Jeden Samstag sitze ich vor der JVA, und warte auf Kinder, die niemand sieht.
Ich heiße Hannelore, 76 Jahre alt. Wenn andere am Samstag ausschlafen oder Brötchen holen, trage ich meine Kühltasche zur Justizvollzugsanstalt am Stadtrand. Von acht bis zwölf. Besuchszeit.
Ich besuche niemanden. Ich sitze da.
In der Tasche sind Apfelschorle, Wasser, Müsliriegel, ein paar Kekse. Im Beutel: Buntstifte, Malblöcke, Seifenblasen, ein Kartenspiel. Kleinigkeiten, die hier draußen groß werden.
Angefangen hat es vor fünf Jahren.
Ich fuhr wie immer an dem grauen Gebäude vorbei, als ich am Rand des Parkplatzes eine junge Frau sah: Baby auf dem Arm, Wickeltasche, und neben ihr ein kleiner Junge, vielleicht vier. Er saß auf dem Bordstein und weinte so heftig, dass sein ganzer Körper bebte.
Die Mutter beugte sich zu ihm. „Komm, Schatz. Wir gehen nur kurz rein.“ Man hörte ihr an, wie viel sie schon getragen hatte.
Der Junge schüttelte den Kopf. „Ich hab Angst“, schluchzte er. „Ich will da nicht rein. Da ist Papa hinter Glas.“
Dieser Satz zog mir das Herz zusammen. Nicht wegen des Vaters. Wegen des Kindes.
Ich parkte. Ging langsam rüber, ohne mich aufzudrängen.
„Hallo“, sagte ich leise. „Du musst nicht rein, wenn du dich nicht traust.“
Der Junge sah mich an, als würde er prüfen, ob ich es ernst meine. Die Mutter sah mich an, als müsste sie in Sekunden entscheiden, ob ich ein Risiko bin. Ich verstand das.
„Ich heiße Hannelore“, sagte ich. „Ich bin eine Oma. Wenn Sie möchten, sitze ich hier mit ihm auf der Bank. Genau hier. Sie können uns von drinnen aus sehen. Wir zählen Autos oder malen. Und wenn Sie rauskommen, sind wir noch da.“
Sie zögerte. Dann nickte sie. „Dreißig Minuten“, sagte sie. „Ich winke.“
Und so saßen wir da.
Wir zählten rote Autos. Ich fand zwei Kekse in meiner Manteltasche. Er nahm einen, als wäre es ein Versprechen. Nach zehn Minuten atmete er wieder ruhiger. Nach zwanzig fragte er, ob wir auch blaue Autos zählen dürfen.
Als seine Mutter zurückkam, war sein Gesicht noch nass, aber die Panik war weg.
Sie nahm ihn in den Arm, dann sah sie mich an. „Danke“, sagte sie. „Ich kann niemanden bezahlen, der auf ihn aufpasst. Und ich darf den Besuch nicht verpassen.“
Am nächsten Samstag kam ich wieder. Nicht aus Heldentum. Sondern weil ich wusste: Dieser Parkplatz ist voller kleiner Menschen, die eigentlich Schutz brauchen.
Die junge Mutter war wieder da. Und neben ihr stand eine ältere Frau mit zwei Zwillingen, die sich an den Kapuzen zogen. Erschöpft. Überfordert. Ich zeigte auf die Bank.
„Wenn Sie möchten“, sagte ich, „können die Kleinen bei mir sitzen, solange Sie drin sind. Ich bleibe hier.“
Die Frau schaute mich an, und in ihrem Gesicht passierte etwas wie Erleichterung. „Bitte“, sagte sie.
Von da an ging es leise weiter. Eine erzählt es der nächsten. Eine winkt mir zu. Eine setzt sich kurz neben mich, bevor sie durch die Kontrolle geht, als müsste sie erst Mut sammeln.
Heute sind es samstags manchmal fünf Kinder, manchmal fünfzehn. Manche kommen schüchtern. Manche rennen schon auf mich zu und rufen meinen Namen, als wären wir verwandt. Die Erwachsenen kennen mich inzwischen. Einige drücken mir die Hand fest, andere nicken nur schnell, weil ihnen die Tränen peinlich sind.
Ich habe mir eine Regel gegeben: Ich bleibe immer auf dieser Bank, dort, wo alle mich sehen und wo die Leute am Eingang mich kennen. Keine Heimlichkeiten, kein „ich bin gleich wieder da“. Draußen soll es sicher sein.
Einmal malte ein Mädchen eine Sonne über einen hohen Zaun und schrieb darunter: „Für Papa“. Sie faltete das Blatt sorgfältig und flüsterte: „Kannst du’s halten, bis Mama rauskommt?“ Ich hielt es, als wäre es aus Glas.
Ich bin keine Fachkraft. Ich bin einfach eine Frau mit Zeit und einem Platz auf einer Bank.
Wir machen einfache Dinge: „Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Seifenblasen im Wind. Malen – Herzen, Hunde, Fußball, Regenbögen. Manchmal lesen wir. Manchmal sitzen wir nur da und schauen, wie Erwachsene warten, schweigen, wieder warten.
Und manchmal kommen Fragen, die kein Kind stellen sollte.
„Warum darf ich Papa nicht umarmen?“
„Warum ist Mama hier und nicht zu Hause?“
„Hab ich was falsch gemacht?“
Dann sage ich nicht viel. Ich sage nur: „Du hast nichts falsch gemacht.“ Und ich bleibe sitzen. Denn oft ist das Wichtigste nicht die perfekte Antwort, sondern dass jemand bleibt.
Eine Mutter sagte einmal mit zitternder Stimme: „Mein Sohn hat früher die ganze Fahrt hierher geschrien. Jetzt fragt er am Freitagabend: ‚Ist Hannelore morgen da?‘ Sie machen das erträglich.“
Ich mache mir keine Illusionen. Ich kann nichts rückgängig machen. Ich kann niemanden nach Hause holen. Ich kann keine Angst ungeschehen machen.
Aber ich kann für zwei Stunden etwas schaffen, das hier draußen selten ist: Normalität.
Ein Saftkarton, der nach Zuhause schmeckt.
Ein Keks, der nicht nach Stress aussieht.
Ein Blatt Papier, auf dem ein Kind wieder Kind sein darf.
Manche Leute nennen das deprimierend. Ich nenne es notwendig.
Denn diese Kinder haben nichts getan. Und trotzdem stehen sie zwischen Stacheldraht und Parkplatz und versuchen zu verstehen, warum Liebe manchmal durch Glas sprechen muss.
Ich bin 76. Ich sitze auf einer Bank vor einer JVA mit Apfelschorle und Buntstiften.
Und wenn ein Kind, das eben noch gezittert hat, plötzlich lacht, weil eine Seifenblase auf seiner Nase platzt, dann weiß ich: Für diesen Moment ist es leichter.
Mehr verspreche ich nicht.
Aber das reicht für einen Samstag.
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