Milliardär jagt Bettelkind im Schneesturm davon – Sekunden später erkennt er das Armband seines toten Sohnes
Kapitel 1: Der Elfenbeinturm und das Mädchen vor dem Tor
Die Villa der Familie Steinmann lag wie ein fremder Planet über dem kleinen bayerischen Städtchen Oberkron. Hinter hohen Mauern, mit Kameras an jeder Ecke und einem Tor, das sich nur für ausgewählte Menschen öffnete.
Drinnen herrschte eine Stille, die nicht friedlich war, sondern schwer und teuer. Es war die Art von Stille, die man sich nur mit sehr viel Geld und sehr viel Einsamkeit leisten konnte.
Draußen peitschte der Winterwind durch die Nacht. Ein Schneesturm zog über die Berge, feiner Schnee prasselte gegen die großen Fensterscheiben des Arbeitszimmers. Drinnen war es angenehm warm, die Heizung auf konstant zweiundzwanzig Grad eingestellt, die Luft trocken, der Teppich weich.
Arthur Steinmann saß in seinem hohen Ledersessel hinter einem massiven Schreibtisch aus dunklem Holz. Mit vierundsiebzig war sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Tiefe Falten um Augen und Mund, jede einzelne wie eine Narbe aus endlosen Verhandlungen, Kämpfen und Entscheidungen.
Arthur hatte sein Leben lang nur einem Glauben vertraut: Stärke ist alles. Schwäche ist gefährlich. Und Armut – davon war er überzeugt – ist eine Folge falscher Entscheidungen.
Er sah auf seine Uhr. Heiligabend. Für ihn war es vor allem der letzte Tag des vierten Quartals. Bilanzen, Zahlen, Verträge. Weihnachten war etwas, das für andere Leute existierte.
Im Haus bewegten sich Bedienstete wie Schemen. Niemand machte mehr Geräusch als unbedingt nötig. Sie kannten die Geschichten. Sie wussten von seinem Sohn Daniel, der vor zehn Jahren aus diesem Arbeitszimmer hinausgeworfen worden war, weil er „nur“ Musiker und Maler hatte werden wollen, statt das Familienunternehmen zu übernehmen. Seit diesem Tag hatte Arthur kein Wort mehr mit ihm gesprochen.
Die Gegensprechanlage knackte.
„Herr Steinmann?“ Die Stimme von Markus, dem Sicherheitschef, klang respektvoll und ein wenig angespannt. „Ihr Wagen für die Weihnachts-Gala wartet vor dem Haus.“
Arthur griff nach seinem Glas Whisky, zwölfunddreißig Jahre alt und lächerlich teuer, trank es in einem Zug leer und stellte das Glas mit einem dumpfen Laut ab.
Er hasste diese Gala. Reiche Leute in zu teuren Anzügen, die so taten, als ob ihnen das Schicksal der Armen am Herzen lag, während sie Champagner tranken, der mehr kostete als ein Monatseinkommen einer Verkäuferin. Aber Arthur ging hin – für die Steuer, für das Image. In seiner Welt war das Bild nach außen genauso wertvoll wie Geld auf dem Konto.
Er stand auf, zog seinen maßgeschneiderten Mantel an und ging die breite Treppe hinunter. Als die schwere Haustür aufschwang, schlug ihm die eisige Luft entgegen. Der Sturm schob Schneewolken durch die Einfahrt, der Schotterweg war schon halb zugeschneit. Sein schwarzer Wagen stand vor der Tür, Motor an, Licht an, als wäre er ein wartendes Tier.
Arthur setzte den Kragen hoch und stapfte über den Weg. Er sah nicht auf den Schnee, nicht auf die Lichterketten in den Bäumen. Er sah nur auf die Tür des Wagens, auf seine nächste Pflicht.
Doch der Weg war nicht frei.
Vor dem großen Tor stand jemand. Eine kleine Gestalt löste sich aus dem Schatten der Hecken.
Es war ein Kind. Ein Mädchen. Vielleicht acht Jahre alt, aber sie wirkte kleiner, weil sie zitterte wie ein Blatt im Wind. Ihre blonden Haare klebten nass an der Stirn, ihr Gesicht war blass, mit tiefen Schatten unter den Augen.
Sie trug eine viel zu dünne, ausgefranste Jeansjacke und Turnschuhe, die mit silbernem Klebeband zusammengehalten wurden. Der Schnee legte sich wie ein feines Tuch auf ihre Schultern.
Arthur blieb stehen. Er fühlte kein Mitleid. Er fühlte nur den Stich unterbrochener Routine, verletzter Ordnung.
Markus und zwei weitere Sicherheitsleute traten sofort vor, die Hände schon ausgestreckt, um das Mädchen vom Tor wegzudrängen.
„Zurück! Das ist Privatgrundstück!“ bellte Markus.
Das Mädchen zuckte kaum. Ihre Augen – ein klares, stechendes Blau – hefteten sich an Arthur. Sie machte einen Schritt nach vorn, schlüpfte an Markus’ Hand vorbei, als hätte sie keine andere Wahl.
„Herr…“, krächzte sie, ihre Stimme brüchig vor Kälte und Durst. Sie hob eine zitternde Hand. In ihrer schmutzigen Handfläche lag ein einziger Cent. Dunkel, korrodiert. „Ich… ich bin kein schlechter Mensch. Können Sie mir etwas zu essen geben? Ich… ich habe das zum Bezahlen.“
Arthur sah auf sie hinab. Er sah den Cent. Die Klebebänder an den Schuhen. Die viel zu dünne Jacke. In seiner Brust regte sich ein altbekannter, kalter Zorn – derselbe Zorn, den er spürte, wenn jemand „Hilfe“ sagte, wenn jemand von „Schicksal“ sprach statt von „Eigenverantwortung“.
„Du glaubst, die Welt schuldet dir etwas, nur weil du frierst?“ Seine Stimme war hart, schneidend, lauter als der Sturm. Die Männer um ihn herum erstarrten.
„Bitte…“, flüsterte das Mädchen. Ihre Zähne klapperten hörbar. „Nur ein Brot. Mein Papa hat gesagt…“
„Es ist mir egal, was dein Vater gesagt hat“, schnitt Arthur ihr das Wort ab. Ekel und Wut verzogen sein Gesicht. „Wenn er Charakter hätte, würde er arbeiten, statt sein Kind zum Betteln schicken. Sag ihm, er soll sich einen Job suchen. Ich füttere keine streunenden Tiere.“
In den Augen des Mädchens schossen Tränen hoch. Schnell, heiß, erschrocken. Sie verstand jedes Wort.
Arthur schlug mit einer ungeduldigen Bewegung nach ihrer ausgestreckten Hand, als würde er ein Insekt vertreiben.
Die Bewegung war kurz, aber brutal. Das Mädchen taumelte zurück, rutschte auf dem glatten Boden aus und fiel hart in den Schnee. Der Cent flog ihr aus der Hand, rollte über den Weg und verschwand im weißen Nichts.
„Schafft sie hier weg“, sagte Arthur. „Wenn sie wiederkommt, ruft die Polizei.“
„Ja, Herr Steinmann“, murmelte Markus, packte das Mädchen am Kragen der Jacke und zog sie hoch.
Arthur sah nicht mehr hin. Er stieg in den warmen Wagen, und als die Tür zufiel, waren Sturm und Schluchzen wie abgeschnitten.
„Fahren“, befahl er.
Der Wagen setzte sich in Bewegung, die Reifen knirschten über den Schnee. Arthur richtete die Manschetten seines Hemdes, ein selbstzufriedenes Gefühl in der Brust. Er hatte „Klartext“ gesprochen. Er hatte Grenzen gezogen. So hatte er es immer gemacht.
Er griff nach einer Wasserflasche im Halter. Als er das Glas zum Mund führte, wurde sein Blick von etwas Irritierendem gefangen.
An seinem linken Manschettenknopf hing etwas. Ein dünner Faden, rot und blau, wie billige Wolle.
Arthur runzelte die Stirn und zog den Faden näher heran. Ein abgerissenes, billiges Armband, offenbar bei der Berührung zerrissen, als er nach der Hand des Mädchens geschlagen hatte.
„Schmutz“, murmelte er.
Er wollte das Ding achtlos wegzupfen, da strich sein Daumen über etwas Hartes am Ende des Fadens.
Ein kleiner Anhänger.
Arthur hielt inne. Sein Herz machte einen schmerzhaften Sprung, der seine Brust eng werden ließ. Mit plötzlich zittrigen Fingern zog er den Anhänger näher an sein Gesicht.
Ein kleiner Bär. Grob gearbeitet, aus Silber, auf den Hinterpfoten stehend.
Die Luft wich aus seinen Lungen.
Vor über dreißig Jahren, als Daniel noch ein kleiner Junge gewesen war, hatte Arthur für ein paar Wochen einen Kurs in einer kleinen Goldschmiedewerkstatt besucht. Es war das einzige Hobby gewesen, das er sich je erlaubt hatte. Er hatte nur ein einziges Stück fertiggestellt: einen silbernen Bären für seinen Sohn. Unten in die Pfote hatte er die Anfangsbuchstaben eingraviert. D.S. – Daniel Steinmann.
Ein Geheimzeichen zwischen Vater und Sohn. Ein Versprechen, ihn immer zu beschützen. Damals, bevor Arthurs Herz hart geworden war.
Mit stockender Hand drehte er den Bären um.
Auf der abgenutzten Unterseite der Pfote sah er sie noch: die Buchstaben. D.S.
Ein heiserer Laut brach aus seiner Kehle. Kein Wort, eher ein Schrei, gedämpft und roh.
Diese Augen. Das Blau.
Es waren Daniels Augen gewesen.
„Stopp!“, schrie Arthur. „Anhalten!“
Der Fahrer zuckte zusammen und trat abrupt auf die Bremse. Der Wagen rutschte ein Stück, kam dann mitten auf der leeren Straße zum Stehen.
„Umdrehen!“, keuchte Arthur, während er schon nach der Tür griff. „Sofort umdrehen! Zurück zum Haus! Los!“
Der Fahrer wendete hastig. Arthur presste das billige Wollarmband mit dem Silberbären fest an seine Brust. Vor seinem inneren Auge sah er das Mädchen, wie sie im Schnee lag, wie er über ihre Beine hinweggetreten war.
Ich füttere keine streunenden Tiere.
Die Worte hallten in seinem Kopf nach, schwer wie Flüche. Er hatte gerade sein eigenes Blut, sein eigenes Enkelkind in den Sturm hinausjagen lassen.
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