Die Siebenjährige bot mir siebzehn Euro, damit ich ihren Vater aufhielt. Sie hatte mich ausgesucht, weil ich aussah wie jemand, vor dem selbst Erwachsene Angst bekamen.
„Können Sie böse sein?“, fragte sie.
Ich stand auf dem Parkplatz eines Supermarkts am Rand unserer Kleinstadt und versuchte, einen Sack Blumenerde auf meinen alten Werkstattwagen zu heben. Als ich mich umdrehte, hielt mir das Mädchen einen zerknitterten Zettel hin.
Ihr Schulranzen hing an einer Schulter. Ein Knie ihrer Leggings war geflickt, die Haarspange saß schief.
„Kommt drauf an“, sagte ich. „Warum?“
„Mein Papa kommt mich holen. Aber ich darf nicht mit.“
Dann legte sie das Geld auf den Sack Blumenerde. Einen Zehneuroschein, einen Fünfer und zwei einzelne Euro, die sie sorgfältig nebeneinanderschob.
Ich heiße Werner, war damals siebenundsechzig und hatte vierundvierzig Jahre als Schlosser gearbeitet. Meine Hände sind auch nach gründlichem Waschen dunkel in den Falten. Dazu kommen eine schief verheilte Nase, ein grauer Bart und eine Stimme, die klingt, als lägen Schrauben darin.
Kinder hielten gewöhnlich Abstand zu mir. Dieses kam näher.
Auf dem Papier stand in großen, mühsam geformten Buchstaben:
„Ich heiße Emma und bin sieben. Mein Papa hat Mama wehgetan. Sie ist im Krankenhaus. Er sagt, wir fahren heute weg und ich sehe Mama nicht mehr. Ich brauche einen starken Mann. Ich kann bezahlen.“
Ich las den Zettel zweimal. Beim zweiten Mal musste ich ihn mit beiden Händen festhalten.
„Steck dein Geld erst mal ein“, sagte ich.
Ihr Gesicht fiel zusammen.
„Reicht es nicht?“
„Doch. Aber Hilfe kostet bei mir nichts.“
Ich ging langsam in die Hocke. Mein rechtes Knie knackte dabei so laut, dass sie kurz darauf sah.
„Ist kaputt“, erklärte ich. „Funktioniert trotzdem meistens. Wo ist denn der Erwachsene, der gerade auf dich aufpasst?“
„Bei dem Haus. Ich bin weggegangen.“
„Von welchem Haus?“
Sie sah über meine Schulter zur Parkplatzeinfahrt.
„Wo wir schlafen, bis Mama wiederkommt.“
Ich nahm meine Jacke von der Sitzbank des Wagens und legte sie auf die niedrige Mauer vor dem Supermarkt. Wir setzten uns so hin, dass uns die Kassiererin durch die Scheibe sehen konnte.
Emma erzählte in kleinen Stücken. Ihre Mutter hieß Kathrin. Seit drei Tagen lag sie im Krankenhaus. Emma wohnte vorübergehend in einer betreuten Schutzunterkunft, ihre Mutter hatte schon vor dem Krankenhausaufenthalt dort Hilfe gesucht.
Am Vormittag war eine Nachricht ihres Vaters auf dem alten Handy angekommen, mit dem sie manchmal Hörspiele hörte.
„Er hat gesagt, er findet mich überall.“
Sie zog einen zweiten Zettel aus der Vordertasche ihres Ranzens. Darauf standen eine Telefonnummer und, in schiefer Erwachsenenschrift: „Frau Seidel anrufen, wenn du Angst hast.“
„Hat Mama mir gegeben. Aber mein Akku ist leer.“
„Dann nehmen wir mein Telefon.“
Als ich es herausholte, griff sie nach meinem Ärmel.
„Nicht die Polizei.“
Ich ließ das Handy auf meinem Knie liegen.
„Wovor hast du da Angst?“
„Papa kennt da einen. Hat er gesagt. Wenn ich etwas erzähle, erfährt er es sofort.“
Ich wusste nicht, ob ihr Vater tatsächlich jemanden kannte. Ich wusste nur, dass sie ihm glaubte.
„Ich rufe zuerst die Frau auf deinem Zettel an“, sagte ich. „Und wenn weitere Hilfe kommen muss, sage ich dir vorher Bescheid.“
Emma nickte, ohne meinen Ärmel loszulassen.
Frau Seidel meldete sich nach dem zweiten Klingeln. Als ich Emmas Namen nannte, hörte ich sie scharf einatmen.
„Wir suchen sie gerade. Wo genau sind Sie?“
Ich beschrieb den Eingang und meinen Wagen. Sie bat mich, mit Emma an dem belebten Platz zu bleiben. Eine Kollegin sei bereits unterwegs, sie selbst informiere die Polizei über die Nachricht des Vaters.
Ich gab Emma das Telefon. Sie hörte zu, sagte zweimal leise „Ja“ und reichte es zurück.
„Ist sie böse?“
„Sie hat sich Sorgen gemacht.“
„Das ist manchmal dasselbe.“
Darauf fiel mir zunächst keine Antwort ein. Ich kannte genügend Erwachsene, bei denen sie recht gehabt hätte.
„Heute nicht“, sagte ich schließlich.
Im Supermarkt kaufte uns eine Mitarbeiterin auf meine Bitte eine Flasche Wasser und ein Käsebrötchen. Ich wollte Emma nicht allein lassen, und sie brachte beides bis zur Tür.
Emma brach das Brötchen auseinander und hielt mir die größere Hälfte hin.
„Für Ihre Mühe.“
„Ich hatte gerade Mittag.“
Das stimmte nicht. Aber sie begann zu essen, und ich war froh darüber.
Dann rief ich Ralf an.
Wir hatten dreißig Jahre in derselben Maschinenfabrik gearbeitet. Seit deren Schließung trafen wir uns mittwochs mit ein paar ehemaligen Kollegen in einer gemieteten Werkstatt hinter dem alten Güterbahnhof. Wir reparierten Fahrräder, Toaster und wackelige Küchenstühle für Leute, die wenig Geld hatten.
„Ich brauche dich am Supermarkt“, sagte ich. „Ein Kind braucht Hilfe. Die Betreuung ist unterwegs. Vielleicht gibt es Ärger mit dem Vater.“
„Ich komme mit Gisela.“
„Bring nicht die ganze Werkstatt mit.“
„Hatte ich nicht vor.“
Ralf konnte mit einem einzigen Satz bewirken, dass ich mich weniger allein fühlte. Das hatte er schon früher gekonnt, wenn eine Maschine stillstand und der Meister hinter uns fluchte.
Emma betrachtete meine Hände.
„Haben Sie schon mal jemanden gehauen?“
„Als junger Mann. War hinterher nichts besser.“
„Aber Sie könnten?“
Ich sah die Krümel auf ihrer Leggings und das Geld, das sie jetzt fest in der Faust hielt.
„Ich kann hierbleiben“, sagte ich. „Das mache ich jetzt.“
Sie dachte darüber nach. Dann schob sie den Ranzen von der Schulter und stellte ihn zwischen ihre Füße.
Bis zu diesem Tag hatte ich geglaubt, ich hätte mich an Stille gewöhnt. Meine Frau Helga war seit sechs Jahren tot, unser Sohn seit fast zwanzig. In der Küche lief das Radio, damit ich beim Essen nicht jedes Besteckgeräusch hörte.
Ich erledigte meine Einkäufe, fuhr zur Werkstatt und kam heim. An manchen Tagen sprach ich erst abends den ersten vollständigen Satz.
Nun saß neben mir ein Kind, das mich für einen starken Mann hielt. Dabei hatte ich mich seit Jahren hauptsächlich bemüht, niemandem zur Last zu fallen.
Ein dunkelblauer Kombi bog auf den Parkplatz.
Emma legte das Brötchen auf meinen Schoß.
„Das ist er.“
Der Wagen hielt schräg über zwei Stellplätzen. Ein Mann Anfang vierzig stieg aus, ordentliches Hemd, kurze Haare, Sonnenbrille am Kragen. Er hätte jemand sein können, der auf dem Heimweg noch Milch holen wollte.
„Emma. Komm.“
Sie rückte so dicht an mich, dass ich ihre Schulter spürte.
Ich stand auf. Zu schnell für mein Knie, aber es hielt.
„Ihre Tochter wartet auf ihre Betreuerin.“
Er musterte meine Arbeitshose.
„Und Sie sind wer?“
„Werner.“
„Na, Werner. Dann machen Sie sich mal wieder an Ihr Auto.“
Er lächelte dabei. Dieses kleine Lächeln machte mir mehr zu schaffen als ein Schrei.
„Bleiben Sie bitte dort“, sagte ich.
Sein Blick ging zu Emma.
„Wir haben darüber gesprochen. Du kommst jetzt mit.“
„Ich will zu Mama.“
„Deine Mutter hat dich gegen mich aufgehetzt.“
Emma fing an, die beiden Eurostücke gegeneinanderzureiben. Das leise Klirren hörte ich deutlich.
Ich stellte mich seitlich vor sie. Die Supermarktmitarbeiterin stand inzwischen in der offenen Tür.
„Die Betreuung ist gleich da“, sagte ich. „Bis dahin bleiben wir hier.“
„Ich bin ihr Vater.“
„Dann warten Sie mit uns.“
Er machte einen Schritt auf mich zu.
Ich hatte keinen Plan, wie ich ihn körperlich aufhalten sollte. Meine Schulter war steif, das Knie kaputt, und zuletzt hatte ich vor zwei Jahren einen Wasserkasten fallen lassen, weil mir die Kraft weggeblieben war.
Also hob ich die Stimme.
„Bleiben Sie bitte auf Abstand.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen






