Fünf Jungen hielten mir einen zerknitterten Fünfeuroschein hin und baten um einen Euro. Erst als der Kleinste ihren Vater erwähnte, musste ich mich am Regal festhalten.
„Wir zahlen es zurück“, sagte der Älteste. „Ganz bestimmt. Spätestens, wenn ich wieder Taschengeld kriege.“
Ich stand im Schreibwarenladen neben dem Bahnhof und wollte einen Kaffee kaufen. Zwei Wochen zuvor hatte ich mich dabei ertappt, dass ich mit dem Wasserkocher redete. Seitdem ging ich morgens wenigstens einmal unter Leute.
Nun standen fünf Jungen vor mir. Der Älteste war vielleicht elf, der Kleinste noch im Kindergartenalter. Einer trug einen Anorak mit zu kurzen Ärmeln, ein anderer hielt einen kaputten Reißverschluss mit einer Wäscheklammer zusammen.
„Wofür braucht ihr den Euro?“, fragte ich.
Meine Stimme klang unfreundlicher, als ich es beabsichtigt hatte. Nach vierzig Jahren in einer Autowerkstatt redete ich ohnehin nicht besonders sanft. Seit dem Sommer war es noch schlimmer geworden.
Der Kleinste trat hinter seinem Bruder hervor und zeigte auf die Sammelkarten neben der Kasse.
„Eine Tüte kostet sechs Euro. Wir haben aber nur fünf.“
„Ihr seid zu fünft und wollt eine Tüte?“
„Wir teilen“, sagte der Älteste sofort. „Haben wir immer gemacht.“
Ich sah zur Verkäuferin. Sie kannte mich und wusste offenbar nicht, ob sie sich einmischen sollte.
Mit meiner alten Arbeitsjacke, den breiten Schultern und dem Gesicht, das selbst beim Lächeln streng aussah, war ich nicht gerade der Mann, den Kinder gewöhnlich ansprachen.
„Wo ist denn eure Mutter?“, fragte ich.
„Hinten bei den Briefumschlägen. Sie muss Unterlagen wegschicken.“
Der Junge deutete durch den Laden. Zwischen zwei Regalen stand eine Frau mit einer Stofftasche und verglich die Preise von Versandtaschen.
Dann sagte der zweitgrößte Junge: „Papa hat freitags immer eine gekauft. Nach dem Abendessen durften wir sie aufmachen.“
Ich stellte meinen Kaffeebecher auf den Tresen.
„Und heute ist Freitag“, ergänzte der Kleinste.
„Kauft euer Vater heute keine?“
Der Junge mit der Wäscheklammer am Anorak sah mich an.
„Papa ist tot.“
Er sagte es ohne jede Vorbereitung. So, wie Kinder etwas sagen, das längst ihren ganzen Alltag bestimmt, während ein Fremder noch gar nichts davon weiß.
„Vor vier Wochen“, fügte der Älteste hinzu. „Ein Unfall auf dem Heimweg von der Arbeit.“
Ich griff hinter mich und erwischte die Kante eines Regals. Eine Schachtel Radiergummis wackelte.
Vier Wochen.
Bei mir waren es drei Monate.
„Mama sagt, dieses Jahr gibt es keine Weihnachtsgeschenke“, sagte einer der mittleren Jungen. „Wir sollen es verstehen.“
Der Älteste warf ihm einen schnellen Blick zu.
„Sie hat gesagt, keine großen Geschenke.“
„Aber eine Tüte ist doch nicht groß.“
Keiner antwortete darauf. Der Kleinste strich den Fünfeuroschein auf seiner Jacke glatt und hielt ihn mir noch einmal hin.
„Du kannst ihn der Frau geben. Dann denken die anderen nicht, dass wir betteln.“
Ich heiße Rüdiger Mertens. Die meisten nennen mich Rudi. Damals war ich zweiundsechzig, seit einem halben Jahr in Rente und fest davon überzeugt, dass für mich nichts mehr kommen würde, auf das ich mich freuen konnte.
Mein Sohn Hannes war im August gestorben.
Er war siebenundzwanzig geworden. Blutkrebs. Eine Krankheit, bei der irgendwann alle im Krankenhaus vorsichtiger sprechen und man trotzdem noch jedes Wort nach einer guten Nachricht absucht.
Als Kind hatte er dieselben Karten gesammelt wie die fünf Jungen vor mir. Freitags hatte ich ihn nach der Arbeit abgeholt, und auf dem Rückweg hatten wir eine Tüte gekauft.
Später war er ausgezogen, hatte eine Ausbildung gemacht, gearbeitet und längst einen Bart getragen. Aber wenn er freitags bei mir vorbeikam, legte er manchmal grinsend eine Packung auf den Küchentisch.
„Na, alter Mann? Noch eine Runde?“
Auch im Krankenhaus hatten wir Karten ausgepackt.
Seine Sammlung hatte ich nach der Beerdigung verkauft. Als die Rechnungen da waren und noch Geld für den Grabstein fehlte, hatte ich einen Käufer angerufen.
Die Kartons waren am nächsten Tag weg gewesen.
Ich hatte mir eingeredet, Hannes hätte es verstanden. Trotzdem bekam ich seitdem jedes Mal einen Stich, wenn ich die leere Stelle im Wohnzimmerschrank sah.
„Wie heißt ihr?“, fragte ich die Jungen.
„Ich bin Joris. Das ist Enno, das ist Malte, das ist Till. Und der Kleine ist Piet.“
Piet hob kurz die Hand.
„Wir heißen alle Falk“, erklärte er. „Weil wir Brüder sind.“
„Das hatte ich mir gedacht.“
„Papa hat gesagt, wir müssen zusammenhalten“, sagte Joris. „Deshalb haben wir das Geld zusammengelegt.“
Ich zog mein Portemonnaie heraus.
„Steck euren Schein ein. Die Tüte geht auf mich.“
Piet öffnete den Mund, brachte aber zunächst nichts heraus. Dann drehte er sich zu seinen Brüdern, als müsse jemand bestätigen, dass er richtig gehört hatte.
„Echt jetzt?“
„Echt. Aber zuerst fragen wir eure Mutter.“
Joris lief los. Die anderen blieben bei mir, dicht nebeneinander, als könnten die Karten verschwinden, sobald sie sich bewegten.
Ihre Mutter kam mit einer Versandtasche in der Hand zurück.
Sie war Anfang vierzig, vielleicht jünger. Ihre Augen sahen aus, als hätte sie seit Wochen nur in kurzen Abständen geschlafen.
„Die Kinder haben Sie hoffentlich nicht belästigt.“
„Haben sie nicht. Es fehlt ein Euro für die Karten. Ich würde ihnen gern eine Tüte schenken, wenn das für Sie in Ordnung ist.“
„Das ist wirklich nicht nötig.“
Joris senkte sofort den Kopf. Ich erkannte die Bewegung. So hatte Hannes als Junge ausgesehen, wenn er sich schon gefreut hatte und sich dann dafür schämte.
„Ich weiß“, sagte ich. „Ich würde es trotzdem gern machen.“
Sie betrachtete mich. Meine rissigen Hände, den Kaffeefleck auf der Jacke, die kleine Narbe neben meinem Mund.
„Anja Falk“, sagte sie schließlich.
„Rudi Mertens.“
„Dann bedanken wir uns aber ordentlich.“
Alle fünf bedankten sich gleichzeitig. Nur Piet sagte: „Danke, Herr Rudi.“
Ich musste zum ersten Mal seit Tagen lächeln.
Vor dem Kartenregal begannen die Jungen eine ernsthafte Beratung. Joris wollte die rote Packung, Enno die blaue. Malte behauptete, bei den grünen seien häufiger glänzende Karten dabei.
„Das glaubst du bloß, weil du einmal Glück hattest“, sagte Joris.
„Zweimal.“
„Einmal war es Till.“
„Der hat aber mit mir getauscht.“
Ich zeigte auf eine Packung weiter unten.
„Bei denen müsst ihr aufpassen. Da sind weniger Karten drin, dafür kosten sie genauso viel.“
Fünf Gesichter drehten sich zu mir.
„Du kennst dich aus“, sagte Enno.
„Ein bisschen.“
„Sammelst du auch?“
Ich brauchte einen Moment.
„Mein Sohn hat gesammelt. Wir haben das zusammen gemacht.“
Piet sah sich im Laden um.
„Kommt der auch gleich?“
Hinter uns raschelte Anjas Versandtasche. Ich spürte, dass sie ihrem Jüngsten etwas sagen wollte, und schüttelte leicht den Kopf.
„Nein“, sagte ich. „Hannes ist gestorben. Vor drei Monaten.“
Die Jungen wurden still.
Malte drückte die Wäscheklammer an seiner Jacke auf und wieder zu.
„Dann hast du jetzt auch freitags keinen mehr.“
Ich sah ihn an. Er meinte die Karten. Wahrscheinlich meinte er wirklich nur die Karten.
Trotzdem musste ich mich räuspern, bevor ich antworten konnte.
„Nein. Im Moment nicht.“
Piet schob seine Hand in meine. Seine Finger waren warm und ein wenig klebrig.
„Dann kannst du bei uns mitmachen.“
Anja schloss kurz die Augen.
„Piet, wir können Herrn Mertens doch nicht einfach …“
„Rudi“, sagte ich. „Und ich würde mich freuen.“
Am Ende kaufte ich fünf Packungen. Eine für jeden Jungen. Als Anja protestierte, sagte ich nur: „Heute geht das.“
Die Verkäuferin stellte fünf Becher Kakao auf den kleinen Tisch am Fenster.
„Die gehen auf mich“, sagte sie. „Aber die Deckel bleiben drauf, bis ihr sitzt.“
Die Jungen ließen sich auf die Stühle fallen. Joris legte die Packungen nebeneinander, genau an die Tischkante, und plötzlich kam niemand mehr dazu, sie aufzureißen.
„Was ist?“, fragte ich.
Er schaute zu seiner Mutter.
„Papa hat immer erst gesagt: Alle bereit?“
Anja stellte ihre Tasche ab. Ihre Lippen zitterten.
„Dann sagt ihr es heute“, brachte sie hervor.
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