Drei Monate nach dem Tod seiner Frau stellte der 76-jährige Rentner jeden Morgen zwei Kaffeetassen auf den Tisch – bis eine alte Katze aus dem Tierheim sein Leben veränderte
„Papa, du kannst doch nicht ewig so weitermachen!“
Die Stimme meiner Tochter klang verzweifelt. Ich stand in der Küche, das Telefon am Ohr, und starrte auf zwei Kaffeetassen. Eine blaue und eine weiße mit kleinen roten Blumen.
Die weiße hatte seit drei Monaten niemand mehr benutzt.
„Mir geht es gut, Sabine“, antwortete ich.
„Nein, Papa. Das sagst du jedes Mal. Aber ich höre doch, dass etwas nicht stimmt.“
Ich schwieg. Was hätte ich sagen sollen? Dass ich morgens noch immer für meine verstorbene Frau Kaffee kochte? Dass ich manchmal ihren Namen rief, bevor mir einfiel, dass sie nie wieder antworten würde?
„Ich komme am Sonntag vorbei“, sagte Sabine schließlich.
„Du musst nicht extra fahren.“
„Doch, Papa. Ich möchte das.“
Nachdem wir aufgelegt hatten, nahm ich die weiße Tasse und stellte sie vorsichtig zurück in den Küchenschrank.
Am nächsten Morgen holte ich sie wieder heraus.
Ich heiße Heinrich Weber, bin 76 Jahre alt und habe mein ganzes Berufsleben als Schlosser in einer Maschinenfabrik gearbeitet. Meine Hände sind rau, mein Rücken macht nicht mehr richtig mit, und seit meine Frau gestorben ist, weiß ich manchmal nicht, wofür ich morgens überhaupt aufstehen soll.
Meine Frau hieß Marianne.
Wir waren 49 Jahre verheiratet.
Neunundvierzig Jahre. Wenn man so lange mit einem Menschen zusammenlebt, merkt man irgendwann nicht mehr, wo das eigene Leben aufhört und das gemeinsame beginnt.
Marianne wusste, dass ich meinen Kaffee stark trank, aber nie ohne einen Schuss Milch. Ich wusste, dass sie sonntags die Brötchen am liebsten noch warm aufschneiden wollte.
Sie schimpfte, wenn ich meine Hausschuhe mitten im Flur stehen ließ. Ich schimpfte, wenn sie zum dritten Mal kontrollierte, ob die Haustür abgeschlossen war.
Und jeden Abend saßen wir nebeneinander auf unserem alten Sofa.
Manchmal redeten wir stundenlang. Manchmal sagten wir überhaupt nichts.
Aber wir waren zusammen.
Dann kam dieser Dienstag im Januar.
Marianne war morgens nicht aufgestanden. Ich fand sie in unserem gemeinsamen Bett, ganz friedlich, als würde sie noch schlafen.
Der Notarzt konnte nichts mehr für sie tun.
Von einem Augenblick auf den anderen war alles vorbei.
Die Beerdigung war schlimm. Natürlich war sie das. Ich erinnere mich an die kalte Friedhofshalle, an Sabines Hand auf meinem Arm und an die vielen Menschen, die mir ihr Beileid aussprachen.
Nachbarn brachten Kartoffelsalat, Auflauf und selbst gebackenen Kuchen vorbei.
Alle meinten es gut.
Doch irgendwann waren die Blumen verwelkt, die Kondolenzkarten weggeräumt und die Besucher wieder in ihrem eigenen Leben verschwunden.
Und ich saß allein in unserem Reihenhaus.
Es war die Stille, die mich fertigmachte.
Früher hörte ich Marianne in der Küche mit Geschirr klappern. Ich hörte ihre Schritte auf der Treppe oder ihr leises Husten, wenn sie morgens das Fenster öffnete.
Jetzt hörte ich nur noch das Brummen des Kühlschranks und das Ticken der Wanduhr.
Manchmal knarrte nachts eine Diele im Flur.
Dann hielt ich den Atem an.
Für einen winzigen Augenblick dachte ich jedes Mal, Marianne käme gleich um die Ecke.
Doch niemand kam.
Ihre graue Strickjacke hing noch immer an der Garderobe. Ich brachte es nicht übers Herz, sie wegzuräumen.
Auch ihre Lesebrille lag auf dem kleinen Tisch neben dem Sofa.
Ich hatte Angst, dass das Haus endgültig leer würde, wenn ich diese Dinge verschwinden ließ.
Früher hatte ich immer gesagt, ich könnte mich problemlos selbst versorgen.
Schließlich war ich ein erwachsener Mann.
Aber jetzt aß ich manchmal kalte Erbsensuppe direkt aus dem Topf. Abends schmierte ich mir ein Brot und stellte den Fernseher an, nur damit irgendeine Stimme durch die Zimmer klang.
Ich schaute selten richtig hin.
Sabine rief jeden zweiten Tag an. Manchmal auch öfter.
Sie wohnte mit ihrem Mann und den beiden Kindern ungefähr vierzig Kilometer entfernt.
„Komm doch für ein paar Wochen zu uns“, schlug sie immer wieder vor.
Aber ich lehnte ab.
Nicht, weil ich meine Familie nicht liebte. Im Gegenteil.
Ich wollte nur nicht der alte Vater sein, der traurig am Esstisch sitzt, während alle anderen versuchen, besonders fröhlich zu wirken.
Außerdem war dieses Haus alles, was mir von unserem gemeinsamen Leben geblieben war.
Hier hatten wir unsere Tochter großgezogen. Hier hatten wir Weihnachten gefeiert, gestritten, gelacht und uns wieder vertragen.
Hier wollte ich bleiben.
An einem Sonntag im April hielt ich es trotzdem nicht mehr aus.
Ich hatte den Vormittag damit verbracht, aus dem Küchenfenster zu schauen. Gegen Mittag zog ich meine alte Jacke an, nahm den Autoschlüssel und fuhr einfach los.
Ohne Ziel.
Ich fuhr durch die Kleinstadt, vorbei an der Bäckerei, in der Marianne immer ihre Rosinenschnecken gekauft hatte.
Dann kam ich am Ortsausgang an einem kleinen Tierheim vorbei.
Ein handgeschriebenes Schild stand am Eingang.
„Auch ältere Tiere suchen ein Zuhause.“
Ich weiß bis heute nicht, warum ich anhielt.
Wir hatten früher nie eine Katze gehabt. Marianne war mit einem Hund aufgewachsen, aber später fehlte uns dafür immer die Zeit.
Vielleicht wollte ich einfach einmal irgendwo sein, wo Leben herrschte.
Ich parkte meinen Wagen und ging hinein.
Eine freundliche Frau um die fünfzig begrüßte mich hinter einem Schreibtisch.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich wollte nur mal schauen“, murmelte ich.
„Natürlich. Nehmen Sie sich ruhig Zeit.“
Im hinteren Teil des Gebäudes waren die Katzen untergebracht.
Junge Kätzchen spielten mit Stoffmäusen. Andere drückten neugierig ihre Nasen gegen die Gitter.
Ein rot getigerter Kater miaute so laut, dass ich unwillkürlich lächeln musste.
Doch dann entdeckte ich ihn.
Ganz hinten, in einem etwas abgetrennten Gehege, saß ein alter grauer Kater.
Sein Fell war an einigen Stellen dünn. Sein linkes Ohr hatte eine kleine Kerbe, und über seinem rechten Auge verlief eine helle Narbe.
Er war groß, aber abgemagert.
Während die anderen Katzen versuchten, Aufmerksamkeit zu bekommen, saß er einfach nur da.
Still.
Als hätte er längst aufgehört, auf irgendetwas zu hoffen.
An seinem Gehege hing eine Karte.
„Balu, 15 Jahre. Vorbesitzer verstorben. Ruhiges Zuhause gesucht.“
Ich las die Worte zweimal.
Vorbesitzer verstorben.
Drei nüchterne Wörter.
Und doch steckte dahinter vermutlich ein ganzes Leben.
Vielleicht hatte dieser Kater jahrelang auf dem Schoß eines Menschen geschlafen. Vielleicht hatte jemand jeden Morgen mit ihm gesprochen und ihm abends liebevoll das Fell gebürstet.
Und plötzlich war dieser Mensch nicht mehr da.
„Na, alter Junge“, sagte ich leise und ging in die Hocke. „Da haben wir wohl etwas gemeinsam.“
Balu hob langsam den Kopf.
Seine gelbgrünen Augen betrachteten mich aufmerksam.
Dann stand er auf und kam näher.
Die Tierheimmitarbeiterin trat neben mich.
„Das ist unser Balu. Ein ganz lieber Kerl. Leider interessiert sich kaum jemand für ihn.“
„Warum denn nicht?“
Sie seufzte.
„Die meisten möchten junge Katzen. Balu ist schon fünfzehn. Er braucht Medikamente für seine Gelenke und ein bisschen Ruhe. Viele haben Angst, dass er nicht mehr lange lebt.“
Ich schaute wieder zu ihm.
Fünfzehn Jahre.
Für eine Katze war das ein stolzes Alter.
„Darf ich ihn streicheln?“, fragte ich.
Die Frau öffnete vorsichtig die Tür.
Ich streckte meine Hand hinein und wartete.
Balu schnupperte kurz an meinen Fingern. Dann drückte er seinen grauen Kopf dagegen.
Im nächsten Moment schob er seinen ganzen Körper an meinen Unterarm und blieb einfach dort stehen.
Er lehnte sich gegen mich.
So fest, als wollte er sagen: Geh bitte noch nicht.
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