Der Hund hätte ins Rettungsboot springen können, doch er blieb bei einem rostigen Vogelkäfig, bis ein Papagei plötzlich verriet, wo sein verschwundener Besitzer war.
„Komm schon, mein Junge! Spring! Du schaffst das!“
Polizeiobermeisterin Sabine Keller streckte beide Arme aus dem Rettungsboot. Nur einen knappen Meter entfernt stand ein völlig durchnässter Schäferhundmischling auf dem schrägen Dach eines überfluteten Hauses.
Das Wasser reichte bereits bis zu den Dachrinnen. Bei jeder stärkeren Strömung ächzte das alte Gebälk.
Der Hund hätte nur einen einzigen Sprung machen müssen.
Doch statt sich retten zu lassen, drehte er sich um, packte einen rostigen Metallkäfig mit den Zähnen und zog ihn weiter nach oben.
Darin saß ein grüner Papagei.
Und während die Rettungskräfte verzweifelt versuchten, den Hund an Bord zu holen, schrie der Vogel immer wieder dasselbe Wort.
„Opa! Opa!“
Noch ahnte niemand, dass dieser Ruf das Leben eines Menschen retten würde.
Das kleine Fachwerkhaus stand am Rand eines Dorfes in Niedersachsen, nicht weit von einem Fluss entfernt, der normalerweise friedlich zwischen Wiesen und alten Eichen verlief.
Seit drei Tagen hatte es ununterbrochen geregnet. In der Nacht war der Fluss über die Ufer getreten.
Am Morgen standen ganze Straßenzüge unter Wasser.
Keller waren vollgelaufen, Autos trieben durch die Straßen, und zahlreiche Bewohner mussten ihre Häuser verlassen.
Sabine Keller war seit fast zwölf Stunden im Einsatz.
Gemeinsam mit ihrem Kollegen Thomas Berger fuhr sie in einem kleinen Motorboot durch die überfluteten Straßen. Sie suchten nach Menschen, die möglicherweise nicht rechtzeitig evakuiert worden waren.
Dann entdeckte Thomas den Hund.
„Sabine, dort drüben! Auf dem Dach!“
Zwischen den Ästen eines umgestürzten Apfelbaums ragte ein dunkelrotes Ziegeldach aus dem Wasser.
Darauf stand ein großer, braunschwarzer Hund.
Seine Hinterbeine zitterten. Das Fell klebte schwer an seinem Körper, und sein linker Vorderlauf schien verletzt zu sein.
Trotzdem hielt er sich auf dem rutschigen Dach.
Direkt neben ihm stand der Käfig.
„Der arme Kerl sitzt bestimmt schon seit Stunden dort“, sagte Thomas.
Sabine nickte und ließ das Boot vorsichtig näherkommen.
„Ganz ruhig, mein Großer. Wir holen dich hier raus.“
Der Hund hob den Kopf.
Seine Augen waren gerötet, die Schnauze bereits grau. Er wirkte erschöpft, aber nicht panisch.
Als Sabine näherkam, wedelte er sogar einmal schwach mit dem Schwanz.
Dann stellte er sich wieder vor den Käfig.
„Er will den Vogel nicht allein lassen“, murmelte Thomas.
Sabine streckte die Hand aus.
„Den nehmen wir mit. Versprochen.“
Doch sobald sie den Käfig berühren wollte, legte der Hund seine Schnauze darauf und drückte ihn fest gegen die Dachziegel.
Er knurrte nicht.
Er biss nicht.
Er ließ ihn einfach nicht los.
Auf einem kleinen, halb abgerissenen Holzschild neben der Haustür konnte Sabine noch einen Namen erkennen.
Heinrich Weber.
Darunter stand mit verblasster Farbe eine Hausnummer.
„Moment mal“, sagte Thomas. „Den Namen kenne ich.“
Er griff zum Funkgerät.
Wenig später erhielten sie die Auskunft, dass in dem Haus ein 86-jähriger Rentner lebte.
Heinrich Weber.
Witwer. Keine Kinder in der Nähe. Seit vielen Jahren allein.
Seine einzigen ständigen Begleiter waren sein Hund und ein Papagei.
Der Hund hieß Hasso.
Der Papagei hieß Lora.
Und Heinrich war auf keiner der Listen der bereits geretteten Bewohner zu finden.
Sabine spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Ist er vielleicht bei Nachbarn untergekommen?“
„Unbekannt“, antwortete die Stimme aus dem Funkgerät. „Wir versuchen, das zu überprüfen.“
Sabine schaute zum Haus.
Die Fenster im Erdgeschoss lagen vollständig unter Wasser. Auch vom Obergeschoss war kaum noch etwas zu sehen.
„Herr Weber!“, rief sie.
Keine Antwort.
„Herr Weber! Hier ist die Polizei! Können Sie uns hören?“
Nur das Rauschen des Wassers war zu hören.
Dann krächzte der Papagei aus seinem Käfig.
„Opa!“
Hasso hob sofort den Kopf.
„Opa! Opa!“
Der Hund begann zu winseln.
Sabine sah Thomas an.
„Wir müssen ins Haus schauen.“
Es dauerte fast zwanzig Minuten, bis ein zweites Rettungsteam eintraf.
Während zwei Helfer versuchten, durch ein Dachfenster ins Haus zu gelangen, blieb Sabine bei Hasso.
Sie hatte inzwischen eine Rettungsleine um den Käfig gelegt.
Doch jedes Mal, wenn sie vorsichtig daran zog, stellte sich der Hund dagegen.
Seine Pfoten rutschten über die nassen Ziegel.
Einmal verlor er beinahe das Gleichgewicht.
Sabine packte ihn gerade noch am Halsband.
„Hasso! Hör auf! Du fällst uns noch ins Wasser!“
Der Hund keuchte.
Dann drückte er seine nasse Stirn gegen Sabines Hand.
Für einen kurzen Moment ließ er sich streicheln.
Doch kaum bewegte sie sich wieder zum Käfig, stellte er sich davor.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Er hat Angst, dass wir seinen Freund zurücklassen.“
„Vielleicht“, sagte Sabine.
Aber irgendetwas an Hassos Verhalten passte nicht dazu.
Er wirkte nicht wie ein Hund, der aus Angst um sich schnappte.
Immer wieder blickte er über ihre Schulter.
In dieselbe Richtung.
Dann sah er zum Käfig.
Und anschließend wieder hinaus über das Wasser.
Als wollte er ihnen etwas zeigen.
Im Haus fanden die Rettungskräfte niemanden.
Das Dachgeschoss war leer.
Ein zerwühltes Bett, ein umgekippter Stuhl und eine Kommode standen noch dort.
Auf einem kleinen Tisch lag ein Familienfoto.
Es zeigte einen älteren Mann mit weißem Haar, der neben einer Frau in einer geblümten Schürze saß.
Zwischen ihnen lag Hasso.
Der Mann lächelte.
Sabine betrachtete das Bild nur kurz, bevor sie es vorsichtig auf eine höhere Ablage stellte.
„Nichts“, meldete einer der Helfer. „Niemand mehr im Haus.“
Thomas atmete schwer aus.
„Vielleicht hat der alte Herr es noch rechtzeitig geschafft.“
Sabine wollte das glauben.
Doch dann bemerkte sie etwas.
An Hassos Halsband hing eine kleine Metallplakette.
Darauf stand:
Hasso – Heinrich Weber.
Darunter war eine Telefonnummer eingraviert.
Der Hund hatte also tatsächlich dem vermissten Mann gehört.
Und er war noch immer hier.
Warum?
Sabine beschloss, zuerst den Vogel in Sicherheit zu bringen.
„Thomas, halt das Boot ruhig.“
Sie löste die Leine, nahm den Käfig mit beiden Händen und hob ihn vorsichtig vom Dach.
Hasso sprang nicht hinterher.
Stattdessen begann er laut zu bellen.
Einmal.
Zweimal.
Dann lief er bis zum höchsten Punkt des Daches und blickte über die überschwemmten Gärten.
„Hasso! Wir nehmen Lora mit!“, rief Sabine.
Aber der Hund hörte nicht auf.
Im Boot schlug der Papagei plötzlich mit den Flügeln.
„Opa! Opa!“
Seine Stimme klang ungewöhnlich schrill.
Sabine stellte den Käfig sicher zwischen zwei Sitzbänke.
Thomas startete den Motor.
„Wir müssen weiter. Vielleicht können wir den Hund mit Futter anlocken.“
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