Ich hielt die Luft an, als meine sterbende Frau mich um Nähe bat

Ich halte manchmal die Luft an, wenn ich meine Frau umarme. Nicht, weil mich die Liebe überwältigt. Sondern weil ich Angst habe, dass ich mich übergeben muss, wenn ich einatme.

Die Nachbarn stellen Töpfe mit Suppe vor die Tür und bringen Apfelkuchen, eingewickelt in Alufolie. Sie drücken mir die Hand und sagen leise: „Markus, du bist ein Mensch aus Gold.“

Die Pflegekräfte vom ambulanten Dienst legen mir kurz die Hand auf den Unterarm und murmeln: „Sie hat so ein Glück mit Ihnen.“ Ich nicke. Ich lächle. Ich spiele die Rolle, die alle von mir sehen wollen: der gute Ehemann, der zu seinem Versprechen steht.

Und hier ist das, was ich weder dem Pfarrer noch meinen Freunden noch meinen Kindern sagen kann: Die Frau meines Lebens löst in mir manchmal Ekel aus. Einen Ekel, der nicht aus meinem Kopf kommt, sondern aus dem Bauch. Aus dem Körper. Und ich hasse mich dafür, jeden einzelnen Tag.

Ich heiße Markus. Ich bin 58. Meine Frau heißt Sabine. Sie stirbt.

Wir wollten jetzt eigentlich unterwegs sein. Ein Wohnmobil hatten wir uns schon angeschaut, irgendwo am Rand von Hannover, und Sabine hat gelacht, als sie auf dem Beifahrersitz saß und so tat, als würde sie schon die Straße lesen.

„Skandinavien“, hat sie gesagt. „Und dann runter bis ans Meer, irgendwo, wo der Wind nach Salz riecht.“ Das war unser Bild vom Ruhestand. Nicht groß, nicht luxuriös. Nur wir zwei. Zeit.

Stattdessen ist unser Schlafzimmer zu einem Krankenzimmer geworden. Da steht dieses schwere Pflegebett, gemietet, mit Gittern und Motor. Wo früher unser Doppelbett stand, stehen jetzt Rollen, Kabel, ein Aufrichter. Auf dem Nachttisch liegen keine Bücher mehr, keine Brille, keine Handcreme.

Da steht jetzt eine kleine Ordnung aus Fläschchen, Tupfern, Handschuhen, Desinfektionsspray, Tücher, Spritzen. In einer Schublade habe ich Listen. Zeiten. Dosierungen. Namen von Medikamenten, die ich früher nicht mal aussprechen konnte.

Seit zwei Jahren frisst der Krebs sie auf. So sage ich es nicht zu ihr. Zu ihr sage ich: „Wir gehen Schritt für Schritt.“ Aber in mir drin ist es genau dieses Bild: etwas, das nimmt und nimmt und nicht satt wird.

Ich habe Dinge gelernt, die kein Mann in seinen Fünfzigern lernen möchte. Ich wechsle ihren Stomabeutel. Ich reinige Stellen an ihrem Rücken, die nicht mehr richtig heilen, egal wie vorsichtig ich bin. Ich wasche sie mit einem Waschlappen, weil sie nicht mehr sicher stehen kann. Ich zähle Atemzüge. Ich höre nachts auf jedes Geräusch, als wäre es ein Alarm.

Manchmal schaut Sabine mich an, wenn sie kurz klar ist, und in diesen Momenten ist sie so sehr sie selbst, dass es mir weh tut. Ihre Augen sind groß in dem Gesicht, das so schmal geworden ist. Früher hatte sie diese vollen Wangen und diese Art, mit dem Mundwinkel zu lächeln, wenn sie etwas wusste, was ich noch nicht wusste. Jetzt ist da viel Knochen, viel Schatten. Und trotzdem ist da Sabine.

„Du bist mein Halt“, flüstert sie dann. „Ohne dich wäre ich nicht mehr hier.“

Und ich sage: „Ich bin da. Immer.“ Weil es stimmt. Und weil ich will, dass es stimmt.

Was niemand erzählt: Sterben hat einen Geruch.

Im Fernsehen sieht das Sterben aus wie ein trauriger Abschied bei Kerzenlicht. Eine Decke, ein leises Lied, jemand streicht über Haare, und dann wird es still. In Wirklichkeit riecht es. Es riecht nicht nach einem bestimmten Ding, das man benennen kann. Es ist ein süßlicher, metallischer, schwerer Geruch, der irgendwo zwischen Schweiß, Medikamenten und etwas liegt, das man nicht wahrhaben will. Als würde der Körper selbst anfangen, sich zu verabschieden.

Ich putze, ich wische, ich lüfte. Ich wasche Bettwäsche, Handtücher, alles. Aber dieser Geruch setzt sich fest. In den Vorhängen. Im Teppich. In meinen Händen. Und das Schlimmste: manchmal habe ich das Gefühl, er sitzt in mir. Als hätte ich ihn eingeatmet und er würde nie wieder ganz rausgehen.

Ich dusche länger als früher. Ich schrubbe mir die Haut, bis sie brennt. Und trotzdem: Wenn ich aus dem Bad komme und die Tür zum Schlafzimmer aufmache, trifft es mich wieder wie eine Wand.

Sabine merkt das. Natürlich merkt sie es.

Trotz allem hat sie noch ein Herz. Sie hat noch Wünsche. Sie will nicht nur Patientin sein, nicht nur ein Körper, der versorgt werden muss. Sie will sich noch einmal wie eine Frau fühlen. Wie meine Frau.

Letzten Dienstagabend war es still im Haus. Die Heizung lief leise, draußen war es schon dunkel, und diese Art von Winterruhe lag über allem. Sabine lag halb auf der Seite, so gut es ging. Ihre Hand suchte meine, zitternd, aber bestimmt.

„Komm“, flüsterte sie. „Leg dich zu mir. Bitte. Nur kurz. Haut an Haut.“

Ich spürte ihre Finger auf meiner Brust. So leicht, dass es fast nicht mehr wie Berührung war. Ihre Haut war trocken, dünn, empfindlich. Und in ihren Augen war etwas, das mich gleichzeitig rührte und erschreckte: Hunger. Nicht nach Essen. Nach Nähe.

„Küss mich“, sagte sie. „So wie früher. Als wäre ich… als wäre ich noch deine Sabine.“

In diesem Moment hat mein Kopf geschrien: Das ist deine Frau. Die Liebe deines Lebens. Mach es. Halte sie. Sei zärtlich. Jetzt.

Aber mein Körper hat etwas anderes gemacht. Mein Magen hat sich zusammengezogen. Mein Hals wurde eng. Ich merkte, wie ich ganz automatisch flacher atmete. Und ich hasse mich dafür, dass ich das so ehrlich sagen kann: Ich hatte Angst vor dem Geruch. Vor dem, was mein Körper tun würde, wenn ich sie wirklich nah an mich ranlasse.

Ich sah nicht nur Sabine. Ich sah den Schlauch, die Pflaster, die Verfärbungen, die Müdigkeit in jeder Bewegung. Ich roch diesen schweren, süßlichen Geruch, der sich in den Stunden zwischen Medikamentengabe und Waschen immer wieder einschleicht. Und da war etwas in mir, etwas ganz Altes, das nicht „Liebe“ sagte, sondern: weg. Abstand. Luft.

Also habe ich gelogen.

Ich beugte mich vor, gab ihr einen schnellen Kuss auf die Stirn. Trocken. Sauber. Wie ein Vater. Und dann zog ich mich sofort zurück.

„Sabine“, sagte ich und zog ihr Kissen zurecht, viel zu beschäftigt mit einer Kleinigkeit, damit ich nicht da sein musste, wo sie mich wollte. „Ich kann nicht. Ich hab so Angst, dir weh zu tun. Deine Rippen… du bist so fragil. Ich will dich nicht drücken, nicht falsch anfassen. Du sollst es bequem haben.“

Ich benutzte ihre Zerbrechlichkeit als Ausrede für meinen Ekel.

Sabine sagte lange nichts. Sie schaute mich nur an. Und dann lief eine einzelne Träne über ihre Wange, ganz langsam, als hätte sie Zeit.

„Ich ekle dich an“, sagte sie leise.

„Nein“, sagte ich sofort, zu schnell. „Sabine, bitte—“

„Lüg mich nicht an“, unterbrach sie mich. Keine Wut. Kein Drama. Nur eine Müdigkeit, die tiefer war als Schmerz. „Ich sehe, wie du mich ansiehst. Du siehst mich nicht mehr an wie eine Frau. Du siehst mich an, als wäre ich… als wäre ich schon halb weg.“

Ich wollte sagen, dass es nicht stimmt. Ich schwor mir selbst, dass es nicht stimmt. Ich sagte die Sätze, die man sagt, wenn man etwas retten will: Dass sie schön ist. Dass ich sie liebe. Dass sie immer Sabine bleibt.

Und ich glaube, ein Teil von mir meinte es genauso.

Aber sie wusste es. Sie wusste es an meinem Abstand. An der Art, wie ich lüfte, wenn sie schläft. Wie ich mich manchmal wegdrehe, wenn ich den Beutel wechsle. Wie ich den Kuss auf die Stirn setze, statt die Lippen zu suchen. Sie wusste es, weil sie mich seit vierzig Jahren kennt. Man kann sich nicht verstecken vor jemandem, der einen so lange gesehen hat.

In ihren Augen ging etwas aus. Nicht das Leben. Etwas anderes. Etwas, das man schwerer zurückholen kann als Atem: Würde.

Und das ist der Punkt, an dem ich nachts im Bad sitze.

Wenn Sabine endlich eingeschlafen ist, wenn ihr Atem regelmäßiger wird und das Zimmer für ein paar Minuten nicht nach Angst klingt, schleiche ich ins Bad. Ich lasse das Wasser laufen, damit sie nichts hört.

Ich presse ein Handtuch gegen mein Gesicht, weil ich nicht will, dass meine Kinder – wenn sie am nächsten Morgen anrufen – meine Stimme hören und fragen: „Papa, was ist los?“

Und dann weine ich. Nicht leise. Nicht schön. Ich weine, als würde etwas in mir reißen.

Ich schaue in den Spiegel und flüstere: „Du Feigling. Was stimmt nicht mit dir? Küss sie. Sie ist deine Frau. Reiß dich zusammen.“

Aber dann gehe ich zurück ins Schlafzimmer, öffne die Tür, und dieser Geruch ist da. Und mein Körper macht wieder das, was er macht. Ich spüre, wie sich die Wand hochzieht. Als würde in mir jemand den Schalter umlegen: funktionieren. Abstand halten. Überleben.

Ich liebe Sabine mehr als alles, was ich jemals geliebt habe. Ich liebe ihren Humor, ihr Augenrollen, wenn ich wieder zu lange an irgendwas herumtüftle. Ich liebe die Art, wie sie früher beim Kochen Musik angemacht hat und durch die Küche getanzt ist. Ich liebe die vierzig Jahre mit ihr, die Kinder, die Feiertage, die ganz normalen Samstage im Garten.

Und trotzdem ist da diese grausame Wahrheit: Die Krankheit hat unseren Körpern etwas angetan, das auch unsere Nähe vergiftet. Sie hat aus etwas Vertrautem etwas gemacht, das mich manchmal erschreckt.

Ich lebe in der Angst, dass Sabine ihren letzten Atemzug macht mit dem Gedanken, dass ich sie nicht mehr will. Dass ich sie nicht mehr begehre. Dass ich sie nur noch pflege, wie man eine Pflicht erfüllt.

Und die Tragik ist: Ich will sie. Ich will sie als Mensch. Ich will sie als meine Sabine. Aber ich verliere mich in diesem Geruch, in dieser Endlichkeit, in dieser körperlichen Realität, die so hart ist, dass sie selbst die schönsten Erinnerungen kurz überdeckt.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte in die Vergangenheit springen, nur für einen Tag. Ich würde sie küssen, bis uns schwindelig wird. Ich würde ihre Haare riechen, ihr Parfum, dieses warme, sanfte Vanille-Ding, das immer in ihrem Schal hing. Ich würde ihre Hand nehmen, ohne darüber nachzudenken, ob sie dünner ist, kälter, brüchiger.

Und dann hasse ich mich dafür, dass ich mir das wünsche.

Denn ich will nicht, dass sie weg ist. Ich will nicht, dass es endet. Ich will nur, dass ich wieder atmen kann, wenn ich sie halte. Dass ich sie küssen kann, ohne dass mein Körper rebelliert. Dass ich ihr – wenigstens einmal – das Gefühl geben kann, dass sie noch immer meine Frau ist und nicht nur ein Abschied, der Tag für Tag größer wird.

Ich heiße Markus. Für die anderen bin ich der „starke“ Mann, der alles trägt. In Wahrheit zähle ich die Tage nicht, weil ich sie loswerden will. Ich zähle sie, weil ich Angst habe, dass ich erst dann wieder frei lieben kann – wenn es vorbei ist.

Wenn ich die Augen schließe und sie gesund sehe. Sauber. Lebendig. Und ich sie endlich in Erinnerung umarmen kann, ohne die Luft anzuhalten.

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