Vito wich drei Tage nicht von Fabians Tür bis Miriam verstand, was der Hund längst wusste

Drei Nächte lang wich der Hund meines Bruders nicht von seiner Tür – erst ein verborgenes Video zeigte mir, was er längst wusste.

Drei Tage zuvor hatten zwei Männer meinen Bruder aus unserem Haus getragen.

Seitdem lag Vito vor seiner Zimmertür.

Nicht davor, weil dort sein Körbchen stand. Nicht, weil jemand ihm befohlen hatte zu bleiben. Er lag mit der Schnauze direkt am schmalen Spalt unter der Tür, als würde er noch immer darauf warten, dass von der anderen Seite ein Geräusch kam.

Mein Name ist Miriam. Ich bin 30 Jahre alt und wohne mit meinen Eltern in einem Reihenhaus am Rand von Kassel.

Mein Bruder Fabian war 25.

Und bis zu jener Woche hätte ich geschworen, dass ich meinen kleinen Bruder besser kannte als fast jeden anderen Menschen.

Das war wahrscheinlich die schlimmste Täuschung meines Lebens.

Fabian war nicht der Typ, bei dem jemand sofort gefragt hätte: „Geht es dir wirklich gut?“

Er spielte einmal die Woche Fußball mit Freunden. Er half unserem Vater im Keller, wenn etwas repariert werden musste. Er schickte mir alberne Videos und schrieb unter Familienfotos dumme Kommentare, bis unsere Mutter genervt die Augen verdrehte.

Auf fast jedem Foto grinste er.

Breit.

Fast trotzig.

Wenn man ihn fragte, wie es ihm ging, gab es drei mögliche Antworten.

„Alles gut.“

„Passt schon.“

Oder: „Mach dir keinen Kopf.“

Wir glaubten ihm.

Vielleicht, weil es bequemer war.

Vielleicht auch, weil wir unbedingt glauben wollten, dass ein Mensch, der noch lachen kann, nicht gleichzeitig kämpfen muss.

Vito hatte uns offenbar nie geglaubt.

Vito war Fabians Hund.

Ein fünfjähriger Weimaraner mit silbergrauem Fell, langen Beinen und diesen merkwürdig hellen Augen, die einen manchmal unangenehm lange ansahen.

Fabian hatte ihn zwei Jahre zuvor übernommen.

Ich hatte damals gescherzt: „Der Hund schaut, als würde er deine Steuererklärung prüfen.“

Fabian hatte gelacht.

„Der weiß sowieso alles.“

Damals war das nur ein Satz.

Heute verfolgt er mich.

In der Nacht, in der wir Fabian verloren, wachte ich kurz nach drei Uhr auf.

Nicht wegen eines Schreis.

Nicht wegen eines lauten Knalls.

Es war Vito.

Ich hörte seine Krallen auf dem Boden im Flur. Dann ein dumpfes Geräusch.

Eine Pause.

Wieder ein dumpfer Stoß.

Ich lag im Bett und versuchte, wieder einzuschlafen.

Dann hörte ich ein Winseln.

Ich rief durch die geschlossene Tür: „Vito, Schluss jetzt.“

Für einige Sekunden war Ruhe.

Dann fing es wieder an.

Ich war müde. Genervt. Ich dachte, Fabian wäre vielleicht noch unterwegs oder hätte Vito ausgesperrt, weil der Hund ihn beim Schlafen störte.

Also zog ich mir die Decke über die Schulter und schloss die Augen.

Am nächsten Morgen war nichts mehr wie vorher.

Ich möchte über diese Stunden nicht genauer sprechen.

Nur so viel: Fabian war in seinem Zimmer gewesen.

Allein.

Und als wir verstanden, dass etwas nicht stimmte, konnten wir nichts mehr ändern.

Danach funktionierten wir nur noch.

Telefonate.

Türen öffnen.

Fragen beantworten.

Dinge unterschreiben.

Kleidung aussuchen.

Menschen informieren.

Man tut plötzlich Aufgaben, von denen man nie gedacht hätte, dass sie einmal zum eigenen Leben gehören könnten.

Und während wir versuchten zu begreifen, dass Fabian nicht wiederkommen würde, saß Vito vor seiner Tür.

Am ersten Tag dachte ich, er wartet.

Am zweiten Tag dachte ich, irgendwann müsste er verstehen.

Am dritten Tag wusste ich: Er verstand mehr als wir.

Nach der Beisetzung füllte sich unser Haus mit Menschen.

Nachbarn kamen.

Verwandte kamen.

Freunde von Fabian standen plötzlich in unserem Wohnzimmer und hielten Kaffeetassen mit beiden Händen, obwohl der Kaffee längst kalt war.

Auf dem Küchentisch stapelten sich Kuchenplatten, Auflaufformen und kleine Zettel.

Alle wollten etwas tun.

Niemand wusste, was.

„Er war immer so lebensfroh“, sagte jemand.

„So ein netter Junge.“

„Ich habe ihn letzte Woche noch gesehen.“

„Man hat ihm überhaupt nichts angemerkt.“

Dieser Satz fiel immer wieder.

Man hat ihm nichts angemerkt.

Irgendwann wollte ich ihn nicht mehr hören.

Denn plötzlich klang er für mich nicht mehr beruhigend.

Er klang wie eine Warnung.

Ich stand im Wohnzimmer zwischen all diesen Menschen und bekam das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

Also ging ich nach oben.

Vito lag noch immer vor Fabians Tür.

Sein Futternapf war fast unberührt.

Als ich neben ihm stehen blieb, hob er nur kurz den Kopf.

Dann drückte er seine Nase wieder an den Türspalt.

„Komm“, sagte ich leise.

Er bewegte sich nicht.

Ich legte die Hand auf die Klinke.

Sofort stand er auf.

Als hätte er seit drei Tagen genau darauf gewartet.

Ich öffnete die Tür.

Der Geruch traf mich zuerst.

Nicht etwas Schlimmes.

Das wäre vielleicht leichter gewesen.

Es roch einfach nach Fabian.

Nach seinem Duschgel. Nach Waschmittel. Nach diesem alten Holzschrank, den unser Vater schon als Jugendlicher benutzt hatte.

Das Bett war gemacht.

Nicht ordentlich, aber ungefähr.

Auf dem Schreibtisch standen zwei Tassen. In einer lag noch ein Teelöffel.

Sein Stuhl war leicht zurückgeschoben.

Für eine Sekunde erwartete ich tatsächlich, dass er aus dem Bad kommen und sagen würde: „Warum gehst du einfach rein?“

Aber natürlich kam niemand.

Vito ging direkt an mir vorbei.

In einer Ecke neben dem Bett lag Fabians dunkelgrauer Kapuzenpullover.

Vito stellte sich darauf, drehte sich einmal im Kreis und legte sich hin.

Dann blickte er zum Schreibtischstuhl.

Einfach nur dorthin.

Ich setzte mich auf das Bett.

Und plötzlich war ich wütend.

Auf Fabian.

Auf mich.

Auf jeden, der unten saß.

Auf jeden Satz wie „Das konnte keiner wissen“.

Woher wollten wir das wissen?

Vielleicht hätten wir etwas sehen können.

Vielleicht hatten wir bloß nicht richtig hingesehen.

Ich begann, im Zimmer herumzuschauen.

Nicht weil ich seine Sachen durchsuchen wollte.

Ich suchte nach einer Erklärung.

Nach irgendetwas, das diesen Unsinn in eine Reihenfolge bringen konnte.

Ein Zettel.

Eine Notiz.

Einen Satz.

Irgendetwas, das mir sagte: Hier hat es angefangen.

Auf seinem Schreibtisch stand sein Laptop.

Ich klappte ihn auf.

Der Bildschirm sprang an.

Auf dem Hintergrund war Vito zu sehen, mit schiefem Kopf und einem alten Tennisball im Maul.

Ich musste gleichzeitig lachen und weinen.

Dann sah ich einen Ordner auf dem Bildschirm.

„Videos privat“.

Fabian filmte ständig.

Bei Ausflügen. Beim Kochen. Wenn unser Vater versuchte, ein Regal aufzubauen und behauptete, die Anleitung sei falsch. Bei Wanderungen im Habichtswald.

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