Dreißig Jahre wollte ich ihn vertreiben, dann stand er an meinem Herd

Dreißig Jahre lang wollte ich die Männer aus der alten Schlosserei vertreiben. Als ich sterbenskrank war, stand ausgerechnet der mit den schmutzigsten Händen an meinem Herd.

„Verschwinden Sie aus meinem Haus.“

Mehr brachte ich nicht heraus. Meine Zunge klebte am Gaumen, und selbst dieser eine Satz kostete mich so viel Kraft, dass ich anschließend die Augen schließen musste.

Im Türrahmen stand ein breitschultriger Mann mit grauem Bart. Seine Arbeitsjacke hatte einen Brandfleck am Ärmel. Hinter ihm wartete ein jüngerer Mann, dessen Gesicht ich kannte, ohne seinen Namen zu wissen.

„Wir haben geklingelt, Frau Hoffmann“, sagte der Ältere. „Und gerufen. Die Haustür war nicht abgeschlossen.“

„Das gibt Ihnen kein Recht.“

Er sah auf das Glas neben meinem Bett. Auf dem Boden war ein eingetrockneter Rand, mehr war nicht darin.

„Nein“, sagte er. „Aber jetzt sind wir hier. Darf ich den Arzt anrufen?“

Ich wollte wieder Nein sagen. Stattdessen begann ich zu weinen.

Nicht leise und würdevoll, wie ich es mir für mein Alter vorgestellt hatte. Ich weinte mit offenem Mund, ohne ein Taschentuch erreichen zu können.

Der jüngere Mann zog die Gardine ein Stück auf. Dann stellte er sich so hin, dass ich nicht geblendet wurde.

Diese kleine Rücksicht traf mich schlimmer als jeder Vorwurf.

Ich hieß Marianne Hoffmann, war neunundsiebzig Jahre alt und hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Auf dem letzten Arztbrief stand ein Wort, das ich lange nicht hatte aussprechen wollen: palliativ.

Seit fast einer Woche hatte ich keine richtige Mahlzeit mehr gegessen. Zwieback, ein paar Löffel Apfelmus, manchmal Tee. Am Vortag war mir das Wasser ausgegangen, das ich mir ans Bett gestellt hatte.

Mein Telefon lag unten auf der Kommode.

Dort lag es gut. Dort konnte niemand hören, wie es um mich stand.

„Warum sind Sie gekommen?“, fragte ich.

Der Mann mit dem grauen Bart rückte einen Stuhl heran.

„Weil Ihre Rollläden seit drei Tagen unten sind. Weil die Zeitung vor der Tür liegt. Und weil Sie sonst spätestens um acht mit uns schimpfen, wenn einer den Transporter laufen lässt.“

Er sagte es ohne Spott.

Das machte es schwerer.


Die Männer waren 1994 in die alte Schlosserei nebenan eingezogen. Damals hatte ich noch dunkles Haar, mein Mann konnte einen ganzen Nachmittag im Garten arbeiten, und unsere Kinder kamen sonntags zum Mittagessen.

Die Werkstatt hatte lange leer gestanden. Dann kaufte ein ehemaliger Schweißer namens Karl Bergmann das Gebäude zusammen mit zwei früheren Kollegen. Sie richteten dort eine kleine Reparaturwerkstatt ein.

Fahrräder, Gartengeräte, Geländer, gelegentlich ein alter Anhänger. Später kamen Männer dazu, die nach der Frühschicht noch etwas richten wollten, und Rentner, die zu Hause keine Werkbank hatten.

Für mich waren es die Männer aus der Schlosserei.

Ich sagte das so, wie andere Leute von einer Krankheit sprechen.

Sie trugen schwere Schuhe, hatten schwarze Ränder unter den Nägeln und redeten über den Hof hinweg miteinander. Manchmal klang selbst ein freundlicher Gruß wie eine Aufforderung zum Streit.

Karl war der Auffälligste. Groß, wortkarg, mit einem Gesicht, das aussah, als hätten Wind und Funkenflug es gemeinsam bearbeitet.

Am ersten Samstag liefen eine Schleifmaschine und ein Radio bei offener Tür. Um kurz nach eins ging ich hinüber.

„Es gibt auch Menschen, die ihre Ruhe haben möchten.“

Karl schaltete die Maschine aus.

„Entschuldigung. Ich mach das Tor zu.“

Aber ich war bereits so wütend, dass seine Antwort nicht mehr zu der Geschichte passte, die ich mir zurechtgelegt hatte.

„In einem Wohngebiet hat so etwas nichts verloren.“

„Die Werkstatt war schon vor den Häusern hier“, sagte einer der anderen.

Damit begann es.

Manche meiner Beschwerden waren berechtigt. Sie luden früh Material ab, einmal wurde bis spät am Abend gehämmert. Nach einem Geburtstag standen leere Flaschen auf der Mauer.

Aber aus einzelnen Störungen machte ich einen Beweis dafür, dass diese Menschen grundsätzlich nicht hierhergehörten.

Ich legte einen Ordner an. Datum, Uhrzeit, Vorfall.

„Was schreibst du da schon wieder?“, fragte mein Mann Erich.

„Falls man etwas unternehmen muss.“

Er betrachtete mich über den Rand seiner Lesebrille.

„Du könntest auch erst einmal mit ihnen reden.“

„Mit denen?“

Er sagte nichts mehr. Ich hielt sein Schweigen für Zustimmung.

Später wusste ich, dass es Müdigkeit gewesen war.


Meine Nachbarin Helga unterstützte mich anfangs.

„Wenn die hier jeden Samstag ihre Kumpel versammeln, können wir den Garten vergessen.“

Wir sammelten Unterschriften. Ich schrieb ans Ordnungsamt, telefonierte mit der Stadt und zweimal mit der Polizei, weil ich glaubte, nachts verdächtige Geräusche gehört zu haben.

Einmal stellte sich heraus, dass sie einem Nachbarn ein verzogenes Gartentor reparierten. Ein anderes Mal war eine Wasserleitung geplatzt.

Ich erzählte diese Auflösungen nicht weiter.

Meine Tochter Sabine hörte dagegen jede Beschwerde. Wenn sie anrief, wusste sie nach wenigen Minuten, welcher Lieferwagen wieder vorgefahren war und wer auf dem Hof zu laut gelacht hatte.

Als sie eines Tages mit ihren kleinen Kindern kam, standen vier Männer vor der Werkstatt. Einer hatte einen Verband um die Hand, ein anderer trug ein Unterhemd.

„Muss ich mir Sorgen machen?“, fragte sie.

„Ich würde die Kinder jedenfalls nicht allein draußen spielen lassen.“

Heute schäme ich mich für diesen Satz.

Keiner dieser Männer hatte jemals einem Kind etwas getan. Ich hatte nichts gesehen, nichts gehört, nichts gewusst.

Aber ich hatte Angst. Und statt sie zu prüfen, gab ich sie weiter.

Die Besuche wurden seltener. Sabine verwies auf die lange Fahrt und die Wochenenden der Kinder. Mein Sohn Thomas hatte immer viel zu tun. Meine jüngste Tochter Birgit und ich stritten ohnehin über fast alles.

Wenn Erich vorschlug, wir könnten zu ihnen fahren, fand ich einen Grund dagegen.

„Warum sollen immer wir uns bemühen?“

Es war ein Satz, mit dem ich sehr zuverlässig allein blieb.


Karl klingelte irgendwann im Herbst bei uns. Das muss etwa fünfzehn Jahre nach seinem Einzug gewesen sein.

Ich ließ die Sicherheitskette vorgelegt.

„Wir stellen hinten einen Tisch auf“, sagte er. „Für Kaffee und so. Ich wollte fragen, ob Sie und Ihr Mann am Sonntag mal rüberkommen.“

„Wozu?“

Er hielt eine Hand am Türrahmen, zog sie dann zurück.

„Damit wir vielleicht nicht immer nur Ärger miteinander haben.“

Ich betrachtete seine eingerissenen Fingernägel.

„Ich suche mir meinen Umgang selbst aus.“

Dann schloss ich die Tür.

Erich stand im Flur. Er hatte alles gehört.

„Das war unnötig, Marianne.“

„Jetzt hältst du auch noch zu denen.“

„Ich halte zu einem vernünftigen Ton.“

Wir sprachen den ganzen Abend kaum miteinander.

Jahre später fiel mir diese Szene wieder ein. Nicht beim Anblick von Karls Gesicht. Beim Anblick seiner Hand, die neben meinem Bett auf der Stuhllehne lag.

Die Nägel waren noch immer eingerissen.


Erich starb an einem Mittwoch im November.

Morgens hatte er über die tropfende Dachrinne geschimpft. Mittags brach er in der Küche zusammen. Als der Rettungswagen kam, stand seine Tasse noch auf dem Tisch.

Nach zweiundfünfzig Ehejahren blieb mir sein Mantel an der Garderobe.

Die Kinder kamen zur Beerdigung. Es gab Kaffee, belegte Brötchen und viele Sätze, die mit „Du musst jetzt“ begannen.

Du musst jetzt mehr unter Leute.

Du musst jetzt auch mal an dich denken.

Du musst jetzt anrufen, wenn etwas ist.

Ich nickte, während ich darauf wartete, dass einer sagte: Ich bleibe noch ein paar Tage.

Niemand sagte es.

Allerdings fragte ich auch nicht.

Draußen vor der Friedhofskapelle sah ich Karl und zwei seiner Kollegen. Sie hielten sich im Hintergrund.

Ich dachte, sie seien wegen eines anderen Verstorbenen dort.

Später fand ich zwischen den Karten einen schlichten Umschlag. „Zum Tod Ihres Mannes unser aufrichtiges Beileid. Die Nachbarn aus der Werkstatt.“

Ich legte ihn ganz nach unten.


Drei Jahre danach stürzte ich im Garten.

Es war keine große Bewegung gewesen. Ich wollte einen leeren Blumentopf aufheben, verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Steinplatten.

Die Hüfte schmerzte so sehr, dass ich anfangs nicht schreien konnte.

Irgendwann hörte mich jemand.

Karl kam durch das Gartentor, hinter ihm der jüngere Mann, der später in meinem Schlafzimmer stehen sollte. Er hieß Jens.

„Nicht hochziehen“, sagte Jens sofort, als ich den Arm nach ihnen ausstreckte. „Wir holen Hilfe.“

Karl kniete auf den nassen Boden und legte seine zusammengefaltete Jacke neben meinen Kopf.

„Erich“, sagte ich. Ich weiß bis heute nicht, warum.

„Ich bin Karl“, antwortete er ruhig. „Ich bleibe hier.“

Jens hielt meine Hand, bis die Sanitäter kamen.

Nach der Operation musste ich mit einem Rollator laufen. Den Garten konnte ich vom Küchenfenster aus betrachten, mehr nicht.

Ich bedankte mich nie.

Je länger ich damit wartete, desto unmöglicher erschien es mir.

Als Karl mir einmal anbot, meine Einkaufstasche hereinzutragen, sagte ich: „Das schaffe ich schon.“

Die Tasche fiel mir im Flur aus der Hand. Zwei Äpfel rollten bis unter die Kommode.

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