Für ein Familienwochenende spielte ich ihren Freund – doch als nur ein Bett übrig blieb, fiel eine Lüge auseinander und mein ganzes Leben gleich mit
„Dann schlafen Sie eben zusammen. Anders geht es nicht.“
Die Wirtin sagte diesen Satz so selbstverständlich, als hätte sie uns gerade erklärt, wo morgens die Brötchen stehen.
Neben mir hielt Katrin ihren kleinen Reisekoffer fest. Ihre Fingerknöchel waren weiß.
„In einem Bett?“, fragte sie.
Die Wirtin nickte.
„Das Haus ist voll. Ihre Verwandtschaft hat drei Zimmer mehr belegt als gemeldet. Ich kann Ihnen höchstens noch zwei Wolldecken geben.“
Katrin sah mich an.
Ich sah zurück.
Und in diesem Moment wusste ich: Unsere kleine Lüge war gerade gefährlicher geworden, als wir beide geplant hatten.
Dabei hatte alles mit einer Tasse Kaffee angefangen.
Ich war damals 56.
Geschieden seit acht Jahren, Vater eines erwachsenen Sohnes, der in einer anderen Stadt lebte und meistens nur anrief, wenn an seinem Auto etwas klapperte.
Ich arbeitete in einem kleinen Fachgeschäft für Haushaltswaren in einer mittelgroßen Stadt in Niedersachsen.
Kein aufregendes Leben.
Aber ein geordnetes.
Morgens um halb sieben aufstehen. Kaffee. Radio. Arbeit. Dienstags Einkauf. Donnerstags Wäsche. Sonntags manchmal Spaziergang am Kanal.
Mit 30 hätte ich so ein Leben für eine Katastrophe gehalten.
Mit 56 nannte ich es Ruhe.
Zumindest redete ich mir das ein.
An jenem Dienstag klingelte kurz vor Feierabend mein Handy.
Meine Tante Hannelore.
Sie war 73, trug ihr graues Haar immer noch in derselben Frisur wie auf Fotos aus den Achtzigern und gehörte zu den Menschen, die jedes Familienproblem mit Kartoffelsalat und einem gedeckten Tisch lösen wollten.
„Thomas“, sagte sie ohne Begrüßung. „Du kommst am übernächsten Wochenende.“
„Wohin?“
„Zum Familientreffen.“
Ich seufzte.
„Hannelore.“
„Nein. Diesmal diskutieren wir nicht.“
Ich stellte eine Packung Gläser zurück ins Regal.
Familientreffen waren für mich seit meiner Scheidung etwas zwischen Zahnarztbesuch und Steuerprüfung.
Es gab immer dieselben Fragen.
„Und, Thomas, gibt es wieder jemanden?“
„Willst du wirklich für immer allein bleiben?“
„Deine Ex hat doch längst einen neuen Mann.“
Besonders beliebt war der Satz:
„Du bist doch noch viel zu jung, um dich so einzuigeln.“
Das sagten meistens Menschen, die seit vierzig Jahren verheiratet waren und sich beim Kaffeetrinken gegenseitig korrigierten, wie viel Zucker der andere nehmen durfte.
„Ich habe keine Lust auf die Fragerei“, sagte ich.
Tante Hannelore wurde still.
Dann sagte sie leiser: „Deinem Vater geht es nicht gut.“
Das traf.
Mein Vater war 82.
Ein ehemaliger Werkzeugmacher, der sein Leben lang kaum über Gefühle gesprochen hatte.
Wenn er stolz auf mich war, sagte er: „Kann man so machen.“
Wenn er mich liebte, fragte er, ob meine Winterreifen noch genug Profil hätten.
In den letzten Monaten war er schwächer geworden.
Das Treppensteigen fiel ihm schwer. Er verlor Gewicht. Manchmal vergaß er Dinge.
„Er möchte alle noch einmal sehen“, sagte Hannelore.
Ich schloss die Augen.
„Ich komme.“
„Gut.“
Dann fügte sie hinzu: „Und zieh ein ordentliches Hemd an.“
Drei Tage später traf ich Katrin.
Es war kurz nach vier.
Ich hatte Pause und saß in einem kleinen Café nahe der Fußgängerzone.
Nichts Besonderes. Holztische, Kuchenvitrine, eine ältere Bedienung, die Stammkunden beim Namen kannte.
Katrin saß am Fenster.
Ich bemerkte sie nicht wegen ihres Aussehens.
Sie war keine Frau, die einen Raum betrat und sofort alle Köpfe drehte.
Sie hatte schulterlanges, dunkelblondes Haar mit ersten grauen Strähnen, eine Lesebrille auf dem Kopf und einen dunkelgrünen Mantel, dessen Ärmel an einer Stelle leicht aufgerieben war.
Was mir auffiel, war ihr Gesicht.
Sie starrte auf ihr Handy, als hätte es ihr gerade eine schlechte Nachricht überbracht.
Dann griff sie nach ihrer Tasse.
Der Henkel blieb an ihrer Tasche hängen.
Die Tasse kippte.
Der Kaffee lief über den Tisch.
Und ein beträchtlicher Teil davon über meine Hose.
Wir erstarrten beide.
Katrin wurde kreidebleich.
„Um Gottes willen.“
Ich sprang auf.
„Alles gut.“
„Nein, nichts ist gut. Ihre Hose!“
„Die wollte sowieso mal Kaffee kennenlernen.“
Sie schaute mich an.
Für zwei Sekunden wusste sie nicht, ob ich scherzte.
Dann begann sie zu lachen.
Nicht laut.
Aber echt.
Und plötzlich musste ich ebenfalls lachen.
Sie holte Servietten.
Ich versuchte, den Schaden zu begrenzen.
Natürlich wurde dadurch alles nur schlimmer.
„Jetzt sieht es aus, als hätte ich mich auf eine Pfütze gesetzt“, sagte ich.
Katrin hielt sich die Hand vor den Mund.
„Es tut mir wirklich leid.“
„Dann dürfen Sie mir einen neuen Kaffee ausgeben.“
Sie tat es.
Wir setzten uns zusammen.
Nur für fünf Minuten, dachte ich.
Es wurden fast vierzig.
Sie hieß Katrin Bergmann, war 53 und arbeitete selbstständig als Buchhalterin für kleinere Betriebe.
Geschieden.
Keine Kinder.
Sie mochte alte Kriminalfilme, Flohmärkte und Erdbeerkuchen ohne Sahne.
Sie hasste laute Restaurants und Menschen, die im Supermarkt ihren Einkaufswagen quer in den Gang stellten.
Ich mochte sie sofort.
Nicht auf diese dramatische Art, von der Menschen erzählen, wenn sie Jahrzehnte später ihre Kennenlerngeschichte ausschmücken.
Es gab keinen Blitz.
Keine Musik.
Nur dieses seltene Gefühl, mit jemandem sprechen zu können, ohne vorher jeden Satz zurechtlegen zu müssen.
Als wir gingen, sagte sie: „Danke, dass Sie nicht böse geworden sind.“
„Wegen Kaffee?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Manche Menschen brauchen weniger.“
Ich dachte später oft über diesen Satz nach.
Wir verabschiedeten uns.
Ich erwartete nicht, sie wiederzusehen.
Zwei Tage danach rief Tante Hannelore an.
„Freitagabend. Sechs Uhr. Abendessen bei mir.“
„Warum?“
„Weil ich gekocht habe.“
„Das erklärt noch nicht, warum ich kommen muss.“
„Thomas.“
Wenn Hannelore meinen Namen so aussprach, war Widerstand zwecklos.
Am Freitag stand ich also vor ihrer Reihenhausküche.
Es roch nach Rinderrouladen und Rotkohl.
Ich zog die Schuhe aus, ging ins Esszimmer und blieb stehen.
Katrin saß am Tisch.
Sie hatte ein Glas Wasser in der Hand.
Als sie mich sah, wurden ihre Augen groß.
„Sie?“
„Sie!“
Tante Hannelore grinste.
Dieses Grinsen gefiel mir überhaupt nicht.
„Ihr kennt euch schon?“
„Sie hat mich mit Kaffee übergossen.“
„Aus Versehen!“, protestierte Katrin.
Aus der Küche kam eine zweite Frau.
Ende siebzig, kleine Statur, silbernes Haar.
Katrins Mutter, Ingrid.
Sie und Hannelore kannten sich seit über vierzig Jahren aus einem ehemaligen Kegelverein.
Und offenbar hatten die beiden Damen beschlossen, dass unsere Privatleben dringend ihrer Leitung bedurften.
„Setzt euch“, sagte Ingrid.
Ich setzte mich nicht.
„Was ist hier los?“
Katrin murmelte: „Ich glaube, wir wollen beide dieselbe Antwort.“
Hannelore faltete die Hände.
„Wir haben eine Idee.“
Das waren vier Wörter, vor denen man sich nach dem fünfzigsten Geburtstag besonders hüten sollte.
Die Idee war absurd.
Katrins jüngere Schwester Sabine heiratete zum zweiten Mal.
Mit 49.
Die ganze Familie sollte für ein Wochenende in einem Landgasthof im Harz zusammenkommen.
Tanten, Cousins, Schwager, erwachsene Nichten.
Katrin hatte jahrelang erlebt, dass ihre Familie jede ihrer Entscheidungen kommentierte.
Warum sie nach der Scheidung nicht wieder geheiratet hatte.
Warum sie allein wohnte.
Warum sie so viel arbeitete.
Ob sie denn niemanden habe.
Ob sie nicht irgendwann einsam werde.
„Manchmal“, sagte Katrin, „habe ich das Gefühl, eine Frau über fünfzig darf alles sein. Solange sie nicht zufrieden allein ist.“
Ich verstand sofort.
Bei mir war es ähnlich.
Meine Familie würde am selben Wochenende ebenfalls dort sein.
Hannelore hatte herausgefunden, dass Sabines Bräutigam entfernt mit unserer Verwandtschaft verschwägert war.
So war aus zwei Feiern eine große geworden.
Und nun saßen wir hier.
„Ihr geht einfach gemeinsam hin“, sagte Hannelore.
Ich lachte.
Niemand sonst lachte.
„Ihr sagt, ihr seid seit ein paar Monaten zusammen“, erklärte Ingrid.
„Ein Wochenende“, ergänzte Hannelore. „Dann habt ihr eure Ruhe.“
„Das ist verrückt.“
Katrin sah auf ihren Teller.
„Ja.“
Dann sah sie mich an.
„Aber vielleicht funktioniert es.“
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