Wir wollten nur ein Kätzchen aus dem Tierheim holen. Doch auf halber Strecke brach mein Mann plötzlich die Fahrt ab – wegen einer blinden Katze, die niemand haben wollte.
„Thomas, fahr bitte langsamer.“
Mein Mann warf mir einen kurzen Blick zu. Dann sah er wieder auf die Straße.
„Du denkst immer noch an die Kleine, stimmt’s?“
Ich nickte, ohne ihn anzusehen.
Auf meinem Schoß stand eine Transportbox. Darin lag ein grauer, getigerter Kater, kaum zwölf Wochen alt. Er hatte sich auf der alten Wolldecke zusammengerollt, die ich von zu Hause mitgebracht hatte.
Eigentlich hätte ich glücklich sein müssen.
Wir hatten gerade ein Tier aus dem Tierheim geholt. Einen kleinen Kater, der bei uns ein liebevolles Zuhause bekommen sollte.
Genau das hatten wir uns vorgenommen.
Eine Katze. Nicht zwei.
Und trotzdem fühlte es sich an, als hätten wir jemanden zurückgelassen, der zu uns gehörte.
Dabei kannten wir dieses winzige Wesen gerade einmal fünf Minuten.
Mein Name ist Sabine. Ich bin 58 Jahre alt, mein Mann Thomas ist 61. Wir wohnen in einem kleinen Reihenhaus am Rand von Kassel.
Unsere beiden Kinder sind längst ausgezogen. Unsere Tochter lebt mit ihrer Familie in Hannover, unser Sohn arbeitet in der Nähe von Göttingen.
Seitdem ist es bei uns ziemlich ruhig geworden.
Manchmal zu ruhig.
Früher war immer etwas los. Schultaschen lagen im Flur, jemand suchte seine Schuhe, und aus den Kinderzimmern kam Musik.
Heute hört man meistens nur die Küchenuhr ticken.
Vor vier Jahren mussten wir unsere alte Katze Minka einschläfern lassen. Sie war fast 17 Jahre bei uns gewesen.
Thomas hatte damals gesagt, dass er nie wieder ein Tier haben wollte.
Nicht, weil er Katzen nicht mochte.
Sondern weil ihm der Abschied so schwergefallen war.
Ich konnte ihn verstehen.
Aber irgendwann fehlte mir dieses kleine Leben im Haus. Das Trippeln über den Flur. Das leise Schnurren auf dem Sofa. Jemand, der morgens vor der Schlafzimmertür wartete.
Im Frühjahr sprach ich das Thema wieder an.
Thomas überlegte lange.
„Eine Katze könnten wir uns vielleicht leisten“, sagte er schließlich. „Aber wir müssen vernünftig bleiben.“
Damit meinte er nicht nur das Geld.
Wir mussten auch an Tierarztkosten denken. An Futter, an unsere Gesundheit und daran, dass wir nicht jünger wurden.
Ich versprach ihm, dass wir nichts überstürzen würden.
Und so fuhren wir an einem Samstagvormittag zu einem kleinen Tierheim außerhalb von Kassel.
Wir wollten uns nur umsehen.
Zumindest behaupteten wir das.
Schon beim Betreten des Katzenhauses merkte ich, wie schwer diese Entscheidung werden würde.
Überall saßen Tiere, die ein Zuhause suchten.
Eine ältere Katze drückte ihren Kopf gegen das Gitter. Zwei junge Kater jagten einander durch ihr Gehege. Eine rotbraune Katze miaute so laut, dass Thomas lachen musste.
„Die hätte uns vermutlich einiges zu erzählen“, sagte er.
Ich lächelte.
Doch dann entdeckten wir einen kleinen grauen Kater.
Er saß auf einer Decke und beobachtete uns.
Keine wilden Sprünge. Kein lautes Miauen.
Er schaute einfach nur.
Als ich mich vor sein Gehege hockte, legte er den Kopf ein wenig schief.
Die Tierpflegerin, eine freundliche Frau namens Petra, öffnete vorsichtig die Tür.
„Das ist Emil“, erklärte sie. „Er ist noch etwas schüchtern, aber sehr lieb.“
Ich hielt ihm meine Hand hin.
Emil schnupperte daran.
Dann drückte er sein kleines Köpfchen gegen meine Finger.
Thomas stand hinter mir.
„Na, mein Kleiner“, murmelte er.
Und da wusste ich, dass es um ihn geschehen war.
Mein Mann, der seit vier Jahren behauptete, keine Katze mehr haben zu wollen, streichelte einen winzigen Kater und lächelte wie ein kleiner Junge.
Wir verbrachten fast eine halbe Stunde mit Emil.
Er ließ sich hochnehmen, spielte kurz mit einer Stoffmaus und schlief schließlich auf meinem Arm ein.
„Ich glaube, wir haben unseren neuen Mitbewohner gefunden“, sagte Thomas.
Ich nickte.
Wir füllten die Unterlagen aus, bezahlten die Schutzgebühr und hörten uns die Hinweise zur Eingewöhnung an.
Petra gab uns noch etwas Futter für die ersten Tage mit.
Alles war geregelt.
Wir waren glücklich.
Zumindest bis zu dem Moment, als ich auf dem Weg zum Ausgang noch einmal zurückblickte.
Ganz hinten im Katzenzimmer stand ein kleineres Gehege.
Darin saß ein schwarzes Kätzchen.
Es war winzig, vielleicht sogar ein bisschen kleiner als Emil.
Unter seinem Kinn hatte es einen weißen Fleck, als hätte jemand mit einem Pinsel einen einzigen Tupfer Farbe hinterlassen.
Das Kätzchen saß auf einem zusammengefalteten Handtuch.
Es bewegte sich nicht.
Während die anderen Tiere miauten und an den Gittern hochkletterten, blieb dieses kleine Wesen einfach sitzen.
Ich ging näher.
„Hallo, du Kleine.“
Das Kätzchen hob den Kopf.
Aber es schaute nicht zu mir.
Seine Augen waren leicht trüb. Der Blick ging an mir vorbei.
Als ich mich nach links bewegte, folgte es mir nicht mit den Augen.
Erst als ich wieder sprach, drehte es den Kopf in meine Richtung.
Da kam Petra zu mir.
„Das ist unsere Lotte“, sagte sie leise.
„Was ist mit ihren Augen?“
Petra seufzte.
„Sie ist blind. Wir gehen davon aus, dass sie von Geburt an nicht sehen kann.“
Ich spürte einen Kloß im Hals.
„Kann man denn gar nichts machen?“
„Sie wurde bereits untersucht. Schmerzen hat sie nach unserem bisherigen Kenntnisstand nicht. Aber sehen wird sie vermutlich nie können.“
Ich sah wieder zu Lotte.
Sie tastete mit einer kleinen Pfote über das Handtuch, als wollte sie prüfen, ob der Boden noch da war.
„Und wie kommt sie zurecht?“
„In einer vertrauten Umgebung erstaunlich gut“, antwortete Petra. „Aber sie braucht Menschen, die Geduld haben.“
Dann schwieg sie kurz.
„Leider schreckt das viele Interessenten ab.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Lotte miaute nicht.
Sie versuchte nicht, auf mich zuzukommen.
Sie saß einfach da.
Und gerade das machte es so schwer, wegzugehen.
„Sabine.“
Thomas stand hinter mir.
Ich kannte diesen Tonfall.
Nicht streng. Nicht ärgerlich.
Eher vorsichtig.
„Wir haben doch Emil.“
„Ich weiß.“
„Wir haben uns auf eine Katze geeinigt.“
„Ich weiß, Thomas.“
Er legte mir eine Hand auf die Schulter.
„Du kannst nicht jedes Tier mit nach Hause nehmen.“
Ich schluckte.
Er hatte recht.
Natürlich hatte er recht.
Wir waren keine reichen Leute. Thomas war bereits in Rente, und ich arbeitete noch halbtags in einer kleinen Bäckerei.
Zwei Katzen bedeuteten doppelte Verantwortung. Mehr Futter, zusätzliche Untersuchungen und womöglich hohe Tierarztkosten.
Außerdem war Lotte blind.
Wir hatten keinerlei Erfahrung mit einem blinden Tier.
Ich wollte nicht aus Mitleid etwas versprechen, was wir vielleicht nicht halten konnten.
Also verabschiedete ich mich von Petra.
Und dann von Lotte.
„Mach’s gut, kleine Maus“, flüsterte ich.
Sie hob den Kopf, als hätte sie meine Stimme erkannt.
Diesen Augenblick werde ich nie vergessen.
Wir gingen.
Draußen trug Thomas die Transportbox zum Auto. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und nahm Emil auf den Schoß.
Nach wenigen Minuten hörte er auf zu zittern.
Er rollte sich zusammen und schlief.
Thomas schaltete das Radio ein, aber nach kurzer Zeit wieder aus.
Keiner von uns sagte etwas.
Nach ungefähr zehn Minuten fragte er schließlich:
„Du bist ziemlich still.“
„Bin nur müde.“
„Sabine.“
Ich sah aus dem Fenster.
„Was denn?“
„Du denkst an die schwarze Katze.“
Ich nickte.
Thomas schwieg.
Dann sagte er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
„Ich auch.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Wirklich?“
„Ja.“
Er räusperte sich.
„Ich hab gesehen, wie sie den Kopf gehoben hat, als du mit ihr gesprochen hast.“
Ich wischte mir über die Augen.
„Sie hat sich so gefreut, nur weil jemand mit ihr geredet hat.“
Thomas antwortete nicht.
Wir fuhren weiter.
Die Landschaft zog am Fenster vorbei. Kleine Dörfer, Felder und Häuser mit roten Ziegeldächern.
Emil schlief friedlich.
Ich hielt einen Finger durch das Gitter seiner Box. Immer wenn er aufwachte, drückte er seine Nase dagegen.
Er vertraute mir bereits.
Und ich freute mich auf unser gemeinsames Leben.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






