Sie saß ohne Mantel im Schneesturm – dann blieb ein Witwer mit drei Kindern plötzlich vor ihr stehen

Lukas sah sie an.

„Mama hat gesagt, ich soll auf die beiden aufpassen.“

Katharinas Herz zog sich zusammen.

„Ich glaube nicht, dass sie meinte, dass du dafür aufhören sollst, Kind zu sein.“

Lukas schwieg.

Dann kamen ihm plötzlich Tränen.

Katharina legte den Arm um ihn.

Und zum ersten Mal verstand sie etwas, das Martin nie begriffen hatte.

Muttersein begann nicht im Körper.

Es begann dort, wo jemand die Angst eines Kindes ernst nahm.

Thomas bemerkte, wie selbstverständlich Katharina Teil des Hauses wurde.

Aber er bemerkte auch, wie sie selbst langsam wieder lebendig wurde.

Sie kaufte sich nach Monaten einen roten Mantel.

„Warum rot?“, fragte Nele.

Katharina betrachtete sich im Spiegel.

„Weil ich jahrelang immer nur unauffällige Farben getragen habe.“

„Rot ist besser.“

„Finde ich inzwischen auch.“

Katharina meldete sich außerdem für einen berufsbegleitenden Kurs im Bereich Pädagogik an.

Früher hatte sie einmal Erzieherin werden wollen.

Dann hatte sie Martin kennengelernt.

„Wozu willst du arbeiten?“, hatte er gesagt. „Wenn wir Kinder haben, bist du sowieso zu Hause.“

Die Kinder waren nie gekommen.

Die Ausbildung auch nicht.

Jetzt saß Katharina abends am Küchentisch und lernte.

Thomas stellte ihr manchmal wortlos eine Tasse Kaffee hin.

Er fragte nie, wann sie fertig wurde.

Er sagte nie, sie solle etwas für ihn erledigen.

Er respektierte ihre Zeit.

Diese kleinen Dinge verwirrten Katharina anfangs mehr als große Gesten.

Respekt hatte in ihrer Ehe immer einen Preis gehabt.

Bei Thomas schien er selbstverständlich zu sein.

Eines Abends kam er von einem Geschäftstermin zurück und war ungewöhnlich still.

„Schlechter Tag?“, fragte Katharina.

„Große Chance.“

„Das klingt nicht schlecht.“

„Ist kompliziert.“

Ein Auftraggeber wollte, dass Thomas sechs Monate lang ein Projekt in Hamburg begleitete.

Finanziell wäre es ein großer Schritt.

Aber er müsste häufig mehrere Tage am Stück dort sein.

„Mach es“, sagte Katharina.

Thomas lachte.

„Und die Kinder?“

„Wir organisieren es.“

„Katharina—“

„Du hast mir beigebracht, die bessere Frage zu stellen.“

Er runzelte die Stirn.

„Nicht: Warum geht es nicht?“

Sie lächelte.

„Sondern: Wie kann es gehen?“

Thomas sah sie lange an.

Dann setzte er sich.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Katharina spürte sofort, dass sich etwas verändert hatte.

„Was?“

„Und bevor ich es sage: Du bist mir nichts schuldig.“

Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

„Thomas.“

Er rieb nervös seine Hände aneinander.

„Ich habe mich in dich verliebt.“

Katharina sagte nichts.

„Ich weiß, dass unsere Situation kompliziert ist.“

Er sprach schneller.

„Ich bin formal dein Arbeitgeber. Du bist nach einer schweren Ehe hierhergekommen. Deshalb möchte ich keinerlei Druck erzeugen.“

Katharina spürte Tränen in den Augen.

Thomas fuhr fort.

„Aber ich will auch nicht so tun, als wärst du für mich nur jemand, der Termine organisiert und Brotdosen packt.“

Er sah sie an.

„Ich liebe die Art, wie du Ben zuhörst. Wie du Nele Mut machst. Wie du Lukas daran erinnerst, dass er kein Ersatzvater sein muss.“

Katharina weinte jetzt.

„Ich liebe, wie du manchmal beim Kochen alte Schlager mitsummst und behauptest, du würdest das gar nicht tun.“

Sie lachte unter Tränen.

„Und ich liebe, dass dieses Haus seit deiner Ankunft wieder leichter geworden ist.“

Thomas streckte nicht sofort die Hand aus.

Er wartete.

Katharina legte ihre Hand schließlich auf seine.

„Ich habe Angst.“

„Das verstehe ich.“

„Ich weiß nicht, ob ich noch einmal jemandem vertrauen kann.“

„Dann vertrau mir heute nur für heute.“

Sie sah ihn an.

„Und morgen?“

„Morgen entscheiden wir neu.“

Katharina atmete tief ein.

„Ich glaube, ich liebe dich auch.“

Thomas schloss kurz die Augen.

„Glaubst du?“

„Gut.“

Sie lächelte.

„Ich liebe dich.“

Dann wurde sie wieder ernst.

„Aber ich kann dir keine Kinder schenken.“

Thomas sah sie beinahe verwundert an.

„Katharina.“

„Das wird sich nie ändern.“

„Ich habe drei Kinder.“

„Ich weiß.“

„Nein.“

Er nahm nun ihre Hand.

„Du musst wirklich verstehen, was ich meine.“

Er zeigte in Richtung Treppe.

„Da oben schlafen drei Kinder. Ich brauche keine Frau, die mir eine Familie schenkt.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Ich habe eine Familie.“

Katharina hielt den Atem an.

„Was mir gefehlt hat, ist jemand, mit dem ich diese Familie teilen möchte.“

Sie begann wieder zu weinen.

Diesmal nicht aus Scham.

„Martin hat mich glauben lassen, ich wäre weniger wert.“

Thomas schüttelte den Kopf.

„Dann hat Martin sich geirrt.“

„So einfach?“

„Nein.“

Thomas sah sie ernst an.

„Für dich wird es wahrscheinlich nicht einfach sein, das wieder zu verlernen.“

Er drückte ihre Hand.

„Aber du musst seine Stimme nicht für den Rest deines Lebens in deinem Kopf wohnen lassen.“

Der Satz blieb.

Monatelang.

Jahrelang.

Katharina und Thomas gingen es langsam an.

Sie sorgten dafür, dass ihre Arbeitsvereinbarung sauber getrennt wurde.

Katharina fand später eine eigene Stelle in einer Kindertagesstätte und setzte ihre Ausbildung fort.

Sie blieb im Haus.

Aber nicht mehr, weil sie keinen anderen Ort hatte.

Sie blieb, weil sie sich dafür entschied.

Zwei Jahre nach jener Nacht an der Bushaltestelle machte Thomas ihr einen Antrag.

Nicht in einem Restaurant.

Nicht mit Musik.

Nicht vor Publikum.

An einem Sonntagmorgen.

Katharina stand in der Küche und fluchte, weil ihr Hefeteig nicht aufging.

Thomas kam herein, legte eine kleine Schachtel neben das Mehl und sagte:

„Ich möchte noch sehr viele Sonntage mit misslungenem Hefeteig verbringen.“

Katharina starrte ihn an.

„Das ist dein Antrag?“

„Ich hatte etwas Romantischeres vorbereitet.“

„Und?“

„Dann ist mir eingefallen, dass das hier mehr nach uns klingt.“

Sie öffnete die Schachtel.

„Ja.“

Thomas blinzelte.

„Du hast den Ring noch nicht einmal angesehen.“

„Ich heirate dich doch nicht wegen des Rings.“

Nele, die offenbar hinter der Tür gelauscht hatte, stürmte herein.

„Sie hat Ja gesagt!“

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