Vierzehn Stufen für einen letzten Abschied – Wie Oskar mir das Lieben und Loslassen beibrachte

Um drei Uhr morgens schleppte sich mein sterbender Kater vierzehn Stufen hinauf, die er seit fast zwei Monaten nicht mehr geschafft hatte. Und als ich ihn neben meinem Bett sah, wusste ich sofort, warum er gekommen war.

Oskar war bei mir, seit ich einundzwanzig war.

Damals wohnte ich allein in einer kleinen Altbauwohnung in Hannover. Die Wände waren dünn, fast alle Möbel stammten vom Flohmarkt, und der Kühlschrank brummte lauter als mein alter Kleinwagen.

Ich hatte gerade meine erste feste Stelle angefangen. Abends kam ich oft spät nach Hause und aß mein Abendbrot allein in der Küche, manchmal direkt über der Spüle.

Oskar entdeckte ich im örtlichen Tierheim.

Er war ein magerer roter Kater mit einem abgebrochenen Eckzahn, einem eingerissenen linken Ohr und einem Blick, als würde er grundsätzlich niemandem trauen.

Eine Mitarbeiterin erzählte mir, dass er schon zweimal zurückgebracht worden war.

Er verstecke sich zu viel, hätten die früheren Besitzer gesagt. Er sei nicht besonders anhänglich.

Irgendwie kam mir das bekannt vor.

Also nahm ich ihn mit.

Die ersten drei Tage verbrachte Oskar unter meinem Bett. Er kam nur hervor, wenn ich bei der Arbeit war. Sobald ich die Wohnungstür öffnete, verschwand er wieder.

Am vierten Abend telefonierte ich mit meiner Mutter.

Nachdem wir aufgelegt hatten, setzte ich mich auf den Fußboden und fing an zu weinen.

Ich hatte Heimweh. Mein Konto war fast leer. Auf der Arbeit fühlte ich mich überfordert, und ich fragte mich zum ersten Mal ernsthaft, ob es ein Fehler gewesen war, von zu Hause wegzuziehen.

Da kroch Oskar langsam unter dem Bett hervor.

Er sprang nicht auf meinen Schoß.

Er leckte mir nicht übers Gesicht und ließ sich auch nicht streicheln.

Er setzte sich einfach neben mein Bein und lehnte seinen warmen Körper vorsichtig an mich.

So fing es mit uns an.

In den folgenden sechzehn Jahren war Oskar bei fast allem dabei.

Er saß in den Umzugskartons, während ich drei verschiedene Wohnungen ein- und wieder auspackte.

Als in einem besonders kalten Winter die Heizung ausfiel und ich mir die Reparatur nicht sofort leisten konnte, schlief er auf meinem Mantel und wärmte nachts meine Füße.

Als ich meine Stelle verlor, weckte er mich trotzdem jeden Morgen zur gleichen Zeit. Er tippte so lange mit der Pfote gegen meine Wange, bis ich aufstand.

Arbeitslos zu sein war für ihn offenbar kein Grund, das Frühstück ausfallen zu lassen.

Als eine lange Beziehung zerbrach, schloss ich mich im Badezimmer ein und weinte, bis mir der Kopf wehtat.

Oskar kratzte so lange an der Tür, bis ich ihn hereinließ. Dann setzte er sich auf die Badematte und blieb dort, ohne einen Laut von sich zu geben.

Als meine Mutter starb, kam ich nach der Beerdigung in eine Wohnung zurück, die sich plötzlich viel zu still anfühlte.

Oskar sprang zu mir aufs Bett, drückte seine Stirn unter mein Kinn und blieb bis zum nächsten Morgen bei mir.

Er konnte nichts reparieren.

Er sorgte nur dafür, dass ich nicht allein war, solange etwas kaputt war.

Mit den Jahren wurde das Fell um seine Schnauze heller.

Zuerst sprang er nicht mehr auf die Küchenarbeitsplatte. Später schaffte er es nicht mehr auf die Fensterbank.

Ich redete mir ein, dass er eben alt wurde.

Dann begann er plötzlich, ständig zu trinken.

Er nahm innerhalb kurzer Zeit so viel ab, dass ich jeden einzelnen Knochen an seinem Rücken fühlen konnte.

Eines Morgens wollte er auf das Sofa springen. Seine Hinterbeine gaben nach, und er fiel seitlich auf den Teppich.

Ich brachte ihn sofort zur Tierärztin.

Sie sprach ruhig und freundlich mit mir.

Genau das machte es irgendwie noch schlimmer.

Oskar hatte schweres Nierenversagen. Seine Nieren arbeiteten kaum noch.

Vielleicht hätten wir noch ein paar Wochen, sagte sie.

Ich nickte, als hätte ich verstanden, was sie meinte.

Aber nach den Worten „ein paar Wochen“ verstand ich eigentlich gar nichts mehr.

Ich stellte sein Futter um. Ich gab ihm Flüssigkeit und verteilte Wassernäpfe in der ganzen Wohnung.

Sein Körbchen stellte ich neben das Sofa im Erdgeschoss. Von da an schlief ich ebenfalls unten, weil er die Treppe nicht mehr hochkam.

Oskar blieb noch elf Wochen bei mir.

An manchen Tagen war er fast wie früher.

Er fraß ein wenig, lief durch das Wohnzimmer und setzte sich sogar für ein paar Minuten vor die Terrassentür, um nach draußen zu schauen.

An anderen Tagen rührte er sein Futter kaum an.

Gegen Ende schlief er fast nur noch.

Er war so schwach, dass selbst die wenigen Schritte von seinem Körbchen zum Wassernapf anstrengend für ihn waren.

Die Tierärztin sagte vorsichtig, dass ich jetzt vor allem an seine Lebensqualität denken müsse.

Ich wusste, was sie damit meinte.

Trotzdem stellte ich mir immer wieder dieselben Fragen.

War er schon bereit?

Blieb er noch, weil er selbst bleiben wollte?

Oder hielt ich ihn fest, weil ich nicht ertragen konnte, ihn gehen zu lassen?

Eines Abends verweigerte Oskar sogar sein Lieblingsfutter.

Er lag in seinem kleinen Körbchen am Fuß der Treppe. Sein Atem ging langsam und flach.

Fast eine Stunde lang saß ich neben ihm.

Dann beugte ich mich hinunter und küsste ihn auf den Kopf.

„Gute Nacht, mein Großer“, flüsterte ich. „Danke, dass du so lange bei mir geblieben bist.“

Anschließend ging ich allein nach oben.

Am nächsten Morgen wollte ich bei der Tierärztin anrufen.

Gegen drei Uhr wurde ich von einem leisen Geräusch wach.

Zuerst dachte ich, ich hätte geträumt.

Dann hörte ich es noch einmal.

Ein schwaches, abgehacktes Schnurren.

Oskar stand neben meinem Kopfkissen.

Einige Sekunden lang konnte ich nicht verstehen, wie er dorthin gekommen war.

Seit fast zwei Monaten hatte er diese vierzehn Stufen nicht mehr geschafft.

Seine Beine zitterten. Eine Pfote rutschte auf der Bettdecke weg. Er sah völlig erschöpft aus.

Aber er war da.

Er ließ sich langsam neben mir nieder und drückte seine Stirn gegen meine.

Noch bevor ich ihn berührte, begann ich zu weinen.

Ich legte meine Hand zwischen uns.

Oskar umfasste sie mit beiden Vorderpfoten.

So blieben wir im Dunkeln liegen.

Ich machte kein Licht an.

Ich rief niemanden an.

Ich versuchte auch nicht, ihn wieder nach unten zu tragen.

In diesem Moment verstand ich es.

Oskar hatte diese Treppe nicht hinaufgeklettert, weil er Hilfe brauchte.

Er war heraufgekommen, weil er bei mir sein wollte.

Sein Schnurren wurde leiser.

Dann wurde es unregelmäßig.

Schließlich hörte es ganz auf.

Oskar starb mit seiner Stirn an meiner und seinen Pfoten um meine Hand.

Noch Wochen später stand am Fuß der Treppe ein Wassernapf.

Ich war so daran gewöhnt, ihn jeden Morgen aufzufüllen, dass ich manchmal erst bemerkte, was ich tat, wenn das Wasser bereits darin war.

Früher dachte ich, ich hätte Oskar gerettet, als ich ihn mit einundzwanzig aus dem Tierheim holte.

In Wahrheit hatte er mich gerettet.

Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

Und in seiner letzten Nacht, als kaum noch Kraft in ihm war, machte er sich ein letztes Mal auf den Weg zu mir.

Damit ich nicht allein sein musste, als er ging.

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