Juna verlor ihre sechs Welpen dann hörte sie vier fremde Herzen nach ihr rufen

Juna drehte sich fünf Tage lang zur Wand – dann hörte sie aus einem Karton vier Stimmen, die niemand mehr wollte.

Am fünften Morgen lag Juna noch immer mit dem Gesicht zur Wand. Als ich den Wassernapf abstellte, merkte ich, dass sie aufgehört hatte zu zittern.

Das machte mir mehr Angst als alles andere.

Ich arbeitete damals seit etwas mehr als einem Jahr in einem kleinen Tierheim am Rand von Hannover. Wir hatten zu wenig Platz, zu wenig Personal und fast immer zu viele Tiere.

Immer häufiger wurden Hunde und Katzen abgegeben, weil ihre Menschen krank geworden waren, umziehen mussten oder die laufenden Kosten nicht mehr schafften.

Ich hatte mir angewöhnt, nicht zu urteilen. Meistens kannte ich die ganze Geschichte sowieso nicht.

Trotzdem wurde ich müde.

Nicht nur körperlich. Es war diese andere Müdigkeit. Die, bei der man morgens die Arbeitskleidung anzieht und sich fragt, wie viele traurige Augen man noch ansehen kann, ohne selbst leer zu werden.

Juna war eine vierjährige Boxerhündin. Auf ihrer Schnauze hatte sie eine kleine helle Narbe. Ihre Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab, doch ihre Milchleiste war noch voll.

Ihre sechs Welpen waren tot.

Das Fahrzeug, in dem sie zu einer Untersuchung gebracht worden waren, hatte einen Unfall gehabt. Juna hatte überlebt. Die Kleinen nicht.

Mit ihr kam eine braune Papiertüte. Darin lagen sechs winzige Halsbänder. Zwei rote, zwei blaue, ein grünes und ein gelbes. An einem klebte noch ein Büschel weiches Fell.

Wiebke, die Leiterin des Tierheims, stellte die Tüte auf den Tisch.

„Kann weg“, sagte sie leise.

Ich nickte. Aber ich warf sie nicht weg.

Ich schob die Tüte in mein Schließfach. Warum, wusste ich selbst nicht.

In den ersten beiden Tagen suchte Juna.

Sie ging im Zwinger von Ecke zu Ecke. Sie schob die Decke mit der Nase hoch und schnupperte an der Tür, am Abfluss und an meinen Schuhen. Wenn irgendwo ein junger Hund fiepte, stand sie sofort auf.

Am dritten Tag hörte sie auf zu suchen.

Am vierten Tag hörte sie auf zu fressen.

Am fünften Tag legte sie sich mit dem Gesicht zur Wand.

Ich setzte mich jeden Morgen zu ihr auf den Boden. Ich redete kaum. Manchmal ist eine Stimme nur noch ein Geräusch, das man nicht ertragen kann.

Also saß ich einfach da.

Wiebke war achtundfünfzig und leitete das Tierheim seit fast zwanzig Jahren. Viele hielten sie für streng. Ich wusste, dass sie nur gelernt hatte, ihre Kraft einzuteilen.

„Wenn sie heute wieder nichts trinkt, bringen wir sie zur Infusion“, sagte sie.

Juna war nicht unheilbar krank. Aber sie verweigerte Futter, Wasser, Berührung und jeden Blick.

Es sah aus, als hätte sie eine Entscheidung getroffen.

Am Abend fand ich sechs helle Kratzspuren im Betonboden ihres Zwingers. Ich fragte mich, ob eine Hündin zählen konnte.

Nicht mit Zahlen wie wir.

Vielleicht mit Gerüchen. Mit Wärme. Mit sechs kleinen Körpern, die plötzlich fehlten.

In meiner Jackentasche trug ich damals einen gefalteten Brief. Es war meine Kündigung.

Ich hatte ihn drei Tage zuvor geschrieben. Nicht aus Wut. Ich mochte meine Arbeit sogar noch. Vielleicht war genau das das Problem.

Ich nahm jedes Tier mit nach Hause, obwohl es gar nicht mitkam.

Beim Zähneputzen dachte ich an den Hund, der stundenlang seine Familie an der Tür gesucht hatte. Beim Einkaufen sah ich die Katze vor mir, die in einer zu kleinen Box abgegeben worden war. Nachts wachte ich auf und glaubte, irgendwo ein Fiepen zu hören.

Ich wollte gehen, bevor ich genauso leer wurde wie Juna.

Den Brief hatte ich noch nicht abgegeben.

In dieser Nacht hatte ich Spätdienst. Wiebke saß im Büro über den Abrechnungen. Ich kontrollierte Medikamente, wusch Näpfe aus und bereitete das Futter für den nächsten Morgen vor.

Kurz vor Mitternacht hörte ich ein dünnes Quieken am Seiteneingang.

Unter dem Vordach stand ein Karton mit einem alten Handtuch. Darin lagen vier neugeborene Welpen.

Ihre Augen waren noch geschlossen. Die Bäuche waren eingefallen. Einer bewegte den Kopf, die anderen wanden sich nur schwach gegeneinander.

Es gab keinen Zettel.

Ich trug den Karton in den Behandlungsraum und rief Wiebke.

Sie hob einen Welpen hoch und legte zwei Finger an seinen Brustkorb.

„Zu kalt“, sagte sie. „Alle.“

Wir hatten keinen richtigen Raum für Neugeborene. Nur eine umgebaute Abstellkammer mit einer Wärmematte, einer Lampe und einem Schrank voller Decken, Fläschchen und Milchpulver.

„Alle zwei Stunden füttern“, sagte Wiebke. „Langsam. Wenn sie nicht schlucken, nicht drücken.“

Dann sah sie mich an.

„Mach dir klar, dass es sein kann, dass keiner durchkommt.“

Sie sagte es nicht, um hart zu sein. Sie wusste nur, was Hoffnung kosten konnte.

Der erste Welpe trank gierig. Der zweite brauchte länger. Der dritte verschluckte sich.

Der vierte nahm die Flasche gar nicht.

Er war der kleinste. Sein Fell war stumpf, eine Hinterpfote zuckte. Ich rieb ihn mit einem Handtuch und versuchte es erneut.

Nichts.

Hinter mir scharrten Krallen über den Boden.

Juna stand in der Tür.

Sie sah auf den Karton. Ihre Ohren waren nach vorn gerichtet, der ganze Körper angespannt. Sie machte einen Schritt und hob die Nase.

Die Welpen fiepten.

Juna ging näher.

Ich dachte: Das ist es. Das ist der Moment, in dem sich alles ändert.

Sie beugte sich über den Karton und roch an zwei der Kleinen. Ihre Nase berührte kurz einen winzigen Rücken.

Dann erstarrte sie.

Ein gepresstes Wimmern kam aus ihrer Kehle. Sie wich zurück, drehte sich um und lief in ihren Zwinger.

Dort drückte sie sich wieder gegen die Wand.

Ich blieb neben dem Karton stehen.

„Nicht zwingen“, sagte Wiebke hinter mir.

„Aber sie ist doch gekommen.“

„Vielleicht war der Geruch zu viel.“

„Oder sie will sie nicht.“

Wiebke schüttelte langsam den Kopf.

„Vielleicht will sie sie gerade deshalb nicht.“

Später verstand ich, was sie meinte.

Juna hatte nicht nur ihre Welpen verloren. Sie hatte gelernt, dass Nähe verschwinden konnte. Vielleicht war ihre Angst größer als ihr Instinkt.

Die Nacht zog sich hin. Wiebke ruhte kurz im Büro. Ich saß neben der Wärmematte und fütterte die Kleinen.

Der schwächste Welpe nahm immer noch keine Milch.

Gegen zwei Uhr legte ich ihn unter meine Arbeitsjacke, direkt an meine Brust. Sein Herzschlag war kaum zu fühlen.

Ich zog meine Kündigung aus der Tasche.

Das Papier war weich geworden, weil ich es so oft gefaltet hatte. Zwei sachliche Absätze. Ich bedankte mich für die Zeit und schrieb, dass ich mich beruflich neu orientieren wolle.

Es klang vernünftig.

Es klang überhaupt nicht nach mir.

Ich legte den Brief auf den Tisch.

In diesem Moment hörte der kleine Welpe auf zu fiepen.

Sein Maul stand leicht offen. Der Brustkorb bewegte sich nur noch ganz schwach.

„Nein“, sagte ich.

Ich rieb ihn mit beiden Händen, massierte vorsichtig den Brustkorb und hielt die Flasche an sein Maul.

Nichts.

Dann hörte ich Schritte.

Juna stand wieder vor der Tür.

Sie blieb im Flur und zitterte.

Ich war zu müde, um nach den richtigen Worten zu suchen.

„Ich weiß, dass das nicht deine sind“, sagte ich. „Aber er hat auch niemanden.“

Juna sah mich an.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft sah sie mich wirklich an.

„Du musst sie nicht lieben. Du musst gar nichts. Aber ich schaffe das gerade nicht allein.“

Sofort schämte ich mich. Sie war ein Hund. Sie schuldete mir nichts. Sie hatte selbst kaum noch Kraft.

Ich wandte mich wieder dem Kleinen zu.

Dann berührte etwas Kaltes mein Handgelenk.

Junas Nase.

Sie stand neben mir.

Vorsichtig leckte sie einmal über den Kopf des Welpen.

Dann noch einmal.

Der Kleine bewegte eine Vorderpfote.

Juna legte sich neben den Karton. Als ich den Welpen zu ihrem Bauch schob, kam ein leises Knurren.

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