Ein Mädchen vor seinem Tor sagte nur sechs Worte – und ein erfolgreicher Mann begriff, wie leer sein Leben geworden war
„Wir haben seit gestern nichts gegessen.“
Matthias Berger blieb mitten auf dem Gehweg stehen.
Nicht wegen der Frau, die zusammengesunken an der Sandsteinmauer neben seinem schmiedeeisernen Tor lehnte. Nicht wegen des Schnees, der sich auf ihren ungekämmten Haaren gesammelt hatte.
Sondern wegen des Mädchens.
Vielleicht sechs Jahre alt. Zwei schiefe blonde Zöpfe, ein viel zu dünner roter Mantel und ein abgewetzter Stoffhase, den sie mit beiden Armen an die Brust drückte.
Das Kind sah ihn nicht bittend an.
Es sah ihn ernst an.
Viel zu ernst für ein Kind.
Matthias war zweiundfünfzig Jahre alt und hatte gelernt, an Problemen vorbeizugehen, die nicht seine waren.
So hatte er es sich zumindest eingeredet.
Seine mittelständische Immobilienfirma beschäftigte mehr als hundert Menschen. Jeden Morgen lagen neue Verträge auf seinem Schreibtisch, Beschwerden auf seinem Telefon und Zahlenkolonnen in seinem Postfach.
Er war verantwortlich.
Das sagte er sich gern.
Verantwortlich für Mitarbeiter. Für Projekte. Für Kredite. Für Termine.
Und deshalb, so hatte er irgendwann beschlossen, konnte er nicht auch noch für die ganze Welt verantwortlich sein.
An diesem Dezemberabend kam er wieder einmal viel zu spät aus dem Büro.
Nur zwei Straßen trennten sein Firmengebäude von der alten Stadtvilla, die er fünf Jahre zuvor nach seiner Scheidung gekauft hatte.
Zwölf Zimmer.
Hohe Decken.
Ein Treppenhaus aus dunklem Holz.
Ein Esszimmer, in dem ein Tisch für zehn Personen stand, obwohl Matthias fast immer allein aß.
Seine Mutter hatte beim ersten Besuch nur den Kopf geschüttelt.
„Junge, wozu brauchst du so viel Haus?“
Matthias hatte gelächelt.
„Ich mag Platz.“
Seine Mutter hatte ihn lange angesehen.
„Platz ist nicht dasselbe wie Leben.“
Damals hatte ihn der Satz geärgert.
Jetzt, vor seinem Tor, fiel er ihm plötzlich wieder ein.
Das Mädchen zitterte.
„Wo ist dein Vater?“, fragte Matthias.
Sie senkte die Augen.
„Der wohnt nicht mehr bei uns.“
Matthias blickte zur Frau an der Mauer.
„Und deine Mutter? Kann sie mich hören?“
Das Mädchen kniete sich neben sie.
„Mama?“
Keine Antwort.
Sie berührte vorsichtig die Hand ihrer Mutter.
„Mama, der Mann fragt was.“
Die Frau öffnete kurz die Augen, brachte aber nur ein kaum verständliches Geräusch hervor.
Matthias ging näher.
Jetzt sah er, dass ihre Lippen bläulich wirkten. Ihr Atem ging flach. Der dünne Pullover unter ihrer offenen Jacke war stellenweise feucht vom Schnee.
„Wie lange sitzt ihr schon hier?“
Das Mädchen zuckte mit den Schultern.
„Seit es dunkel ist.“
„Warum seid ihr nicht irgendwo hineingegangen?“
„Wir waren bei zwei Stellen.“
Sie kannte die Namen nicht.
„Da waren schon zu viele Leute.“
Matthias schluckte.
„Wie heißt du?“
„Lena.“
„Und deine Mutter?“
„Katharina.“
„Lena, hör mir gut zu. Ich wohne direkt hinter diesem Tor. Wir bringen deine Mutter jetzt hinein. Danach holen wir Hilfe.“
Zum ersten Mal veränderte sich ihr Gesicht.
„In Ihr Haus?“
„Ja.“
„Dürfen wir das?“
Diese Frage traf ihn härter als alles zuvor.
Nicht: Können wir?
Sondern: Dürfen wir?
Als müsste ein frierendes Kind noch um Erlaubnis bitten, nicht auf einem Bürgersteig sitzen zu müssen.
„Natürlich dürft ihr.“
Er zog sein Telefon heraus und rief den Rettungsdienst.
Dann ging er neben Katharina in die Hocke.
„Frau … Katharina? Können Sie mich hören?“
Ihre Lider bewegten sich.
„Meine Tochter …“
„Sie ist hier.“
Mehr musste er nicht sagen.
Katharina verlor wieder das Bewusstsein.
Matthias hob sie vorsichtig hoch.
Er erschrak.
Sie war erschreckend leicht.
Lena lief dicht neben ihm her und hielt den Stoffhasen so fest, dass ihre kleinen Finger weiß wurden.
Als Matthias die Haustür aufstieß, schlug ihnen warme Luft entgegen.
Im Flur roch es nach Bohnerwachs, Kaffee und dem Eintopf, den Frau Krüger am Nachmittag gekocht hatte.
Frau Krüger war seit vier Jahren seine Haushaltshilfe.
Sie war achtundsechzig, verwitwet und besaß die seltene Fähigkeit, Matthias mit einem einzigen Blick zu zeigen, wenn sie etwas für Unsinn hielt.
Als sie aus der Küche kam, blieb sie wie angewurzelt stehen.
Matthias stand dort mit einer bewusstlosen fremden Frau auf den Armen.
Daneben ein zitterndes Kind.
„Um Himmels willen.“
„Frau Krüger, Decken. Bitte. Und etwas lauwarmes Wasser.“
Sie stellte keine Frage.
Das war einer der Gründe, weshalb Matthias sie schätzte.
Zwei Minuten später lag Katharina auf dem großen Sofa, in mehrere Decken gewickelt.
Lena stand daneben.
„Stirbt Mama?“
Frau Krüger erstarrte.
Matthias kniete sich zu dem Mädchen.
„Die Ärzte kümmern sich gleich um sie.“
„Aber stirbt sie?“
Er hätte sagen können, dass er das nicht wusste.
Stattdessen legte er vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.
„Wir tun jetzt alles, damit sie wieder gesund wird.“
Lena nickte.
Kinder akzeptieren manchmal Antworten, von denen Erwachsene wissen, dass sie keine Antworten sind.
Matthias sah auf ihre feuchten Schuhe.
„Wann hast du zuletzt gegessen?“
„Gestern.“
„Was?“
„Müsli.“
„Und danach?“
Sie schüttelte den Kopf.
Frau Krüger drehte sich wortlos um und ging in die Küche.
Wenige Minuten später saß Lena an dem riesigen Küchentisch vor einer Schale warmer Kartoffelsuppe.
Sie aß zuerst langsam.
Dann schneller.
Viel schneller.
Matthias musste wegsehen.
Er dachte an die Geschäftsessen der vergangenen Woche.
An halbvolle Teller, die zurück in die Küche gegangen waren.
An eine Flasche Wein, deren Preis ungefähr dem entsprach, wovon andere Familien mehrere Wochen Lebensmittel kauften.
Plötzlich kam ihm sein ganzes Leben grotesk vor.
Der Rettungswagen traf kurz darauf ein.
Die Sanitäter arbeiteten konzentriert.
Unterkühlung.
Verdacht auf schwere Lungenentzündung.
Katharina musste sofort in die Klinik.
Als die Trage aus dem Haus geschoben wurde, sprang Lena vom Stuhl.
„Ich komme mit Mama!“
Matthias nahm ihren Mantel.
„Ich fahre mit dir.“
Frau Krüger sah ihn überrascht an.
Er sah es.
Natürlich sah er es.
Matthias Berger verschob keine Termine.
Matthias Berger verließ keine Arbeit wegen fremder Menschen.
Matthias Berger plante.
Er kalkulierte.
Er entschied.
Und nun stand er mitten in seiner Küche und versuchte einem kleinen Mädchen einen Schal ordentlich umzulegen.
„Zu fest?“
Lena schüttelte den Kopf.
Im Krankenhaus saßen sie fast zwei Stunden unter grellem Licht.
Lena schlief irgendwann an Matthias‘ Seite ein.
Ihr Kopf lag gegen seinen Oberarm.
Den Stoffhasen hielt sie noch immer fest.
Matthias wagte kaum, sich zu bewegen.
Eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes kam auf ihn zu.
Sie stellte Fragen.
Wer er sei.
In welchem Verhältnis er zu dem Kind stehe.
Ob Verwandte bekannt seien.
„In keinem“, sagte Matthias.
„Ich habe die beiden vor meinem Haus gefunden.“
Die Frau runzelte die Stirn.
„Dann müssen wir für die Nacht eine offizielle Unterbringung für das Kind klären.“
Matthias sah Lena an.
Selbst im Schlaf wirkte ihr Gesicht angespannt.
„Kann sie nicht bei mir bleiben?“
„Sie sind nicht mit ihr verwandt.“
„Das weiß ich.“
„Wir haben Vorschriften.“
Früher hätte Matthias diesen Satz akzeptiert.
Vorschriften waren ihm vertraut.
Verträge.
Zuständigkeiten.
Unterschriften.
Doch diesmal schüttelte er den Kopf.
„Dann prüfen Sie mich.“
„Wie bitte?“
„Was immer nötig ist. Meine Personalien. Mein Haus. Meine Vorgeschichte. Rufen Sie wen immer Sie anrufen müssen.“
Die Mitarbeiterin musterte ihn.
„Warum wollen Sie das?“
Matthias blickte wieder auf das schlafende Mädchen.
„Weil sie heute genug fremde Räume gesehen hat.“
Es dauerte lange.
Es wurden Telefonate geführt.
Formulare ausgefüllt.
Am Ende durfte Lena für diese Nacht unter vorläufigen Bedingungen mit Matthias fahren, während die weiteren Schritte mit ihrer Mutter geklärt werden sollten.
Als er sie heimtrug, wachte sie kurz auf.
„Sind wir bei Ihnen?“
„Ja.“
„Ist Mama noch da?“
„Im Krankenhaus.“
„Kommt sie wieder?“
„Das hoffe ich.“
Lena schwieg.
Dann fragte sie:
„Kann Hasi auch im Bett schlafen?“
Matthias musste beinahe lachen.
Nicht weil es lustig war.
Sondern weil es so normal klang.
„Hasi bekommt den besten Platz.“
Frau Krüger hatte inzwischen ein Gästezimmer vorbereitet.
Frische Bettwäsche.
Eine Wärmflasche.
Eine kleine Lampe auf dem Nachttisch.
Und auf einem Stuhl lag ein alter gestrickter Schal.
„Von meiner Enkelin“, sagte Frau Krüger.
„Für morgen.“
Lena schlief innerhalb weniger Minuten ein.
Matthias blieb noch eine Weile im Türrahmen stehen.
Dann ging er hinunter.
Sein Wohnzimmer war plötzlich wieder still.
Wie jeden Abend.
Aber diesmal fühlte sich die Stille anders an.
Nicht angenehm.
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