Ich sagte immer „später“, bis mein Sohn fragte, ob er überhaupt noch groß wird

Jahrelang vertröstete ich meinen kleinen Sohn auf eine Fahrt im alten Bus. Dann fragte er vor der Garage: „Papa, werde ich überhaupt noch groß?“

Meine Hand lag noch auf dem Türgriff. Hinter mir stand Miriam mit Pauls Hausschuhen in der Hand, weil ich ihn einfach auf den Arm genommen und aus der Küche getragen hatte.

„Du kannst ihm jetzt nicht irgendwas versprechen“, sagte sie. „Nicht bloß, weil du selbst nicht mehr weiterweißt.“

Normalerweise hätte ich auf so einen Satz sofort eine Antwort gehabt. Ich war siebenundfünfzig, Werkstattmeister und seit fast vierzig Jahren daran gewöhnt, dass die Leute warteten, bis ich sagte, wie es weiterging. Diesmal bekam ich den Mund nicht auf.

Paul legte seine warme Hand auf meine Wange.

„Ich will auch gar nicht weit, Papa.“

Ich öffnete die Garage. Unser alter blauer Bus stand zwischen dem Regal mit den Schraubenkisten und Miriams eingelagerten Balkonstühlen. Paul streckte die Arme nach ihm aus, als begrüßte er jemanden, den er lange vermisst hatte.

„Hallo, Brummer“, flüsterte er.

Ich setzte ihn auf meinen Schoß hinter das Lenkrad. Der Motor blieb aus, wie bei all den anderen Fahrten, die wir in dieser Garage schon gemacht hatten.

Nur diesmal machte Paul keine Motorengeräusche.

„Wenn ich nicht groß werde“, fragte er, „darf ich dann trotzdem mit?“

Miriam stellte die Hausschuhe auf den Boden. Dann ging sie einmal um den Bus herum, damit Paul nicht sah, dass sie weinte.


Ich heiße Martin. In unserer Werkstatt nannten mich manche hinter meinem Rücken den Schrank. Breite Schultern, wenig Haare, eine Stimme, die selbst freundlich noch nach Ärger klang.

Beim Kindergarten hatte ich einmal gehört, wie ein Junge zu seiner Mutter sagte: „Der Papa guckt immer böse.“ Ich hatte so getan, als hätte ich nichts verstanden. Paul war zu mir gelaufen, hatte sich an mein Bein geklammert und gerufen: „Mein Papa kann alles reparieren.“

Damals hatte ich noch geglaubt, dass es zumindest für die wichtigsten Dinge stimmte.

Den Bus hatte ich fünf Jahre zuvor gekauft. Früher hatte er einem kleinen Handwerksbetrieb gehört. Die Sitze waren durchgesessen, unten an den Türen saß Rost, und die Heizung kannte nur zwei Zustände: kalt oder unerträglich heiß.

Miriam hatte ihn angesehen und gesagt: „Andere Männer kaufen sich mit über fünfzig eine ordentliche Kaffeemaschine.“

„Die kann ich nicht reparieren“, hatte ich geantwortet.

Sie hatte gelacht. Das konnte sie damals noch, ohne dass das Lachen irgendwo auf halbem Weg stecken blieb.

Paul kam ein Jahr später zur Welt. Wir hatten lange nicht mehr damit gerechnet, Eltern zu werden. Als ich ihn zum ersten Mal hielt, war mein erster Gedanke nicht einmal besonders schön gewesen.

Hoffentlich reicht meine Zeit.

Danach hatte ich diesen Gedanken weggeschoben. Ich ging arbeiten, renovierte sein Zimmer und lernte, mit meinen dicken Fingern die winzigen Druckknöpfe an seinen Stramplern zu schließen.

Sobald Paul laufen konnte, wollte er mit in die Garage. Er sammelte Unterlegscheiben in einer alten Brotdose, hielt mir die Taschenlampe grundsätzlich in die Augen und fragte bei jeder Schraube: „Ist er jetzt fertig?“

„Noch nicht, mein Junge.“

Später wurde daraus: „Wenn du größer bist, machen wir eine richtige Fahrt.“

Zuerst war der Bus tatsächlich nicht fahrbereit gewesen. Dann fehlte noch dies, dann wollte ich jenes ordentlich machen. Schließlich war alles fertig, aber ich hatte unsere erste gemeinsame Fahrt für etwas Besonderes aufgehoben.

Ein Wochenende. Eine längere Strecke. Ein Ausflug, an den er sich später erinnern würde.

Nicht bloß zehn Minuten durch unser Viertel.

Paul hatte das anders gesehen. Er wollte neben dem Fenster sitzen, sein Stofftier mitnehmen und einmal erleben, dass die Garage hinter uns verschwand.

Miriam nähte ihm einen kleinen blauen Bus aus Stoffresten. Die Räder waren schief, und eine Ecke des Dachs sackte ein. Paul nahm ihn überallhin mit.

„Wenn ich groß bin, fahre ich mit Papa“, erzählte er im Kindergarten.

Ich fand das schön. Heute weiß ich noch, wie zufrieden ich damals mit diesem Satz war.


Angefangen hatte es mit seinem Stolpern.

Paul war nie vorsichtig gewesen. Er rannte, bevor er richtig gehen konnte. Als er plötzlich öfter hinfiel, kauften wir ihm neue Schuhe, weil Miriam dachte, die alten seien vielleicht zu klein.

Dann wollte er morgens nicht aufstehen. Er hielt sich den Kopf und sagte, darin würde jemand drücken.

Wir gingen mit ihm zur Kinderärztin. Kurz darauf saßen wir in einer Klinik, und ich hielt seine Jacke auf dem Schoß, während Menschen durch Türen gingen, hinter denen unser Sohn lag.

Ich weiß von diesem Tag vieles nicht mehr.

Aber ich weiß noch, dass ein Ärmel seiner Jacke auf dem Boden hing. Ich hob ihn immer wieder hoch. Als wäre das wichtig. Als könnte ich wenigstens verhindern, dass sein Ärmel schmutzig wurde.

Die Ärztin sprach später mit uns in einem kleinen Zimmer. Paul schlief nebenan, erschöpft von den Untersuchungen.

Sie erklärte uns, dass in seinem Kopf ein Tumor gewachsen war. Sie erklärte auch, warum sie ihn nicht einfach entfernen konnten.

„Aber behandeln“, sagte ich. „Sie können ihn doch behandeln.“

„Wir können versuchen, ihm Beschwerden zu nehmen und Zeit zu geben.“

Miriam saß ganz gerade. „Und gesund machen?“

Die Ärztin antwortete nicht sofort. In dieser kurzen Pause wusste ich es bereits.

Danach sagte sie Worte, die ich hörte, ohne sie zusammenzubekommen. Monate. Verlauf. Begleitung. Niemand könne uns genau sagen, wie viel Zeit wir hätten.

„Er ist vier“, sagte ich.

Mehr fiel mir nicht ein.

Die Ärztin nickte. Sie versuchte nicht, diesen Satz kleiner zu machen.

Auf der Heimfahrt schlief Paul in seinem Kindersitz. Miriam saß neben ihm und hielt seine Hand. Ich fuhr an unserer Straße vorbei, weil ich den Gedanken nicht ertrug, dass wir jetzt einfach nach Hause gehen sollten.

Was machte man denn dann?

Kartoffeln schälen? Die Waschmaschine ausräumen? Den Briefkasten leeren?

An diesem Abend fragte Paul wieder nach dem Bus. Ich sagte: „Bald.“

Miriam sah mich an. Nicht vorwurfsvoll. Schlimmer.

Traurig.


Am Morgen danach standen wir in der Garage.

Als Paul fragte, ob er überhaupt noch groß werden würde, musste ich mich am Lenkrad festhalten. Wir hatten ihm gesagt, dass er sehr krank war. Dass die Ärzte versuchten, ihm zu helfen. Wir hatten nicht gewusst, wie viel er verstanden hatte.

Jetzt begriff ich, dass er uns längst zuhörte.

Unserem Schweigen. Unseren Gesprächen hinter geschlossenen Türen. Der Art, wie Miriam nachts nach ihm sah und dabei vergaß, das Licht im Flur wieder auszumachen.

„Ich weiß nicht, wie groß du wirst“, sagte ich schließlich. „Aber für eine Fahrt mit mir musst du nicht größer werden.“

Paul schaute zu Miriam.

„Darf ich, Mama?“

Sie kniete sich neben die offene Tür. „Wenn es dir gut genug geht. Und wenn wir alles ordentlich machen.“

Ich nickte sofort.

Sie sah mich weiter an. „Ordentlich, Martin. Nicht mit irgendeiner Lösung, die du dir eben in der Garage ausdenkst.“

Früher hätte mich das geärgert.

An diesem Morgen war ich froh, dass einer von uns noch klar denken konnte.

Wir besprachen mit dem Behandlungsteam, was Paul sich zutrauen durfte. Ein Kollege überprüfte den Bus noch einmal, besonders den hinteren Sitzplatz für seinen Kindersitz. Ich ließ ihn arbeiten, ohne ihm über die Schulter zu reden.

Das war vermutlich das erste Mal seit zwanzig Jahren.

Zwei Tage später stand Miriam neben der Schiebetür, während ich Paul anschnallte. Er trug seine rote Jacke und hielt den Stoffbus so fest, dass die Räder zwischen seinen Fingern verschwanden.

„Wohin?“, fragte ich.

„Bis zum Bäcker.“

Ich drehte mich um. „Nur bis zum Bäcker?“

Paul nickte ernst. „Der Brummer weiß ja noch nicht, wo ich wohne.“

Miriam lachte.

Es war ein kurzes, überraschtes Geräusch. Ich hätte dafür alles gegeben.


Unsere erste Fahrt dauerte zwölf Minuten.

Wir fuhren an den Garagen vorbei, an der Bushaltestelle und an dem Haus, vor dem immer zwei leere Blumenkübel standen. Paul kommentierte alles, als sähe er unsere Straße zum ersten Mal.

„Da ist der Hund mit dem krummen Schwanz! Mama, guck! Und da gehen wir immer lang! Papa, der Bus kennt den Weg!“

Ich hielt beide Hände am Lenkrad. An einer Kreuzung musste ich zweimal schlucken, bevor ich wieder richtig sehen konnte.

Miriam bemerkte es. Sie legte mir kurz die Hand auf die Schulter.

Beim Bäcker blieb ich mit Paul im Bus, während sie drei Brötchen holte. Er wollte nicht aussteigen. Er saß einfach da, betrachtete die Straße durch sein Fenster und strich über die Sitzfläche neben sich.

„Ist das jetzt mein Platz?“

„Ja.“

„Auch nächstes Mal?“

„Auch nächstes Mal.“

Zu Hause ließ er sich von mir herausheben. Er legte die Arme um meinen Hals und drückte seine Stirn gegen meine.

„Gut, dass ich nicht warten musste, Papa.“

Ich trug ihn bis zur Haustür. Weiter schaffte ich es erst einmal nicht.

Am Abend holte Miriam Papier und Buntstifte. „Dann müssen wir wohl aufschreiben, wohin euer Bus noch fahren soll.“

Paul malte einen braunen Fleck mit vier Beinen.

„Ein Pferd“, erklärte er, bevor ich etwas Falsches sagen konnte.

Daneben kamen eine Eistüte, ein Zug und etwas, das aussah wie eine Kartoffel mit Flügeln.

„Schmetterling“, sagte Miriam.

Paul nickte zufrieden. Unter seine Bilder schrieb sie die Ziele, die er ihr diktierte.

Zum Ententeich. Zur Oma. Zu den großen Zügen. Dorthin, wo man Eis mit bunten Streuseln bekommt.

Ganz unten malte er drei Striche in ein blaues Rechteck.

„Wir“, sagte er. „Alle.“


Unser Nachbar Werner beobachtete die Vorbereitungen von seinem Gartentor aus.

Werner war einundsiebzig, ehemaliger Schlosser und seit dem Tod seiner Frau noch wortkarger als vorher. Er beschwerte sich über falsch abgestellte Mülltonnen, überhängende Zweige und meinen Bus.

Besonders über meinen Bus.

„Muss die alte Kiste jetzt jeden Tag laufen?“, fragte er eines Morgens.

Ich hatte kaum geschlafen. Paul war nachts mehrfach aufgewacht, und Miriam hatte auf dem Badezimmerboden gesessen, weil sie dachte, dort würde ich sie nicht hören.

„Ja“, sagte ich.

„Man kann auch Rücksicht nehmen.“

Ich schlug die Fahrertür etwas zu fest zu. Dann ging ich zu ihm ans Tor.

„Mein Sohn wird vielleicht seinen nächsten Geburtstag nicht erleben. Er möchte mit mir Bus fahren. Mehr gibt es dazu gerade nicht zu sagen.“

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