Die alte Frau setzte sich in meinen Friseurstuhl und sagte: „Bitte machen Sie, dass meine Enkelin heute nicht sieht, dass ich sterbe.“
Ich hielt den Umhang noch in der Hand und wusste im ersten Moment nicht, was ich sagen sollte.
Die Frau hieß Marianne Vogt. Sie war 81, sehr schmal und trug unter ihrem alten Mantel ein fliederfarbenes Kleid. Ihre Hände zitterten, als sie eine kleine schwarze Handtasche auf den Schoß legte.
„Meine Enkelin Lena heiratet heute“, sagte sie. „Beim Standesamt. Ich habe ihr versprochen, dabei zu sein.“
Ich legte ihr vorsichtig den Umhang um die Schultern.
„Dann sorgen wir dafür, dass die Großmutter der Braut unvergesslich aussieht.“
Marianne lächelte kurz. Dann sah sie wieder in den Spiegel.
„Ich möchte nicht, dass Lena mich ansieht und nur noch an den Abschied denkt.“
Erst da bemerkte ich, wie dünn ihr Haar geworden war. An den Schläfen konnte man die Kopfhaut sehen. Ihr Gesicht war eingefallen, und das Kleid war ihr viel zu weit.
Ich fragte nicht nach der Krankheit. Marianne erzählte trotzdem weiter.
Sie hatte Lena fast mit großgezogen. Weil ihre Tochter oft Spätschicht arbeitete, holte Marianne das Mädchen vom Kindergarten ab, machte Abendbrot und blieb neben ihrem Bett sitzen, wenn es krank war. Später zeigte sie Lena, wie man einen Knopf annäht und Apfelkuchen backt, ohne jedes Gramm abzuwiegen.
„Sie wollte die Trauung verschieben“, sagte Marianne. „Nur wegen mir.“
„Und Sie wollten das nicht.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Lena hat lange auf diesen Tag gewartet. Ich möchte nicht, dass ihre Hochzeit nur mit meiner Krankheit verbunden ist.“
Dann zog sie ein altes Foto aus ihrer Tasche. Darauf war sie als junge Frau zu sehen. Ihr Haar war weich nach hinten gelegt, über dem rechten Ohr trug sie eine kleine Perlenklammer.
„Mein Mann hat dieses Bild jahrelang in seiner Brieftasche getragen“, sagte sie. „Er ist vor sechs Jahren gestorben.“
Ich sah das Foto an und dann Marianne im Spiegel.
„Genau so machen wir es.“
Sie lachte leise.
„Dafür haben Sie nicht genug Material.“
„Das entscheiden immer noch meine Hände.“
Eigentlich war mein Vormittag voll. Zwei Kundinnen warteten später auf mich, und am Monatsende wurde die Miete für den Salon abgebucht. Ich hatte gelernt, jede halbe Stunde genau zu planen: waschen, schneiden, föhnen, kassieren, weiter.
Doch an diesem Morgen konnte ich nicht ständig auf die Uhr sehen.
Ich schaltete mein Handy lautlos und drehte das Schild an der Tür auf „geschlossen“.
„Das müssen Sie nicht tun“, sagte Marianne.
„Doch. Heute schon.“
Ich wusch ihr Haar mit warmem Wasser und setzte kleine Wickler ein. Ich nahm nur wenig Haarspray. Ihr Haar sollte nicht perfekt aussehen. Es sollte nach ihr aussehen.
Während wir warteten, schloss Marianne für ein paar Minuten die Augen.
Ich betrachtete sie im Spiegel und dachte daran, wie schnell alte Menschen unsichtbar werden. Man sieht die Gehhilfe, die dünnen Hände und die Tabletten. Aber nicht mehr den Menschen, der einmal ein ganzes Leben getragen hat.
Als ich die Wickler herausnahm, formte ich jede Strähne einzeln. In einer Schublade fand ich eine kleine Perlenklammer, die seit Monaten niemand abgeholt hatte.
Ich steckte sie über Mariannes rechtes Ohr.
„So etwas hat mein Mann mir früher geschenkt“, flüsterte sie.
„Dann gehört sie genau dorthin.“
Als ich fertig war, nahm ich den Umhang ab und drehte den Stuhl zum großen Spiegel.
Marianne sagte nichts.
Sie berührte vorsichtig die Locke an ihrer Wange. Dann begannen ihre Schultern zu zittern.
„Da bin ich ja noch“, sagte sie.
Ich musste schlucken.
„Sie waren die ganze Zeit da.“
Marianne legte drei Zwanzig-Euro-Scheine auf den Tresen.
Ich schob sie zurück.
„Nein.“
Sofort wurde ihr Blick streng.
„Ich habe mein Leben lang selbst bezahlt.“
„Das glaube ich Ihnen.“
„Dann nehmen Sie das Geld.“
Ich schloss ihre Finger um die Scheine.
„Das ist keine Wohltätigkeit. Das ist mein Hochzeitsgeschenk.“
Marianne schüttelte den Kopf. Schließlich legte sie eine Ein-Euro-Münze vor mich.
„Dann bin ich wenigstens eine Kundin.“
„Heute sind Sie die Großmutter der Braut.“
Zum ersten Mal lachte sie richtig.
Am Nachmittag bekam ich ein Foto von Lena. Marianne saß in der ersten Reihe des Standesamtes. Das fliederfarbene Kleid lag glatt über ihren Knien, die Perlenklammer glänzte in ihrem silbernen Haar.
Lena kniete vor ihr und hielt beide Hände ihrer Großmutter fest.
Unter dem Bild stand:
„Sie sieht wieder aus wie meine Oma.“
Drei Tage später starb Marianne zu Hause.
Eine Woche danach kam Lena in meinen Salon. Sie brachte das Foto in einem schlichten Rahmen mit.
„In der letzten Nacht stand die Perlenklammer neben ihrem Bett“, sagte sie. „Sie wollte, dass wir uns an sie von der Hochzeit erinnern.“
Auf die Rückseite hatte Lena geschrieben:
„Sie haben meiner Großmutter keinen weiteren Tag gegeben. Aber Sie haben ihrem letzten Tag das Leben zurückgegeben.“
Das Foto steht bis heute neben meinem Spiegel.
Wenn mein Terminplan voll ist und ich ungeduldig werde, schaue ich es an.
Dann erinnere ich mich daran, dass Menschen nicht immer nur einen Haarschnitt brauchen.
Manchmal brauchen sie jemanden, der sie noch einmal wirklich ansieht.
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