Ich wollte nur einen Kater adoptieren, doch sein kleiner Bruder wollte ihn um keinen Preis loslassen

Ich wollte nur einen Kater aus dem Tierheim holen, doch als Fritz sich mit aller Kraft an seinen Bruder Anton klammerte, brach etwas in mir zusammen.

„Nein, warten Sie bitte. Setzen Sie ihn noch mal zurück.“

Die Frau vom Tierheim blieb mitten in der Bewegung stehen.

Ich hatte den grauen Kater schon auf dem Arm. Sein Bruder, kleiner, heller, schmaler, hatte sich mit beiden Vorderpfoten an ihn geklammert, als würde sein ganzes Leben davon abhängen.

Er fauchte nicht. Er schlug nicht um sich.

Er hielt einfach nur fest.

So fest, dass ich auf einmal kaum noch atmen konnte.

„Die beiden waren noch nie getrennt“, sagte die Tierpflegerin leise.

Ich schaute auf den grauen Kater in meinem Arm. Dann auf den anderen, der sich an ihn presste, als würde die Welt in Stücke fallen, wenn ich einen einzigen Schritt zurückging.

Und genau in diesem Moment wusste ich, dass mein schöner, vernünftiger Plan anfing zu bröckeln.

Dabei war der Plan ganz einfach gewesen.

Ein Kater.

Eine Futterschüssel mehr in der Küche. Eine Transportbox auf dem Beifahrersitz. Ein lebendiges Wesen, das abends da war, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Ich lebte damals seit acht Monaten allein.

Mein Name ist Martin, ich war 54, geschieden, und ich wohnte in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Bamberg. Nicht in der hübschen Altstadt, die Touristen fotografieren, sondern in einem ruhigeren Viertel am Rand. Ein Haus mit dünnen Wänden, einem engen Treppenhaus und einem Teppichboden, der selbst direkt nach dem Staubsaugen müde aussah.

Abends hörte ich oft die Schritte über mir.

Manchmal das Wasserrauschen aus der Nachbarwohnung.

Früher hätte ich das störend gefunden.

Nach der Scheidung war ich manchmal froh über jedes Geräusch, das bewies, dass außer mir noch jemand da war.

Wenn ich ehrlich bin, war ich nach außen hin ziemlich ordentlich durch diese Zeit gekommen.

Ich ging weiter zur Arbeit. Ich bezahlte pünktlich meine Rechnungen. Ich kaufte ein, wusch meine Hemden, brachte den Müll raus und antwortete auf die übliche Frage mit dem üblichen Satz:

„Ja, passt schon.“

Aber das war nur die halbe Wahrheit.

Die andere Hälfte sah so aus, dass ich oft noch ein paar Minuten im Auto sitzen blieb, wenn ich nach Hause kam. Einfach so. Mit dem Schlüssel in der Hand. Weil ich wusste, dass mich oben nur Stille erwartete.

Dreiundzwanzig Jahre Ehe lassen sich nicht einfach zusammenfalten und weglegen wie Winterjacken.

Nach so langer Zeit ist Einsamkeit nichts Lautes.

Sie ist leise.

Sie sitzt mit am Küchentisch. Sie steht im Flur, wenn du abends die Schuhe ausziehst. Sie liegt neben dir, wenn du nachts wach wirst und im Zimmer nichts hörst außer deinen eigenen Atem.

Nach der Trennung fing ich an, in fast allem kleiner zu denken.

Günstiger Kaffee.

Weniger heizen.

Seltener etwas bestellen.

Ein großer Topf Suppe, der für drei Abende reichte.

Ich redete mir ein, das sei Vernunft.

In Wahrheit war es oft einfach Traurigkeit in ordentlicher Verpackung.

Eine Kollegin von mir, Sabine, beobachtete das eine Weile und sagte eines Tages in der Mittagspause: „Martin, du brauchst wieder etwas, das auf dich wartet.“

Ich sah sie an und musste lachen.

„Was soll das denn heißen?“

„Nicht gleich eine neue Frau“, sagte sie und winkte ab. „Ich meine eine Katze. Oder einen Kater. Irgendwas mit Fell. Irgendwas, das morgens Futter will und abends da ist.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich weiß nicht.“

„Doch“, sagte sie. „Nicht für Gesellschaft. Für Rhythmus. Damit Zuhause wieder wie Zuhause aussieht.“

Der Satz blieb mir im Kopf.

Nicht für Gesellschaft.

Für Rhythmus.

Für etwas, das dem Tag Anfang und Ende gab.

Also begann ich, darüber nachzudenken.

Nicht lange, nicht romantisch. Eher praktisch.

Was kostet Futter?

Wie viel Streu braucht man?

Was ist mit Tierarzt, Impfungen, Kratzbaum, Transportbox?

Ich rechnete alles durch.

Und dann legte ich die Regel fest, die mich absichern sollte.

Ein Kater.

Nur einer.

Die Miete war hoch genug. Lebensmittel waren teuer genug. Ich wollte mir keine Entscheidung leisten, die mich später überforderte. Weder finanziell noch emotional.

An einem Samstag fuhr ich schließlich ins Tierheim.

Es lag am Rand von Bamberg in einem flachen, schlichten Gebäude. Drinnen roch es nach Reinigungsmittel, Tierfutter, alten Decken und dieser unruhigen Luft, die dort entsteht, wo viele Tiere warten.

Hinter dem Empfang saß eine Frau mit kurzen grauen Haaren und einer Strickjacke in dunklem Grün.

„Guten Tag“, sagte sie freundlich. „Kann ich helfen?“

„Ich suche einen ruhigen Kater“, sagte ich. „Eher älter. Nichts Wildes. Einfach ein Tier, das zu einer kleinen Wohnung passt.“

Sie nickte so, als hätte sie den Satz schon oft gehört.

„Kommen Sie. Ich zeige Ihnen ein paar.“

Sie stellte sich als Frau Berger vor und führte mich durch den Flur.

Wir gingen an mehreren Gehegen vorbei. Manche Katzen kamen direkt ans Gitter. Andere verzogen sich nach hinten. Einige waren neugierig, andere müde, manche einfach vorsichtig.

An den Türen hingen kleine Karten.

„Mag ruhige Haushalte.“

„Nicht zu kleinen Kindern.“

„Braucht Geduld.“

„Sehr verschmust.“

Ich blieb vor jeder Tür kurz stehen. Frau Berger erzählte mir kleine Bruchstücke der Geschichten. Abgaben aus Altersgründen. Tiere aus überforderten Haushalten. Katzen, deren Besitzer gestorben waren. Nichts Dramatisches in einem einzelnen Satz, und doch lag über allem dieses dumpfe Gefühl von Verlust.

Dann kamen wir zu einem größeren Raum.

Auf einer dunkelblauen Decke lagen zwei Kater.

Der erste war grau, kräftig und breit im Gesicht. An seinem linken Ohr fehlte ein kleines Stück, als hätte das Leben schon einmal hinein gebissen. Er hatte etwas Mürrisches an sich, aber nichts Unfreundliches.

Der andere war schmaler, cremefarben, fast zart. Seine Augen waren wach, unruhig, und er lag so dicht an dem grauen Kater, als wären sie aneinander festgenäht.

„Das sind Anton und Fritz“, sagte Frau Berger.

Ich blieb stehen.

„Brüder?“

„Ja. Aus demselben Wurf. Sie sind zusammen abgegeben worden.“

Anton, der Graue, hob kurz den Kopf und sah mich mit einer Miene an, als hätte er gerade Wichtigeres zu tun.

Fritz dagegen blieb halb unter seinem Bruder verborgen.

„Welcher von beiden ist offener?“, fragte ich.

„Anton tut gern so, als bräuchte er niemanden“, sagte Frau Berger. „Aber er ist eigentlich ein sehr lieber Kater. Fritz ist schreckhafter. Er beobachtet erst mal alles. Doch wenn Anton in der Nähe ist, beruhigt er sich.“

In meinem Kopf lief immer noch die gleiche Mahnung.

Nur ein Kater.

Ich kniete mich hin.

Anton ließ sich zuerst anfassen. Sein Fell war an manchen Stellen rau, an anderen weich. Als ich ihm hinter dem Ohr kraulte, lehnte er seinen Kopf ganz leicht in meine Hand.

Nur ein kleines Stück.

Aber genau das traf mich.

Da war keine aufdringliche Zuneigung. Kein großes Theater.

Nur diese winzige Bewegung, die sagte: Ja, das ist gerade gut.

Ich lächelte gegen meinen Willen.

„Na, du alter Herr“, murmelte ich.

Anton blinzelte träge.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen