Als der grobe Mann nachts mit einem schreienden Baby an meiner Kasse stand, hielt ich Abstand. Zehn Minuten später saß ich neben ihm auf dem Toilettenboden.
„Wo ist hier die Toilette?“
Er fragte so schroff, dass ich schon auf das Schild neben dem Kühlregal zeigen wollte. Dann sah ich die Babyschale in seiner Hand. Darin lag ein kleines Mädchen, das vor lauter Schreien kaum noch Luft zum nächsten Atemzug holte.
„Hinten rechts“, sagte ich. „Da gibt es auch einen Wickeltisch.“
Er nickte und ging an mir vorbei. Ein breiter Mann mit grauem Bart, schweren Arbeitsschuhen und einer ausgeblichenen Jacke, an deren Ärmel ein Flicken saß. Seine Hände waren rissig, die Fingernägel kurz und dunkel an den Rändern.
Es war kurz nach drei an einem Sonntagmorgen. Seit einem halben Jahr arbeitete ich nachts an einer Tankstelle außerhalb von Kassel. Mit zweiundfünfzig hatte ich mir mein Berufsleben anders vorgestellt, aber nach der Scheidung war das Geld knapp geworden.
Ich hatte drei Kinder großgezogen und glaubte, Erschöpfung zu erkennen. Bei diesem Mann dachte ich trotzdem zuerst an Ärger. Vielleicht lag es daran, dass er mich kaum angesehen hatte.
Durch die Scheibe sah ich seinen alten Kombi an der Zapfsäule stehen. Auf der Rückbank lagen eine Reisetasche und eine zusammengerollte Decke. Neben dem Auto stand noch sein Kaffeebecher auf dem Dach.
Ich räumte weiter Milch in den Kühlschrank. Das Baby schrie hinter der Toilettentür, dann polterte etwas zu Boden. Ich wartete einen Moment, bevor ich den Gang hinunterging.
Da hörte ich ihn weinen.
Nicht dieses kurze Räuspern, mit dem manche Männer ihre Tränen verbergen. Er schluchzte so heftig, dass ich die Hand schon an der Tür hatte, bevor ich wusste, was ich sagen sollte.
„Hallo? Brauchen Sie Hilfe?“
Es blieb kurz still. Dann kam eine Stimme, die mit der an meiner Kasse kaum noch etwas gemeinsam hatte.
„Ich kriege das nicht hin.“
„Ist das Baby verletzt?“
„Nein. Ich glaube nicht.“ Er atmete hörbar ein. „Die Windel. Ich weiß nicht, wie die zugeht. Und sie hört nicht auf.“
Ich klopfte noch einmal leise. „Ich habe drei Kinder. Darf ich reinkommen?“
„Bitte“, sagte er. „Ja. Bitte.“
Er saß auf dem Boden, den Rücken gegen die Wand gedrückt. Das Mädchen lag vor ihm auf einer Wickelunterlage, seine große Hand schützend neben ihrem Bauch. Eine offene Windel hing schief unter ihren Beinchen.
Auf dem heruntergeklappten Wickeltisch lagen Feuchttücher, ein Strampler und drei weitere Windeln. Offenbar hatte er sie erst dort versorgen wollen und dann Angst bekommen, sie könnte herunterfallen.
„Meine Hände zittern“, sagte er. „Da oben habe ich mich nicht mehr getraut.“
„Gut, dass Sie sie runtergenommen haben.“ Ich kniete mich neben ihn. „Jetzt machen wir erst einmal die Kleine sauber.“
Er rückte sofort zur Seite. Seine Knie knackten dabei so laut, dass ich unter anderen Umständen gelächelt hätte. Jetzt sah ich nur, wie aufmerksam er jede meiner Bewegungen verfolgte.
Das Mädchen war vielleicht drei Monate alt. Dunkle Haare klebten an ihrer feuchten Stirn, und ihre kleinen Fäuste waren fest geschlossen. Als die frische Windel saß, wurde aus dem Schreien ein erschöpftes Wimmern.
Ich nahm sie hoch. Sie drehte sofort den Kopf gegen meine Bluse und suchte mit dem Mund.
„Wann hat sie zuletzt getrunken?“
Er zog sein Handy heraus, sah auf die Uhr und schloss die Augen. „Kurz vor elf. Ich wollte längst anhalten. Dann war die erste Raststätte so voll, und ich wusste nicht …“
Er brach ab und strich sich mit beiden Händen über das Gesicht.
„Haben Sie etwas für sie dabei?“
„Fläschchen. Milch. Alles in der Tasche.“
Ich hielt seinen Blick fest. „Dann holen Sie bitte die Tasche. Wir setzen uns hinten hin. Sie fahren jetzt erst einmal nirgendwohin.“
Er sah mich an, als hätte ich ihm gerade eine Arbeit abgenommen, die zu schwer für ihn geworden war. Dann stand er langsam auf.
Unser Aufenthaltsraum hatte einen kleinen Tisch, drei verschiedene Stühle und einen Kühlschrank, dessen Tür man kräftig zudrücken musste. Ich zog den bequemsten Stuhl heran und legte ihm das Baby in den Arm.
„Wie heißt sie?“
„Ida.“
Sein Mund verzog sich bei dem Namen. Er beugte den Kopf über das Kind.
„Entschuldige, Mäuschen“, flüsterte er. „Der Opa stellt sich an.“
In der Tasche fand ich fertig abgefüllte Säuglingsmilch, saubere Fläschchen und ein Heft mit den letzten Trinkmengen. Jemand hatte alles sorgfältig vorbereitet. Auf einem rosa Zettel stand: Ida mag die Milch nicht zu warm.
Ich zeigte ihm den Zettel. „Das kriegen wir hin.“
Während ich das Fläschchen vorbereitete, erzählte ich ihm, dass mein Jüngster früher so laut gebrüllt hatte, dass die Nachbarin einmal geklingelt und gefragt hatte, ob bei uns alles in Ordnung sei. Er hörte zu, ohne aufzusehen.
Als Ida endlich trank, wurden seine Schultern ein wenig lockerer. Ihr winziger Finger lag auf seinem Daumen. Er betrachtete ihn, als könnte er nicht verstehen, wie etwas so Kleines sich an ihm festhalten wollte.
„Ich bin Marlies“, sagte ich.
„Hartmut.“
„Und wo ist Idas Mutter, Hartmut?“
Er antwortete nicht sofort. Ich setzte mich ihm gegenüber und wartete.
„Tot“, sagte er schließlich. „Seit Freitag.“
Der Kühlschrank sprang mit einem Ruck an. Aus dem Verkaufsraum hörte ich das leise Summen der Getränketruhe, und ich wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit meinen Händen.
„Meine Tochter“, sagte er. „Zweiunddreißig.“
Ich schob die Packung Taschentücher über den Tisch. Er nahm keines.
Hartmut war einundsechzig und hatte fast vierzig Jahre als Berufskraftfahrer gearbeitet. Erst auf Baustellen, später im Fernverkehr. Nach einer Rückenoperation war er früher ausgeschieden, als er geplant hatte.
Seine Frau war fünfzehn Jahre zuvor gestorben. Die Tochter, Nele, war damals siebzehn gewesen.
„Ich dachte, wenn das Haus bezahlt ist und immer Essen im Kühlschrank steht, mache ich es richtig“, sagte er. „Bin sonntags los und freitags wiedergekommen. Meine Schwester hat nach ihr gesehen.“
Er strich mit einem Finger über den Saum von Idas Ärmel.
„Nele hat irgendwann aufgehört zu fragen, wann ich komme.“
Später hatte seine Tochter Probleme mit Medikamenten bekommen, dann mit anderen Drogen. Es hatte Behandlungen gegeben, gute Monate und Rückfälle. Manchmal hatte sie jeden Abend angerufen, manchmal wochenlang überhaupt nicht.
„Ich habe Sachen zu ihr gesagt“, murmelte er. „Wenn ich nur gewusst hätte, was man stattdessen sagen soll.“
Kurz vor der Geburt war Nele wieder bei ihm eingezogen. Sie hatte Unterstützung angenommen, Termine wahrgenommen und ihr kleines Zimmer selbst gestrichen. Für das Baby hatte sie gebrauchte Kleidung sortiert und jeden Fleck aus den Sachen gewaschen.
Ida war im Krankenhaus geboren worden. Den Namen hatte Nele nach ihrer verstorbenen Mutter gewählt.
„Sie saß bei mir in der Küche und hat gesagt: Papa, diesmal brauche ich dich wirklich.“ Er schluckte. „Und ich habe gesagt: Bin doch da.“
Er hatte das Kinderbett aufgebaut und den Kinderwagen repariert. Nele hatte sich um die Fläschchen gekümmert, um die Windeln, um das Baden. Wenn sie duschen ging, hatte er Ida gehalten, aufrecht und steif, als könnte eine falsche Bewegung etwas zerbrechen.
„Ich dachte, wir hätten noch Zeit“, sagte er. „Dass sie mir alles nach und nach zeigt.“
Am Freitagabend war er von Idas Schreien wach geworden. Nele lag im Badezimmer und reagierte nicht. Er hatte den Rettungsdienst gerufen und getan, was ihm am Telefon gesagt worden war.
Mehr erzählte er darüber nicht. Ich fragte auch nicht.
„Im Krankenhaus haben sie von einem Rückfall gesprochen. Ich wusste nicht einmal, dass sie wieder etwas genommen hatte.“
Er sah mich zum ersten Mal gerade an.
„Sie hat morgens noch Wäsche aufgehängt.“
Das war der Satz, bei dem mir die Tränen kamen. Weil ich sie vor mir sah, diese junge Frau zwischen kleinen Stramplern und winzigen Socken, mit einem ganz gewöhnlichen Vormittag vor sich.
Hartmut hatte die ganze Zeit leise gesprochen. Nun begann Ida, langsamer zu trinken, und er erschrak.
„Ist das richtig so?“
„Sie wird satt“, sagte ich. „Geben Sie ihr einen Moment.“
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