Der kleine Junge bat den Pharmachef um Hilfe – dann sah dieser die nasse Medikamentenschachtel

„Können Sie meiner Mama helfen aufzustehen?“ – Erst als der Pharmachef die nasse Medikamentenschachtel sah, begriff er, wen seine Entscheidung wirklich traf.

Die Digitaluhr im Wagen zeigte 2.13 Uhr, als Konrad Falk die Tür des schwarzen Dienstwagens aufstieß.

Eisregen peitschte über den Gehweg vor der Notdienstapotheke in Hamburg-Altona. Konrad war 52, trug einen maßgeschneiderten Mantel und sah aus wie ein Mann, der alles unter Kontrolle hatte.

In Wahrheit hatte er seit vierzehn Stunden nichts gegessen.

Hinter ihm lag eine Krisensitzung. Vor dem Hauptsitz seines Pharmakonzerns hatten Angehörige demonstriert. Zeitungen nannten ihn herzlos. Im Fernsehen lief sein Gesicht über den Bildschirm, während darunter die neue Preisstruktur für ein seltenes Medikament eingeblendet wurde.

Konrad hatte den ganzen Abend Zahlen verteidigt.

Forschungskosten. Kleine Patientengruppen. Fehlgeschlagene Studien. Arbeitsplätze. Verantwortung gegenüber Geldgebern.

Nun wollte er nur noch sein Schlafmittel abholen und für ein paar Stunden nichts hören.

Die automatische Tür der Apotheke glitt auf.

Da bemerkte er die Frau am Betonpflanzkübel.

Sie saß halb auf dem nassen Boden, halb gegen die kalte Kante gelehnt. Ihr grauer Wollmantel war durchnässt. Hellblonde Strähnen klebten an ihrem Gesicht, obwohl sie die Haare mit einem schlichten schwarzen Band zusammengebunden hatte.

Neben ihr lag eine zerrissene Apothekentüte.

Eine Medikamentenschachtel war in eine schmutzige Pfütze gerutscht.

Vor der Frau stand ein kleiner Junge in einer viel zu großen dunkelblauen Winterjacke. Er weinte nicht. Er schrie nicht.

Er hielt die abgewetzte Handtasche seiner Mutter mit beiden Händen fest.

Als Konrad näherkam, griff der Junge nach seinem Ärmel.

„Können Sie meiner Mama helfen aufzustehen?“

Konrad blieb stehen.

Der Junge sah zu der Frau hinunter. „Sie sagt immer, ich soll keine Angst haben, wenn ihre Beine vergessen, was sie tun sollen. Aber heute vergessen sie es schon sehr lange.“

Dann kniete er sich hin.

Er zog ein zerknittertes Taschentuch aus der Jackentasche und schob es vorsichtig unter die Hand seiner Mutter, damit ihre Haut nicht direkt auf dem eiskalten Pflaster lag.

„Eins, zwei, drei“, zählte er leise. „Mama, noch nicht aufstehen. Erst bis zehn. So machen wir es doch.“

Konrads Brust wurde eng.

Er griff nach seinem Telefon, um den Rettungsdienst zu rufen. In diesem Moment fiel das Licht der Apotheke auf die nasse Schachtel in der Pfütze.

Neurovalen.

Das Medikament seines Konzerns.

Das Präparat, dessen neue Preisgestaltung er gerade vierzehn Stunden lang verteidigt hatte.

Unter der Schachtel klebte ein feuchter Kassenbon. Darauf stand in fetten Zahlen der Betrag, den die Frau wegen einer ungeklärten Kostenübernahme zunächst selbst zahlen sollte.

1.184 Euro.

Die Frau sog plötzlich scharf die Luft ein.

Ihre Augen öffneten sich. Panik huschte über ihr Gesicht, als sie begriff, wo sie war. Sie stemmte die Hände gegen den Boden und versuchte, ihre Beine unter Kontrolle zu bringen.

Konrad machte einen Schritt nach vorn und hob die Arme.

„Bitte nicht anfassen, solange ich nicht darum bitte“, sagte sie heiser.

Ihre Stimme zitterte, aber ihr Blick war hart.

„Mein Sohn hat schon genug Menschen gesehen, die mit mir umgehen, als wäre ich kaputt.“

Konrads Hände blieben in der Luft stehen.

Langsam zog er sie zurück.

Er sagte nichts. Er öffnete nur seinen Mantel, zog das Jackett darunter aus und legte es über die nasse, raue Kante des Pflanzkübels.

„Dann hebe ich Sie nicht hoch“, sagte er. „Ich mache nur den Boden ein bisschen weniger grausam.“

Die Frau blinzelte.

Sie griff nach dem trockenen Stoff. Mit schmerzhaft langsamen Bewegungen zog sie sich hoch, bis sie aufrecht sitzen konnte.

Der Junge zählte weiter.

„Sieben, acht, neun, zehn.“

Erst dann atmete die Frau aus.

Ihr Blick fiel auf Konrads Jackett. Am Revers steckte eine kleine silberne Nadel mit dem Zeichen seines Konzerns.

Ihr Gesicht veränderte sich.

Die Müdigkeit blieb. Aber die Verletzlichkeit verschwand.

„Sie arbeiten für die?“

Konrad stand reglos im Eisregen.

Die Frau sah ihm direkt in die Augen.

„Nein“, flüsterte sie. „Sie sind der Mann aus dem Fernsehen.“

Drinnen setzte sie sich auf eine Metallbank neben dem Regal mit Verbandszeug. Konrad blieb einen Schritt entfernt.

Er berührte sie nicht. Er beugte sich nicht über sie. Er ließ ihr den Raum, den sie brauchte.

Der Apotheker erkannte ihn sofort.

Auch zwei Kunden drehten sich um. Ein älterer Taxifahrer flüsterte seiner Begleiterin etwas zu. Die Luft wurde schwer.

Konrad ging zum Tresen und legte seine schwarze Kreditkarte hin.

„Bitte buchen Sie den Restbetrag ab.“

„Nein.“

Die Stimme der Frau schnitt durch den Raum.

Konrad drehte sich um.

„Stecken Sie die Karte wieder ein“, sagte sie. „Ich brauche keinen Vorstandschef, der meine Rechnung bezahlt, damit er heute Nacht besser schlafen kann.“

„Sie brauchen die volle Dosis.“

Ein bitteres Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Ich weiß ziemlich genau, was ich brauche.“

Sie strich sich eine nasse Haarsträhne hinter das Ohr.

„Ich heiße Miriam Seidel. Ich war Laborantin in einem kleinen Forschungsbetrieb in Harburg. Wir haben an der Eiweißstruktur gearbeitet, aus der später Neurovalen wurde.“

Konrad sah sie jetzt genauer an.

„Ihr Konzern hat den Betrieb gekauft“, fuhr Miriam fort. „Das Patent wurde übernommen. Das Labor geschlossen. Von achtundvierzig Leuten blieben sechs.“

Der Apotheker senkte den Blick.

„Ich verlor meine Stelle. Dann meine Zusatzversicherung. Zwei Jahre später begann meine eigene Nervenerkrankung.“

Sie deutete auf die Schachtel.

„Das Medikament, an dem ich mitgearbeitet habe, wurde zu etwas, das ich mir nicht leisten konnte.“

Konrads Haltung veränderte sich.

Es war fast unsichtbar. Nur seine Schultern wurden gerader, seine Stimme sachlicher.

„Die Entwicklung seltener Therapien kostet enorme Summen. Die meisten Wirkstoffe scheitern. Wenn die Finanzierung abbricht, endet auch die Forschung.“

Miriam sah ihn an, als hätte sie diesen Satz hundertmal gehört.

„Ich weiß, dass Medizin teuer ist“, sagte sie. „Ich habe sie mitentwickelt.“

Dann zeigte sie auf den Bon.

„Was ich nicht verstehe: Seit wann ist Weiterleben ein Luxusvertrag?“

Konrad wollte antworten.

Doch der Junge trat hinter dem Arm seiner Mutter hervor.

„Sind Sie der Mann, der Mamas Medizin schwer zu kaufen macht?“

Die Frage war leise gestellt.

Gerade deshalb traf sie ihn härter als jede Schlagzeile.

Miriam legte die zitternde Hand auf die Schulter ihres Sohnes.

„Jonas, bitte.“

„Er darf fragen“, sagte Konrad.

Miriam sah ihn wieder an.

„Ich bin draußen nicht zusammengebrochen, weil ich unvorsichtig war. Ich nehme seit zwei Wochen nur die halbe Dosis.“

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