Der Mann, vor dem ich jahrelang meine Handtasche festgehalten hatte, kniete neben einem reglosen Jungen, als ich begriff, dass er selbst dringend Hilfe brauchte.
„Nicht filmen! Rufen Sie einen Krankenwagen!“
Seine Stimme schnitt über den Parkplatz. Rau, laut, beinahe wütend. Genau die Stimme, wegen der ich ihm sonst lieber aus dem Weg gegangen war.
Jetzt lag meine Einkaufstasche neben einem Autoreifen. Ein Glas Marmelade war herausgerollt, und ich starrte auf einen Jungen in grauer Arbeitskleidung, der zwischen zwei Parkbuchten auf dem Boden lag.
Seine Mutter kniete neben ihm.
„Jonas? Hörst du mich? Jonas, bitte!“
Der alte Mann schob sich zu ihr. Seine dunkelblaue Arbeitsjacke war am Ellbogen aufgerissen. Er bewegte sich steif, als hätte ihn jeder Schritt Mühe gekostet, aber seine Hände waren ruhig.
„Ich heiße Kurt“, sagte er zu der Mutter. „Ich helfe Ihrem Jungen. Lassen Sie mich bitte an ihn ran.“
Sie rückte zur Seite.
Dann ging alles gleichzeitig.
Jemand telefonierte mit der Leitstelle. Eine Frau weinte. Weiter hinten hupte ein Autofahrer, weil er nicht verstand, weshalb niemand mehr vorankam.
Und Kurt begann mit der Herzdruckmassage.
Ich stand keine drei Meter entfernt und tat nichts.
Das zuzugeben fällt mir noch immer schwer. Ich habe später oft erzählt, dass ich erschrocken war. Dass ich Angst hatte, etwas falsch zu machen. Beides stimmt.
Aber es stimmt auch, dass ich froh war, als sich jemand anderes hinkniete.
Mein Name ist Sabine. Ich bin dreiundsechzig, war fast vierzig Jahre in der Verwaltung eines Möbelbetriebs beschäftigt und hielt mich bis zu diesem Dienstag für einen hilfsbereiten Menschen.
Kurt kannte ich vom Sehen.
In unserer Kleinstadt am Rand des Ruhrgebiets kannte ihn fast jeder vom Sehen. Zweiundsiebzig, breite Schultern, grauer Bart, ein Gesicht, in dem jede Falte aussah wie eine alte Auseinandersetzung. Meist trug er dieselbe Arbeitsjacke, feste Schuhe und eine schwarze Wollmütze.
Seine Hände bekam er offenbar nie ganz sauber.
Er hatte früher als Betriebsschlosser gearbeitet und reparierte noch immer alles, was andere längst weggeworfen hätten. Rasenmäher, Fahrräder, Gartentore, alte Küchenstühle. Hinter seinem Reihenhaus lag eine kleine Werkstatt, aus der manchmal schon morgens um sieben Metallklopfen zu hören war.
Man sagte, er sei schwierig.
Einmal hatte ich im Supermarkt gesehen, wie er einen jungen Mann angefahren hatte, der seinen Wagen mitten im Gang stehen ließ.
„Andere wollen hier auch noch durch.“
Ich fand ihn grob. Seitdem ging ich möglichst in einen anderen Gang, wenn ich seine Wollmütze sah.
Auf dem Parkplatz hatte ich ihn zunächst gar nicht bemerkt.
Ich saß noch im Auto und suchte nach meiner Einkaufsliste, als ich den Schlag hörte. Danach ein Quietschen, ein schepperndes Geräusch und einen Schrei.
Ein Lieferwagen war zu schnell in die Zufahrt eingebogen. Jonas, siebzehn Jahre alt und auf dem Weg zu seiner Nachmittagsschicht im Markt, hatte gerade den Fahrweg überquert.
Kurt kam mit seinem alten Fahrrad aus der Gegenrichtung.
Er wich aus, stieß gegen den Rand einer bepflanzten Verkehrsinsel und stürzte. Später erzählte er, er habe erst gedacht, er müsse nur wieder aufstehen und dem Fahrer ordentlich die Meinung sagen.
Dann sah er Jonas.
Als ich ausstieg, lag Kurts Fahrrad noch auf der Seite. Das Hinterrad drehte sich langsam weiter.
„Sie mit der hellen Jacke!“
Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass er mich meinte.
„Ja. Sie. Gehen Sie an die Einfahrt. Winken Sie den Rettungswagen rein.“
Ich nickte, blieb aber stehen.
Kurt hob den Blick.
„Sie müssen jetzt los.“
Er schrie nicht mehr. Das machte es schlimmer. Er sprach mit mir wie mit jemandem, der gerade vergessen hatte, wozu Beine da waren.
Endlich lief ich.
An der Zufahrt stand ein Mann mit dem Telefon am Ohr. Ich hörte, wie er die Adresse wiederholte. Ein anderer hielt sein Handy quer vor der Brust und filmte.
„Machen Sie das weg“, sagte ich.
Er sah mich an, als hätte ich ihn bei etwas ertappt, das ihm selbst noch nicht aufgefallen war. Dann steckte er das Telefon ein.
Hinter mir zählte Kurt.
Nicht laut für die Umstehenden. Eher für sich selbst, kurz und gleichmäßig. Die Mutter sagte immer wieder den Namen ihres Sohnes.
Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, bis Kurt anfing zu summen.
Es muss nur wenig Zeit vergangen sein. In meiner Erinnerung hatte ich da schon endlos an der Einfahrt gestanden und auf jedes Geräusch von der Hauptstraße gehört.
Es war eine einfache Melodie. Kein Lied, das ich kannte. Nur ein paar Töne, die er wiederholte, während er arbeitete.
Dann hörte ich ihn sagen: „Komm, Junge. Bleib bei uns.“
Eine Frau in einer hellgrünen Bluse trat aus der Menge.
„Ich bin Pflegefachkraft. Ich übernehme.“
„Gut“, sagte Kurt.
Er machte Platz, blieb aber neben Jonas knien und beantwortete ihre Fragen. Ein junger Mann brachte den Defibrillator aus dem Eingangsbereich des Marktes. Die Frau nahm ihn entgegen und verteilte weitere Aufgaben.
Plötzlich hatten die Menschen um uns herum etwas zu tun.
Einer räumte Einkaufswagen aus dem Weg. Eine Kassiererin brachte eine Decke. Der Mann, der gefilmt hatte, stellte sich an die andere Zufahrt und hielt Fahrzeuge zurück.
Niemand sang mit. Niemand hielt eine Rede.
Man hörte die Anweisungen des Geräts, die Stimme der Pflegekraft und dazwischen immer wieder Kurts leises Summen.
Als der Rettungswagen kam, riss ich beide Arme hoch.
Die Besatzung brauchte mich vermutlich gar nicht mehr. Trotzdem lief ich ein Stück voraus und zeigte auf die freie Stelle zwischen den Autos.
Erst als die Rettungskräfte bei Jonas waren, sah ich Kurt genauer an.
Er saß inzwischen auf dem Boden. Seine linke Hand presste er an die Seite, unterhalb der Rippen. Sein Gesicht war grau geworden.
„Sie sind auch gestürzt“, sagte die Pflegekraft.
„Geht schon.“
„Das sehe ich anders.“
Er wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick bewegte sich einer der Rettungskräfte anders. Alle schienen noch aufmerksamer zu werden.
Ich hörte nur einen Satz deutlich.
„Wir haben wieder einen Kreislauf.“
Jonas’ Mutter schlug die Hände vors Gesicht. Sie machte ein Geräusch, das ich nicht beschreiben kann. Es war kein Weinen mehr und auch keine Erleichterung, jedenfalls noch nicht.
Kurt schloss kurz die Augen.
Dann versuchte er aufzustehen.
„Bleiben Sie sitzen“, sagte ich.
„Ich lieg hier im Weg.“
Er kam halb hoch, schwankte und sackte wieder zurück. Diesmal war ich nahe genug, um seine Schulter zu fassen. Ein anderer Mann half mir, ihn vorsichtig zu stützen.
Unter meiner Hand spürte ich, wie kalt seine Jacke war.
„Jetzt sind Sie dran“, sagte die Pflegekraft und kniete sich vor ihn.
Kurt sah an ihr vorbei zum Jungen.
„Ist seine Mutter bei ihm?“
„Ja.“
Er nickte. Erst dann ließ er sich untersuchen.
Später erfuhr ich, dass bei seinem Sturz die Milz verletzt worden war. Während er Jonas geholfen hatte, hatte sich sein eigener Zustand verschlechtert.
Es war kein Wunder, das ihn aufrecht gehalten hatte. Und auch keine besondere Härte, mit der ein Mensch schwere Verletzungen einfach überwinden kann. Er hatte unter Schock gestanden, hatte funktioniert und viel zu spät bemerkt, wie schlecht es ihm ging.
Im Krankenhaus wurde er noch am selben Abend operiert.
Jonas kam ebenfalls auf die Intensivstation.
Am nächsten Morgen ging ich zum Markt zurück. Ich hatte in der Aufregung meine Einkaufstasche dort vergessen. Eine Mitarbeiterin gab sie mir an der Information, ordentlich zugeknotet.
„Wissen Sie etwas?“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
Auf dem Heimweg kam ich an Kurts Straße vorbei. Vor seinem Haus standen zwei Mülltonnen, die bereits geleert worden waren. Ein Brief klemmte halb im Schlitz.
Ich hatte noch nie bei ihm geklingelt.
Jetzt stellte ich die Tonnen an die Hauswand und schob den Brief ganz hinein. Dann stand ich da und fühlte mich lächerlich, weil mir diese winzige Handlung wie eine große Wiedergutmachung vorkam.
Sein Nachbar öffnete das Fenster.
„Sie suchen Kurt?“
Ich erzählte, dass ich am Parkplatz gewesen war.
Der Mann nickte langsam.
„Sein Sohn wohnt unten bei Freiburg. Der fährt gerade her.“
„Und seine Frau?“
Er sah mich einen Augenblick an.
„Anne ist seit sechs Jahren tot.“
Ich hatte keine Ahnung gehabt.
Ich wusste, dass Kurt unfreundlich grüßte, dass seine Jacke fleckig war und dass er zu früh am Morgen arbeitete. Aber das wusste ich nicht.
Drei Tage später durfte ich ihn besuchen.
Ich nahm Kekse mit, weil mir nichts Besseres einfiel. Vor der Zimmertür hätte ich am liebsten wieder umgedreht. Ich war schließlich keine Freundin. Nicht einmal eine richtige Bekannte.
Kurt lag am Fenster. Ohne Mütze wirkte er älter und zugleich weniger fremd.
„Die Frau von der Einfahrt“, sagte er.
„Sabine.“
„Weiß ich jetzt.“
Ich stellte die Kekse auf den Nachttisch.
„Wie geht es Ihnen?“
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