Matthias sagte nichts.
Anna zuckte mit den Schultern.
„Ich kann es ihnen nicht einmal verdenken. Ein Kind bedeutet Termine. Krankheiten. abgesagte Abende. Keine spontanen Wochenenden. Und manchmal schläft jemand um halb neun auf dem Sofa ein, während man eigentlich einen romantischen Film sehen wollte.“
Marie schaute hoch.
„Ich?“
„Manchmal.“
„Aber ich schnarche nicht.“
Matthias sah Anna an.
„Das klingt alles ziemlich normal.“
Anna lächelte traurig.
„Für jemanden mit Kind vielleicht.“
„Und für jemanden ohne?“
„Da weiß ich es nicht.“
Matthias lehnte sich zurück.
„Dann finde ich es heraus.“
Anna musterte ihn kurz, sagte aber nichts.
„Und du?“, fragte sie schließlich. „Claudia sagte nur, du arbeitest mit Computern.“
Matthias musste lachen.
„Das ist ihre Version.“
„Ist sie falsch?“
„Nicht völlig.“
Er erklärte, dass er eine Firma leitete, die Software für mittelständische Betriebe entwickelte.
Er erwähnte nicht, wie groß die Firma inzwischen war.
Nicht, wie viel das Unternehmen wert war.
Nicht, dass sein Haus vermutlich größer war als das gesamte Mietshaus, in dem Anna wohnte.
Geld veränderte Gespräche.
Das hatte Matthias früh gelernt.
Menschen hörten anders zu, sobald sie wussten, welche Zahlen auf einem Konto standen.
Und für diesen Abend wollte er einfach Matthias sein.
„Und du arbeitest in der Kinderklinik?“, fragte er.
Anna nickte.
„Seit siebzehn Jahren.“
„War das der Grund für die Verspätung?“
Sie seufzte.
„Ein Notfall kurz vor Schichtende. Nichts Dramatisches mehr, zum Glück. Aber ich wollte nicht gehen, bevor alles geregelt war.“
„Warum entschuldigst du dich dann überhaupt?“
Anna zog die Augenbrauen hoch.
„Weil man jemanden nicht 45 Minuten warten lässt.“
„Ein Notfall ist ein Notfall.“
„Du klingst wie jemand, der selbst noch nie einen Termin verpasst hat.“
„Ich bin tatsächlich noch nie 45 Minuten zu spät gekommen.“
Anna begann zu lachen.
Nicht höflich.
Richtig.
Marie machte sofort mit, obwohl sie wahrscheinlich nicht verstand, worum es ging.
Matthias merkte, wie sich etwas in ihm löste.
Das Essen kam.
Marie erklärte ihm währenddessen ausführlich, dass im Kindergarten ein Junge namens Ben behauptet habe, Dinosaurier könnten noch irgendwo im Wald leben.
„Könnten sie?“, fragte Matthias.
„Nein“, sagte Anna.
„Vielleicht“, sagte Matthias gleichzeitig.
Marie strahlte.
Anna schüttelte den Kopf.
„Jetzt habe ich monatelange Diskussionen vor mir.“
„Man muss offenbleiben.“
„Bei Dinosauriern in Mittelfranken?“
„Gerade da.“
Später erzählte Marie von einem Bild, das sie gemalt hatte.
Ein Haus.
Eine Sonne.
Mama.
Hugo.
Und ein Mann ohne Gesicht.
Anna wurde kurz still.
Matthias fragte nicht nach.
Doch Marie tat es selbst.
„Das sollte mal mein Papa werden. Aber ich weiß nicht, wie er aussieht.“
Anna legte ihre Hand auf die ihrer Tochter.
Matthias spürte, wie sich die Stimmung veränderte.
„Marie’s Vater ist gegangen, bevor sie geboren wurde“, sagte Anna leise.
„Er wollte kein Kind.“
Matthias sah Marie an.
Sie beschäftigte sich bereits wieder mit einer Nudel.
Als wäre dieses Loch in ihrer Geschichte etwas Alltägliches geworden.
„Es tut mir leid“, sagte er.
Anna schüttelte den Kopf.
„Wir kommen zurecht.“
Dieser Satz traf Matthias mehr als jede dramatische Erklärung.
Wir kommen zurecht.
Seine Mutter hatte ihn früher oft gesagt.
Als sein Vater monatelang fast jede Nacht in der Firma gewesen war.
Als das Geld knapp gewesen war.
Als sie krank geworden war.
Wir kommen zurecht.
Menschen, die diesen Satz sagten, kamen meistens tatsächlich zurecht.
Nur selten fragte jemand, welchen Preis sie dafür bezahlten.
„Und du?“, fragte Anna.
„Nie verheiratet?“
„Nein.“
„Kinder?“
„Auch nein.“
„Warum?“
Matthias sah auf seinen Teller.
Vor zwanzig Jahren hätte er gesagt: keine Zeit.
Vor zehn Jahren: die Richtige noch nicht getroffen.
Heute klang beides billig.
„Ich glaube, ich habe mein Leben immer auf später verschoben.“
Anna sagte nichts.
Also redete er weiter.
„Mein Vater hat die Firma gegründet. Meine Mutter starb, als ich Anfang zwanzig war. Danach hat mein Vater sich völlig in die Arbeit gestürzt.“
„Und du mit ihm.“
„Ja.“
„Wann ist er gestorben?“
„Vor vier Jahren.“
„Und seitdem?“
Matthias zuckte mit den Schultern.
„Versuche ich, alles so weiterzuführen, wie er es getan hätte.“
Anna sah ihn lange an.
„Vielleicht ist das nicht dasselbe wie sein Andenken zu bewahren.“
Matthias hob den Blick.
„Wie meinst du das?“
„Ein Vermächtnis sollte dir etwas geben. Nicht dein ganzes Leben verlangen.“
Dieser Satz blieb hängen.
Das Gespräch wechselte.
Sie sprachen über alte Filme, die sie beide mochten.
Über Schallplatten.
Über Sonntage bei den Großeltern.
Über den Geruch von Apfelkuchen in einer Küche, in der immer dieselbe Wanduhr tickte.
Anna erzählte, dass ihre Mutter früher jede Woche Kartoffelsuppe gekocht hatte.
Matthias erzählte vom alten Radio seines Vaters, das jeden Samstagmorgen in der Werkstatt lief.
Dinge, die Menschen über fünfzig vielleicht belächeln würden.
Und doch waren es gerade diese kleinen Erinnerungen, die plötzlich eine Nähe schufen.
Als hätte man einander bereits irgendwo zwischen früher und heute gekannt.
Marie wurde langsam müde.
Ihre Worte wurden langsamer.
Ihr Kopf sank gegen Annas Arm.
„Ich bin nicht müde“, sagte sie.
Dann gähnte sie so kräftig, dass Matthias lachen musste.
Als die Rechnung kam, griff Anna nach ihrer Tasche.
„Wir teilen.“
„Nein.“
„Matthias.“
„Ich habe eingeladen.“
„Du hast zwei Personen mehr bekommen als erwartet.“
„Dann war es ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.“
Anna schnaubte.
„Du bist unmöglich.“
„Das höre ich selten.“
„Dann sagen dir deine Mitarbeiter nicht die Wahrheit.“
Matthias lachte.
Es war lange her, dass jemand so mit ihm gesprochen hatte.
Draußen war Marie bereits halb eingeschlafen.
Anna wollte mit der Straßenbahn nach Hause.
Matthias bot an, sie zu fahren.
Diesmal widersprach sie nur kurz.
Im Auto war Marie nach zwei Ampeln eingeschlafen.
Ihr Stoffhase lag auf ihrem Bauch.
Anna sah nach hinten.
„Sie schläft normalerweise nicht bei fremden Leuten im Auto.“
„Sollte ich mich geehrt fühlen?“
„Sehr.“
Eine Weile fuhren sie schweigend.
Dann sagte Anna:
„Danke.“
„Für das Essen?“
„Nein.“
Sie sah weiter aus dem Fenster.
„Dafür, dass du sie nicht behandelt hast, als wäre sie ein Problem.“
Matthias schluckte.
„Sie ist kein Problem.“
Anna nickte langsam.
„Das klingt selbstverständlich.“
„Ist es das nicht?“
„Nicht für jeden.“
Sie sagte das ohne Bitterkeit.
Gerade deshalb wirkte es umso schwerer.
Matthias brachte die beiden zu einem älteren Mietshaus in einem ruhigen Viertel.
Er half Anna, Marie nach oben zu tragen.
Die Wohnung war klein.
Vielleicht drei Zimmer.
Im Flur standen winzige Gummistiefel neben Annas Schuhen.
An der Wand hingen Kinderzeichnungen.
Auf einem Regal lagen Rechnungen, ein Kalender, Buntstifte und ein halb fertiges Puzzle durcheinander.
Nichts passte zusammen.
Und trotzdem fühlte sich die Wohnung lebendiger an als sein gesamtes Haus.
Matthias legte Marie vorsichtig aufs Sofa.
Das Mädchen murmelte etwas und zog Hugo an sich.
Anna deckte sie zu.
Dann standen beide einen Moment still da.
„Sie ist ein tolles Kind“, sagte Matthias.
Anna lächelte.
„Ja.“
An der Tür zögerte sie.
„Ich hatte einen schönen Abend.“
„Ich auch.“
„Trotz allem?“
„Wegen allem.“
Anna sah ihn überrascht an.
Matthias atmete einmal tief ein.
„Möchtest du mich wiedersehen?“
Ihr Lächeln verschwand nicht.
Aber es wurde vorsichtiger.
„Du solltest wissen, worauf du dich einlässt.“
„Das klingt bedrohlich.“
„Es wird abgesagte Treffen geben. Kindergartenfeste. Nächte mit Fieber. Vielleicht sitzt Marie plötzlich wieder mit am Tisch.“
Matthias dachte an das stille Haus.
An die unbenutzten Zimmer.
An seinen Vater.
An all die Jahre, in denen er geglaubt hatte, Verantwortung bedeute vor allem, möglichst wenig Unordnung zuzulassen.
„Anna“, sagte er.
„Vielleicht ist ein bisschen Unordnung genau das, was mir fehlt.“
Drei Tage später trafen sie sich wieder.
Diesmal bei einem Spaziergang.
Marie war bei Annas Mutter.
Beim dritten Treffen musste Anna absagen, weil Marie krank wurde.
Matthias brachte Suppe vorbei.
Beim vierten Treffen ging Marie mit.
Beim fünften ebenfalls.
Irgendwann hörte Matthias auf zu zählen.
Sie gingen in den Tiergarten.
Auf Weihnachtsmärkte.
In kleine Cafés.
Zu einem See, wo Marie stundenlang Steine ins Wasser warf und jeden einzelnen „Rekordstein“ nannte.
Anna kochte sonntags.
Matthias lernte, dass Knoblauch nicht „nach Gefühl“ bedeutet, eine ganze Knolle zu verwenden.
Marie lernte, dass Matthias bei „Mensch ärgere dich nicht“ erstaunlich schlecht verlieren konnte.
Und Matthias lernte etwas, das ihm kein Geschäftsbericht beigebracht hatte:
Ein gutes Leben ließ sich nicht planen wie ein Jahresbudget.
Manchmal bestand es aus Krümeln auf dem Sofa.
Aus Kinderzeichnungen am Kühlschrank.
Aus einem Anruf um 2.13 Uhr, weil jemand Fieber hatte.
Aus der Frage: „Kannst du heute früher kommen?“
Und der Entscheidung:
Ja.
Sechs Monate nach ihrem ersten Abend lud Matthias Anna und Marie zum ersten Mal zu sich nach Hause ein.
Anna blieb in der Eingangshalle stehen.
„Matthias …“
Er wusste sofort, was sie dachte.
Das Haus war groß.
Zu groß.
Sein Vater hatte es in den erfolgreichen Jahren gebaut.
Ein zweigeschossiges Haus mit Garten, Arbeitszimmer, Gästezimmern und einer Küche, in der problemlos eine Großfamilie Platz gehabt hätte.
Nur hatte dort seit Jahren niemand mehr als Matthias gegessen.
„Jetzt verstehe ich, warum du nie über deine Firma reden willst“, sagte Anna.
Matthias wurde nervös.
„Stört dich das?“
„Was?“
„Dass ich … mehr Geld habe, als du dachtest.“
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