538 Tage war mein geliebter Kater verschwunden bis ein fremder Anruf alles veränderte

In den ersten Tagen ging ich morgens vor der Arbeit und abends nach dem Essen suchen.

Ich nahm seine Leckerli mit und schüttelte die kleine Dose.

Dieses Geräusch hatte ihn zu Hause immer sofort angelockt.

Jetzt hörte ich nur das Klappern der Leckerli und meine eigene Stimme.

Nach zwei Wochen meldete sich eine Frau aus der Nachbarschaft.

Sie glaubte, einen roten Kater beim alten Bahndamm gesehen zu haben.

Ich fuhr sofort hin.

Fast zwei Stunden suchte ich die Gegend ab.

Schließlich entdeckte ich tatsächlich einen roten Kater.

Mein Herz begann zu rasen.

Doch als er sich umdrehte, sah ich, dass es nicht Fiete war.

Ich setzte mich ins Auto und weinte.

Solche Momente gab es immer wieder.

Mal hatte jemand einen Kater am Supermarkt gesehen.

Mal wurde ein Tier in einem Nachbarort gefunden.

Jedes Mal hoffte ich.

Und jedes Mal kam ich ohne Fiete zurück.

Die Menschen meinten es gut.

„Katzen sind doch selbstständig“, sagte ein Kollege.

„Vielleicht hat ihn jemand aufgenommen“, vermutete meine Nachbarin.

Meine Schwester sagte irgendwann vorsichtig: „Du musst vielleicht auch damit rechnen, dass er nicht mehr lebt.“

Ich wusste, dass sie recht haben könnte.

Aber ich wollte es nicht hören.

Denn nachts lag ich noch immer auf derselben Seite meines Bettes.

Die andere Seite blieb frei.

Dort hatte Fiete immer geschlafen.

Manchmal wachte ich auf und glaubte, sein Gewicht auf der Decke zu spüren.

Dann streckte ich die Hand aus.

Und griff ins Leere.

Der Herbst kam.

Dann der Winter.

An besonders kalten Tagen stand ich am Fenster und schaute auf die Straße.

Ich fragte mich, wo mein kleiner Kater jetzt war.

Ob er irgendwo einen warmen Platz gefunden hatte.

Ob jemand ihm Futter gab.

Oder ob er allein unter einem Auto saß und nicht wusste, wie er nach Hause kommen sollte.

Dieser Gedanke machte mich beinahe verrückt.

Meine Tochter wollte mir helfen.

„Mama, wir könnten doch irgendwann wieder eine Katze aufnehmen.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

Sie drängte mich nicht.

Fietes Futterschüssel stand weiterhin in der Küche.

Sein kleines Stoffmäuschen lag unter dem Wohnzimmertisch.

Und an meinem Kühlschrank hing das Foto, das ich für die Suchzettel verwendet hatte.

Mit der Zeit wurden die Zettel draußen entfernt.

Andere Aushänge kamen darüber.

Die Menschen hörten auf, nach Fiete zu fragen.

Mein Alltag ging weiter.

Ich arbeitete, kaufte ein, besuchte meine Enkel und erledigte den Haushalt.

Aber wenn ich abends meine Haustür aufschloss, wartete ich immer noch auf das Geräusch seiner kleinen Pfoten.

Irgendwann erzählte ich kaum noch jemandem, dass ich weiter hoffte.

Ich wollte nicht hören, dass ich endlich loslassen müsse.

Vielleicht war ich stur.

Vielleicht war ich auch einfach noch nicht bereit, ihn aufzugeben.

Am schlimmsten war ein Gedanke, den ich niemandem sagte.

Ich hatte keine Angst davor, dass Fiete mich vergessen hatte.

Ich hatte Angst davor, dass er irgendwo auf mich gewartet hatte.

Dass er Hunger gehabt hatte.

Dass er Hilfe gebraucht hatte.

Und dass ich nicht da gewesen war.

Als genau 538 Tage seit seinem Verschwinden vergangen waren, klingelte mein Telefon.

Es war ein Dienstag.

Ich hatte gerade Wäsche zusammengelegt und dachte darüber nach, was ich zum Abendessen machen sollte.

Auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer.

Normalerweise ging ich bei solchen Anrufen nicht sofort ran.

Diesmal schon.

„Neumann?“

„Guten Tag. Mein Name ist Rolf Hartmann. Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Nein. Worum geht es denn?“

„Ich habe gestern einen Kater gefunden. Einen roten. Und heute haben wir herausgefunden, dass er möglicherweise Ihnen gehört.“

Ich hielt das Handtuch fest.

„Wie bitte?“

Herr Hartmann erklärte, dass er in einer kleinen Autowerkstatt am Rand eines Gewerbegebiets arbeitete.

Seit einigen Tagen hatte er hinter der Werkstatt einen mageren roten Kater bemerkt.

Das Tier hielt sich zwischen abgestellten Fahrzeugen und einem alten Holzschuppen auf.

„Er war sehr vorsichtig“, erzählte er. „Sobald jemand näherkam, ist er verschwunden.“

Herr Hartmann hatte ihm Wasser und Futter hingestellt.

Am nächsten Tag kam der Kater wieder.

Und am übernächsten auch.

Schließlich setzte sich Herr Hartmann ein Stück entfernt auf einen Hocker und wartete geduldig.

„Irgendwann kam er tatsächlich zu mir“, sagte er. „Er war völlig abgemagert und humpelte etwas.“

Was Herrn Hartmann besonders auffiel, war das Halsband.

Es war alt, ausgebleicht und an einigen Stellen beschädigt.

Aber es saß noch immer am Hals des Katers.

„Da dachte ich, dass ihn bestimmt jemand vermisst.“

Er brachte das Tier ins örtliche Tierheim.

Dort wurde der Mikrochip ausgelesen.

Und auf einmal stand mein Name im Computer.

Meine Anschrift.

Meine Telefonnummer.

Nach all diesen Monaten waren die Daten noch aktuell.

„Könnte das Ihr Kater sein?“, fragte Herr Hartmann.

Ich brachte kaum ein Wort heraus.

„Ich weiß es nicht. Aber ich komme sofort.“

Die Fahrt dauerte ungefähr 25 Minuten.

Ich erinnere mich kaum daran.

An einer roten Ampel bemerkte ich, dass meine Hände zitterten.

Ich musste das Lenkrad fester greifen.

Immer wieder sagte ich mir, dass ich ruhig bleiben musste.

Vielleicht gab es eine Verwechslung.

Vielleicht gehörte der Kater früher jemand anderem.

Vielleicht hatte jemand die Chipnummer falsch zugeordnet.

Ich wollte mich nicht zu früh freuen.

Nicht noch einmal.

Als ich das Tierheim erreichte, wartete eine Mitarbeiterin an der Anmeldung.

Sie hieß Simone.

„Sie sind wegen des roten Katers hier?“

Ich nickte.

„Wir haben ihn vorhin vom Tierarzt zurückbekommen. Er ist erschöpft und braucht erst einmal Ruhe. Aber er ist ansprechbar.“

„Kann ich ihn sehen?“

Simone lächelte vorsichtig.

„Natürlich.“

Sie führte mich durch einen Flur zu einem kleinen Raum.

Dort stand eine Transportbox auf dem Boden.

Ich blieb in der Tür stehen.

Durch das Gitter sah ich einen roten Kater.

Er war größer, als ich Fiete in Erinnerung hatte.

Aber furchtbar dünn.

Sein Fell war stumpf und an einigen Stellen fehlten Haare. An seiner Schulter war eine alte Narbe zu erkennen.

Als Simone die Box öffnete, kam er langsam heraus.

Er setzte eine Pfote vorsichtig auf den Boden.

Dann schaute er sich um.

Ich hielt die Luft an.

Es konnte Fiete sein.

Es musste Fiete sein.

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