An Heiligabend fragte ein obdachloser Junge nur nach dem Weihnachtsmann – dann blieb ein Fremder plötzlich stehen

An Heiligabend fragte ein kleiner Junge nur, ob der Weihnachtsmann seine neue Adresse kennt – und veränderte damit das Leben eines einsamen Geschäftsmanns

„Entschuldigen Sie … können Sie dem Weihnachtsmann sagen, dass wir umgezogen sind? Sonst findet er mich heute Nacht vielleicht nicht.“

Martin Berger blieb wie angewurzelt stehen.

Vor ihm saß ein kleiner Junge auf einer kalten Steinstufe, eine abgewetzte Stofffigur fest an die Brust gedrückt. Neben ihm hockte seine Mutter zwischen zwei Reisetaschen und einem alten Koffer.

Es war Heiligabend.

Und die beiden hatten kein Zuhause mehr.

Martin war 43 Jahre alt und Geschäftsführer einer erfolgreichen Finanzberatung in Frankfurt. Er trug einen dunklen Maßanzug, eine teure Uhr und Schuhe, die für Schneematsch ungefähr so geeignet waren wie ein Klavier für einen Campingurlaub.

Normalerweise hätte er in diesem Moment längst in seinem Wagen gesessen.

Normalerweise hätte er weggesehen.

Darin war er gut geworden.

Sehr gut sogar.

Seit fast zwanzig Jahren bestand sein Leben aus Besprechungen, Zahlen, Verträgen und Kalendern, in denen jede Viertelstunde einen Zweck hatte.

Er hatte eine Eigentumswohnung mit Blick über die Dächer der Stadt, zwei Gästezimmer, die nie benutzt wurden, einen Weinkühlschrank, obwohl er fast nie Besuch bekam, und einen Esstisch für acht Personen, an dem meistens nur sein Laptop stand.

Seine Eltern lebten seit einigen Jahren am Bodensee.

Seine Schwester war mit ihrer Familie über Weihnachten bei den Schwiegereltern in Österreich.

Und seine letzte ernsthafte Beziehung war vor drei Jahren zerbrochen.

„Du bist mit deiner Firma verheiratet“, hatte Claudia damals gesagt.

Martin hatte geantwortet, das sei Unsinn.

Drei Monate später war sie ausgezogen.

Seitdem hatte er Weihnachten entweder gearbeitet oder behauptet, arbeiten zu müssen.

Auch diesmal hatte er bis kurz nach 19 Uhr im Büro gesessen, obwohl außer ihm längst niemand mehr da gewesen war.

Er hatte E-Mails sortiert, Zahlen kontrolliert und Unterlagen geprüft, die problemlos bis Januar hätten warten können.

Alles war besser, als nach Hause zu fahren und festzustellen, wie still 180 Quadratmeter sein konnten.

Als er das Bürogebäude verließ, fiel dichter Schnee.

Auf den Fensterbänken gegenüber standen kleine elektrische Sterne. Aus einer Seitenstraße roch es nach gebrannten Mandeln und irgendwo läuteten Kirchenglocken.

Martin zog sein Handy heraus, um einen Fahrdienst zu bestellen.

Dann bemerkte er die beiden.

Die junge Frau saß auf den Stufen eines leer stehenden Altbaus nebenan.

Vielleicht Ende zwanzig.

Blonde Haare, zu einem lockeren Zopf gebunden. Ein beiger Wintermantel, an dessen Ärmel sich eine Naht gelöst hatte.

Der Junge neben ihr trug eine rote Jacke, eine grüne Wollmütze und viel zu große Handschuhe.

Er musste ungefähr vier sein.

Vielleicht fünf.

Er schaute begeistert in den Himmel, als säße er nicht zwischen Plastiktüten und Koffern auf einer kalten Treppe, sondern mitten in einem Weihnachtsmärchen.

Martin kannte solche Bilder.

Nicht dieses konkrete.

Aber das Prinzip.

Menschen mit Problemen.

Menschen, deren Leben an irgendeiner Stelle falsch abgebogen war.

Früher hatte er oft gedacht: Man kann nicht jeden retten.

Das stimmte sogar.

Nur hatte er diesen Satz irgendwann benutzt, um gar niemandem mehr helfen zu müssen.

Er wollte weitergehen.

Dann hörte er den Jungen lachen.

„Mama, guck! Der Schnee bleibt auf meinem Bären liegen!“

Die Frau lächelte.

Aber Martin sah selbst aus einigen Metern Entfernung, dass dieses Lächeln Arbeit war.

Es war das Lächeln eines Menschen, der für jemand anderen stark sein musste.

Noch bevor er sich entscheiden konnte, ging er auf sie zu.

Die Frau bemerkte ihn sofort.

Ihr Körper spannte sich an.

Sie zog den Jungen etwas näher zu sich.

Martin blieb mehrere Schritte entfernt stehen.

„Entschuldigen Sie. Ich arbeite im Haus nebenan.“

Die Frau sagte nichts.

„Ich wollte nur fragen, ob alles in Ordnung ist. Es wird ziemlich kalt.“

„Uns geht es gut“, antwortete sie schnell.

Ihre Stimme war höflich.

Aber bestimmt.

„Wir warten auf jemanden.“

Martin nickte langsam.

Die Antwort war offensichtlich nicht wahr.

Aber er kannte Stolz.

Er hatte selbst Jahrzehnte damit verbracht, ihn wie eine Rüstung zu tragen.

Da zupfte der Junge am Ärmel seiner Mutter.

„Mama, ist das der Mann von deiner Arbeit?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, Jonas. Den kenne ich nicht.“

Jonas sah Martin neugierig an.

Dann sagte er völlig unbefangen:

„Wir sitzen hier, weil wir gerade keine Wohnung mehr haben. Mama sagt, das ist ein Abenteuer.“

„Jonas …“

Die Mutter schloss kurz die Augen.

„Was denn?“

„Nicht alles erzählt man fremden Leuten.“

Der Junge dachte darüber nach.

„Aber er hat doch gefragt.“

Martin musste trotz allem lächeln.

Jonas deutete nach oben.

„Guck mal. Es schneit richtig.“

„Ja“, sagte Martin. „Das tut es.“

„Perfekt für Weihnachten.“

„Absolut.“

Dann wurde der Junge plötzlich ernst.

Er rückte näher an seine Mutter.

„Kann ich Sie was fragen?“

Martin ging in die Hocke.

Der nasse Schnee zog sofort durch den Stoff seiner Anzughose.

Zum ersten Mal an diesem Abend war ihm das völlig egal.

„Natürlich.“

Jonas senkte die Stimme.

„Kennen Sie den Weihnachtsmann?“

Martin zog die Augenbrauen hoch.

„Nicht persönlich.“

„Aber vielleicht kennen Sie jemanden, der ihn kennt?“

Die Mutter drehte den Kopf weg.

Martin sah, wie sie sich mit dem Handrücken über die Augen fuhr.

„Warum fragst du?“

Jonas sah ihn an, als wäre die Antwort doch offensichtlich.

„Weil wir umgezogen sind.“

Martin sagte nichts.

„Also … wir wohnen nicht mehr in unserer alten Wohnung.“

Der Junge drückte den Stoffbären fester an sich.

„Mama sagt, der Weihnachtsmann weiß alles. Aber was, wenn er heute zu unserer alten Adresse fährt? Dann denkt er vielleicht, ich bin weg.“

Der Satz traf Martin mit einer Wucht, die er nicht erwartet hatte.

Er hatte Verhandlungen erlebt, bei denen Millionenbeträge auf dem Spiel standen.

Er hatte erlebt, wie Geschäftspartner vor Wut aufstanden und Türen zuschlugen.

Er hatte einen Vater nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus besucht und neben dessen Bett zum ersten Mal begriffen, dass auch starke Männer alt wurden.

Aber dieser eine Satz eines Kindes brachte etwas in ihm zum Einsturz.

Nicht laut.

Eher wie ein Riss in einer Wand, von der man erst danach merkt, wie lange sie schon brüchig gewesen war.

Martin stand langsam auf.

„Ich heiße übrigens Martin.“

Die Frau zögerte.

„Katharina.“

„Katharina … ich glaube, wir sollten zuerst dafür sorgen, dass Sie beide irgendwo ins Warme kommen.“

Sie hob sofort abwehrend die Hände.

„Wirklich, es geht schon.“

„Nein“, sagte Martin ruhig. „Es geht nicht.“

Sie sah ihn scharf an.

Er hob beschwichtigend eine Hand.

„Nicht böse gemeint. Aber Ihr Sohn friert. Sie frieren auch. Zwei Straßen weiter gibt es ein kleines Lokal, das heute geöffnet hat. Wir können dort etwas Warmes essen.“

Katharina schwieg.

„Danach“, fügte Martin hinzu, „können wir überlegen, wie es weitergeht.“

„Ich möchte keine Almosen.“

„Das verstehe ich.“

„Nein. Wahrscheinlich nicht.“

Martin nickte.

„Vielleicht mehr, als Sie denken.“

Sie musterte ihn.

Den Anzug.

Die Uhr.

Den Mantel.

Wahrscheinlich wirkte er auf sie wie die letzte Person, die irgendeine Form von Existenzangst verstehen konnte.

Und vielleicht hatte sie damit sogar recht.

Jonas nieste.

Katharina schloss für einen Moment die Augen.

Dann sagte sie:

„Nur etwas Warmes.“

„Nur etwas Warmes.“

Das Lokal war beinahe leer.

Ein älteres Ehepaar saß am Fenster, in einer Ecke trank ein Taxifahrer Kaffee, und hinter dem Tresen lief leise Weihnachtsmusik.

Sie setzten sich in eine Nische.

Jonas bekam Kakao und Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Katharina bestellte zunächst nur Tee.

Martin ignorierte das und bestellte zusätzlich für sie eine warme Mahlzeit.

„Das hätten Sie nicht tun müssen.“

„Ich weiß.“

Jonas zog seine Mütze aus.

Seine Haare standen in alle Richtungen.

„Haben Sie Kinder?“

Martin schüttelte den Kopf.

„Nein.“

„Warum nicht?“

Katharina legte die Hand vors Gesicht.

„Jonas.“

„Was denn?“

Martin lachte leise.

„Das ist eine berechtigte Frage.“

Er überlegte.

„Es hat sich einfach nie ergeben.“

„Kinder sind lustig“, erklärte Jonas.

„Das glaube ich.“

„Manchmal anstrengend“, sagte Katharina.

„Mama sagt aber, ich bin ihr größtes Glück.“

„Das stimmt auch“, sagte sie leise.

Dann kam das Essen.

Jonas aß so schnell, dass Martin sofort verstand, dass der Junge seit Stunden nichts Vernünftiges bekommen hatte.

Vielleicht länger.

Katharina bemerkte seinen Blick.

„Er hatte heute Mittag ein belegtes Brot.“

Sie klang, als müsse sie sich rechtfertigen.

„Ich wollte nichts sagen.“

„Sie sagen es trotzdem mit Ihrem Gesicht.“

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