Mitten im Schneesturm saß sie ohne Mantel an der Haltestelle – bis ein Witwer mit drei Kindern stehen blieb und ihr Leben veränderte
„Der letzte Bus ist vor zwanzig Minuten gefahren.“
Die Stimme kam von rechts, ruhig und vorsichtig. Katharina Berger hob den Kopf und sah einen Mann vor sich stehen, vielleicht Mitte vierzig, neben ihm drei dick eingepackte Kinder.
Sie wusste selbst, dass kein Bus mehr kommen würde.
Trotzdem sagte sie: „Ich weiß. Ich warte nur noch ein bisschen.“
Der Mann sah auf ihr dünnes Kleid, dann auf ihre nackten Hände. Schließlich auf die kleine braune Reisetasche neben ihr.
Er stellte keine weitere Frage.
Doch das Mädchen an seiner Seite tat es.
„Papa“, sagte sie leise. „Warum hat die Frau keine Jacke?“
Katharina wandte den Blick ab.
Vor drei Stunden hatte ihr Mann ihr die Scheidungspapiere auf den Küchentisch gelegt.
Vor zwei Stunden hatte er ihr gesagt, sie solle seine Wohnung verlassen.
Vor einer Stunde hatte sie noch geglaubt, sie würde irgendwo unterkommen.
Jetzt saß sie an einer Bushaltestelle am Stadtrand von Hannover und merkte, wie die Kälte langsam durch ihre Schuhe bis in die Knochen kroch.
Sie war 39 Jahre alt.
Das blonde Haar klebte ihr feucht an den Wangen. Ihr dunkelgrünes Kleid hatte sie morgens noch getragen, weil sie mit ihrem Mann einen Termin bei einer Ärztin gehabt hatte.
Es war kein Kleid für Dezember.
In der Tasche lagen zwei Pullover, Unterwäsche, einige Fotos ihrer verstorbenen Eltern, ein Kulturbeutel und die Papiere, die ihr bisheriges Leben beendeten.
Mehr hatte sie nicht mitnehmen dürfen.
„Du hast genug Zeit gehabt“, hatte Martin gesagt.
Dabei meinte er nicht das Packen.
Er meinte die vergangenen zwölf Jahre.
Zwölf Jahre Ehe.
Acht Jahre Kinderwunsch.
Unzählige Untersuchungen.
Hoffnung.
Enttäuschung.
Und irgendwann nur noch Schweigen.
Bei Katharina war festgestellt worden, dass eine natürliche Schwangerschaft äußerst unwahrscheinlich war.
Die Ärztin hatte von anderen Wegen gesprochen.
Von Behandlungen.
Von Adoption.
Von Pflegekindern.
Martin hatte damals noch ihre Hand gehalten.
Später hatte er begonnen, diese Hand immer seltener zu berühren.
„Ich wollte eine richtige Familie“, sagte er eines Abends.
Katharina hatte den Satz nie vergessen.
Sie hatte versucht, darüber hinwegzuhören.
Frauen ihrer Generation waren schließlich noch damit groß geworden, nicht wegen jedes verletzenden Satzes alles hinzuschmeißen.
Ihre Mutter hatte immer gesagt: „Eine Ehe hat schlechte Jahre. Man läuft nicht gleich davon.“
Also war Katharina geblieben.
Sie kochte.
Sie hielt die Wohnung sauber.
Sie kümmerte sich um Martins Vater, als dieser nach einer Operation Hilfe brauchte.
Sie sagte Treffen mit Freundinnen ab, weil Martin meinte, er wolle seine Frau abends bei sich haben.
Nach und nach wurde ihr Leben kleiner.
Und dann, an diesem Dezembernachmittag, hatte Martin ihr erzählt, dass es eine andere Frau gab.
Jünger.
Und, wie er mit einer Kälte sagte, die Katharina bis heute hören konnte:
„Bei ihr weiß ich wenigstens, dass eine Familie möglich ist.“
Katharina hatte ihn nur angesehen.
„Zwölf Jahre“, sagte sie.
„Katharina, mach es nicht noch schwerer.“
„Zwölf Jahre meines Lebens.“
Er seufzte.
Als wäre sie lästig.
Als hätte sie einen Termin unnötig verlängert.
Dann sagte er den Satz, der sie schließlich brechen ließ.
„Manche Menschen müssen akzeptieren, dass sie für bestimmte Dinge einfach nicht gemacht sind.“
Sie wusste genau, was er meinte.
Ehefrau.
Mutter.
Familie.
Alles, wovon Katharina seit ihrer Jugend geträumt hatte.
Sie packte ihre Tasche.
Martin stand im Flur und sah auf die Uhr.
Nicht einmal bis zur Haustür begleitete er sie.
Katharinas Eltern waren beide längst tot. Zu ihrer Schwester hatte sie seit einem Erbstreit kaum Kontakt, und ihre beste Freundin lebte inzwischen im Süden Deutschlands.
Sie rief bei mehreren Unterkünften an.
Alles voll.
Eine Mitarbeiterin sagte freundlich, sie solle es am nächsten Morgen noch einmal versuchen.
Katharina hatte knapp 280 Euro auf ihrem eigenen Konto.
Martin hatte die gemeinsamen Finanzen verwaltet.
Ein Hotel hätte das Geld innerhalb weniger Tage verschlungen.
Also landete sie schließlich dort.
An dieser Haltestelle.
Im Schnee.
Und vor ihr stand nun ein fremder Mann mit drei Kindern.
„Ich heiße Thomas“, sagte er. „Thomas Winter.“
Katharina antwortete nicht sofort.
„Das sind Lukas, Nele und Ben.“
Der älteste Junge hob kurz die Hand.
Das Mädchen in der roten Mütze lächelte vorsichtig.
Der kleinste Junge versteckte sich halb hinter seinem Vater.
Thomas zeigte auf den Fahrplan.
„Hier kommt heute wirklich nichts mehr.“
„Ich weiß.“
„Haben Sie jemanden, den Sie anrufen können?“
Katharina schüttelte den Kopf.
Thomas atmete langsam aus.
Dann tat er etwas, das sie völlig aus dem Konzept brachte.
Er ging ein paar Schritte zurück.
Nicht näher.
Zurück.
„Ich möchte nicht, dass Sie sich bedrängt fühlen“, sagte er. „Wir wohnen ungefähr zehn Minuten von hier. Sie könnten bei uns einen Tee trinken, sich aufwärmen und dann überlegen, wie es weitergeht.“
Katharina lachte bitter.
„Sie kennen mich überhaupt nicht.“
„Stimmt.“
„Ich könnte sonst wer sein.“
Thomas sah auf die drei Kinder.
Dann wieder zu ihr.
„Und ich könnte sonst wer sein. Deshalb dürfen Sie selbstverständlich Nein sagen.“
Nele zog an seinem Ärmel.
„Papa, sie zittert.“
„Ich sehe es.“
„Dann gib ihr wenigstens deine Jacke.“
Thomas lächelte müde.
„Meine Tochter führt bei uns meistens die Verhandlungen.“
Er zog seinen dunklen Wollmantel aus.
Katharina hob beide Hände.
„Nein.“
„Nur den Mantel.“
„Sie brauchen ihn selbst.“
„Ich habe einen dicken Pullover darunter.“
Er hielt ihr den Mantel hin.
„Bitte.“
Katharina wusste nicht, warum ausgerechnet dieses Wort sie traf.
Nicht die Einladung.
Nicht der Mantel.
Das Bitte.
Martin hatte seit Jahren nichts mehr so zu ihr gesagt.
Sie nahm den Mantel.
Er roch nach kalter Luft, Waschmittel und ein wenig nach Kaffee.
Als sie ihn um ihre Schultern legte, kamen ihr plötzlich die Tränen.
Sie versuchte, sie wegzuwischen.
Nele tat so, als würde sie es nicht sehen.
Das war vielleicht die freundlichste Geste von allen.
„Nur einen Tee“, sagte Katharina.
Thomas nickte.
„Nur einen Tee.“
Sein Haus lag in einer ruhigen Straße mit kleinen Vorgärten und alten Reihenhäusern. In einigen Fenstern standen noch Schwibbögen und Papiersterne.
Vor Thomas’ Haustür lehnte ein kleiner Schlitten.
Drinnen war es warm.
Nicht vornehm.
Nicht perfekt.
Einfach warm.
Im Flur standen vier Paar Schuhe durcheinander. An der Garderobe hing ein selbstgebastelter Adventskalender. Auf einer Kommode lagen Schulsachen, Handschuhe und ein einzelner Fußballschuh.
Katharina blieb stehen.
Nach Martins makellos aufgeräumter Wohnung wirkte dieses Chaos beinahe lebendig.
„Kinder, Schlafanzüge“, sagte Thomas.
„Aber—“
„Keine Diskussion.“
„Kakao?“
„Danach.“
Die drei rannten nach oben.
Thomas führte Katharina ins Wohnzimmer.
„Setzen Sie sich.“
Sie sank auf ein Sofa.
Er legte ihr eine Decke über die Knie.
Dann verschwand er und kam mit einem grauen Pullover, einer Jogginghose und dicken Wollsocken zurück.
„Die Sachen gehörten meiner Frau.“
Katharina sah ihn überrascht an.
Thomas schwieg einen Moment.
„Sie ist vor knapp zwei Jahren gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Danke.“
Er legte die Kleidung auf einen Sessel.
„Sie hätte nichts dagegen gehabt. Im Gegenteil.“
Katharina ging ins Bad.
Als sie das Kleid auszog, sah sie sich im Spiegel.
Verschmiertes Make-up.
Gerötete Augen.
Blasse Haut.
Eine Frau, die sie kaum wiedererkannte.
Sie dachte an ihre Mutter.
An deren Badezimmer mit den braunen Fliesen aus den Achtzigern.
An den Satz, den ihre Mutter immer gesagt hatte, wenn Katharina als junges Mädchen an sich zweifelte:
„Ein Mensch ist mehr als das, was andere in ihm sehen.“
Katharina hatte diesen Satz lange nicht mehr gehört.
Vielleicht zu lange.
In der Küche warteten heißer Kakao, belegte Brote und drei Kinder in Schlafanzügen.
„Ich dachte, Sie mögen vielleicht Käse“, sagte Thomas.
Katharina setzte sich.
„Danke.“
Sie nahm einen Bissen.
Dann noch einen.
Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war.
Die Kinder redeten durcheinander.
Ben erzählte von einem kaputten Schneemann.
Nele behauptete, ihr Bruder habe ihn absichtlich zerstört.
Lukas erklärte, physikalisch sei der Schneemann ohnehin instabil gewesen.
Thomas sagte nur: „Ich glaube, eure Gästin möchte nicht sofort in unsere Schneemannkrise hineingezogen werden.“
Katharina musste lachen.
Es war nur ein kurzes Lachen.
Aber alle vier sahen sie an.
Sie erschrak über sich selbst.
Seit wann hatte sie nicht mehr so gelacht?
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