Ich dachte, mein verrückter Kater wäre ein Fehler, bis er zwei einsame Menschen zusammenbrachte

Drei Tage nach seiner Adoption hing mein Kater nachts am Duschvorhang. Ich dachte, ich hätte einen riesigen Fehler gemacht, bis er mich zu einer weinenden Nachbarin führte.

„Felix! Runter da! Sofort!“

Es war kurz nach drei Uhr morgens, und ich stand barfuß in meinem Badezimmer. Vor mir hing ein schwarz-weißer Kater am Duschvorhang und schaukelte hin und her, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Die Duschstange knarrte bedenklich.

„Wenn du das Ding abreißt, kannst du es selbst bezahlen!“, murmelte ich.

Natürlich interessierte ihn das überhaupt nicht.

Eine Sekunde später ließ er los, landete mit einem lauten Rums in der Badewanne und sah mich empört an. Als hätte ich ihn persönlich dort hineingeworfen.

Dann raste er an mir vorbei ins Wohnzimmer.

Ich blieb stehen und starrte auf den zerknitterten Duschvorhang.

„Was habe ich mir da bloß ins Haus geholt?“

Dabei wohnte Felix erst seit drei Tagen bei mir.

Und ich war schon völlig fertig mit den Nerven.

Ich heiße Thomas, bin 58 Jahre alt und lebe allein in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Kassel.

Ich bin kein besonders aktiver Mensch. War ich eigentlich nie.

Ich mag meine Ruhe, meine festen Gewohnheiten und meinen Fernsehsessel. Wenn ich mich mittags mit einer Tasse Kaffee hinsetze, kann ich problemlos drei Stunden später noch genauso dasitzen.

Früher habe ich darüber gescherzt.

Inzwischen war es einfach mein Alltag geworden.

Deshalb hatte ich mir ausgerechnet eine Katze ausgesucht, die im Tierheim besonders ruhig wirkte.

Felix saß damals ganz hinten in seinem Gehege.

Sein Fell war schwarz, bis auf die weiße Brust, den weißen Bauch und vier weiße Pfoten. Er sah aus, als hätte er einen kleinen schwarzen Anzug angezogen.

Die Mitarbeiterin sagte, er sei etwa drei Jahre alt.

„Der sieht aber brav aus“, meinte ich.

Felix saß ordentlich da, die Vorderpfoten nebeneinander, und blinzelte mich freundlich an.

Ich dachte sofort: Der passt zu mir.

Ich wollte keinen Wirbel. Keine Aufregung. Nur ein bisschen Gesellschaft, wenn ich abends nach Hause kam.

Die Mitarbeiterin lächelte.

„Er hat schon ordentlich Temperament.“

Ich hätte auf diesen Satz hören sollen.

Denn Felix hatte nicht einfach Temperament.

Felix war eine Naturkatastrophe auf vier Pfoten.

Schon am vierten Tag hatte er meine Wohnzimmergardine erklommen. Am fünften Tag räumte er ein ganzes Regal ab.

Am sechsten Tag entdeckte ich ihn auf dem Küchenschrank, obwohl ich bis heute nicht weiß, wie er dort hinaufgekommen war.

Und nachts?

Nachts verwandelte sich meine Wohnung in eine Rennstrecke.

Um drei Uhr morgens raste Felix durch den Flur. Er sprang über den Sessel, rutschte auf dem Laminat aus und jagte irgendwelchen Dingen hinterher, die nur er sehen konnte.

Einmal saß er zehn Minuten vor einer leeren Zimmerecke und fauchte sie an.

Ich habe die Ecke vorsichtshalber auch angeschaut.

Da war nichts.

Aber das Schlimmste war, dass er mich ständig beschäftigte.

Wenn ich mich hinsetzte, brachte er ein Spielzeug.

Wenn ich es ignorierte, ließ er es direkt auf meinen Fuß fallen.

Wenn ich weiter nicht reagierte, sprang er auf meinen Schoß und starrte mich so lange an, bis ich aufstand.

Eines Morgens saß ich völlig übermüdet am Küchentisch.

Felix legte mir eine zerkaute Stoffmaus vor die Füße.

„Weißt du eigentlich, was du bist?“, fragte ich ihn.

Er miaute.

„Ein Fitnesstrainer mit Schnurrhaaren. Und ich bezahle auch noch dein Futter.“

Er miaute wieder, als würde er mir recht geben.

Trotzdem merkte ich nach einigen Wochen etwas Seltsames.

Ich bewegte mich wieder mehr.

Nicht besonders viel. Ich war schließlich immer noch derselbe Thomas.

Aber ich stand häufiger auf.

Ich räumte Dinge weg, bevor Felix sie vom Tisch schubsen konnte. Ich ging zu Fuß zum Supermarkt, weil mir aufgefallen war, dass sein Katzenfutter fast leer war.

Ich fing sogar an, morgens die Fenster zu öffnen und die Wohnung richtig aufzuräumen.

Das hatte ich monatelang kaum getan.

Und eines Tages bemerkte ich, dass ich seit einer ganzen Woche nicht mehr nachmittags auf dem Sofa eingeschlafen war.

Es klingt lächerlich, aber für mich war das eine große Veränderung.

Denn so war ich nicht immer gewesen.

Vor zwei Jahren war meine Mutter gestorben.

Sie wurde 82 Jahre alt und hatte bis zuletzt in ihrer kleinen Wohnung am anderen Ende der Stadt gelebt.

Meine Mutter war eine dieser Frauen, die niemals lange still sein konnten.

Sie rief mich fast jeden Abend an.

„Thomas, hast du heute etwas Richtiges gegessen?“

„Ja, Mama.“

„Und Gemüse?“

„Auch Gemüse.“

„Du klingst müde. Geht es dir gut?“

Manchmal ging sie mir damit gehörig auf die Nerven.

Ich erinnere mich sogar, dass ich einmal beim Klingeln des Telefons die Augen verdrehte.

Heute würde ich alles dafür geben, noch einmal ihre Stimme zu hören.

Nach ihrem Tod veränderte sich etwas in mir.

Ich ging weiter zur Arbeit. Ich bezahlte meine Rechnungen. Ich kaufte Lebensmittel ein.

Von außen sah mein Leben wahrscheinlich völlig normal aus.

Aber sobald ich meine Wohnungstür schloss, wurde alles still.

Eine Stille, die sich irgendwann nicht mehr friedlich anfühlte.

Ich saß abends im Wohnzimmer und hörte die Uhr ticken.

Manchmal lief der Fernseher, ohne dass ich wusste, was gerade gezeigt wurde.

An manchen Wochenenden sprach ich von Freitagabend bis Montagmorgen mit keinem einzigen Menschen.

Ich hatte Kollegen und ein paar Bekannte. Aber ich ließ kaum jemanden an mich heran.

„Mir geht’s gut“, sagte ich, wenn jemand fragte.

Es war einfacher, als zu erklären, wie leer sich alles anfühlte.

Im Flurschrank lag noch immer die alte Strickjacke meiner Mutter.

Eine dunkelrote, etwas ausgeleierte Jacke mit großen Knöpfen.

Sie hatte sie oft getragen, wenn ich sie sonntags zum Kaffee besuchte.

Nach der Beerdigung hatte ich die Jacke mitgenommen.

Ich legte sie in den Schrank und machte die Tür zu.

Danach öffnete ich diesen Schrank fast zwei Jahre lang nicht mehr.

Ich wusste, dass die Jacke dort lag.

Und genau deshalb konnte ich nicht hineinschauen.

Felix wusste natürlich nichts davon.

Er wusste nichts von meiner Mutter, von der Beerdigung oder von den vielen Abenden, an denen ich allein am Küchentisch gesessen hatte.

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