„Mama, bitte … können wir nicht wieder reingehen?“
Katharina Weber zog ihre vierjährige Tochter enger an sich.
Mia zitterte trotz der roten Winterjacke. Eine Hand lag an ihrem linken Ohr, die andere klammerte sich an Katharinas abgewetzten Handschuh.
„Gleich, Mäuschen“, sagte Katharina.
Es war eine jener Lügen, die Eltern manchmal erzählen, weil die Wahrheit zu schwer wäre.
Denn Katharina wusste überhaupt nicht, was sie jetzt tun sollte.
In ihrer Manteltasche steckte ein Rezept.
Daneben ein zerknitterter Kassenzettel mit einer Zahl, die ihr seit einer halben Stunde nicht mehr aus dem Kopf ging:
63,40 Euro.
Nicht viel Geld für manche Menschen.
Für Katharina bedeuteten 63,40 Euro an diesem Freitag Ende Januar den Unterschied zwischen einem halbwegs gefüllten Kühlschrank und trockenem Brot in der letzten Woche des Monats.
Vor allem aber bedeuteten sie die Frage, ob sie ihrer kranken Tochter sofort die Medikamente besorgen konnte.
Mia hatte seit drei Tagen Fieber.
In der vergangenen Nacht war sie immer wieder weinend aufgewacht.
„Mein Ohr tut so weh.“
Katharina hatte ihr einen kühlen Waschlappen auf die Stirn gelegt, sie getragen, beruhigt und irgendwann selbst im Sitzen neben dem Kinderbett geschlafen.
Am Morgen hatte sie ihre Schicht in einem kleinen Gasthaus abgesagt und war mit Mia zur Klinik gefahren.
Vier Stunden hatten sie gewartet.
Dann zehn Minuten Untersuchung.
Akute Mittelohrentzündung.
Nichts Lebensbedrohliches, hatte der Arzt gesagt.
Aber etwas, das behandelt werden musste.
Das Problem war nicht die Behandlung.
Das Problem war ein bürokratisches Durcheinander mit der Krankenversicherung.
Seit der Trennung von ihrem Mann liefen einige Unterlagen falsch. Eine neue Versicherungskarte war noch nicht angekommen, eine alte Zuordnung war gesperrt worden, und niemand konnte Katharina an diesem Freitag verbindlich sagen, wann alles geklärt sein würde.
„Sie bekommen das vermutlich zurück“, hatte man ihr erklärt.
Vermutlich.
Dieses Wort half ihr nicht.
Die Apotheke verlangte zunächst die Zahlung.
63,40 Euro.
Katharina hatte 71 Euro auf dem Konto.
Bis zum Monatsende waren es noch neun Tage.
Zu Hause lagen zwei Briefe ungeöffnet auf dem Küchentisch.
Einer vom Stromanbieter.
Einer vom Vermieter.
Den zweiten kannte sie eigentlich schon, ohne ihn geöffnet zu haben.
Die Miete war im vergangenen Monat wieder drei Tage zu spät gekommen.
Seit ihr Mann vor anderthalb Jahren gegangen war, rechnete Katharina ihr Leben nicht mehr in Monaten.
Sie rechnete in Tagen.
Noch vier Tage bis zum Lohn.
Noch sechs Tage bis zur Miete.
Noch zwei Packungen Nudeln.
Noch drei Waschmaschinenladungen Waschmittel.
Noch 18 Euro Bargeld.
Sie arbeitete morgens in einer Bäckerei und an drei Abenden in der Woche in einem Gasthaus.
Keine große Karriere.
Aber sie hatte nie verlangt, dass jemand ihr etwas schenkte.
Das hatte sie von ihrer Mutter gelernt.
Ihre Mutter hatte jahrzehntelang in einer Wäscherei gearbeitet und immer gesagt:
„Solange du zwei gesunde Hände hast, stehst du wieder auf.“
Katharina hatte diesen Satz geliebt.
Inzwischen hasste sie ihn manchmal.
Denn was tat man, wenn man immer wieder aufstand und trotzdem nicht vom Fleck kam?
Der Sozialdienst der Klinik konnte ihr frühestens Montag helfen.
Heute war Freitag.
Mias Ohr wartete nicht bis Montag.
Deshalb saßen sie jetzt draußen auf einer Betonbank neben dem Seiteneingang der Klinik.
Katharina hatte gehofft, noch irgendeine Lösung zu finden.
Vielleicht jemanden anzurufen.
Vielleicht ihr Handy zu verkaufen.
Vielleicht ihre Nachbarin Frau Krüger zu fragen.
Doch Frau Krüger war 74 und lebte selbst von einer kleinen Rente.
Katharina konnte dieser Frau, die ihr manchmal einen Topf Kartoffelsuppe vor die Tür stellte, nicht auch noch Geld abnehmen.
„Mama?“
Mia sah sie mit glasigen Augen an.
„Ja?“
„Bist du traurig wegen mir?“
Katharina schluckte.
„Nein. Niemals wegen dir.“
„Aber du hast geweint.“
„Der Wind.“
Mia sah sie lange an.
Kinder glaubten vieles.
Aber nicht alles.
„Du darfst traurig sein“, sagte sie schließlich.
Dieser einfache Satz traf Katharina härter als jeder Mahnbrief.
Sie drehte den Kopf weg.
In diesem Augenblick fiel ein Schatten über die Bank.
„Entschuldigen Sie.“
Katharina blickte auf.
Vor ihr stand ein Mann, vielleicht Mitte vierzig.
Dunkler Wollmantel.
Saubere Schuhe.
Ein weißes Hemd unter einem grauen Pullover.
Kein Schal, obwohl es bitterkalt war.
Er sah aus wie jemand, der sein Leben im Griff hatte.
Genau die Sorte Mensch, vor der Katharina sich in den vergangenen Monaten immer unwohler gefühlt hatte.
Menschen, die nach einem Gespräch mit dem Steuerberater über „Probleme“ klagten.
Menschen, deren Probleme wahrscheinlich darin bestanden, dass die neue Küche später geliefert wurde.
Der Mann deutete auf die Bank.
„Darf ich?“
Katharina zuckte mit den Schultern.
„Ist eine öffentliche Bank.“
Er setzte sich mit etwas Abstand neben sie.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte er:
„Warten Sie auf jemanden?“
„Nein.“
„Sie sitzen schon ziemlich lange hier.“
Katharina blickte ihn scharf an.
„Beobachten Sie uns?“
Der Mann hob leicht die Hände.
„Nein. Ich bin zweimal durch diesen Eingang gekommen. Sie waren beide Male hier.“
„Uns geht es gut.“
Das sagte sie automatisch.
So wie Erwachsene „alles gut“ sagen, wenn nichts gut ist.
Der Mann schaute zu Mia.
Nicht neugierig.
Nicht mitleidig.
Einfach aufmerksam.
„Das Ohr?“, fragte er.
Mia nickte.
„Tut doll weh.“
„Das glaube ich.“
Er sprach mit ihr nicht in diesem albernen Ton, den manche Erwachsene bei kleinen Kindern benutzten.
Er nahm sie ernst.
„Warst du beim Arzt?“
Wieder nickte Mia.
Dann sagte sie:
„Mama kann meine Medizin nicht kaufen.“
Katharina spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde.
„Mia.“
„Aber das hast du doch gesagt.“
Der Mann schwieg.
Katharina hätte am liebsten im Boden versinken können.
Da saß sie.
31 Jahre alt.
Mutter.
Zwei Jobs.
Und ihre Tochter erklärte einem fremden Mann, dass ihre Mutter kein Geld für Medikamente hatte.
„Wir regeln das“, sagte Katharina schnell.
„Natürlich“, antwortete der Mann.
Dieser Ton machte sie noch wütender.
Ruhig.
Freundlich.
Fast zu freundlich.
„Sie müssen sich nicht kümmern.“
„Ich muss nicht“, sagte er.
„Aber vielleicht möchte ich.“
Katharina lachte bitter.
„Warum?“
Er antwortete nicht sofort.
„Was fehlt Ihnen?“
„Nichts.“
„Das stimmt nicht.“
Da riss etwas in ihr.
Vielleicht war es die Müdigkeit.
Vielleicht Mias Fieber.
Vielleicht der ungeöffnete Brief zu Hause.
Vielleicht einfach die Tatsache, dass seit Monaten jeder Mensch von ihr verlangte, vernünftig, organisiert und belastbar zu sein.
„Wissen Sie was?“
Ihre Stimme begann zu zittern.
„Ich habe zwei Jobs. Ich zahle meine Rechnungen, so gut ich kann. Ich habe keine teuren Sachen. Wir waren seit drei Jahren nicht im Urlaub. Ich rauche nicht. Ich gehe nicht feiern. Ich kaufe Mias Sachen meistens gebraucht.“
Der Mann sagte nichts.
„Und trotzdem sitze ich hier und rechne darüber nach, ob ich die Medizin für mein Kind bezahle oder ob wir nächste Woche genug zu essen haben.“
Jetzt liefen die Tränen.
Katharina wischte sie wütend weg.
„Es gibt irgendeinen Fehler mit den Versicherungsunterlagen. Man sagt mir, das wird geklärt. Irgendwann. Die Apotheke braucht aber heute Geld.“
Sie zog den zerknitterten Zettel aus der Tasche.
„63 Euro und 40 Cent.“
Sie lachte wieder.
Diesmal klang es fast wie ein Schluchzen.
„Lächerlich, oder?“
Der Mann betrachtete sie.
„Nein.“
„Für Sie wahrscheinlich schon.“
Sein Blick fiel kurz auf seine Schuhe.
Katharina hatte recht.
Sie sahen teuer aus.
„Vielleicht.“
„Dann haben Sie Glück.“
„Ja“, sagte er.
So schlicht, dass Katharina verstummte.
Kein Rechtfertigen.
Kein „Ich habe auch hart gearbeitet“.
Nur:
„Ja.“
Dann zog er sein Telefon hervor.
„Wie heißt Ihre Tochter mit Nachnamen?“
Katharina runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Wie heißt sie?“
„Weber.“
Er stand auf und ging einige Schritte zur Seite.
Katharina hörte nur Bruchstücke.
„Martin Falk hier.“
Pause.
„Bitte prüfen Sie ein Rezept für Mia Weber.“
Wieder Pause.
„Nein. Nicht über irgendeinen Fonds.“
Er sah zu Katharina.
„Ich bezahle es.“
Katharina sprang auf.
„Moment mal.“
Er hob einen Finger, telefonierte weiter.
„Ja, heute. Sofort, bitte.“
Er legte auf.
„Was machen Sie da?“
„Die Medikamente werden gebracht.“
Katharina starrte ihn an.
„Nein.“
„Warum nein?“
„Weil ich Sie nicht kenne.“
„Das stimmt.“
„Und ich nehme kein Geld von Fremden.“
Martin Falk steckte sein Telefon ein.
„Dann nehmen Sie kein Geld.“
„Was?“
„Nehmen Sie die Medikamente für Ihre Tochter.“
„Das ist dasselbe.“
„Für Mia vermutlich nicht.“
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