Ein Mädchen mit nur fünf Euro stellte einem Fremden eine Frage – danach veränderte sich alles

Sie hatte nur fünf Euro für den Geburtstagskuchen ihrer Mutter – doch eine einzige Frage an einen fremden Mann veränderte drei Leben für immer

„Entschuldigung“, sagte das Mädchen und sah zu dem fremden Mann im dunklen Mantel hinauf. „Sind Sie traurig?“

Im Laden wurde es plötzlich still.

Hannelore Bergmann, die seit fast vierzig Jahren hinter der Theke ihrer kleinen Konditorei stand, hielt mitten in der Bewegung inne. Der Mann ebenfalls.

Er sah aus, als hätte ihm seit Jahren niemand mehr eine so einfache Frage gestellt.

„Ich… wie bitte?“

„Sie sehen traurig aus“, wiederholte das Mädchen. „So schaut meine Mama manchmal, wenn sie denkt, ich merke es nicht.“

Der Mann schluckte.

Zehn Minuten zuvor hatte Hannelore geglaubt, das ungewöhnlichste Ereignis dieses Nachmittags würde darin bestehen, einem kleinen Mädchen erklären zu müssen, warum fünf Euro nicht für eine Geburtstagstorte reichten.

Sie hatte sich geirrt.

Die Konditorei lag an einer Ecke in der Altstadt, zwischen einem Änderungsschneider und einem Laden, in dessen Schaufenster seit gefühlt zwanzig Jahren dieselben Porzellanfiguren standen.

Früher hatte Hannelores Mann den Laden geführt.

Nach seinem Tod war sie geblieben.

„Was soll ich denn zu Hause?“, hatte sie ihren Kindern gesagt, als sie ihr zum siebzigsten Geburtstag vorgeschlagen hatten, endlich kürzerzutreten.

Sie brauchte morgens das Geräusch der Bleche.

Den Geruch von Kaffee, Butter und warmer Schokolade.

Sie brauchte Menschen.

Auch wenn sie das nie so gesagt hätte.

An diesem Nachmittag hatte die Ladenglocke geklingelt, und ein Mädchen war hereingekommen.

Vielleicht sieben Jahre alt.

Hellbraune Haare, zwei etwas schiefe Zöpfe und eine geblümte Strickjacke, deren Ärmel ein kleines bisschen zu lang waren.

Unter dem Arm trug sie einen Stoffbeutel.

Sie blieb vor der Kuchentheke stehen und betrachtete die Torten, als stünden dort Kronjuwelen.

Hannelore wusste sofort, dass dieses Kind nicht zu jenen gehörte, die beim Bäcker auf alles zeigten und riefen: „Das will ich!“

Das Mädchen schaute vorsichtig.

Fast ehrfürchtig.

„Na, junge Dame“, sagte Hannelore. „Suchst du etwas Bestimmtes?“

Das Mädchen nickte.

„Einen Geburtstagskuchen.“

„Für dich?“

„Für meine Mama. Sie hat morgen Geburtstag.“

Sie zog den Stoffbeutel vor den Bauch.

„Sie wird dreißig.“

Hannelore lächelte.

„Und was mag deine Mama?“

„Schokolade. Sehr.“

Das Mädchen überlegte.

„Und Blumen. Aber echte Blumen sind teuer. Also vielleicht Blumen auf dem Kuchen?“

Hannelore spürte dieses vertraute Ziehen im Herzen, das sie manchmal bekam, wenn Kinder sich älter anhörten, als sie sein sollten.

„Das bekommen wir bestimmt hin. Wie heißt du?“

„Emma.“

„Und deine Mama?“

„Katharina.“

Emma trat näher an die Glasvitrine.

Dort standen kleine Obsttörtchen, Käsekuchen, Sahneschnitten und zwei fertig dekorierte Torten.

Ganz oben auf einem Drehteller stand eine Schokoladentorte mit hellen Buttercremeblüten.

Emma zeigte darauf.

„Die.“

Hannelore sah hin.

Natürlich.

Ausgerechnet die.

Die Torte war für einen sechzigsten Geburtstag bestellt worden und sollte später abgeholt werden. Drei Schichten Schokoladenbiskuit, Creme, handgespritzte Rosen.

Preis: achtundsechzig Euro.

„Die wäre perfekt“, flüsterte Emma.

Dann öffnete sie ihren Stoffbeutel.

Sie holte ein Portemonnaie heraus, das aussah, als hätte es einmal einem Erwachsenen gehört.

Daraus zog sie einen Fünf-Euro-Schein.

Sie strich ihn glatt.

„Ich habe fünf Euro.“

Hannelore sagte zunächst nichts.

„Drei Monate gespart“, fügte Emma stolz hinzu. „Von meinem Taschengeld.“

Hannelore wandte sich kurz zur Kaffeemaschine.

Nicht weil dort etwas zu tun gewesen wäre.

Sie musste nur einen Moment überlegen.

Fünf Euro.

In ihrer Kindheit hätte ihre Mutter gesagt: „Das Geld wächst nicht auf Bäumen.“

Später, während der knappen Jahre mit zwei Kindern und dem Kredit für die Konditorei, hatte Hannelore selbst jeden Pfennig und später jeden Euro zweimal umgedreht.

Sie wusste, was fünf Euro sein konnten.

Für jemanden mit viel Geld waren es Münzen zwischen Autositz und Mittelkonsole.

Für jemand anderen waren es drei Monate Vorfreude.

„Weißt du was“, begann Hannelore. „Wir schauen mal, was wir daraus machen können.“

In diesem Moment klingelte die Tür.

Der Mann kam herein.

Ende dreißig vielleicht.

Guter Mantel, gute Schuhe, aber keine Spur von dem selbstzufriedenen Auftreten, das Hannelore bei manchen Geschäftsleuten kannte.

Dieser Mann wirkte müde.

Nicht so müde, wie Menschen nach einer langen Schicht müde aussehen.

Anders.

Als hätte er seit Jahren etwas getragen, das niemand sehen konnte.

Er stellte sich hinter Emma und wartete.

Da drehte Emma sich um.

Sah ihn an.

Und stellte ihre Frage.

„Sind Sie traurig?“

Hannelore wollte schon eingreifen.

„Emma, so etwas fragt man doch nicht…“

Doch der Mann hob die Hand.

Dann ging er langsam in die Hocke.

„Weißt du was?“, sagte er. „Ja. Ich glaube, ich bin tatsächlich ein bisschen traurig.“

Emma nickte, als wäre damit etwas Wichtiges geklärt.

„Vermissen Sie jemanden?“

Der Mann lächelte schwach.

„Woher weißt du das?“

„Ihre Augen.“

Mehr sagte sie nicht.

Der Mann sah für einen Moment auf den Boden.

„Dann hast du gute Augen.“

„Ich heiße Emma.“

„Ich bin Martin.“

„Warum sind Sie hier?“

Martin deutete auf die Theke.

„Eigentlich wollte ich mir nur etwas Süßes holen.“

„Weil Sie traurig sind?“

Hannelore musste sich ein Lächeln verkneifen.

Martin ebenfalls.

„Vielleicht.“

Emma hielt ihm plötzlich den Fünf-Euro-Schein hin.

„Ich kaufe meiner Mama einen Geburtstagskuchen.“

Martin betrachtete das Geld.

Dann die Torte.

Dann Hannelore.

„Diese dort?“

Emma nickte begeistert.

„Mit Schokolade und Blumen.“

Martin verstand sofort.

Hannelore sah es seinem Gesicht an.

„Aber fünf Euro reichen wahrscheinlich nicht“, sagte Emma leiser. „Frau Bergmann überlegt gerade.“

Martin blieb einen Augenblick still.

Dann setzte er sich auf den freien Stuhl neben dem Fenster.

„Weißt du, Emma… heute habe ich auch Geburtstag.“

Emmas Mund stand offen.

„Wirklich?“

„Neununddreißig.“

„Dann brauchen Sie doch selbst einen Kuchen!“

„Das dachte ich eigentlich auch.“

Er zog sein Portemonnaie hervor.

„Aber ich habe eine bessere Idee.“

Emma wurde misstrauisch.

„Welche?“

„Wir werden Kuchenpartner.“

„Was ist das?“

„Keine Ahnung. Ich habe es gerade erfunden.“

Hannelore lachte.

Martin zeigte auf die Schokoladentorte.

„Du gibst deine fünf Euro dazu. Ich bezahle den Rest. Deine Mama bekommt die Torte. Und ich sage einfach, dass das auch mein Geburtstagskuchen war.“

Emma runzelte die Stirn.

„Aber dann essen Sie gar nichts davon.“

„Muss ich nicht.“

„Das ist doch unfair.“

Martin sah sie lange an.

„Vielleicht macht es mich heute glücklicher, wenn deine Mama den Kuchen bekommt.“

Emma dachte darüber nach.

Kinder können sehr lange über Dinge nachdenken, bei denen Erwachsene längst glauben, die Antwort zu kennen.

Schließlich streckte sie Martin die Hand hin.

„Aber meine fünf Euro gehören dazu.“

„Abgemacht.“

Sie schüttelten sich ernst die Hände.

Martin legte den Fünf-Euro-Schein auf die Theke und reichte Hannelore seine Karte.

„Die Torte bitte.“

Hannelore zögerte.

„Die ist eigentlich bestellt.“

„Dann machen Sie uns eine andere.“

„Das dauert.“

„Ich habe Zeit.“

Hannelore sah ihn an.

Irgendetwas in seiner Stimme verriet, dass das normalerweise nicht stimmte.

Ein Mann wie er hatte vermutlich nie Zeit.

Heute offenbar schon.

Hannelore verschwand in der Backstube.

Sie hatte noch einen Schokoladenboden vorbereitet. Sahne war da, Creme auch.

Und wenn sie etwas in vierzig Jahren gelernt hatte, dann, dass manche Torten nicht nach Rezept entstehen.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen