Sie verachtete seine schmutzigen Hände – bis ihre Tochter genau diese Hände brauchte

Die Mutter riss ihre Tochter von mir weg. Drei Tage später klammerte sich das Mädchen an meine Arbeitsjacke und bat mich, es nicht allein zu lassen.

„Lassen Sie die Finger von meinem Kind!“

Die Frau zog das kleine Mädchen so heftig zurück, dass dessen Schuh gegen ihren Einkaufskorb stieß. Ich stand mit ausgestreckter Hand vor ihnen. Zwischen meinen Fingern hielt ich das weiße Band eines gelben Luftballons.

Mehr hatte ich nicht getan. Das Band war dem Kind entglitten, ich hatte danach gegriffen. Mit achtundsechzig war ich zwar nicht mehr besonders schnell auf den Beinen, aber meine Hände konnten noch zupacken.

„Ihr Ballon“, sagte ich.

Die Frau sah auf meine Finger. An den Rändern der Nägel saß noch dunkler Schmutz, obwohl ich sie vor dem Einkaufen geschrubbt hatte. In meiner Arbeitsjacke war am Ärmel ein Brandloch, und mein Bart hätte dringend einen vernünftigen Schnitt gebraucht.

„Legen Sie ihn einfach da hin.“

Sie deutete auf einen Einkaufswagen. Ihre Tochter stand halb hinter ihr und blickte zwischen uns hin und her.

„Dann fliegt er wieder weg“, sagte ich.

„Dann binden Sie ihn eben fest.“

Ich knotete das Band an den Griff des Wagens. Dabei hörte ich, wie sie zu ihrem Kind sagte: „Von solchen Gestalten hältst du dich fern. Hast du verstanden?“

Das Mädchen antwortete nicht. Es schaute mich nur an.

Ich hätte der Frau gern erzählt, dass ich drei Töchter großgezogen hatte. Dass meine Enkel früher auf genau diesen Schultern gesessen hatten, vor denen sie ihr Kind jetzt in Sicherheit brachte. Dass ich gerade aus einer Werkstatt kam, in der wir kostenlos einen kaputten Kinderstuhl repariert hatten.

Stattdessen nahm ich meinen Korb.

An der Kasse legte ich Brot, Käse und vier Äpfel aufs Band. Die Frau vor mir suchte lange nach Kleingeld. Normalerweise hätte ich gesagt, sie solle sich Zeit lassen. An diesem Samstag starrte ich bloß auf meine Hände.

Zu Hause stellte ich die Einkäufe ab und ging noch einmal ins Bad.

Die Nagelbürste lag neben dem Waschbecken. Ich nahm sie, ließ Wasser darüberlaufen und schrubbte, bis die Haut an den Fingerknöcheln spannte.

Dann kam ich mir albern vor.

Meine Frau hätte mir die Bürste weggenommen. „Rolf“, hätte sie gesagt, „nach dreiundvierzig Jahren Schlosserei sehen Hände eben nicht aus wie aus dem Schaufenster.“

Seit vier Jahren musste ich mir solche Sätze selbst sagen. Es half weniger.

Ich wohne am Rand einer kleinen Stadt im Sauerland, in einer Wohnung, die einmal für fünf Menschen zu eng gewesen war. Inzwischen höre ich manchmal den Kühlschrank bis ins Wohnzimmer.

Meine Töchter rufen regelmäßig an. Zwei leben weit weg, eine arbeitet im Schichtdienst und hat selbst genug um die Ohren. Wir verstehen uns gut. Trotzdem gibt es Sonntage, an denen ich erst abends merke, dass ich den ganzen Tag mit niemandem gesprochen habe.

Dienstags und samstags gehe ich deshalb in unsere Werkstatt.

Die befindet sich im alten Werkraum einer stillgelegten Schule. Ein paar von uns haben dort mit Erlaubnis der Gemeinde eine kleine Reparaturrunde aufgebaut. Wir richten wackelige Stühle, ersetzen abgebrochene Schubladengriffe und versuchen, Dinge zu erhalten, die jemand noch braucht.

Dieter ist einundsiebzig und war früher Hausmeister. Er kann streng gucken, ohne es zu merken. Uwe, siebenundsechzig, hat sein Leben auf Baustellen verbracht und redet meistens erst, wenn es etwas zu sagen gibt.

Wir drei sehen auch nach gründlichem Waschen noch nach Arbeit aus.

Bis vor sechs Wochen war Gustav dabei gewesen. Sein Platz an der Werkbank stand seitdem leer. Niemand hatte vorgeschlagen, ihn neu zu vergeben.

An jenem Dienstag kamen wir vom Friedhof. Wir hatten seiner Frau geholfen, eine kleine Holzbank im Garten wieder herzurichten, und anschließend Blumen zu seinem Grab gebracht. Die Werkzeuge lagen noch in Uwes altem Transporter.

Wir parkten am Rand der Innenstadt, weil Dieter beim Bäcker Brot holen wollte. Auf dem Marktplatz wurden gerade die letzten Stände abgebaut. Zwischen Einkaufstaschen, Kisten und zusammengeklappten Tischen schoben sich Menschen zur Fußgängerampel.

Dort hörte ich ein Kind weinen.

Es saß neben einem Papierkorb, ein Stück vom Bordstein entfernt. Eine orangefarbene Jacke, ein nacktes Knie mit einer blutigen Schramme. Über ihm schaukelten drei Luftballons, deren Bänder sich um einen Schuh gewickelt hatten.

In den Armen hielt das Mädchen ein kleines Holzboot.

Ich erkannte es sofort.

„Wartet mal“, sagte ich.

Dieter folgte meinem Blick. Uwe hatte schon aufgehört, nach dem Parkschein zu suchen.

Ich ging langsam hinüber und blieb zunächst einen Schritt vor dem Kind stehen.

„Hallo. Ist deine Mama nicht bei dir?“

Das Mädchen hob den Kopf. Seine Unterlippe zitterte.

„Du bist der Mann mit dem Ballon.“

„Ja. Ich heiße Rolf.“

Ich ging in die Hocke, wobei mein rechtes Knie laut knackte. Normalerweise machte ich darüber einen Witz. Diesmal blieb mir keiner im Kopf.

„Wie heißt du denn?“

„Lotta.“

„Gut, Lotta. Wir bleiben jetzt erst mal hier. Meine Freunde helfen uns, deine Mama zu finden.“

Sie schaute an mir vorbei, suchte zwischen den Erwachsenen und fing wieder an zu weinen.

„Mama wird …“

Der Rest ging in einem Schluchzen unter.

„Erst mal atmen“, sagte ich leise. „Du musst nicht alles auf einmal erzählen.“

Uwe holte den Verbandkasten aus dem Wagen. Dieter blieb einige Schritte entfernt stehen und fragte die Leute, ob jemand eine suchende Mutter gesehen hätte.

Ein junger Mann hielt sein Telefon in unsere Richtung. Eine Frau mit einer Stofftasche kam näher und sah erst Lotta, dann mich an.

„Gehört das Kind zu Ihnen?“

„Nein. Wir haben sie gerade hier gefunden.“

Die Frau zog die Augenbrauen zusammen.

Ich konnte es ihr nicht einmal verdenken. Drei ältere Männer um ein weinendes Mädchen herum, keiner davon besonders freundlich anzusehen. Sie kannte die Vorgeschichte nicht.

„Bleiben Sie ruhig bei uns“, sagte ich. „Vielleicht beruhigt sie das.“

Die Frau stellte ihre Tasche ab und kniete sich ebenfalls hin.

„Ich heiße Sabine. Wir finden deine Mama, ja?“

Lotta nickte kaum merklich.

Es tat gut, dass jemand einfach blieb.

Dieter rief inzwischen bei der Polizei an und beschrieb unseren Standort. Uwe kam mit dem Verbandkasten zurück. Er legte mir eine verpackte Kompresse hin und hielt dann die Ballonbänder fest, während ich sie vorsichtig von Lottas Schuh löste.

„Darf ich mal dein Knie ansehen?“

Sie streckte das Bein aus, hielt aber das Boot weiter so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden. Die Schramme war nicht tief. Trotzdem musste der Sturz ordentlich wehgetan haben.

„Das brennt“, flüsterte sie.

„Das glaube ich.“

Sabine reichte ihr ein Taschentuch. Ich versorgte die kleine Wunde, so gut es ging. Dabei bemerkte ich, dass der Mast des Bootes schief lag.

Er war kurz über dem Deck abgebrochen. Das blaue Segel hing noch daran.

„Ist das beim Hinfallen passiert?“

Lotta presste die Lippen zusammen und nickte.

Dann sagte sie den Satz zu Ende, den sie vorhin nicht herausbekommen hatte.

„Mama wird wieder weinen.“

Ich schaute sie an.

„Weil das Boot kaputt ist?“

„Opa hat das gemacht. Und er kann kein neues mehr machen.“

Neben mir hörte Uwe auf, an einem Knoten zu arbeiten.

Lotta strich mit einem Finger über den rot gestrichenen Rumpf.

„Er ist gestorben. Mama hat das Boot im Schrank aufgehoben. Heute durfte ich es haben, weil ich sechs bin.“

Einen Moment lang wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

Auf dem Deck war eine kleine Bank befestigt. Die Kanten waren sauber gerundet, das Segel von Hand genäht. Unter dem Lack sah man an einer Stelle noch einen Bleistiftstrich.

Da hatte jemand gesessen und sich Mühe gegeben. Vielleicht schon mit wenig Kraft. Vielleicht mit dem Gedanken, dass er beim ersten Ausflug an den Teich nicht mehr dabei sein würde.

„Der Mast lässt sich wahrscheinlich reparieren“, sagte ich vorsichtig.

Lotta schüttelte den Kopf.

„Aber es muss derselbe bleiben.“

„Dann schauen wir uns genau diesen an.“

Sie betrachtete meine Hände. Zum ersten Mal schien sie etwas anderes zu interessieren als der Schmutz an meinen Nägeln.

„Kannst du so was?“

„Manchmal. Mein Freund hier ist mit Holz sogar besser als ich.“

Uwe nickte.

„Den werfen wir jedenfalls nicht weg.“

Nun erzählte Lotta stockend, was passiert war. Ihre Mutter hatte an einem Stand bezahlt. Lotta hatte das Boot abgestellt, weil sich ein Ballonband um ihren Fuß gelegt hatte. Als sie wieder aufsah, war Mama nicht mehr da.

Sie war einer Frau in einem hellen Mantel gefolgt. Erst an der Kreuzung hatte sie gemerkt, dass es die falsche Frau war. Dann war sie gestolpert.

„Ich wollte zurück“, sagte sie. „Aber ich wusste nicht mehr, wo.“

„Du bist jetzt an einem guten Platz“, sagte Sabine. „Hier können wir auf sie warten.“

Hinter uns murmelte jemand etwas. Der junge Mann mit dem Telefon stand immer noch da.

Dieter sah ihn an.

„Bitte lassen Sie das. Das Kind hat schon genug Angst.“

Der Mann senkte das Handy und ging.

Lotta griff nach meinem Ärmel, als ich mein schmerzendes Knie etwas anders hinstellen wollte.

„Geh nicht weg.“

„Ich bleibe.“

Kurz darauf hörten wir ihren Namen.

Nicht laut und ärgerlich, sondern so, wie Menschen rufen, denen vor Angst die Luft ausgeht.

„Lotta!“

Ihre Mutter kam zwischen zwei Marktständen hervor. Die Tasche hing offen an ihrer Schulter, eine Haarsträhne klebte ihr an der Wange. Sie sah ihr Kind und rannte die letzten Schritte.

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