Aber was, wenn er mich nicht mehr erkannte?
Was, wenn all die Zeit etwas zwischen uns verändert hatte?
Ich ging langsam in die Hocke.
Meine Knie taten weh, aber das war mir völlig egal.
„Fiete?“
Der Kater hielt inne.
Sein Kopf drehte sich in meine Richtung.
Ich schluckte.
„Fiete, mein Junge. Komm mal her.“
Einen Augenblick lang geschah nichts.
Dann hob er den Kopf ein kleines Stück höher.
Und miaute.
Es war ein raues, heiseres Geräusch.
Kein schönes, helles Miauen wie früher.
Aber ich kannte es.
Ich hätte dieses Geräusch unter hundert anderen erkannt.
„Ach, Fiete“, flüsterte ich.
Da kam er auf mich zu.
Er humpelte ein wenig, aber er wurde schneller.
Als er bei mir war, stellte er die Vorderpfoten auf meine Knie und versuchte, an mir hochzuklettern.
Ich nahm ihn sofort in die Arme.
Er drückte seinen Kopf unter mein Kinn.
Genau wie früher.
Dann begann er zu schnurren.
Leise zuerst.
Und danach so kräftig, dass ich es an meiner Brust spüren konnte.
Ich sank auf den Boden und hielt ihn fest.
„Du bist es wirklich“, sagte ich immer wieder. „Mein kleiner Fiete. Du bist wieder da.“
Ich weinte.
Nicht schön oder leise.
Ich weinte so sehr, dass Simone mir schließlich ein Päckchen Taschentücher brachte.
Fiete blieb in meinen Armen.
Er versuchte nicht wegzulaufen.
Er schaute sich nicht einmal mehr im Raum um.
Stattdessen drückte er sein Gesicht an meinen Hals und schnurrte weiter.
Simone setzte sich auf einen Stuhl neben uns.
„Ich glaube“, sagte sie leise, „die beiden haben sich wirklich vermisst.“
Ich musste gleichzeitig lachen und weinen.
Der Tierarzt hatte Fiete bereits untersucht.
Er war untergewichtig, hatte ältere verheilte Verletzungen und brauchte wegen seines Beins noch weitere Betreuung.
Aber es gab Hoffnung, dass er sich gut erholen würde.
Wo er die 538 Tage verbracht hatte, konnte niemand sagen.
Vielleicht hatte ihn jemand zeitweise gefüttert.
Vielleicht war er von Garten zu Garten gezogen.
Vielleicht hatte er irgendwo Unterschlupf gefunden.
Wir würden es wohl nie erfahren.
Ich fragte Simone, ob Katzen sich nach so langer Zeit tatsächlich noch an Menschen erinnern könnten.
Sie schaute zu Fiete, der inzwischen seine Vorderpfoten auf meinen Arm gelegt hatte.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, woran er sich alles erinnert“, antwortete sie. „Aber bei Ihnen fühlt er sich offenbar sicher.“
Bevor ich ging, bedankte ich mich bei Herrn Hartmann am Telefon.
Er klang fast verlegen.
„Ach, ich habe doch nur getan, was man machen sollte.“
„Nein“, sagte ich. „Sie haben mir meinen Fiete zurückgebracht.“
Er schwieg kurz.
Dann antwortete er: „Dann hat sich das Warten hinter der Werkstatt ja gelohnt.“
Zu Hause stellte ich die Transportbox im Wohnzimmer ab.
Fiete kam langsam heraus.
Er schnupperte am Teppich.
Am Tischbein.
Am alten Sessel meines Mannes.
Dann ging er in die Küche.
Dort stand noch immer seine Futterschüssel.
Ich hatte sie all die Zeit behalten.
Natürlich wusste ich nicht, ob er sie wiedererkannte.
Aber er blieb davor stehen, schaute kurz zu mir und miaute.
„Ja, mein Junge“, sagte ich. „Du bekommst gleich etwas.“
Er erhielt zunächst eine kleine Portion von dem Futter, das man mir für seine Erholung empfohlen hatte.
Danach ging er zum Sofa.
Er sprang nicht hinauf. Dafür war er noch zu schwach.
Also hob ich ihn vorsichtig hoch.
Er drehte sich zweimal auf der Decke und legte sich neben mich.
Als wäre er nur einen Nachmittag weg gewesen.
In dieser Nacht ließ ich die Schlafzimmertür offen.
Fiete bekam einen weichen Schlafplatz neben meinem Bett.
Am nächsten Morgen lag er immer noch dort.
Ich stand auf, machte mir Kaffee und setzte mich auf die Bettkante.
Er öffnete die Augen und schaute mich an.
Dann streckte er eine Pfote nach meiner Hand aus.
Ich musste schon wieder weinen.
In den folgenden Wochen wurde er langsam kräftiger.
Er fraß besser, nahm zu und bekam wieder glänzendes Fell.
Sein Humpeln wurde mit der Zeit weniger.
Und eines Morgens fand ich ihn auf dem Küchentisch.
Er hatte sich neben meine Zeitung gesetzt und schaute mich an, als wäre nichts gewesen.
„Fiete! Runter da!“
Er blinzelte.
Ganz genauso wie früher.
Da musste ich lachen.
Inzwischen sind einige Monate vergangen.
Fiete schläft wieder neben mir auf dem Sofa.
Manchmal spielt er mit seinem alten Stoffmäuschen.
Und wenn ich abends nach Hause komme, höre ich seine Pfoten im Flur.
Dieses Geräusch ist für mich noch immer etwas Besonderes.
Ich weiß nicht, was mein kleiner Kater in den 538 Tagen erlebt hat.
Ich weiß nicht, ob er Angst hatte, wer ihm geholfen hat oder wie oft er versucht hat, einen sicheren Platz zu finden.
Manchmal wünschte ich, er könnte es mir erzählen.
Aber vielleicht muss ich auch gar nicht alles wissen.
Es reicht mir, dass er wieder da ist.
Neulich fragte mich meine Enkelin, warum ich die kleine Lampe neben der Haustür immer noch einschalte, obwohl Fiete längst zu Hause ist.
Ich erklärte ihr, dass ich das damals jede Nacht getan hatte.
Für den Fall, dass er zurückkam.
„Aber Oma“, sagte sie, „jetzt brauchst du das Licht doch nicht mehr.“
Ich schaute zu Fiete, der zusammengerollt auf dem Sofa lag.
„Das stimmt, mein Schatz.“
Trotzdem schaltete ich die Lampe an diesem Abend wieder ein.
Nicht mehr, weil ich auf jemanden wartete.
Sondern weil ich dankbar war, dass niemand mehr draußen bleiben musste.
Und manchmal, wenn Fiete nachts seinen Kopf an meine Hand drückt, denke ich an all die Menschen, die irgendwann die Hoffnung auf etwas verloren haben, das sie von Herzen lieben.
Ich kann niemandem versprechen, dass alles gut ausgeht.
Das Leben funktioniert leider nicht so.
Aber ich weiß heute, dass 538 Tage nicht ausgereicht haben, um aus meiner Stimme etwas Fremdes zu machen.
Fiete hatte mich nicht vergessen.
Und ich hatte ihn niemals aufgegeben.
Manche Liebe braucht eben einen sehr langen Weg, bis sie wieder nach Hause findet.






