, wie viel.“

Dann wurde Schorsch wieder ernst.

„Kurz bevor er gestorben ist, hat er mich gebeten, die Jacke irgendwann einem anderen Jungen zu geben.“

„Warum?“

„Er hat gesagt, dass es bestimmt noch einen gibt, der gern in einer Werkstatt wäre, aber gerade nicht hinkann.“

Tim sah ihn lange an.

„Und jetzt gibst du sie mir?“

Schorsch schluckte.

„Wenn du möchtest.“

Tim nahm die Jacke vorsichtig entgegen.

Sie war für ihn etwas zu groß.

Anna half ihm, sie über sein dünnes Schlafanzugoberteil zu ziehen.

Tim schaute an sich herunter.

Dann strich er den Aufnäher glatt.

„Schorsch?“

„Ja?“

„Darf ich dann auch dein Chef sein?“

Zum ersten Mal in dieser Nacht lachte der alte Mechaniker.

Ein tiefes, heiseres Lachen.

„Junge, ich glaube, das bist du schon.“

Wenig später erschien der diensthabende Arzt auf der Station.

Dr. Seidel war Anfang dreißig und hatte gerade eine anstrengende Nachtschicht hinter sich.

Er sah die fremden Männer, die Kisten und die ungewöhnliche Betriebsamkeit.

„Was ist hier los?“

Marlene trat ihm entgegen.

„Wir haben überraschenden Besuch.“

„Das sehe ich.“

Er blickte ins Zimmer.

„Sie wissen, wie niedrig Tims Abwehrwerte sind.“

„Ja.“

„Dann wissen Sie auch, warum wir die Kontakte streng begrenzen.“

„Natürlich.“

„Diese Besucher müssen die Station verlassen.“

Marlene antwortete nicht sofort.

Früher hätte sie ihm ohne Widerspruch zugestimmt.

Sie hatte ihr Berufsleben damit verbracht, Ordnung aufrechtzuerhalten.

Medikamente mussten stimmen.

Abläufe mussten funktionieren.

Hygieneregeln mussten eingehalten werden.

Und das war richtig so.

Doch jetzt sah sie Tim auf seinem Bett sitzen.

In einer viel zu großen Jacke.

Mit einem Lächeln, das er seit Wochen verloren zu haben schien.

„Herr Doktor“, sagte sie ruhig, „ich möchte nicht, dass wir die Schutzmaßnahmen aufweichen.“

Dr. Seidel nickte.

„Gut.“

„Aber vielleicht finden wir einen Weg, diesen Besuch unter sicheren Bedingungen kurz fortzusetzen.“

Er schaute sie überrascht an.

„Um diese Uhrzeit?“

„Gerade um diese Uhrzeit.“

Marlene erklärte ihm, wie schlecht es Tim zuletzt psychisch gegangen war.

Dass er kaum noch sprach.

Dass er seine Spielsachen nicht mehr beachtete.

Dass er oft wach lag, während die anderen schliefen.

Und dass er nun seit einer halben Stunde wieder Fragen stellte.

Dr. Seidel sah noch einmal durch die Tür.

Tim zeigte Schorsch gerade, wie man einen kleinen Schraubenschlüssel richtig hielt.

„Nicht so. Du musst weiter hinten anfassen.“

Schorsch tat, was Tim sagte.

„Jawohl, Chef.“

Der Arzt musste unwillkürlich lächeln.

Dann wurde er wieder ernst.

„Wir machen es folgendermaßen“, sagte er. „Maximal zwei Besucher im Zimmer. Schutzmaßnahmen wie vorgegeben. Keine gemeinsamen Treffen der Kinder. Und nach zwanzig Minuten ist für heute Schluss.“

Marlene nickte.

„Einverstanden.“

„Die übrigen Männer warten außerhalb der Station.“

„Ja.“

Dr. Seidel zeigte auf die Kisten.

„Und das Spielzeug muss vorher geprüft und gereinigt werden können.“

„Selbstverständlich.“

Als er weiterging, blieb Marlene noch einen Moment stehen.

Sie wusste, dass sie am nächsten Morgen trotzdem erklären musste, warum diese Situation überhaupt entstanden war.

Aber sie war froh, dass niemand Tim einfach das Motorrad aus der Hand genommen hatte.

Die vierzehn anderen Männer erfuhren unten am Nachteingang, dass sie nicht mehr gemeinsam auf die Station durften.

Keiner machte Ärger.

Ein früherer Fernfahrer namens Heinz hob nur seinen Karton hoch.

„Was machen wir mit den ganzen Sachen?“

„Die bleiben erst mal bei uns“, sagte Schorsch, der kurz zu ihnen heruntergekommen war. „Wir klären, was wir davon übergeben dürfen.“

„Und der Junge?“

Schorsch sah auf die kleine Stofftasche in seiner Hand.

„Hat gelacht.“

Heinz nickte langsam.

„Na, dann hat sich die Fahrt doch gelohnt.“

Ein anderer Mann holte sein Telefon heraus.

„Können wir wenigstens ein Gruppenfoto machen? Ohne den Jungen. Nur damit er sieht, wer alles gekommen ist.“

Schorsch überlegte.

„Machen wir.“

Wenig später hielten fünfzehn Männer vor dem Nachteingang ihre kleinen Spielzeuge hoch.

Einige sahen verlegen aus.

Andere grinsten.

Heinz hielt ausgerechnet einen rosa Teddybären in die Kamera.

„Der ist von meiner Enkelin“, erklärte er. „Sie hat gesagt, ein Junge mit Krebs braucht auch was zum Kuscheln.“

Als Anna Tim das Foto auf ihrem Diensttablet zeigte, musste er lachen.

„Der mit dem Teddy sieht aus wie mein alter Sportlehrer.“

„Das sag ich ihm lieber nicht“, meinte Schorsch.

„Doch!“

Und dann wollte Tim jeden einzelnen Namen wissen.

Schorsch stellte ihm die Männer vor.

Heinz, der früher Fernfahrer gewesen war.

Rüdiger, der als Schweißer gearbeitet hatte.

Paul, der kleine Holzautos baute.

Willi, der nach seiner Rente angefangen hatte, Stofftiere zu reparieren, weil seine Enkelin keine kaputten Kuscheltiere wegwerfen wollte.

Und Herbert, der bei jeder gemeinsamen Arbeit zuerst die Kaffeepause verlangte.

„Der ist bestimmt faul“, bemerkte Tim.

Schorsch schüttelte den Kopf.

„Nein. Der ist Elektriker. Die brauchen immer erst Kaffee, bevor sie etwas anfassen.“

Tim lachte wieder.

Und selbst Marlene konnte diesmal ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Kurz nach vier Uhr mussten die Männer gehen.

Tim wurde plötzlich still.

Er hielt Schorsch am Ärmel fest.

„Kommt ihr wieder?“

Schorsch sah ihn an.

„Natürlich.“

„Wann?“

„Wenn das Krankenhaus es erlaubt, nächste Woche.“

„Versprochen?“

Der alte Mechaniker streckte seine Hand aus.

Sie war groß, rau und voller kleiner Narben.

„Bei uns in der Werkstatt gilt ein Versprechen noch etwas.“

Tim legte seine kleine Hand hinein.

„Dann verspreche ich auch was.“

„Und was?“

„Dass ich bis nächste Woche lerne, wie ein richtiger Motor funktioniert.“

Schorsch grinste.

„Abgemacht.“

Als er aufstand, hielt Tim ihn noch einmal zurück.

„Schorsch?“

„Ja?“

„Darf ich die Jacke wirklich behalten?“

Der Mann blickte auf den kleinen Aufnäher.

Es kostete ihn sichtbar Mühe zu antworten.

„Die gehört jetzt dir.“

Tim zog sie enger um seinen Körper.

„Dann pass ich gut drauf auf.“

Schorsch nickte.

Mehr brachte er nicht heraus.

Marlene begleitete ihn zum Aufzug.

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander.

Erst vor der Aufzugtür blieb sie stehen.

„Herr Krüger?“

„Schorsch reicht.“

„Warum machen Sie das?“

Er verstand sofort, was sie meinte.

„Wegen Markus.“

Marlene wartete.

„Nach seinem Tod habe ich fast ein Jahr lang meine Werkstatt nicht betreten“, erzählte er.

„Ich konnte den Geruch von Öl nicht ertragen. Ich konnte keine Werkzeuge anfassen. Überall lagen Sachen, die er zuletzt benutzt hatte.“

Er sah auf seine Hände.

„Meine Frau hat irgendwann gesagt, dass ich zwar noch bei ihr am Küchentisch sitze, aber eigentlich gar nicht mehr da bin.“

Marlene hörte aufmerksam zu.

„Dann stand eines Tages Heinz vor meiner Tür. Mit einem kaputten Kinderfahrrad.“

„Und?“

„Er sagte, ich solle das verdammte Ding reparieren, weil er es selbst nicht hinkriegt.“

Schorsch lächelte schwach.

„Ich war wütend auf ihn. Richtig wütend.“

„Warum?“

„Weil er so getan hat, als wäre alles normal.“

Er schwieg einen Moment.

„Aber ich habe das Fahrrad repariert. Und am nächsten Tag brachte er noch eins.“

Marlene sagte nichts.

„Irgendwann kamen die anderen dazu. Einer hatte Holzreste. Einer konnte nähen. Einer kannte Familien, die sich neues Spielzeug kaum leisten konnten.“

Er hob die Schultern.

„So hat es angefangen.“

Der Aufzug kam.

Schorsch trat hinein.

Dann drehte er sich noch einmal um.

„Wissen Sie, Frau Vogt, ich kann keinen Krebs reparieren.“

Seine Stimme war plötzlich ganz leise.

„Aber ein Spielzeugmotorrad schon. Und wenn ein Junge deswegen mal wieder lacht, dann ist das vielleicht auch nicht ganz umsonst.“

Die Türen schlossen sich.

Marlene blieb noch lange davor stehen.

Als sie zurück zu Tim kam, war er noch wach.

Das kleine Motorrad stand auf seinem Nachttisch.

Die blaue Werkstattjacke lag ordentlich über seiner Bettdecke.

„Marlene?“

„Ja?“

„Kann ich dich was fragen?“

Sie setzte sich zu ihm.

„Immer.“

Tim drehte das Motorrad zwischen seinen Fingern.

„Muss ich auch sterben wie Markus?“

Marlene spürte, wie ihr die Kehle eng wurde.

Sie hatte diese Frage schon oft gehört.

Von Kindern, die eigentlich fragen sollten, ob sie morgen länger aufbleiben durften.

Von Kindern, die ihre Schulfreunde vermissten.

Von Kindern, die nicht verstanden, warum Erwachsene so oft plötzlich still wurden.

„Das kann ich dir nicht versprechen oder vorhersagen, Tim“, antwortete sie schließlich.

„Die Ärzte tun alles, damit du wieder gesund werden kannst. Aber ich weiß, dass du sehr krank bist.“

Tim nickte langsam.

„Schorsch hat gesagt, Markus hatte auch Angst.“

„Ja.“

„Dann bin ich nicht feige, oder?“

„Nein, mein Schatz.“

Sie nahm vorsichtig seine Hand.

„Angst zu haben bedeutet nicht, feige zu sein.“

Tim dachte nach.

Dann fragte er:

„Wenn ich sterbe, kommt Schorsch dann trotzdem?“

Marlene verstand zunächst nicht.

„Wohin?“

„Zu meiner Beerdigung.“

Sie schluckte.

„Warum fragst du das?“

Tim sah auf seine Jacke.

„Weil ich nicht möchte, dass da gar keiner ist.“

Marlene musste den Blick senken.

Sie hatte sich jahrelang beigebracht, im Dienst die Fassung zu bewahren.

Aber in diesem Augenblick schaffte sie es nicht.

Eine Träne fiel auf ihre Hand.

Tim bemerkte es.

„Du musst nicht weinen“, sagte er leise.

Marlene schüttelte den Kopf.

„Ich weiß.“

„Ich glaube, Schorsch würde kommen.“

„Ja“, flüsterte sie.

„Das glaube ich auch.“

Am nächsten Morgen wurde Marlene zur Krankenhausleitung gerufen.

Anna musste ebenfalls erscheinen.

Der ärztliche Leiter saß hinter seinem Schreibtisch und sah alles andere als erfreut aus.

„Fünfzehn nicht angemeldete Besucher mitten in der Nacht“, begann er.

Marlene nickte.

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