Ein fremdes Mädchen fragte den erfolgreichen Geschäftsmann am Flughafen, ob er auch verloren sei – wenige Minuten später änderte er sein ganzes Leben
„Entschuldigung … sind Sie auch verloren?“
Thomas Berger hob den Kopf.
Vor ihm stand ein kleines Mädchen in einem viel zu großen roten Mantel. Auf dem Kopf trug sie eine beige Wollmütze mit zwei kleinen Katzenohren. Ein mintgrüner Rucksack hing schief über einer Schulter.
Ihre Unterlippe zitterte.
Thomas sah sich automatisch um.
Menschen liefen an ihnen vorbei. Rollkoffer ratterten über den glatten Boden. Aus den Lautsprechern kamen Durchsagen über verspätete Flüge, geänderte Gates und herrenlose Gepäckstücke.
Niemand schien das Mädchen zu bemerken.
„Wie meinst du das?“, fragte er.
Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Ich finde meine Mama nicht.“
Thomas spürte, wie etwas in ihm zusammenzuckte.
Er war 58 Jahre alt und hatte fast sein gesamtes Erwachsenenleben damit verbracht, für jede Situation eine Lösung zu haben.
Probleme wurden analysiert.
Zahlen wurden geprüft.
Verträge wurden verhandelt.
Menschen wurden angerufen.
Termine wurden verschoben.
Und jetzt saß er hier auf einem Flughafen in Frankfurt und wusste plötzlich nicht einmal, was man einem weinenden Kind sagen sollte.
Vor drei Wochen war seine Scheidung rechtskräftig geworden.
Seine Frau Claudia hatte nach 31 gemeinsamen Jahren aufgehört, auf eine Veränderung zu warten.
Seine Tochter Anna, 27, hatte seit fast sieben Monaten nicht mehr mit ihm gesprochen.
Und Thomas selbst sollte eigentlich nach Hamburg fliegen, um den größten Geschäftsabschluss seiner Karriere vorzubereiten.
Zumindest hatte er sich das heute Morgen noch eingeredet.
Er trug einen anthrazitfarbenen Anzug, maßgeschneiderte Schuhe und eine Uhr, die mehr gekostet hatte als sein Vater früher in mehreren Monaten verdient hatte.
Sein Vater.
Bei dem Gedanken musste Thomas beinahe bitter lächeln.
Karl Berger hatte Zeit seines Lebens in einer kleinen Werkstatt gearbeitet.
Seine Hände waren immer rau gewesen.
Unter den Fingernägeln hatte sich selbst sonntags manchmal noch dunkler Schmutz versteckt.
Doch wenn Thomas als Kind nachts Angst gehabt hatte, war dieser Mann gekommen.
Egal, wie früh er am nächsten Morgen aufstehen musste.
Karl hatte sich einfach auf die Bettkante gesetzt.
„Solange jemand bei dir sitzt“, hatte er immer gesagt, „ist die Welt schon halb so schlimm.“
Thomas hatte diesen Satz jahrzehntelang nicht mehr gehört.
Jetzt fiel er ihm ausgerechnet hier wieder ein.
Er ging langsam vor dem Mädchen in die Hocke.
Seine Knie knackten leise.
„Wie heißt du?“
„Leni.“
„Hallo, Leni. Ich bin Thomas.“
Ein einzelner Tränentropfen lief ihr über die Wange.
Thomas griff automatisch in die Innentasche seines Sakkos.
Dort fand er ein ordentlich gefaltetes Stofftaschentuch.
Claudia hatte sich früher immer darüber lustig gemacht.
„Du bist der letzte Mensch Deutschlands, der so etwas benutzt.“
Das hatte sie gesagt.
Später hatte Anna als Teenager dieselben Taschentücher heimlich eingesteckt, wenn sie erkältet gewesen war.
Thomas reichte Leni eines.
„Weißt du noch, wo du deine Mama zuletzt gesehen hast?“
Das Mädchen zeigte in Richtung einer Reihe von Automaten.
„Da.“
„Und dann?“
„Sie wollte unsere Zettel holen.“
Boardingkarten, dachte Thomas.
„Und du solltest warten?“
Leni nickte.
„Aber da war ein Hund.“
Natürlich.
Thomas musste trotz allem kurz lächeln.
„Und du bist dem Hund hinterher?“
Sie nickte wieder.
Diesmal senkte sie schuldbewusst den Kopf.
„Nur ganz kurz.“
Thomas kannte dieses „nur ganz kurz“.
Anna hatte es mit fünf gesagt, nachdem sie auf einem Sommerfest verschwunden war, weil sie irgendwo Luftballons gesehen hatte.
Damals hatte Claudia sie gefunden.
Nicht er.
Thomas war nämlich nicht dort gewesen.
Er hatte an einem Samstag gearbeitet.
Wie an so vielen Samstagen.
Er streckte Leni seine Hand entgegen.
„Dann machen wir Folgendes. Wir gehen zusammen zur Information. Dort kann jemand deine Mama ausrufen lassen.“
Leni betrachtete seine Hand.
Thomas bemerkte plötzlich, wie absurd diese Situation war.
Seit Jahren hatte er niemandem mehr einfach so die Hand angeboten.
Nicht ohne Hintergedanken.
Nicht zum Vertragsabschluss.
Nicht zur Begrüßung.
Nicht als höfliche Geste.
Sondern nur, weil jemand sie brauchte.
Leni legte ihre kleine Hand in seine.
Ihre Finger waren warm.
„Du gehst aber nicht weg?“
Thomas schluckte.
„Nein.“
Das Wort kam schneller, als er gedacht hatte.
„Ich bleibe bei dir, bis wir deine Mama gefunden haben.“
Sie gingen los.
Thomas war normalerweise einer dieser Männer, die durch Flughäfen marschierten, als gehörten ihnen die nächsten zwanzig Meter Boden.
Schneller Schritt.
Telefon am Ohr.
Blick auf die Uhr.
Menschen vor ihm waren Hindernisse.
Heute ging er langsam.
Leni brauchte fast zwei Schritte für jeden seiner Schritte.
Nach wenigen Metern fragte sie:
„Fliegst du auch zu deiner Mama?“
„Nein.“
„Zu deinem Papa?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Mein Papa lebt schon lange nicht mehr.“
Leni sah kurz auf den Boden.
„Meine Oma sagt, Menschen sind trotzdem noch da, wenn man sich an sie erinnert.“
Thomas sah zu ihr hinunter.
„Deine Oma klingt klug.“
„Ist sie auch.“
Ein paar Sekunden gingen sie schweigend weiter.
Dann fragte Leni:
„Wohin fliegst du?“
„Nach Hamburg.“
„Warum?“
„Arbeit.“
„Wohnst du da?“
„Nein.“
„Kennst du da jemanden?“
Thomas wollte antworten.
Doch plötzlich merkte er, wie merkwürdig die Wahrheit klang.
„Nicht wirklich.“
Leni dachte kurz nach.
„Dann ist das bestimmt langweilig.“
Thomas lachte leise.
Ein echtes Lachen.
Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm das zuletzt passiert war.
„Manchmal schon.“
„Meine Mama sagt, zu viel Arbeiten macht Menschen knurrig.“
„Das sagt sie?“
„Ja. Sie sagt das über Onkel Jens.“
Thomas grinste.
„Vielleicht hat deine Mama recht.“
Leni schwang ihre verbundenen Hände ein wenig hin und her.
„Bist du oft allein?“
Die Frage kam so beiläufig, dass sie Thomas unvorbereitet traf.
Ein Erwachsener hätte sie niemals gestellt.
Jedenfalls nicht nach fünf Minuten.
Thomas sah geradeaus.
„In letzter Zeit ziemlich oft.“
Leni nickte, als hätte sie gerade etwas bestätigt bekommen.
„Das dachte ich.“
„Woran hast du das gesehen?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Du hast so geguckt.“
„Wie habe ich denn geguckt?“
„Als würdest du irgendwohin wollen, aber nicht wissen, wohin.“
Thomas blieb beinahe stehen.
Er schaute das Mädchen an.
Vier oder fünf Jahre alt, schätzte er.
Vielleicht gerade alt genug, um ihren eigenen Namen zu schreiben.
Und trotzdem hatte sie mit einem Satz etwas beschrieben, wozu Thomas selbst seit Jahren nicht in der Lage gewesen war.
Er war nicht verloren, weil er sein Gate nicht fand.
Er war verloren, weil er drei Jahrzehnte lang immer nur wusste, wohin er als Nächstes musste.
Aber nie gefragt hatte, warum.
Sie erreichten den Informationsschalter.
Dahinter saß eine Frau um die sechzig mit kurzem grauem Haar und einer Lesebrille an einer Kette.
Ihr Blick fiel sofort auf Leni.
„Na, wen haben wir denn da?“
Thomas wollte gerade erklären, was passiert war.
Da hörten sie einen Schrei.
„LENI!“
Das Mädchen erstarrte.
Dann riss es seine Hand aus Thomas’ Griff.
„Mama!“
Eine Frau Anfang dreißig kam durch die Menge gerannt.
Jeans.
Turnschuhe.
Dunkelblauer Pullover.
Die Haare hastig zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Ihr Gesicht war kalkweiß.
Als Leni ihr entgegenlief, sank die Frau beinahe auf die Knie.
Sie zog ihre Tochter an sich.
„Mein Gott, Leni.“
Ihre Stimme brach.
„Mein Gott.“
Sie hielt das Mädchen so fest, dass ihre Hände zitterten.
„Ich habe doch gesagt, du sollst dort bleiben.“
„Da war ein Hund.“
„Ach, Schatz.“
Die Frau küsste ihr immer wieder den Kopf.
„Mach das nie wieder. Bitte.“
Thomas trat einen Schritt zurück.
Die Sache war erledigt.
Das war sein Moment zu verschwinden.
Er konnte zurück zu seinem Platz.
Den Laptop öffnen.
Noch einmal die Präsentation prüfen.
Seinem Kollegen schreiben.
Vielleicht einen Kaffee bestellen.
Wieder der Mann werden, der er vor zehn Minuten gewesen war.
Dann zeigte Leni auf ihn.
„Mama, das ist Thomas.“
Die Frau sah auf.
„Er hat mich gefunden.“
„Eigentlich hast du mich gefunden“, sagte Thomas.
Leni schüttelte energisch den Kopf.
„Nein. Ich habe dich gefragt, ob du verloren bist.“
Ihre Mutter sah zwischen ihnen hin und her.
„Was?“
Leni sagte völlig ernst:
„Thomas war auch verloren. Nur anders.“
Thomas spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.
Die Frau stand langsam auf.
„Ich bin Miriam.“
Sie streckte ihm die Hand entgegen.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“
„Sie müssen nichts sagen.“
„Doch.“
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