Das Mädchen klingelte nicht – sie stellte ihr kaputtes Fahrrad in Jakobs Einfahrt, und plötzlich bekam ein einsamer Rentner sein Leben zurück
„Nicht ziehen! Wenn du Gewalt brauchst, sitzt etwas falsch.“
Jakob Berger hielt die Hände der kleinen Leni gerade noch rechtzeitig zurück. Die Fahrradkette hing schlaff zwischen Hinterrad und Rahmen, während das Mädchen mit zusammengebissenen Zähnen versuchte, sie auf das Ritzel zu zerren.
„Aber sie muss doch da drauf“, sagte Leni.
„Ja. Aber sie muss freiwillig da drauf.“
Leni sah ihn an, als hätte er gerade behauptet, Fahrräder könnten beleidigt sein.
Jakob hockte auf dem kalten Pflaster seiner Einfahrt. Seine Knie protestierten, wie sie es seit seinem zweiundsechzigsten Geburtstag jeden Morgen taten, aber er ließ sich nichts anmerken.
Zwischen ihnen stand ein kleines blaues Fahrrad. Der Lack war an mehreren Stellen abgeplatzt, der Korb vorne hing schief, und am Lenker baumelte eine silberne Klingel, die nur jedes zweite Mal funktionierte.
Ein Fahrrad, das geliebt, aber selten gepflegt worden war.
Fünf Minuten zuvor hatte das Mädchen mit den Fingerknöcheln gegen den Rahmen seines offenen Garagentors geklopft. Nicht zaghaft, sondern so bestimmt wie eine Erwachsene, die beim Bürgeramt eine Beschwerde einreichen wollte.
„Entschuldigung“, hatte sie gesagt. „Mein Fahrrad ist kaputt. Und wir wohnen jetzt nebenan.“
Sie war sieben Jahre alt, wie Jakob später erfuhr. Blonde Locken standen in alle Richtungen, ihre rosa Leggings hatten am Knie ein Loch, und die roten Gummistiefel waren ihr mindestens zwei Nummern zu groß.
Jakob hatte den Schraubenschlüssel abgelegt.
„Ihr wohnt jetzt nebenan?“
„Wir ziehen erst am Samstag richtig ein“, erklärte sie. „Aber meine Mama misst schon die Zimmer aus. Ich heiße Leni.“
„Jakob.“
„Kannst du Fahrräder reparieren, Jakob?“
Er hatte auf seine Werkbank gezeigt. Dort lagen Schraubendreher, Zangen, Feilen und Steckschlüssel ordentlich nebeneinander. Darüber hingen alte Blechschilder, ein vergilbter Kalender und ein Foto seiner verstorbenen Frau Brigitte auf einem Campingplatz an der Ostsee.
„Ein bisschen“, sagte er.
In Wahrheit hatte Jakob fast vierzig Jahre lang Maschinen instand gehalten. Erst in einer Werkhalle, später als Meister. Er konnte am Geräusch eines Motors erkennen, welches Lager verschlissen war.
Aber seit seiner Rente reparierte er hauptsächlich Dinge, die niemand dringend brauchte.
Einen Toaster aus den Achtzigern.
Eine alte Pendeluhr.
Den wackelnden Gartentisch, an dem seit Brigittes Tod niemand mehr saß.
Die abgesprungene Fahrradkette wäre für ihn eine Sache von zwei Minuten gewesen. Doch Jakob setzte sie nicht einfach wieder ein.
Er blickte Leni an.
„Willst du lernen, wie man das selbst macht?“
Ihre Augen wurden groß.
„Darf ich das?“
„Es ist dein Fahrrad.“
Sie drehte sich kurz zum Nachbarhaus um. Vor der Haustür standen Kartons, ein zusammengerollter Teppich und zwei große Topfpflanzen. Niemand rief nach ihr.
„Mama sagt, ich soll nichts anfassen, was schmutzig ist.“
Jakob nahm einen alten Lappen und reichte ihn ihr.
„Dann sorgen wir dafür, dass du dich hinterher wieder sauber bekommst.“
Er zeigte ihr, wo die Kette sitzen musste. Er erklärte, weshalb sie abgesprungen war und warum man das Hinterrad langsam drehen sollte.
Leni hörte ungewöhnlich aufmerksam zu.
Nicht so, wie Kinder zuhören, wenn sie höflich sein wollen. Sondern so, als würde jedes Wort in ihrem Kopf einen festen Platz bekommen.
„Jetzt legst du sie hier auf“, sagte Jakob. „Nur auf die ersten Zähne.“
Leni streckte die Zunge zwischen die Lippen. Ihre kleinen Finger waren nach wenigen Sekunden schwarz vor Fett.
„Und jetzt?“
„Langsam das Pedal drehen.“
Die Kette ruckte.
Leni zuckte zurück.
„Kaputt?“
„Nein. Noch einmal. Ohne Angst.“
Beim zweiten Versuch griff die Kette. Sie glitt über das Ritzel und sprang mit einem leisen Klacken an ihren Platz.
Leni starrte das Hinterrad an.
Dann blickte sie auf ihre Hände.
„Ich habe es repariert.“
„Du hast es repariert“, bestätigte Jakob.
In ihrem Gesicht erschien ein Ausdruck, den er fast vergessen hatte.
Dieser ungläubige Stolz eines Menschen, der gerade entdeckt, dass er mehr kann, als andere ihm zugetraut haben.
Jakob richtete sich langsam auf und rieb sich die Knie.
Erst da bemerkte er die Frau am Rand seiner Einfahrt.
Sie stand neben einer dunklen Limousine, die Arme vor der Brust verschränkt. Über einem geblümten Kleid trug sie einen beigefarbenen Mantel, der für einen Umzugstag viel zu ordentlich aussah.
Sie musste schon eine Weile dort gestanden haben.
Jakob spürte sofort, wie sich etwas in ihm verhärtete.
Menschen sahen heute vieles anders als früher. Ein älterer Mann, ein fremdes Kind, eine offene Garage – daraus konnte schnell eine Geschichte werden, die mit der Wahrheit wenig zu tun hatte.
Die Frau trat näher.
„Leni hat an die Garage eines fremden Mannes geklopft.“
Es klang weder wie eine Entschuldigung noch wie eine Anschuldigung. Eher wie die nüchterne Feststellung einer Person, die beruflich gewohnt war, zuerst alle Risiken aufzuzählen.
„Sie hat sehr höflich geklopft“, sagte Jakob.
Die Frau musterte ihn.
„Das macht es nicht unbedingt besser.“
„Aber auch nicht schlechter.“
Für einen Moment sagte keiner etwas.
Leni setzte sich auf ihr Fahrrad und fuhr in kleinen Kreisen über die Einfahrt. Die zu großen Gummistiefel rutschten auf den Pedalen, doch sie hielt das Gleichgewicht.
„Mama!“, rief sie. „Ich habe die Kette selbst repariert!“
Das Gesicht der Frau veränderte sich.
Nur ein wenig.
„Ich bin Katharina Seidel“, sagte sie schließlich. „Ihre Mutter.“
„Jakob Berger. Ich wohne seit achtundzwanzig Jahren hier.“
„Das weiß sie nicht.“
„Jetzt schon.“
Katharina blickte zu ihrer Tochter. Leni hatte angehalten und untersuchte die Kette mit der Ernsthaftigkeit einer Sachverständigen.
„Sie spricht normalerweise keine Fremden an“, sagte Katharina.
„Sie hat auch keinen Fremden angesprochen.“
Katharinas Augen wurden schmal.
„Wie bitte?“
„Sie hat eine Garage angesprochen. Das ist für Kinder ein Unterschied.“
Katharina wollte offenbar widersprechen. Dann sah sie die Werkbank, die sauber aufgehängten Werkzeuge und das alte Fahrrad, das Jakob selbst restauriert hatte.
„Ich werde ehrlich sein“, sagte sie. „Als ich sie hier gesehen habe, wollte ich sie sofort zurückrufen.“
„Warum haben Sie es nicht getan?“
Katharina schwieg einen Augenblick.
„Weil Sie ihr das Werkzeug gegeben haben.“
Jakob sagte nichts.
„Sie hätten die Kette einfach selbst auflegen können“, fuhr sie fort. „Dann wäre die Sache erledigt gewesen. Stattdessen haben Sie ihr gezeigt, wie es geht.“
„Sonst wäre nur das Fahrrad repariert.“
Katharina sah ihn jetzt anders an.
Nicht freundlich. Noch nicht.
Aber so, wie Menschen einen betrachten, wenn sie ihr erstes Urteil heimlich noch einmal überprüfen.
Am folgenden Samstag stand Leni um neun Uhr vor seiner Garage.
Diesmal klopfte sie nicht.
Sie trug eine gelbe Regenjacke, obwohl kein Regen angekündigt war, und hielt einen kleinen roten Werkzeugkasten in der Hand.
„Der ist aus Plastik“, sagte sie entschuldigend. „Mama hat ihn gekauft.“
Jakob nahm ihn entgegen. Darin lagen ein Spielzeughammer, ein Schraubendreher mit stumpfer Spitze und eine Zange, mit der man kaum ein Stück Papier hätte festhalten können.
„Für den Anfang reicht er“, sagte Jakob.
„Lügst du gerade?“
Er blickte sie überrascht an.
„Ein bisschen.“
Leni nickte zufrieden.
„Mama sagt, Erwachsene lügen oft, damit Kinder nicht traurig sind.“
„Deine Mama sagt ziemlich kluge Sachen.“
„Sie sagt auch, ich darf nur hierbleiben, wenn sie dich sehen kann.“
Katharina stand auf ihrer Terrasse. In einer Hand hielt sie ein Telefon, in der anderen eine Tasse.
Jakob hob kurz die Hand.
Katharina erwiderte den Gruß, ohne zu lächeln.
An diesem Morgen zeigte Jakob Leni, wie man den Luftdruck in einem Reifen prüfte. Er erklärte, warum ein zu weicher Reifen schwerer rollte und ein zu harter Reifen auf Kopfsteinpflaster rutschig werden konnte.
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