Niemand wollte den verletzten Straßenkater aufnehmen doch eines Tages wurde er zum wichtigsten Helfer der Tierarztpraxis

Alle wollten eine junge, gesunde Katze, doch der verletzte Streuner, den niemand haben wollte, wurde zum wichtigsten Helfer unserer Tierarztpraxis.

„Der schafft die Nacht wahrscheinlich nicht mehr, Anna.“

Als unser Tierarzt diesen Satz sagte, lag der völlig entkräftete Kater auf dem Behandlungstisch. Sein Fell war verklebt, eine Vorderpfote hing seltsam herunter, und aus einer Wunde an seiner Nase sickerte Blut.

Ich stand daneben und hielt eine Decke in den Händen.

„Aber wir versuchen doch alles, oder?“, fragte ich.

Herr Berger, unser Tierarzt, sah mich an. Dann nickte er.

„Natürlich. Solange er kämpft, kämpfen wir mit.“

Damals ahnte ich nicht, dass dieses kleine, verletzte Tier einmal unsere ganze Praxis verändern würde. Und mein eigenes Leben gleich mit.

Ich heiße Anna, bin 54 Jahre alt und arbeite seit fast zwanzig Jahren als Tiermedizinische Fachangestellte in einer kleinen Tierarztpraxis am Stadtrand von Hannover.

Ich habe in dieser Zeit vieles gesehen. Tiere, die wieder gesund wurden, obwohl kaum jemand damit gerechnet hatte. Aber auch Abschiede, bei denen selbst erfahrene Menschen die Tränen nicht zurückhalten konnten.

Trotzdem werde ich diesen Donnerstagabend nie vergessen.

Es war kurz vor 19 Uhr. Die letzten Patienten waren längst gegangen, ich hatte den Empfang bereits aufgeräumt und wollte gerade die Kasse abschließen.

Da hörte ich ein merkwürdiges Geräusch an der Eingangstür.

Ein leises Kratzen.

Zuerst dachte ich, ein Ast würde gegen das Glas schlagen. Doch als ich genauer hinsah, erkannte ich eine kleine, dunkle Gestalt auf der Fußmatte.

Es war ein Kater.

Er war so abgemagert, dass sich seine Rippen unter dem schmutzigen Fell abzeichneten. Sein rechtes Ohr war eingerissen, die linke Vorderpfote stark geschwollen. Über seiner Nase verlief eine offene Verletzung.

Er stand nicht richtig.

Er schwankte.

Aber das Schlimmste waren seine Augen.

Keine Wut. Keine Angst. Nicht einmal der Versuch, vor mir wegzulaufen.

Nur eine Müdigkeit, die ich bei einem Tier selten gesehen habe.

Ich öffnete die Tür und ging in die Hocke.

„Na, mein Kleiner. Wo kommst du denn her?“

Er machte einen einzigen Schritt auf mich zu.

Dann brach er zusammen.

Ich hob ihn vorsichtig hoch. Er war erschreckend leicht. Sein nasses Fell klebte an meinen Armen, und ich konnte seinen schnellen, schwachen Herzschlag spüren.

„Herr Berger! Können Sie bitte noch einmal kommen?“

Unser Tierarzt hatte seine Jacke bereits angezogen. Als er den Kater sah, legte er sie sofort wieder ab.

Wir brachten ihn in den Behandlungsraum.

Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug.

Wir reinigten seine Wunden, versorgten die verletzte Pfote und untersuchten ihn gründlich. Er war unterernährt, ausgetrocknet und hatte mehrere ältere Verletzungen.

Niemand wusste, wie lange er draußen gelebt hatte.

Vielleicht Wochen.

Vielleicht Jahre.

Er hatte keinen Chip, kein Halsband und keine Tätowierung. Auch später meldete sich niemand, der ihn vermisste.

Als wir ihn endlich in eine warme Box legten, blieb ich noch eine Weile neben ihm sitzen.

„Du bist jetzt erst einmal sicher“, flüsterte ich.

Er öffnete kurz sein gesundes Auge.

Dann schlief er ein.

In dieser Nacht nahm ich mein Telefon sogar mit ins Schlafzimmer. Ich hatte Angst, morgens in der Praxis eine schlechte Nachricht zu bekommen.

Doch als ich am nächsten Tag zur Arbeit kam, saß Herr Berger vor der Krankenbox.

Und lächelte.

„Na, Anna. Unser kleiner Kämpfer hat Hunger.“

Ich konnte es kaum glauben.

Der Kater hob tatsächlich den Kopf, als ich näherkam. Er sah schrecklich aus, aber er lebte.

Und er wollte fressen.

Wir gaben ihm zunächst kleine Portionen, damit sein geschwächter Körper sich langsam erholen konnte.

An diesem Morgen bekam er auch seinen Namen.

„Wie sollen wir ihn denn nennen?“, fragte meine Kollegin Sabine.

Ich betrachtete sein Fell. Es war grau getigert, aber an mehreren Stellen fehlten größere Stücke. Seine Nase war verletzt, sein Ohr eingerissen, und überall sah man Spuren eines schweren Lebens.

„Flick“, sagte ich.

Sabine sah mich fragend an.

„Flick?“

„Ja. Weil er aussieht, als hätte das Leben ihn an allen möglichen Stellen beschädigt und jemand müsste ihn wieder zusammenflicken.“

Herr Berger schmunzelte.

„Dann ist Flick ab heute unser Patient.“

Und Flick blieb.

Zunächst nur zur Behandlung. Dann zur Erholung.

Seine Wunden heilten langsam. Die Schwellung im Gesicht ging zurück. Er nahm zu, sein Fell wurde sauberer, und irgendwann begann er sogar wieder, sich selbst ordentlich zu putzen.

Doch einige Dinge blieben.

Sein rechtes Ohr hing schief. Über der Nase zog sich eine helle Narbe. Und beim Laufen hinkte er, weil seine Vorderpfote nicht mehr vollständig belastbar war.

Schön im üblichen Sinne war Flick nicht.

Aber wer ihn näher kennenlernte, bemerkte etwas anderes.

Er war unglaublich sanft.

Wenn ich morgens seine Box öffnete, drückte er seinen Kopf vorsichtig gegen meine Hand.

Wenn ich ihm frisches Wasser brachte, wartete er geduldig.

Und wenn er abends auf seiner Decke lag, schnurrte er manchmal schon, bevor ich ihn überhaupt berührte.

Nach einigen Wochen erklärte Herr Berger, dass wir ein Zuhause für ihn suchen könnten.

Natürlich stimmte ich zu.

Ein Tierheim wäre für Flick auf Dauer nicht der richtige Ort gewesen, und unsere Praxis war schließlich keine dauerhafte Unterkunft für Fundtiere.

Also machten wir Fotos.

Sabine suchte eine hübsche blaue Decke heraus. Ich setzte Flick darauf, fotografierte ihn von seiner besten Seite und schrieb einen Vermittlungstext.

„Lieber, ruhiger Kater sucht ein Zuhause bei geduldigen Menschen. Flick hat bereits viel durchgemacht und wünscht sich nichts sehnlicher als einen sicheren Platz.“

Wir hängten einen Aushang im Wartezimmer auf und veröffentlichten seinen Steckbrief in einer örtlichen Vermittlungsgruppe.

Am ersten Tag meldeten sich tatsächlich mehrere Menschen.

Eine Frau fragte, ob er noch jung sei.

„Wir schätzen ihn auf acht bis zehn Jahre“, erklärte ich.

Danach hörte ich nichts mehr von ihr.

Ein Ehepaar erkundigte sich, ob er mit kleinen Kindern spielen könne.

Ich erklärte, dass Flick eher Ruhe brauchte.

Auch sie meldeten sich nicht wieder.

Ein Mann wollte wissen, weshalb der Kater so merkwürdig laufe.

Als ich von seiner alten Verletzung erzählte, sagte er nur: „Ach so. Dann schauen wir lieber weiter.“

Ich legte auf und starrte eine Weile auf das Telefon.

Niemand hatte etwas Unfreundliches gesagt.

Die Leute wollten einfach ein Tier, das zu ihrem Leben passte.

Das verstand ich.

Und trotzdem tat es weh.

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