Meine Tochter wollte keine junge Katze, sondern die alte Wilma, und ihre Begründung brachte mich zum Weinen

Meine neunjährige Tochter sollte sich ein kleines Kätzchen aussuchen. Doch sie blieb vor einer alten, vergessenen Katze stehen und sagte etwas, das mich zum Weinen brachte.

„Mama, ich möchte diese Katze.“

Ich blieb mitten im Gang des Tierheims stehen und schaute meine Tochter ungläubig an.

„Johanna, wir wollten doch ein kleines Kätzchen aussuchen.“

„Ich weiß.“

„Dann komm. Die Kleinen sind da vorne.“

Aber Johanna rührte sich nicht. Sie stand vor dem letzten Käfig auf der rechten Seite und legte ihre Hand vorsichtig an das Metallgitter.

Dahinter saß eine alte, graue Katze.

Sie war dünn, ihr Fell wirkte stumpf, und um die Ohren herum hatte sie einige kahle Stellen. Ihre Augen waren leicht trüb. Sie saß einfach nur da und schaute uns an.

Auf einem kleinen Schild stand:

Wilma, weiblich, 11 Jahre. Abgegeben wegen veränderter Lebensumstände.

Ich seufzte.

„Johanna, Schatz, die ist doch schon ziemlich alt.“

Meine Tochter drehte sich zu mir um.

„Na und?“

Ich wusste im ersten Moment nicht, was ich antworten sollte.

Dabei hatte ich mir diesen Besuch ganz anders vorgestellt.

Mein Name ist Andrea. Ich bin 39 Jahre alt und lebe mit meiner neunjährigen Tochter Johanna in einer kleinen Mietwohnung in Oldenburg.

Zwei Zimmer, eine schmale Küche und ein Balkon, auf dem gerade genug Platz für zwei Stühle und ein paar Blumentöpfe ist.

Viel haben wir nicht.

Aber es ist unser Zuhause.

Seit drei Jahren sind wir allein.

Johannas Vater hatte sich damals von mir getrennt. Anfangs kam er noch regelmäßig vorbei, später immer seltener. Inzwischen meldete er sich hauptsächlich an Geburtstagen und Weihnachten.

Ich versuchte, Johanna die Enttäuschung nicht anzumerken.

Doch Kinder merken mehr, als Erwachsene glauben.

Wenn sie fragte, warum Papa wieder nicht gekommen war, suchte ich nach Worten, die nicht wehtun sollten.

Manchmal fand ich keine.

Dann nahm ich sie einfach in den Arm.

Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum Johanna seit Monaten von einer Katze sprach.

„Mama, wenn wir eine Katze hätten, wäre abends immer jemand da.“

Diesen Satz hatte sie eines Tages beim Abendessen gesagt.

Ich hatte gelächelt und geantwortet, dass wir doch uns beide hätten.

„Ja“, sagte sie. „Aber eine Katze könnte bei uns schlafen. Und wenn du arbeiten musst, wäre ich nicht so allein.“

Damals tat mir das weh.

Nicht, weil Johanna mir einen Vorwurf machte.

Sondern weil ich wusste, wie oft ich erschöpft nach Hause kam.

Ich arbeitete in der Verwaltung eines kleinen Handwerksbetriebs. An manchen Tagen saß ich länger im Büro, als ich wollte.

Danach musste eingekauft, gekocht, gewaschen und aufgeräumt werden.

Wenn ich abends endlich auf dem Sofa saß, waren meine Gedanken oft schon beim nächsten Morgen.

Trotzdem hatte Johanna nicht aufgehört zu fragen.

„Nur eine Katze, Mama. Ich helfe auch beim Saubermachen.“

Sie hatte sogar angefangen, von ihrem Taschengeld etwas zurückzulegen.

In einer alten Keksdose sammelte sie Münzen und kleine Scheine.

Auf einem Zettel, den sie mit Klebeband daran befestigt hatte, stand in ihrer krakeligen Schrift:

„Für unsere Katze.“

Als ich das sah, wusste ich, dass ich ihr diesen Wunsch irgendwann erfüllen wollte.

Also fuhren wir an einem Samstag zum örtlichen Tierheim.

Allerdings hatte ich eine klare Vorstellung.

Wir würden ein junges Kätzchen nehmen.

Eines, das noch viele Jahre vor sich hatte.

Eines, das sich schnell an unsere Wohnung gewöhnte und mit Johanna spielen konnte.

Ich hatte vorher ausgerechnet, was Futter, Katzenstreu und Tierarztbesuche ungefähr kosten würden.

Unser Geld war knapp.

Die Miete war wieder gestiegen, und selbst beim Wocheneinkauf musste ich inzwischen genau hinschauen.

Ich wollte nichts versprechen, was ich später vielleicht nicht halten konnte.

Deshalb erschien mir ein junges, gesundes Tier als die vernünftigste Entscheidung.

Im Tierheim führte uns eine freundliche Mitarbeiterin zunächst zu den jüngeren Katzen.

Dort war einiges los.

Ein kleines getigertes Kätzchen kletterte ungeschickt auf einen Kratzbaum. Zwei andere jagten sich durch ihr Gehege. Eine winzige schwarze Katze versuchte, mit ihrer Pfote einen Stoffball unter einer Decke hervorzuholen.

Johanna lachte.

Ich war erleichtert.

„Na, die sind doch süß, oder?“

„Ja, Mama.“

„Dann schau sie dir in Ruhe an. Vielleicht gefällt dir eine besonders gut.“

Doch Johanna ging weiter.

Sie betrachtete die erwachsenen Katzen, blieb kurz vor einem rotbraunen Kater stehen und wanderte schließlich bis ans Ende des Ganges.

Dort entdeckte sie Wilma.

Und plötzlich schien alles andere vergessen.

„Die möchte ich“, sagte sie.

Ich stellte mich neben sie.

„Johanna, wir sollten erst einmal überlegen.“

„Was denn?“

„Eine ältere Katze braucht vielleicht Medikamente. Vielleicht muss sie häufiger zum Tierarzt. Und wir wissen nicht, ob sie sich bei uns wohlfühlt.“

Johanna schaute wieder durch das Gitter.

Wilma bewegte sich kaum.

„Aber Mama“, sagte sie leise, „genau deshalb braucht sie doch jemanden.“

Ich schluckte.

„Schatz, ich verstehe dich. Aber ein kleines Kätzchen wäre vielleicht einfacher.“

Johanna schüttelte den Kopf.

Dann sagte sie etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

„Mama, die kleinen Katzen bekommen bestimmt alle jemanden. Aber wer kommt denn für Wilma?“

Ich schaute auf das Schild.

Elf Jahre.

Abgegeben.

Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen.

„Vielleicht findet sie auch eine Familie.“

„Vielleicht“, sagte Johanna.

Sie schwieg einen Moment.

Dann fragte sie:

„Und wenn nicht?“

Ich hatte keine Antwort.

Johanna ging etwas näher an den Käfig.

„Guck mal, Mama. Die anderen Katzen spielen alle. Aber Wilma sitzt nur da.“

„Vielleicht ist sie einfach müde.“

„Oder traurig.“

Ich wollte widersprechen.

Doch dann sah ich genauer hin.

Wilma hatte ihren Kopf leicht gesenkt. Als Johanna ihre Hand vorsichtig an das Gitter legte, hob die alte Katze langsam den Blick.

Sie kam nicht sofort näher.

Sie blieb sitzen, als wäre sie sich nicht sicher, ob wir wirklich ihretwegen dort standen.

Johanna flüsterte:

„Hallo, Wilma. Ich bin Johanna.“

Die Katze blinzelte.

„Du musst keine Angst haben.“

Ich spürte einen Druck in meiner Brust.

Dann fragte Johanna, ohne mich anzusehen:

„Mama, glaubst du, Wilma vermisst die Menschen, bei denen sie früher gewohnt hat?“

„Das kann gut sein.“

„Ob sie immer noch auf sie wartet?“

Diese Frage traf mich unerwartet.

Denn ich dachte sofort an Johanna.

An die vielen Nachmittage, an denen sie zum Fenster gelaufen war, wenn draußen ein Auto hielt.

An die Sonntage, an denen sie ihre Schuhe schon angezogen hatte, obwohl ihr Vater noch gar nicht angerufen hatte.

Und an den Abend, als sie mich gefragt hatte:

„Mama, wenn Papa mich lieb hat, warum vergisst er dann immer, mich abzuholen?“

Ich hatte damals lange gebraucht, um etwas zu sagen.

Jetzt stand ich wieder da, mit denselben hilflosen Gedanken.

Johanna legte ihre Stirn fast gegen das Gitter.

„Ich glaube, sie weiß, wie das ist, wenn jemand nicht mehr kommt.“

Mir stiegen Tränen in die Augen.

Ich drehte mich schnell ein wenig zur Seite.

In diesem Moment kam die Mitarbeiterin zu uns.

Sie hieß Frau Neumann und arbeitete schon seit vielen Jahren im Tierheim.

„Habt ihr Wilma entdeckt?“, fragte sie freundlich.

Johanna nickte sofort.

„Darf ich sie streicheln?“

Frau Neumann lächelte.

„Natürlich. Wir gehen dafür am besten kurz in den Besuchsraum.“

Sie erklärte uns, dass Wilma früher bei einer älteren Frau gelebt hatte.

Die Frau musste aus gesundheitlichen Gründen in ein Pflegeheim ziehen und konnte ihre Katze nicht mitnehmen.

Angehörige hatten Wilma schließlich ins Tierheim gebracht.

„Seit vier Monaten ist sie jetzt bei uns“, sagte Frau Neumann.

„Vier Monate?“, fragte Johanna erschrocken.

„Ja.“

„Hat sie denn noch niemand besucht?“

„Doch, manchmal schauen Leute nach ihr. Aber die meisten möchten lieber junge Katzen.“

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