45 Minuten wartete er vergeblich auf sein Blind Date – dann stand plötzlich ihre kleine Tochter vor ihm

Er wartete 45 Minuten auf sein Blind Date – dann stand plötzlich ein vierjähriges Mädchen neben seinem Tisch und stellte eine einzige Frage

„Entschuldigung … bist du der Matthias?“

Matthias Keller hob den Kopf.

Neben seinem Tisch stand ein kleines Mädchen mit blonden Haaren, die schief zu einem Pferdeschwanz gebunden waren. Ihr dunkelrotes Kleid hatte am Saum einen kleinen Fleck, und in beiden Händen hielt sie einen Stoffhasen, dessen linkes Ohr nur noch an ein paar Fäden hing.

Matthias starrte sie an.

„Ja“, sagte er langsam. „Ich bin Matthias.“

Das Mädchen nickte ernst.

„Meine Mama sagt, es tut ihr leid.“

Matthias sah automatisch auf seine Armbanduhr.

19.47 Uhr.

Seit fast einer Dreiviertelstunde saß er allein an diesem Tisch in einem kleinen gehobenen Restaurant am Rand der Nürnberger Altstadt.

Vor ihm stand ein halb leeres Glas Mineralwasser.

Die Stoffserviette lag noch immer unberührt auf seinem Schoß.

Eigentlich hatte er gerade zahlen und gehen wollen.

Seine Schwester Claudia hatte ihn zu diesem Abend überredet.

„Nur ein Abend, Matthias“, hatte sie gesagt. „Du bist 46. Du kannst nicht bis zur Rente zwischen Büro, Tiefgarage und deinem leeren Haus pendeln.“

„Ich bin zufrieden.“

Claudia hatte gelacht.

Nicht freundlich.

Eher so, wie Geschwister lachen, wenn sie eine Lüge schon seit Jahren kennen.

„Du bist beschäftigt. Das ist etwas anderes.“

Matthias hatte das Gespräch damals beendet.

Aber der Satz war geblieben.

Beschäftigt.

Ja.

Das war er.

Seit dem Tod seines Vaters leitete Matthias eine mittelständische Firma für Unternehmenssoftware, die sein Vater drei Jahrzehnte zuvor mit drei Mitarbeitern in einer ehemaligen Autowerkstatt gegründet hatte.

Heute arbeiteten dort fast zweihundert Menschen.

Matthias kannte jede Kennzahl.

Jeden großen Auftrag.

Jede Kostenstelle.

Er wusste, welche Abteilung ihr Jahresziel verfehlte und welcher Kunde seit neun Tagen auf ein Angebot wartete.

Was er nicht wusste, war, wann er zuletzt an einem Freitagabend jemanden angerufen hatte, nur weil er dessen Stimme hören wollte.

Sein Vater hatte früher immer gesagt:

„Ein Mann muss etwas aufbauen, das bleibt.“

Matthias hatte das sehr ernst genommen.

Vielleicht zu ernst.

Er hatte die Firma ausgebaut.

Das alte Familienhaus behalten.

Die Werkzeuge seines Vaters nie weggeworfen.

Sogar dessen Mantel hing noch hinten im Flurschrank.

Nur war aus all dem irgendwann kein Vermächtnis geworden.

Sondern ein Museum.

Ein sehr stilles Museum.

Deshalb hatte er nach zwei Wochen Diskussion mit Claudia diesem Blind Date zugestimmt.

Die Frau hieß Anna Berger.

42 Jahre.

Kinderkrankenschwester.

„Herzlich, klug, bodenständig“, hatte Claudia gesagt.

Mehr wollte Matthias gar nicht wissen.

Er war fünfzehn Minuten zu früh gekommen.

Natürlich.

Pünktlichkeit war für ihn keine Tugend, sondern beinahe eine körperliche Notwendigkeit.

Um 19.15 Uhr hatte er gedacht, Anna stehe vielleicht im Verkehr.

Um 19.30 Uhr hatte er beschlossen, nicht beleidigt zu sein.

Um 19.40 Uhr hatte er begonnen, sich lächerlich zu fühlen.

Jetzt stand dieses Kind neben ihm.

„Deine Mama?“, fragte er.

„Ja.“

„Und wo ist sie?“

Das Mädchen zeigte zur Eingangstür.

„Draußen.“

Matthias runzelte die Stirn.

„Warum ist sie draußen und du hier?“

Das Kind biss sich auf die Unterlippe.

„Weil sie gesagt hat, wir fahren wieder.“

„Wir?“

„Mama und ich.“

Matthias blinzelte.

Das Mädchen hob den Stoffhasen ein wenig hoch.

„Und Hugo.“

Matthias musste trotz allem lächeln.

„Natürlich. Hugo auch.“

Er griff nach seinem Handy.

Stummgeschaltet.

Auf dem Display standen vier verpasste Anrufe und mehrere Nachrichten von einer unbekannten Nummer.

18.34 Uhr:

Es tut mir furchtbar leid. In der Klinik ist etwas dazwischengekommen. Ich komme später.

19.08 Uhr:

Meine Betreuung für Marie hat gerade abgesagt. Ich versuche noch jemanden zu erreichen.

19.26 Uhr:

Es klappt nicht. Ich müsste meine Tochter mitbringen. Das ist wahrscheinlich völlig unpassend. Ich verstehe es, wenn Sie lieber verschieben möchten.

19.43 Uhr:

Wir stehen draußen. Bitte warten Sie nicht länger. Ich wollte mich wenigstens persönlich entschuldigen. Ich rufe morgen noch einmal an.

Matthias sah wieder zu dem Mädchen.

„Du heißt Marie?“

Sie nickte.

„Vier und fast fünf.“

„Fast fünf ist wichtig.“

„Sehr.“

„Und deine Mama weiß, dass du hier bist?“

Marie schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Matthias legte sofort die Serviette beiseite und stand auf.

„Dann sollten wir sie schnell finden, bevor sie denkt, du bist verschwunden.“

Marie streckte ihm ohne Zögern die Hand entgegen.

Matthias hielt kurz inne.

Dann nahm er sie.

Ihre Finger waren winzig.

Warm.

Und vollkommen selbstverständlich in seiner Hand.

Es war ein merkwürdiges Gefühl.

Nicht unangenehm.

Nur ungewohnt.

Marie führte ihn zwischen den Tischen hindurch zum Ausgang.

Vor dem Restaurant stand eine Frau mit dem Rücken zu ihnen.

Sie telefonierte hektisch.

Ihre braunen Haare waren hastig zu einem lockeren Knoten gebunden. Sie trug ein schlichtes dunkelblaues Kleid, flache Schuhe und eine Jacke über dem Arm.

„Claudia, ich weiß“, sagte sie ins Telefon. „Es war eine Katastrophe. Ich wollte wirklich kommen. Aber erst der Notfall, dann Frau Reuter, dann—“

Sie drehte sich um.

Ihr Gesicht verlor innerhalb einer Sekunde jede Farbe.

„Marie!“

Das Mädchen grinste.

„Mama, das ist Matthias.“

Anna Berger beendete das Gespräch, ohne sich zu verabschieden.

„Wo warst du?“

Sie ging sofort in die Hocke und nahm ihre Tochter an den Schultern.

„Du kannst doch nicht einfach irgendwo hineingehen! Was habe ich dir gesagt?“

„Aber er saß da.“

„Marie.“

„Und er sah traurig aus.“

Anna schloss für einen Moment die Augen.

Dann richtete sie sich auf.

„Herr Keller … es tut mir so leid.“

„Matthias reicht.“

„Das macht es gerade nicht weniger peinlich.“

Sie fuhr sich über die Stirn.

Jetzt, aus der Nähe, sah Matthias, wie müde sie war.

Nicht die gepflegte Müdigkeit aus Zeitschriftenwerbung.

Echte Müdigkeit.

Ein leichter Schatten unter den Augen.

Ein winziger heller Fleck auf der Schulter ihres Kleides, vielleicht vom Desinfektionsmittel.

Eine Strähne klebte an ihrer Wange.

Und trotzdem dachte Matthias plötzlich, dass Claudia zumindest mit einem Punkt recht gehabt hatte.

Anna hatte etwas Warmes.

Etwas Ungekünsteltes.

„Meine Schwester hat Sie vermutlich vor einem netten, unkomplizierten Abend gewarnt“, sagte er.

Anna lachte kurz und erschöpft.

„Ihre Schwester hat behauptet, Sie seien sehr geduldig.“

„Das war Rufschädigung.“

Zum ersten Mal entspannte sich Annas Gesicht.

Marie sah zwischen den beiden hin und her.

„Bist du wirklich nett?“

Anna wurde rot.

„Marie!“

Matthias sah das Kind an.

„Ich bemühe mich.“

Marie dachte darüber nach.

Dann sagte sie: „Gut.“

Als wäre damit eine Prüfung bestanden.

Anna nahm ihre Tochter an der Hand.

„Wir fahren jetzt. Wirklich. Sie haben lange genug gewartet. Ich wollte nur nicht, dass Sie denken, ich hätte Sie einfach sitzen lassen.“

Matthias hätte zustimmen können.

Ein höfliches „Kein Problem“.

Ein Händedruck.

Vielleicht eine Nachricht am nächsten Tag.

Das wäre vernünftig gewesen.

Sauber.

Unkompliziert.

So wie er sein Leben seit Jahren organisierte.

Doch dann sah er auf Marie.

Das Mädchen drückte den abgenutzten Stoffhasen an die Brust und gähnte.

Dann sah er Anna an.

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