Bei Opas Beerdigung kratzte sein Kater verzweifelt am Sarg – später enthüllte er ein jahrelang verborgenes Geheimnis

Bei der Beerdigung meines 82-jährigen Opas kratzte sein Kater verzweifelt am Sarg. Ich hielt es für Trauer, bis ich später entdeckte, was er mir zeigen wollte.

„Können Sie das Tier bitte beruhigen?“

Die Stimme des Bestatters klang freundlich, aber bestimmt. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich stand in der kleinen Trauerhalle eines Friedhofs bei Hannover, mit einem Katzenkorb zu meinen Füßen und einem Kloß im Hals.

Drinnen tobte ein orangefarbener Kater, als ginge es um sein Leben.

„Oskar, hör doch auf“, flüsterte ich.

Aber Oskar hörte nicht auf.

Als die beiden Mitarbeiter den Sarg meines Großvaters nach vorne schoben, warf sich der Kater mit voller Kraft gegen die Gittertür seines Korbes. Er kratzte so heftig daran, dass das Metall klapperte.

Dann stieß er einen Laut aus, den ich noch nie von einer Katze gehört hatte.

Es war kein gewöhnliches Miauen.

Es klang, als würde jemand um Hilfe rufen.

Meine Tante Brigitte presste sich ein Taschentuch vor den Mund. Ein älterer Mann in der zweiten Reihe senkte den Kopf.

„Der weiß genau, was passiert ist“, murmelte eine Frau hinter mir.

Ich sagte nichts.

Damals dachte ich, dass der Kater einfach seinen Menschen vermisste. Vielleicht war er verwirrt. Vielleicht hatte ihn die fremde Umgebung aufgeregt.

Heute weiß ich, dass ich nicht richtig hingesehen hatte.

Und ich schäme mich noch immer dafür.

Mein Opa hieß Heinrich. Er war 82 Jahre alt geworden und hatte die letzten 14 Jahre allein in einem kleinen Reihenendhaus am Stadtrand von Hannover gelebt.

Drei Tage vor der Beerdigung war er gestorben.

Ein Herzinfarkt, vermutlich irgendwann am frühen Morgen. Er saß in seinem braunen Fernsehsessel, die Lesebrille noch auf der Nase.

Sein Nachbar, Herr Krüger, hatte ihn gefunden.

Opa hatte seine Zeitung zwei Tage lang nicht aus dem Briefkasten geholt. Außerdem brannte das Licht im Flur noch am helllichten Tag.

Herr Krüger wusste, dass da etwas nicht stimmte.

„Er ist friedlich eingeschlafen“, hatten danach alle gesagt.

Ich konnte diesen Satz nicht mehr hören.

Was war daran friedlich?

Ein alter Mann starb allein in einem Haus, dessen Teppiche seit Jahrzehnten nicht erneuert worden waren. Auf dem Küchentisch lagen unbezahlte Rechnungen. Im Kühlschrank standen eine angebrochene Milchpackung und ein Glas Gewürzgurken.

Und sein Kater hatte offenbar stundenlang neben dem Sessel gesessen.

Herr Krüger erzählte mir später, dass Oskar nicht von Opas Seite weichen wollte.

Als die Mitarbeiter des Bestattungsdienstes kamen, hatte der Kater gefaucht und versucht, sich zwischen ihre Beine zu drängen.

Er hatte nicht verstanden, warum sie seinen Menschen mitnahmen.

Oder vielleicht hatte er mehr verstanden als wir alle.

Oskar war elf Jahre alt. Ein kräftiger, orangefarbener Kater mit einem weißen Fleck unter dem Kinn und einem leicht schiefen Schnurrbart.

Opa hatte ihn damals aus einem Tierheim geholt.

„Der ist genauso stur wie ich“, hatte er lachend gesagt.

Die beiden waren unzertrennlich gewesen.

Wenn Opa abends die Nachrichten schaute, lag Oskar auf seinen Knien. Wenn er morgens im Bad stand und sich rasierte, saß der Kater auf dem kleinen Vorleger vor dem Waschbecken.

Jeden Nachmittag gegen vier Uhr wartete Oskar am Wohnzimmerfenster.

Opa war seit fast zwanzig Jahren Rentner, aber der Kater wartete trotzdem. Vielleicht, weil Heinrich früher um diese Zeit von seiner Arbeit in einer Metallwerkstatt nach Hause gekommen war.

Manche Gewohnheiten bleiben eben.

Nach der Beerdigung standen wir noch eine Weile am Grab.

Es gab Umarmungen, gedrückte Hände und diese Sätze, die Menschen sagen, wenn sie nicht wissen, was sie sonst sagen sollen.

„Meld dich, wenn du irgendetwas brauchst.“

„Dein Opa war ein guter Mensch.“

„Jetzt hat er wenigstens seine Ruhe.“

Ich nickte.

Ich konnte einfach nicht mehr.

Danach gingen wir in ein kleines Gasthaus, wo es belegte Brötchen, Kaffee und Blechkuchen gab.

Meine Tante erzählte Geschichten aus Opas Jugend. Herr Krüger erinnerte sich daran, wie Heinrich ihm einmal mitten im Winter die Heizung repariert hatte.

Alle lachten kurz.

Dann wurde es wieder still.

Gegen halb fünf verabschiedeten sich die letzten Gäste.

Menschen haben schließlich ihre eigenen Sorgen. Termine, Arbeit, Arztbesuche, Kinder und Rechnungen.

Auch ich musste zurück in mein Leben.

Ich heiße Kathrin, bin 43 Jahre alt und arbeite in der Verwaltung eines kleinen Handwerksbetriebs in Braunschweig.

Mein Leben war damals alles andere als einfach.

Nach meiner Scheidung hatte ich eine kleinere Wohnung beziehen müssen. Die Miete war trotzdem hoch. Mein Auto brauchte dringend eine Reparatur, und auf dem Küchentisch zu Hause lagen mehrere Rechnungen, die ich immer wieder von einer Ecke in die andere schob.

Ich war müde.

Nicht nur körperlich.

Es war diese Müdigkeit, bei der man morgens aufsteht und schon beim Zähneputzen überlegt, wie man den Tag überstehen soll.

Ich hatte mir vorgenommen, Opas Haus an diesem Wochenende so weit wie möglich auszuräumen.

Ein paar Möbel verkaufen. Kleidung zur Kleiderspende bringen. Unterlagen sortieren.

Montag musste ich wieder arbeiten.

Mehr Zeit hatte ich nicht.

Zumindest redete ich mir das ein.

Als ich mit Oskar in Opas Haus zurückkam, war es kurz nach fünf.

Kaum öffnete ich den Katzenkorb, schoss er heraus.

Er lief zuerst ins Wohnzimmer, dann in den Flur, dann wieder zurück.

Immer wieder gab er kurze, heisere Laute von sich.

Ich stellte frisches Wasser hin und öffnete eine Dose Katzenfutter.

„Hier, mein Großer. Du musst doch Hunger haben.“

Er schnupperte nicht einmal daran.

Stattdessen lief er mir hinterher.

Das Haus roch nach Bohnenkaffee, Möbelpolitur und dieser alten Erkältungssalbe, die Opa seit meiner Kindheit benutzt hatte.

Im Wohnzimmer stand noch seine Lesetasse.

Daneben lag eine Fernsehzeitschrift, sorgfältig aufgeschlagen.

Seine Hausschuhe standen vor dem Sessel.

Ich konnte sie kaum ansehen.

Also fing ich in der Küche an.

Ich räumte die Schubladen aus, sortierte alte Einkaufszettel und warf abgelaufene Lebensmittel weg.

Oskar beobachtete mich.

Jedes Mal, wenn ich etwas in einen Karton legte, begann er zu miauen.

Als ich Opas grauen Strickpullover vom Garderobenhaken nahm, sprang der Kater hoch und krallte sich in den Ärmel.

„Oskar, lass das.“

Er hielt fest.

Ich musste seine Pfoten vorsichtig lösen.

Dann nahm ich Opas abgetragene Hausjacke und legte sie in den Karton mit der Kleidung.

Sofort sprang Oskar hinein.

Er drückte seine Nase in den Stoff und begann zu schnurren.

Nicht laut.

Es war ein seltsames, unruhiges Schnurren.

Ich hob ihn heraus.

„Das kann doch nicht alles hierbleiben.“

Er sah mich an.

Seine gelben Augen wirkten plötzlich riesig.

Ich machte weiter.

Auf dem Küchentisch lagen Stapel alter Briefe, Prospekte und Rechnungen. Ich nahm alles zusammen und wollte es sortieren.

Da sprang Oskar auf den Tisch und fegte den gesamten Stapel herunter.

Die Papiere flogen durch die Küche.

„Verdammt noch mal, Oskar! Jetzt reicht es!“

Meine Stimme war viel lauter, als ich beabsichtigt hatte.

Der Kater erstarrte.

Und ich auch.

In diesem Haus hatte ich meinen Großvater als Kind lachen gehört. Hier hatte er mir beigebracht, wie man Kartoffeln schält und einen Fahrradreifen flickt.

Und jetzt stand ich in seiner Küche und schrie seine Katze an.

Weil ich keine Zeit hatte.

Weil ich mein eigenes Leben nicht im Griff hatte.

Weil ich nicht wusste, wohin mit meiner Trauer.

„Entschuldige“, flüsterte ich.

Oskar sah mich noch einen Moment an.

Dann drehte er sich um und verschwand im Wohnzimmer.

Ich sammelte die Papiere ein.

Dabei fiel mir eine alte Stromrechnung in die Hände. Opa hatte mit Bleistift einen Betrag daneben geschrieben und zweimal unterstrichen.

Ich legte sie beiseite.

Damals dachte ich mir nichts dabei.

Vielleicht hätte ich genauer hinschauen sollen.

Eine halbe Stunde später hörte ich aus dem Wohnzimmer ein kratzendes Geräusch.

Ich ging hinüber.

Oskar stand auf Opas altem braunem Fernsehsessel.

Das Kunstleder war an den Armlehnen rissig. Auf der rechten Seite hatte es eine helle, abgewetzte Stelle gegeben, seit ich denken konnte.

Genau dort hatte Opa immer seine Hand abgelegt.

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