Der Bestatter wollte die Handwerker wegschicken, dann sah er die wartende Großmutter

Als wir mit sechsundneunzig Sonnenblumen vor der Trauerhalle standen, hielt man uns für einen wütenden Mob. Dabei wartete hinter der Hecke nur eine alte Frau auf uns.

„Sie gehen jetzt bitte wieder.“

Der Bestatter stellte sich so vor die Tür, dass seine Schultern beide Flügel berührten. Hinter der Glasscheibe sah ich elf Menschen auf gepolsterten Stühlen sitzen. Ein Mann in der ersten Reihe zog hastig sein Handy aus der Manteltasche.

„Wir wollen da gar nicht rein“, sagte ich.

Er schaute auf meine alte Arbeitsjacke, dann auf die Männer und Frauen hinter mir. Einige waren direkt aus der Werkstatt gekommen. Einer trug noch seine Hose mit den verstärkten Knien, ein anderer hielt seine Blume vorsichtig zwischen Fingern, die sich nach vierzig Jahren Schichtarbeit nicht mehr richtig strecken ließen.

„Dann verstehe ich diesen Aufmarsch nicht.“

„Das ist kein Aufmarsch.“

„Hier wird ein Mensch beerdigt.“

Ich nickte.

„Und hinter der Hecke liegt ein Kind. Zu dem wollen wir.“

Der Mann mit dem Handy war inzwischen aufgestanden. Ich kannte sein Gesicht aus der Zeitung. Werner Winter, der Bruder des Verstorbenen.

Er kam bis an die Tür und zeigte auf mich.

„Ich weiß genau, was Sie vorhaben.“

„Das glaube ich nicht“, sagte ich.

Mein Name ist Rolf Seidel. Ich bin siebenundsechzig, gelernter Schlosser, seit drei Jahren in Rente. Meine Hände sehen aus, als hätte jemand die Gebrauchsspuren gleich mit eingebaut.

Ich habe eine schiefe Nase, weil ich mit neunzehn meinte, beim Fußball unbedingt Torwart sein zu müssen. Wenn ich nichts sage, halten mich die meisten Leute für schlecht gelaunt. Meine Tochter behauptet, selbst mein freundliches Gesicht sehe aus wie eine letzte Mahnung.

Früher hätte ich über so etwas gelacht und das Thema gewechselt.

An diesem Tag konnte ich nur an Ingrid denken.

Sie wartete keine hundertfünfzig Meter entfernt auf einer schmalen Friedhofsbank. Zweiundsiebzig Jahre alt, ein viel zu großer schwarzer Mantel, in der Hand eine kleine Papiertüte.

Darin lag ein Stoffhase mit einem fehlenden Knopfauge.

Sechs Wochen zuvor hatte ich noch nicht einmal gewusst, dass es sie gab.

Ihre Nachricht landete auf der Seite unserer offenen Werkstatt. Wir waren acht Rentner, die einmal in der Woche Fahrräder reparierten, Schubladen wieder gangbar machten und Menschen halfen, die wegen eines kaputten Wasserkochers nicht gleich einen neuen kaufen konnten.

Manchmal stellten wir Fotos ein. Günter mit einem reparierten Kinderroller. Helga an ihrer Nähmaschine. Ich mit einer Kaffeemaschine, die nach meiner Reparatur immerhin wieder Wasser heiß machte.

Ingrids Nachricht stand unter einem solchen Bild.

„Entschuldigen Sie bitte. Helfen Sie auch, wenn etwas nicht mehr zu reparieren ist?“

Ich dachte zuerst an einen alten Herd.

Dann las ich weiter.

„Meine Enkelin Lena liegt seit vier Jahren auf dem Friedhof. Bei ihrer Beerdigung waren wir drei. Ihr Vater wird bald sterben. Ich habe Angst, dass wieder alle über ihn reden und keiner über sie.“

Ich las die Nachricht zweimal.

Beim dritten Mal holte ich meine Brille.

Ihre Telefonnummer stand darunter. Ich rief noch am selben Abend an.

Sie meldete sich mit „Winter“, ganz leise, als müsse sie sich dafür entschuldigen, noch wach zu sein.

„Seidel hier. Von der Werkstatt.“

Eine Weile hörte ich nur ihren Atem.

„Sie müssen nichts spenden“, sagte sie dann schnell. „So war das nicht gemeint.“

„Das habe ich verstanden.“

„Ich weiß auch nicht, ob ich Ihnen schreiben durfte.“

„Sie haben doch schon geschrieben.“

Sie lachte kurz. Ein erschrockenes, kleines Lachen.

Dann erzählte sie mir von Lena.

Mit acht hatte das Mädchen seiner Lehrerin gesagt, dass es nicht mehr nach Hause wollte. Später hatte es seiner Mutter etwas erzählt, einer Nachbarin und schließlich der Großmutter.

Nicht alles auf einmal. Immer nur so viel, wie ein Kind sagen kann, das erst herausfinden muss, ob ein Erwachsener überhaupt zuhört.

Ihr Vater Thomas war ein Mann gewesen, den man überall kannte. Er half bei Festen, reparierte unentgeltlich Gartenzäune und fuhr ältere Nachbarn zu Arztterminen.

„So einer macht doch so etwas nicht“, hatten Leute gesagt.

Ingrid konnte diesen Satz noch immer nicht aussprechen, ohne eine Pause zu machen.

Die Ermittlungen hatten schließlich gezeigt, wie wenig sein freundliches Auftreten über das aussagte, was er Kindern angetan hatte. Nach Lenas Aussage meldeten sich weitere Betroffene. Dreiundzwanzig Menschen aus verschiedenen Jahren.

Thomas Winter wurde zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Für viele im Ort war die Sache damit erledigt.

Für Lena begann danach ein anderer, schwerer Alltag.

Es gab Gespräche, Hilfsangebote und Menschen, die sich bemühten. Aber auch Wartezeiten, wechselnde Ansprechpartner und Tage, an denen sie sich zurückzog, obwohl ihre Mutter schon dachte, es gehe etwas besser.

Mit elf starb Lena durch Suizid.

Ingrid sprach das Wort erst beim zweiten Telefonat aus.

Beim ersten sagte sie nur: „Wir haben sie verloren.“

Ich saß an meinem Küchentisch und hörte zu. Die Wanduhr tickte so laut, dass ich sie irgendwann von der Wand nahm und ins Wohnzimmer stellte.

„Bei der Beerdigung waren meine Tochter, ich und unsere Nachbarin“, sagte Ingrid. „Ein paar hatten abgesagt. Andere haben sich gar nicht gemeldet.“

„Und Ihre Tochter?“

„Katrin ist vor zwei Jahren gestorben. Sie war lange krank.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

Also sagte ich nichts.

Ingrid erzählte weiter. Von den Sonntagen ohne Besuch. Von Lenas Schulsachen in einem Karton. Von einem Grab, an dem sie manchmal eine Stunde stand, weil zu Hause niemand wartete.

Thomas Winter lag inzwischen schwer krank im Gefängniskrankenhaus.

Sein Bruder hatte bereits mit Verwandten gesprochen. Es sollte eine Trauerfeier geben, ordentlich und würdevoll. Ingrid hatte davon durch eine Cousine erfahren.

„Das soll er meinetwegen haben“, sagte sie. „Ich möchte niemandem eine Beerdigung verbieten.“

Dann wurde ihre Stimme brüchig.

„Aber warum war für Lena so wenig übrig?“

Am Donnerstag erzählte ich es den anderen in der Werkstatt.

Günter legte seinen Schraubenschlüssel hin. Helga schaltete die Nähmaschine aus. Selbst Willi, der sonst bei allem einen Spruch hatte, blieb still.

Schließlich fragte Ernst: „Was braucht die Frau?“

„Menschen“, sagte ich. „Die mal bei ihr stehen.“

Günter rieb sich übers Kinn.

„Dann gehen wir hin.“

So einfach klang es zuerst.

Acht Rentner, ein paar Blumen, eine Stunde auf dem Friedhof.

Doch Helga erzählte es ihrer Schwester. Ernst fragte zwei ehemalige Kollegen. Ein Dachdecker, dessen Fahrrad wir repariert hatten, wollte ebenfalls kommen.

Innerhalb von vier Tagen hatte ich siebenunddreißig Namen auf einem karierten Blatt.

Am sechsten Tag waren es über sechzig.

Da rief meine Tochter an.

„Papa, was plant ihr da?“

Ich hörte den Ton und spannte mich sofort an. Zwischen Anne und mir war vieles umständlich geworden, seit ihre Mutter gestorben war.

Sie arbeitete im sozialen Bereich. Ich hatte einmal gesagt, sie nehme sich zu viele fremde Sorgen mit nach Hause.

Sie hatte geantwortet: „Irgendwer muss sie ja erst mal ernst nehmen.“

Danach hatten wir eine Weile nur über ihren Wagen und meine Blutdrucktabletten gesprochen.

„Wir gehen zu einem Grab“, sagte ich.

„Mit inzwischen fast hundert Leuten?“

„Sollen wir welche ausladen?“

„Darum geht es nicht. Weiß Ingrid, wie viele kommen? Will sie das wirklich?“

Ich wollte gerade sagen, dass wir schließlich helfen wollten.

Aber Anne ließ mich nicht.

„Und was erzählt ihr über Lena? Nur das, was ihr angetan wurde? Oder auch, wer sie war?“

Ich sah auf meinen Zettel mit den Namen.

Über Lena wusste ich bis dahin fast nur, wie sie gestorben war.

Am nächsten Nachmittag saß ich bei Ingrid am Küchentisch.

Sie wohnte in einer kleinen Wohnung am Rand unserer Stadt im Ruhrgebiet. Auf der Fensterbank standen Ableger in alten Tassen. Neben der Tür hingen zwei Jacken, obwohl sie allein lebte.

Ich sagte ihr, wie viele Menschen kommen wollten.

Sie hielt ihre Kaffeetasse mit beiden Händen.

„So viele kennen uns doch gar nicht.“

„Nein.“

„Was soll ich denen denn sagen?“

„Gar nichts, wenn Sie nicht möchten.“

Sie sah mich lange an.

Dann stand sie auf und holte ein Fotoalbum.

Auf dem ersten Bild fehlten Lena die beiden oberen Schneidezähne. Auf dem nächsten saß sie unter einem Küchentisch und hatte sämtliche Stuhlbeine mit Wollfäden verbunden.

„Ein Pferdestall“, erklärte Ingrid. „Ich durfte drei Tage nicht richtig saubermachen.“

Es gab Bilder vom Einschulungstag, vom Backen und von einem Ausflug, bei dem Lena offenbar beschlossen hatte, eine sehr beleidigte Ziege nachzuahmen.

Ich musste lachen.

Ingrid sah überrascht auf.

Dann lachte sie mit.

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