Sie kam 23 Minuten zu spät zum Blind Date – mit einem schlafenden Jungen im Arm und einem Geheimnis, das alles veränderte
„Es tut mir leid. Wirklich. Die Betreuung ist abgesprungen, der Bus fuhr mir vor der Nase weg, und dann hat Emil im Treppenhaus seinen Dinosaurier verloren.“
Die Frau stand außer Atem vor Johannes’ Tisch und sah aus, als hätte sie den ganzen Tag gegen eine unsichtbare Sturmfront gekämpft.
Ihr rechter Turnschuh war offen. Aus ihrem hastig gebundenen Dutt hingen feuchte Haarsträhnen. Über einer Schulter baumelte eine ausgebeulte Kindertasche, auf der anderen schlief ein kleiner Junge mit offenem Mund.
In seiner Hand hielt er einen zerkratzten grünen Plastikdinosaurier.
Johannes erhob sich langsam.
Das Foto aus dem Partnerportal zeigte eine ruhige Frau mit sorgfältig gekämmtem Haar, rotem Lippenstift und einem schlichten schwarzen Kleid.
Die Frau vor ihm trug eine verwaschene Jeans, einen Pullover mit einem hellen Fleck auf der Brust und den Ausdruck eines Menschen, der kurz davorstand, entweder zu weinen oder laut zu lachen.
Vielleicht beides.
„Sie sind Lena?“, fragte er.
„Leider ja.“
Dann sah sie auf den schlafenden Jungen.
„Und das hier ist nicht so geplant gewesen.“
Johannes war zweiundfünfzig Jahre alt. Er leitete eine mittelgroße Firma für Unternehmenssoftware, besaß drei dunkle Anzüge, zwei gute Uhren und die unangenehme Fähigkeit, jede Situation in Risiken und Lösungen zu zerlegen.
Doch für eine Frau mit Kind, Windeltasche und Dinosaurier gab es in seinem Kopf gerade keine passende Tabelle.
Die Kellnerin neben ihnen blickte ebenfalls unsicher.
Lena bemerkte es.
„Ich kann auch wieder gehen“, sagte sie schnell. „Das wäre wahrscheinlich für alle weniger seltsam.“
Johannes sah auf den Jungen.
Eine kleine Hand hatte sich so fest um den Dinosaurier geschlossen, als hinge sein Leben davon ab.
Dann zog Johannes den freien Stuhl zurück.
„Setzen Sie sich erst einmal, bevor Sie umfallen.“
Lena schloss kurz die Augen.
„Das ist vermutlich der freundlichste Satz, den heute jemand zu mir gesagt hat.“
Sie setzte sich vorsichtig, ohne den Jungen zu wecken.
Dabei rutschte die große Tasche von ihrer Schulter. Eine Packung Taschentücher fiel heraus, danach ein einzelner Kindersocken, zwei Wachsmalstifte und ein kleines Trinkpäckchen, das über den Boden rollte.
Die Kellnerin stoppte es mit dem Fuß.
„Danke“, murmelte Lena.
„Keine Ursache.“
Johannes setzte sich wieder.
Zwischen ihnen entstand jene Stille, die normalerweise schon in den ersten Minuten eines Treffens alles beendete.
Lena atmete tief aus.
„Die Nachbarin wollte auf ihn aufpassen. Vor vierzig Minuten hat sie angerufen. Ihr Mann ist im Bad ausgerutscht, und sie musste mit ihm zum ärztlichen Notdienst.“
„Sie hätten absagen können.“
„Ich habe schon zweimal abgesagt.“
Sie sah auf ihre Hände.
„Beim ersten Mal hatte Emil Fieber. Beim zweiten Mal hatte ich Spätdienst. Wenn ich heute wieder abgesagt hätte, hätten Sie wahrscheinlich gedacht, ich hätte kein Interesse.“
Johannes musterte sie.
Die Frauen, die er in den vergangenen Jahren getroffen hatte, kamen meistens zu früh. Sie wirkten entspannt, obwohl sie es nicht waren. Sie erzählten von Reisen, beruflichen Erfolgen und Weinen, deren Namen er sich nie merken konnte.
Lena wirkte, als habe sie gerade eben noch eine Waschmaschine leer geräumt, ein Kind getröstet und auf dem Weg hierher vergessen, selbst etwas zu essen.
Es war das Ehrlichste, was ihm seit Langem begegnet war.
„Wie heißt er?“, fragte Johannes.
„Emil.“
Der Junge bewegte sich ein wenig, schlief aber weiter.
Johannes deutete auf das Plastikspielzeug.
„Und der Herr hier?“
Lena verzog das Gesicht.
„Beißbert.“
Johannes blinzelte.
„Beißbert?“
„Emil hat ihn mit drei benannt. Damals endete ungefähr jedes Wort auf Bert.“
Johannes lachte.
Nicht höflich. Nicht kontrolliert.
Ein echtes Lachen.
Lenas Schultern sanken ein wenig.
„Wenigstens einer findet den Namen gut.“
„Beißbert klingt nach einem Dinosaurier mit eigener Steuerkanzlei.“
Jetzt musste auch Lena lachen.
Die Kellnerin brachte die Karten.
Lena überflog die Preise und entschied sich sofort für die günstigste Suppe.
Johannes bemerkte es, sagte jedoch nichts. Er bestellte eine große Pizza und zwei Pastagerichte zum Teilen.
„Das ist viel zu viel“, sagte Lena.
„Dann nehmen Sie den Rest mit.“
„Das müssen Sie nicht.“
„Ich habe Hunger.“
Sie sah ihn prüfend an.
Offenbar war sie es gewohnt, hinter jeder Freundlichkeit einen Preis zu vermuten.
Schließlich nickte sie.
Zehn Minuten lang verlief das Treffen beinahe normal.
Lena arbeitete in einer kleinen Kindertagesstätte im Hamburger Westen. Johannes führte seine Firma seit fast zwanzig Jahren. Sie liebte alte Kinderbücher, Flohmärkte und Hörspiele aus ihrer Kindheit.
Er mochte Wanderungen, Modelleisenbahnen und Science-Fiction-Filme, in denen Raumanzüge noch aus silberner Folie bestanden.
„Sie haben eine Modelleisenbahn?“, fragte Lena.
„Nur eine kleine Anlage.“
„Wie groß ist klein?“
Johannes zögerte.
„Ein eigener Raum.“
„Natürlich.“
Ihr trockener Ton überraschte ihn immer wieder.
Dann öffnete Emil die Augen.
Er sah Johannes an.
Johannes sah zurück.
Der Junge hob langsam den Kopf von Lenas Schulter.
„Wer ist das?“
Lena verschluckte sich fast an ihrem Wasser.
„Das ist Johannes.“
„Warum?“
Johannes presste die Lippen zusammen, um nicht zu lachen.
„Das ist eine berechtigte Frage.“
Lena wurde rot.
„Wir essen zusammen.“
Emil dachte darüber nach.
Dann musterte er Johannes von den Schuhen bis zur Uhr.
„Bist du reich?“
Johannes hatte gerade getrunken.
Er hustete so heftig, dass die Kellnerin sich bereits umdrehte.
„Emil!“, rief Lena. „So etwas fragt man nicht.“
„Warum?“
„Weil es unhöflich ist.“
Emil sah Johannes weiterhin an.
„Du siehst teuer aus.“
Drei Sekunden lang sagte niemand etwas.
Dann lachte Johannes so laut, dass sich ein älteres Paar am Nebentisch nach ihm umdrehte.
Lena vergrub das Gesicht in den Händen.
„Es tut mir so leid.“
„Bitte entschuldigen Sie sich nicht.“
Johannes wischte sich die Augen.
„Das ist vermutlich die ehrlichste Einschätzung, die ich seit Jahren bekommen habe.“
Emil nahm sich ein Stück Pizza.
Danach noch eines.
Dann aß er mehrere Gabeln von Johannes’ Nudeln und erklärte, Pilze seien „weiche Knöpfe, die niemand braucht“.
Im Laufe des Abends kommentierte er Johannes’ Uhr, dessen glänzende Schuhe und seine Stirnfalte.
„Du siehst nicht aus wie ein Prinz“, stellte Emil fest.
„Das war auch nicht mein Ziel.“
„Gut.“
„Warum?“
„Du bist zu groß für ein Pferd.“
Lena lachte so heftig, dass ihre Gabel auf den Teller fiel.
Johannes lachte mit.
Irgendwann merkte er, dass er sich besser unterhielt als bei jedem sorgfältig geplanten Abend der vergangenen Jahre.
Niemand spielte eine Rolle.
Lena versuchte nicht, ihn zu beeindrucken. Sie war viel zu beschäftigt damit, Emil davon abzuhalten, das Olivenöl zu trinken.
Als die Rechnung kam, griff sie sofort danach.
Johannes legte seine Hand darauf.
„Wir teilen.“
Er sah die Erleichterung in ihrem Gesicht.
Sie wollte keine Wohltätigkeit. Sie wollte Würde.
Das verstand er.
Draußen hing feuchte Kälte über den Straßen. Die Lichter spiegelten sich auf dem nassen Pflaster, und aus der Ferne hörte man eine S-Bahn bremsen.
Emil war wieder eingeschlafen.
Johannes trug die Tasche, während Lena den Jungen zum Auto brachte.
Als sie ihn auf ihrem Arm zurechtrückte, murmelte Emil im Schlaf: „Mama.“
Lena erstarrte.
Etwas Altes und Schmerzhaftes glitt über ihr Gesicht.
Sie strich ihm über die Haare.
„Nein, mein Schatz“, flüsterte sie. „Tante Lena.“
Emil entspannte sich wieder.
Johannes sagte nichts.
Plötzlich verstand er, dass dieser Abend noch eine zweite Geschichte hatte.
Eine, die in Lenas Augenringen stand. In der Art, wie sie Emil hielt. In ihrer ständigen Bereitschaft, alles allein zu tragen.
Sie öffnete die Autotür.
„Danke, dass Sie nicht weggelaufen sind.“
Johannes lächelte.
„Ich wollte gerade dasselbe sagen.“
Zum ersten Mal an diesem Abend lachte sie, ohne sich dabei zu entschuldigen.
Johannes redete sich später ein, er habe nur nach einem zweiten Treffen gefragt, weil das erste unter schwierigen Bedingungen stattgefunden hatte.
Ein richtiges Treffen, dachte er.
Ohne Kind. Ohne Dinosaurier. Ohne öffentliche Bewertung seines finanziellen Erscheinungsbildes.
Beim zweiten Treffen war Emil wieder dabei.
Beim dritten ebenfalls.
Beim vierten hörte Johannes auf, überrascht zu tun.
„Ich schwöre, ich benutze ihn nicht als Anstandswauwau“, sagte Lena.
Johannes sah Emil an, der in einer Hand Beißbert und in der anderen eine Laugenstange hielt.
„Er ist interessanter als viele Erwachsene, die ich kenne.“
Von da an nannte Emil ihn nicht mehr Johannes.
Er nannte ihn „Herr Glanzschuh“.
Lena korrigierte ihn jedes Mal.
„Er heißt Johannes.“
Emil schüttelte den Kopf.
„Nein. Seine Schuhe leuchten.“
Ihre Treffen wurden zu kleinen Verhandlungen mit dem wirklichen Leben.
Sie tranken Kaffee auf dem Spielplatz, während Emil zweiunddreißigmal dieselbe Rutsche hinunterfuhr.
Sie aßen in einem einfachen Gasthaus, wo Emil Erbsen zu „kleinen grünen Verbrechen“ erklärte.
In einer Buchhandlung las Lena ihm zwanzig Minuten lang die Geschichte eines einsamen Stegosaurus vor. Für jede Figur verstellte sie die Stimme.
Johannes stand daneben und beobachtete sie.
Lena war ständig müde.
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