Als wir die alte Frau nachts im Garten graben sahen, hielten wir sie für verwirrt. Dann hörten wir, was unter ihrem Haus um Hilfe rief.
„Gehen Sie weg“, sagte sie. „Ich muss das noch fertig machen.“
Der Spaten rutschte ihr aus den Händen. Sie hob ihn wieder auf, obwohl ihre Finger bluteten, und stieß ihn in die Erde. Es klang, als würde sie auf Stein schlagen.
Unter ihrem Wintermantel trug sie ein Nachthemd. An einem Fuß einen Hausschuh, am anderen nur einen nassen Strumpf.
Wir waren zu viert. Vier ältere Männer in Arbeitsjacken, auf dem Heimweg von einem geplatzten Wasserrohr im Vereinsheim unseres Dorfes. Holger hatte uns eingesammelt, weil er allein weder die schweren Schränke wegrücken noch den vollgelaufenen Keller leer bekommen hätte.
Es war fast Mitternacht geworden. Auf der schmalen Straße hinter den letzten Häusern hatte Rudi plötzlich gesagt: „Halt mal an. Da stimmt was nicht.“
Jetzt standen wir vor dieser Frau, und ich dachte zuerst, dass sie nicht mehr wusste, wo sie war.
Dann sah ich die Plane.
Sie lag neben den Terrassenstufen. Darunter zeichnete sich ein menschlicher Körper ab. Ein Stück Ärmel ragte hervor, und auf den hellen Steinplatten war etwas Dunkles verschmiert.
„Nicht näher“, sagte die Frau.
Gerd blieb sofort stehen. Holger griff nach seinem Telefon.
Ich heiße Ernst Baumann. Damals war ich siebenundsechzig, seit gut zwei Jahren in Rente und nach vierundvierzig Jahren in der Instandhaltung einer Fabrik immer noch unfähig, irgendwo vorbeizugehen, wenn etwas kaputt war.
Meine Frau behauptete, ich sähe aus, als würde ich jeden Streit gewinnen wollen. Breite Schultern, schiefer Nasenrücken, zwei Finger, die sich nach einem Arbeitsunfall nicht mehr richtig strecken ließen. Dabei hatte ich seit ihrer Beerdigung Mühe, dem Bäcker zu sagen, dass ich nur noch zwei Brötchen brauchte.
„Wir tun Ihnen nichts“, sagte ich. „Was ist passiert?“
Sie sah auf die Plane.
„Mein Enkel.“
Holger senkte sein Telefon einen Moment.
„Ist er verletzt?“
„Er ist tot.“
Sie sagte es erstaunlich ruhig. Dann begann ihr Kinn zu zittern.
„Ich habe ihn geschlagen. Mit dem Eisen vom Ofen. Er war auf ihr drauf, und sie hat keine Luft mehr bekommen.“
Niemand von uns bewegte sich.
Aus dem Haus kam ein Geräusch. Erst dachte ich an ein Tier hinter einer verschlossenen Tür.
Dann hörte ich ein Wort.
„Bitte.“
Die alte Frau schloss die Augen.
„Sie ist noch unten.“
Holger wählte den Notruf. Er nannte die Adresse vom verwitterten Schild am Tor, verlangte Polizei und Rettungsdienst und blieb am Telefon.
Ich ging einen Schritt auf die Frau zu.
„Wie kommen wir zu ihr?“
Sie griff in die Manteltasche. Ein Schlüsselbund fiel ins Gras.
„Durch die Küche. Aber lassen Sie mich erst …“
Sie sah auf das kaum zwanzig Zentimeter tiefe Loch vor ihren Füßen.
„Geben Sie mir zehn Minuten. Sie muss wissen, dass er nicht mehr herauskommt.“
„Aus dem Loch?“
„Dass er nicht wiederkommt.“ Ihre Stimme wurde laut und brach gleich darauf. „Ich muss ihn doch irgendwo hinbringen.“
Damals verstand ich nicht, was sie meinte. Später begriff ich, dass sie in diesen Minuten kaum noch einen vernünftigen Gedanken fassen konnte.
Gerd zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern.
„Wir bleiben hier“, sagte er. „Ernst geht nachsehen. Und Sie setzen sich jetzt mit mir hin.“
„Ich heiße Ruth“, flüsterte sie.
„Gut, Ruth. Ich bin Gerd.“
Er setzte sich neben sie auf die unterste Terrassenstufe. Mit seinem kaputten Knie kam er kaum wieder hoch. Aber er ließ ihre Hand nicht los.
Holger und ich gingen ins Haus.
In der Küche standen zwei gespülte Tassen auf einem Geschirrtuch. Am Kühlschrank hing ein alter Stundenplan. Daneben das Foto eines Jungen mit Schultüte.
Es hätte die Küche meiner Schwester sein können.
Die Kellertür hatte einen zusätzlichen Riegel und ein schweres Vorhängeschloss.
„Damit ich nicht die Treppe hinunterfalle“, rief Ruth hinter uns. „Das hat er gesagt.“
Ich bekam den Schlüssel erst beim dritten Versuch ins Schloss.
Unten brannte Licht.
„Hallo?“, rief ich. „Ich heiße Ernst. Wir haben Hilfe gerufen.“
Ein Scharren. Dann ein ersticktes Schluchzen.
Hinter einer zweiten Tür, die mit einem Gitter verstärkt worden war, saß eine junge Frau auf einer Matratze. Über der Schulter hing ein zerrissener Pullover. Ihr Gesicht war geschwollen.
Als sie mich sah, presste sie sich in die Ecke.
„Nein. Bitte. Nicht noch einer.“
Ich blieb mitten auf der Treppe stehen.
Plötzlich wusste ich sehr genau, wie ich auf sie wirken musste.
Meine schweren Schuhe. Die raue Stimme. Die große Gestalt im Türrahmen.
Ich zog meine Mütze ab und ging langsam in die Hocke.
„Ich komme nicht näher“, sagte ich. „Du bestimmst das.“
Holger blieb hinter mir und sprach leise mit der Leitstelle.
„Ruth hat uns gesagt, dass hier jemand ist. Wie heißt du?“
Sie antwortete nicht.
„Du musst mir nichts erzählen. Der Rettungsdienst ist unterwegs.“
Ihre Augen wanderten zu meinem Telefon, dann zu Holger.
„Ist er oben?“
„Dein Angreifer ist draußen. Er kommt nicht zu dir.“
„Ist er tot?“
Ich zögerte.
„Ruth sagt, er ist tot. Wir haben ihn nicht untersucht. Aber wir lassen niemanden zu dir.“
Sie begann so heftig zu zittern, dass ich Angst bekam, sie würde das Bewusstsein verlieren.
„Anna“, sagte sie schließlich. „Ich heiße Anna.“
Wir öffneten die Gittertür mit dem zweiten Schlüssel. Ich fragte sie, ob ich ihr meine Jacke geben dürfe.
Sie nickte.
Als ich sie ihr um die Schultern legte, klammerte sie sich an meinen Ärmel. Nicht fest. Nur mit zwei Fingern.
Bis heute kann ich mich daran erinnern, wie vorsichtig dieser Griff war.
Im Nebenraum standen Kisten hinter einer verschraubten Holzplatte. Eine davon war umgestürzt. Ich sah etwas, das ich nicht einordnen wollte.
Holger sah es auch.
„Wir gehen jetzt hoch“, sagte er.
Wir fassten dort nichts mehr an.
Anna konnte nicht allein stehen. Trotzdem wollte sie nicht getragen werden.
Also gingen wir langsam. Eine Stufe nach der anderen. Sie hielt sich am Geländer fest und an meinem Unterarm. Holger blieb hinter ihr.
Oben standen bereits zwei Polizisten in der Küche.
Eine Beamtin fragte Anna, ob sie Schmerzen habe. Anna antwortete nur: „Meine Mutter. Bitte rufen Sie meine Mutter an.“
Draußen begann Ruth zu weinen.
„Anna“, sagte sie. „Kind, es tut mir so leid.“
Anna blieb in der Küchentür stehen.
Ruth wollte aufstehen, aber ihre Beine trugen sie nicht.
„Ich habe nichts gewusst. Ich hätte doch etwas merken müssen.“
Anna sah lange zu ihr hinüber.
Dann sagte sie: „Sie sind gekommen.“
Mehr nicht.
Aber Ruth legte beide Hände vor den Mund, als hätte sie diese drei Worte nicht verdient.
Ruth Winter war einundachtzig. Ihr Mann war seit zwölf Jahren tot. Sie hatte früher in einer kleinen Änderungsschneiderei gearbeitet und später ihre kranke Mutter gepflegt.
Das Haus am Ortsrand war einmal ein kleiner Hof gewesen. Im Stall standen längst keine Tiere mehr. Im Garten gab es ein schiefes Gewächshaus und Beerensträucher, die ihr Mann gepflanzt hatte.
Ihr Enkel Daniel war zweiunddreißig.
Nachdem seine Mutter gestorben war, hatte er viel Zeit bei den Großeltern verbracht. Ruth hatte ihm Brote für die Schule geschmiert, Hosen geflickt und später Geld für den Führerschein dazugegeben.
Vor zwei Jahren war er bei ihr eingezogen.
Er sagte, es sei ohnehin besser, wenn sie nicht mehr allein wohne.
Er trug die Getränkekisten herein. Fuhr sie zum Augenarzt. Wechselte die Batterien ihrer Hörgeräte, wenn ihre Finger zu steif dafür waren.
Und er hatte ihr beigebracht, ihm zu glauben.
Der Keller sei feucht. Die Treppe gefährlich. Die zusätzlichen Türen brauche er für sein Werkzeug, weil er sich nebenbei etwas aufbauen wolle.
Wenn sie ein Geräusch hörte, war die alte Heizung schuld.
Oder ein Tier im Lichtschacht.
Oder der Fernseher im Nachbarzimmer.
Ruth sah schlecht. Auf der Treppe wurde ihr schwindelig. Sie schämte sich dafür, wie abhängig sie geworden war.
„Irgendwann fragt man nicht mehr“, sagte sie mir später. „Weil man nicht schon wieder die alte Frau sein will, die alles durcheinanderbringt.“
Anna war dreiundzwanzig und die Tochter von Ruths Physiotherapeutin.
Manchmal hatte sie ihre Mutter abgeholt und ein paar Minuten mit Ruth geplaudert. Einmal hatte sie den verklemmten Rollladen im Wohnzimmer wieder herunterbekommen.
Seit drei Tagen wurde sie vermisst.
Ruth wusste davon nichts. Daniel hatte ihr erzählt, ihre Physiotherapeutin müsse wegen einer Familienangelegenheit einige Termine absagen.
An jenem Abend war eine Kellertür offen geblieben.
Ruth hörte eine Stimme.
Keine Wörter zunächst. Nur den Klang.
Dann ihren Namen.
„Frau Winter!“
Sie hatte sich am Geländer nach unten gezogen. Stufe für Stufe.
Was sie dort sah, erzählte sie später den Ermittlern. Uns erzählte sie nur einen Satz.
„Er hat nicht aufgehört, als ich ihn angeschrien habe.“
Das schwere Ofeneisen stand unten, seit Daniel alte Möbel im Heizraum zerlegt hatte.
Ruth nahm es.
Sie schlug einmal zu.
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