Ein kleiner Junge küsste jeden Morgen eine streunende Katze und veränderte damit das Leben einer einsamen Frau

Ich war schon zu spät zur Arbeit, als ich sah, wie ein kleiner Junge eine streunende Katze küsste, doch erst Tage später begriff ich, warum er jeden Morgen zu ihr zurückkam.

„Ich bin wieder da, Wolke. Du hast doch nicht gedacht, dass ich dich vergesse, oder?“

Der kleine Junge stand vor der Bank an der Bushaltestelle und sprach mit einer Katze.

Ich war gerade dabei, an ihm vorbeizueilen. Mein Bus kam in wenigen Minuten, mein Chef hatte mich am Vortag wegen meiner Verspätung ermahnt, und auf meinem Handy blinkten bereits drei unbeantwortete Nachrichten.

Aber dann tat der Junge etwas, das mich mitten auf dem Gehweg stehen bleiben ließ.

Er nahm vorsichtig den Kopf der Katze zwischen seine kleinen, behandschuhten Hände. Dann beugte er sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Ganz langsam. Ganz selbstverständlich.

Als wäre dieses kleine, schmutzige Tier das Wertvollste, was er auf der Welt hatte.

Ich weiß nicht, warum mich dieser Anblick so traf.

Vielleicht, weil ich seit Jahren nichts mehr gesehen hatte, das so ehrlich und liebevoll war.

Vielleicht aber auch, weil ich damals selbst längst vergessen hatte, wie sich echte Zuneigung anfühlte.

Mein Name ist Sabine. Ich bin 54 Jahre alt, geschieden und arbeite seit fast zwanzig Jahren in der Verwaltung eines mittelständischen Betriebs in einer kleinen Stadt bei Kassel.

Mein Leben war nicht besonders schlimm.

Aber schön war es auch nicht mehr.

Jeden Morgen klingelte der Wecker um sechs. Ich stand auf, kochte Kaffee, zog mich an und fuhr zur Arbeit. Abends kam ich nach Hause, machte mir ein Brot oder wärmte etwas vom Vortag auf.

Manchmal lief der Fernseher, ohne dass ich wirklich hinsah.

Meine beiden Kinder waren längst erwachsen. Meine Tochter lebte mit ihrer Familie in Hamburg, mein Sohn arbeitete im Süden.

Wir telefonierten regelmäßig. Zu Weihnachten besuchten sie mich.

Ich hatte also keinen Grund, mich zu beklagen.

Zumindest sagte ich mir das immer wieder.

Trotzdem fühlte sich mein Leben manchmal an wie ein langer Flur voller verschlossener Türen.

Ich erledigte alles, was erledigt werden musste.

Aber wann ich das letzte Mal aus vollem Herzen gelacht hatte, konnte ich nicht mehr sagen.

Und an jenem Dienstagmorgen im Februar sollte ausgerechnet ein fremder Junge an einer Bushaltestelle etwas in mir verändern.

Er war vielleicht sieben Jahre alt.

Seine dunkelblaue Winterjacke war viel zu groß. Die Ärmel reichten ihm beinahe bis zu den Fingerspitzen, und am Reißverschluss fehlte ein kleiner Plastikgriff.

Auf dem Kopf trug er eine graue Strickmütze, die ihm ständig über die Augen rutschte.

Sein Schulranzen sah aus, als hätte er schon einige Jahre hinter sich.

Die Katze dagegen war ein trauriger Anblick.

Sie war grau getigert, ziemlich dünn und hatte ein eingerissenes Ohr. Ihr Fell stand an manchen Stellen ab, und ihr Schwanz lag eng um die Pfoten geschlungen.

Trotzdem saß sie auf dieser kalten Bank, als würde sie dort hingehören.

Und als der Junge näher kam, hob sie sofort den Kopf.

Nicht ängstlich.

Nicht misstrauisch.

Sondern erwartungsvoll.

„Na, meine Kleine“, flüsterte er. „Hast du wieder hier geschlafen?“

Die Katze streckte ihren Kopf nach vorn und rieb ihn an seinem Ärmel.

Der Junge lächelte.

Es war dieses Lächeln, das Kinder manchmal haben, wenn sie etwas Schönes erleben und nicht daran denken, dass jemand zuschauen könnte.

Ich blieb neben einem Laternenpfahl stehen und tat so, als würde ich den Deckel meines Kaffeebechers festdrücken.

Eigentlich ging mich das alles nichts an.

Aber ich konnte nicht weitergehen.

Der Junge griff in seine Jackentasche.

Ich dachte, er würde ein Stück Wurst, ein Leckerli oder vielleicht etwas von seinem Frühstück herausholen.

Doch seine Hand blieb leer.

Er betrachtete kurz seine offene Handfläche. Dann senkte er den Kopf.

„Tut mir leid, Wolke“, sagte er leise. „Heute hab ich nichts für dich.“

Die Katze schnurrte trotzdem und drückte sich noch fester an ihn.

„Mama hat gesagt, wir müssen erst wieder einkaufen.“

Er schluckte.

„Aber morgen bring ich dir bestimmt was mit. Versprochen.“

Dann streichelte er vorsichtig die Stelle hinter ihrem unverletzten Ohr.

„Ich wollte nur nicht, dass du denkst, ich hätte dich vergessen.“

Bei diesem Satz musste ich wegsehen.

Etwas zog sich in meiner Brust zusammen.

Dieser Junge hatte offenbar selbst nicht viel. Seine Kleidung war abgetragen, seine Handschuhe unterschiedlich, und in seiner Tasche war nichts, das er teilen konnte.

Aber er war trotzdem gekommen.

Nur um dieser Katze zu zeigen, dass jemand an sie dachte.

Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden.

Dabei war ich eigentlich keine Frau, die schnell weinte.

Als mein Mann mich nach vierundzwanzig Ehejahren verlassen hatte, hatte ich kaum eine Träne vergossen.

Ich hatte funktioniert.

Als meine Mutter gestorben war, hatte ich die Beerdigung organisiert, Unterlagen sortiert und danach ihre Wohnung ausgeräumt.

Wieder hatte ich funktioniert.

Ich war sehr gut darin geworden, weiterzumachen.

Vielleicht sogar zu gut.

Doch jetzt stand ich mit meinem Pappbecher in der Hand an einer gewöhnlichen Bushaltestelle und kämpfte mit den Tränen, weil ein Kind eine Katze streichelte.

Der Junge hörte den herannahenden Bus.

Er schaute über die Schulter, zog seine Mütze zurecht und beugte sich noch einmal zu Wolke.

„Ich muss los.“

Er küsste sie ein zweites Mal.

„Bis morgen, ja? Du wartest auf mich.“

Die Katze blinzelte langsam.

Dann sprang der Junge von der Bordsteinkante zurück und rannte zur Bustür.

Er sah mich nicht.

Er bemerkte auch nicht, dass ich meinen eigenen Bus absichtlich verpasste.

Ich blieb einfach stehen.

Als der Bus weggefahren war, saß Wolke noch immer auf der Bank.

Sie schaute in die Richtung, in der der Junge verschwunden war.

Und plötzlich kam mir diese Katze unendlich einsam vor.

Ich ging langsam zu ihr.

„Na, Wolke“, sagte ich. „Da hat dich aber jemand sehr lieb.“

Sie betrachtete mich mit gelbgrünen Augen.

Ich streckte vorsichtig die Hand aus.

Doch sie wich ein Stück zurück.

„Schon gut“, murmelte ich. „Du kennst mich ja nicht.“

Gegenüber lag ein kleiner Lebensmittelladen.

Normalerweise kaufte ich dort nie ein, weil die Preise etwas höher waren. An diesem Morgen war mir das egal.

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