Als wir dem alten Schweißer das Hemd aufschnitten, kamen dreiundzwanzig Kindernamen zum Vorschein. Doch er bat mich nur um eines: Seine Tochter durfte nichts erfahren.
„Nicht anrufen“, flüsterte er, als ich die durchsichtige Tüte mit seinen Sachen neben das Bett legte. „Bitte. Die Dörte nicht.“
Auf seinem Brustkorb klebten Elektroden. Zwischen den Kabeln sah ich verblasste Buchstaben, einen schiefen kleinen Stern und darunter einen Namen, der offenbar später hinzugekommen war: Malte.
„Herr Wendt, Sie hatten einen schweren Herzinfarkt“, sagte ich. „Gibt es jemanden, den wir verständigen sollen?“
Er bewegte kaum merklich den Kopf. Seine Finger tasteten über die Bettdecke, bis sie meine Hand fanden.
„Jeden anderen. Bloß sie nicht.“
Ich war seit achtundzwanzig Jahren Krankenschwester. Wenn jemand nach einer Wiederbelebung so eindringlich darum bat, einen Angehörigen nicht anzurufen, steckte meistens eine Geschichte dahinter. Ein Streit, eine zweite Familie, manchmal einfach die Angst, jemandem zur Last zu fallen.
Bei Eckhard Wendt dachte ich zuerst an einen Streit.
Er war achtundsechzig, hatte Hände wie Schraubstöcke und eine alte Brandnarbe am Unterarm. Sein grauer Bart war ungleichmäßig geschnitten, und selbst im Liegen wirkte er wie einer, der mit einem einzigen Blick eine ganze Werkstatt zum Schweigen bringen konnte.
Der Rettungsdienst hatte ihn auf dem Parkplatz eines Supermarktes übernommen. Eine Kundin hatte sofort mit der Herzdruckmassage begonnen. Im Herzkatheterlabor hatten die Ärzte ein verschlossenes Gefäß öffnen können, aber sein Herz war schwer geschädigt.
Jetzt lag er auf unserer Intensivstation in einer mittelgroßen Stadt am Rand des Ruhrgebiets. Für den Moment war er wach. Ob er es bleiben würde, konnte niemand sagen.
„Ich rufe niemanden gegen Ihren Willen an“, sagte ich. „Aber ich möchte verstehen, wovor Sie solche Angst haben.“
Er schloss die Augen. Eine Weile hörte ich nur das leise Zischen des Sauerstoffs.
Dann sagte er: „Wenn sie mich so sieht, hält sie die vier Monate nicht mehr aus.“
Ich zog einen Stuhl ans Bett.
„Welche vier Monate?“
Er schluckte mühsam. „Bis sie rauskommt.“
Seine Tochter saß im Gefängnis.
Er sagte es nicht leiser als den Rest. Er sah mich dabei nur ganz genau an, als warte er darauf, dass sich etwas in meinem Gesicht veränderte.
„Acht Jahre“, sagte er. „Wegen Drogen. Nicht bloß wegen ihrem eigenen Zeug. Sie hat auch verkauft.“
Ich nickte und rückte den Sauerstoffschlauch zurecht, der hinter seinem Ohr drückte.
„Wie alt ist Ihre Tochter?“
„Einundvierzig.“ Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Für mich immer noch die Kleine. Wird sie sauer, wenn ich das sage.“
Er begann zu husten. Ich half ihm, sich etwas aufzurichten, und wartete, bis er wieder ruhiger atmete.
Sein Blick fiel auf den geöffneten Kragen des Krankenhaushemdes. Er hatte bemerkt, dass ich die Namen gesehen hatte.
„Sie fragen sich, was das ist.“
„Ich habe ein paar gelesen.“
„Dreiundzwanzig“, sagte er. „Sind dreiundzwanzig.“
Ich sah ihn an. „Enkelkinder?“
Er schüttelte den Kopf.
„Kinder, denen meine Tochter schreibt.“
Ich wartete, weil ich nicht verstand.
„Briefe“, sagte er. „Richtige. Mit Papier und Umschlag. Nicht auf dem Telefon.“
Die Anstrengung war ihm anzusehen. Ich sagte, er müsse jetzt nichts erklären, doch er hielt meine Hand noch einen Moment fest.
„In meiner Jacke. Innentasche. Da ist ein Umschlag. Falls mir was passiert.“
Die Jacke lag bei seinen übrigen Sachen. Eine schwere Arbeitsjacke mit ausgefransten Ärmelbündchen, am Reißverschluss ein Stück Bindfaden. In der Innentasche steckte ein gefalteter Umschlag.
Darauf stand in großen Druckbuchstaben:
Bitte Frau Feldkamp verständigen.
Darunter eine Telefonnummer.
„Wer ist Frau Feldkamp?“
„Sozialdienst. Bei meiner Tochter.“
Er atmete langsam aus.
„Die weiß Bescheid.“
Ich ließ ihn zunächst ausruhen. Als die Ärztin wenig später bei ihm gewesen war und er wieder etwas wacher wirkte, fragte ich, ob ich Frau Feldkamp anrufen dürfe.
„Ja“, sagte er sofort. „Aber sagen Sie ihr, sie soll der Dörte nicht gleich alles erzählen.“
Frau Feldkamp nahm beim dritten Klingeln ab.
Als ich seinen Namen nannte, wurde sie still. Dann fragte sie nach der Station und danach, ob er ansprechbar sei.
„Er hat Sie als Kontaktperson angegeben“, erklärte ich. „Seine Tochter möchte er zunächst nicht verständigen lassen.“
Am anderen Ende hörte ich einen Stuhl rücken.
„Das hat er befürchtet“, sagte sie.
„Was genau?“
„Dass er krank wird, bevor sie entlassen wird.“
Sie konnte nicht sofort kommen. Sie versprach aber, sich zu kümmern und uns zurückzurufen.
Als ich wieder an sein Bett trat, sah Eckhard Wendt mich erwartungsvoll an.
„Sie weiß Bescheid“, sagte ich.
Er nickte. Dann sah er zur Tüte mit seinen Sachen.
„Ist mein Kalender noch da? Kleines blaues Buch.“
Ich fand ihn neben seiner Geldbörse. Der Einband war an den Kanten mit durchsichtigem Klebeband geflickt.
„Darf ich?“
„Deswegen frag ich ja.“
Zwischen Werkstattterminen, Arztbesuchen und notierten Einkaufslisten standen Vornamen. Viele waren farbig unterstrichen.
Nele, 14. März. Mag Pferde.
Malte, 9. Juli. Mathearbeit nachfragen.
Jasmin, 22. November. Keine Glitzerkarten.
Auf der letzten Seite hatte jemand sorgfältig zusammengerechnet: Porto, Papier, Karten, Geburtstagsgeld.
„Das machen Sie alles für die Briefe Ihrer Tochter?“
Er sah mich an, als hätte ich gefragt, ob man eine Pflanze gießen müsse.
„Irgendwer muss doch die Marken bezahlen.“
Das Briefprojekt war aus einer kleinen Gesprächsgruppe in der Haft entstanden.
Dörte hatte dort zum ersten Mal darüber gesprochen, wie es gewesen war, als Kind zu Hause auf jemanden zu warten, der nicht kam. Eine Mitarbeiterin hatte später gefragt, ob sie sich vorstellen könne, einem Mädchen zu schreiben, dessen Mutter ebenfalls eine lange Haftstrafe verbüßte.
Es gab klare Absprachen. Die Briefe liefen über eine Beratungsstelle, die betreuenden Erwachsenen waren einbezogen, private Anschriften wurden nicht weitergegeben.
Aus dem ersten Brief waren zwei geworden. Aus zwei Briefen ein regelmäßiger Austausch.
„Dann kam ein Junge dazu“, erzählte Eckhard. „Dann noch einer. Irgendwann hat sie gesagt: Papa, ich brauch mehr Papier.“
Über sechs Jahre waren es dreiundzwanzig Kinder und Jugendliche geworden. Nicht alle schrieben gleich oft, und einige waren inzwischen erwachsen. Manche hatten den Kontakt zeitweise abgebrochen und sich später wieder gemeldet.
Dörte hatte trotzdem keinen vergessen.
Sie fragte nach Klassenarbeiten und kaputten Fahrrädern. Sie schrieb zum Geburtstag, auch wenn lange keine Antwort gekommen war. Sie versprach nicht, dass alles gut werden würde.
„Sie schreibt immer: Erzähl mir, wie der Dienstag war“, sagte ihr Vater. „Nicht gleich das ganze Leben. Erst mal den Dienstag.“
Ich lächelte.
„Das ist eine gute Frage.“
„Ja“, sagte er. „Find ich auch.“
Anfangs hatte er Briefmarken und Umschläge bezahlt. Später waren kleine Geburtstagsgeschenke dazugekommen, die über die Beratungsstelle besorgt wurden. Ein Buch, ein Malkasten, ein Zuschuss für einen Ausflug.
„Manche Monate achtzig Euro. Manchmal hundertfünfzig“, sagte er. „Weihnachten mehr.“
„Und das geht von Ihrer Rente ab?“
Er verzog den Mund.
„Rente ist nicht üppig. Aber ich helf noch in einer Metallwerkstatt. Zwei Vormittage die Woche. Manchmal öfter.“
Ich sah auf seine Hände. In den Falten saß noch dunkler Schmutz, den das schnelle Waschen nicht entfernt hatte.
„Sie sind Schweißer?“
Zum ersten Mal wirkte er beinahe zufrieden.
„Dreiundvierzig Jahre. Treppen, Geländer, Hallentore. Alles, woran sich hinterher keiner mehr erinnern kann, wenn es hält.“
Gegen Nachmittag wurde er müder.
Die Ärztin passte seine Medikamente an, kontrollierte die Werte und sprach ruhig mit ihm. Ich blieb in der Nähe. Zwischen meinen anderen Aufgaben ging ich immer wieder zu seinem Bett.
Einmal fand ich ihn mit offenen Augen vor. Er betrachtete den Namen auf seinem rechten Unterarm.
„Nele“, sagte er, bevor ich fragen konnte. „Die war acht, als der erste Brief kam.“
Ihre Mutter saß in Haft. Nele lebte bei ihrer Großmutter, die selbst nicht gesund war. In einem Brief hatte das Mädchen geschrieben, sie wünsche sich manchmal, morgens einfach nicht mehr aufwachen zu müssen.
Dörte hatte diesen Satz sofort der zuständigen Mitarbeiterin gezeigt. Die Erwachsenen vor Ort hatten Hilfe organisiert.
„Danach hat sie jede Woche geschrieben“, sagte Eckhard. „Auch wenn von Nele nur drei Wörter zurückkamen.“
Er sah mich an.
„Einmal hat sie ihr zwanzig Fragen über Pferde geschickt. Meine Tochter hatte nie was mit Pferden am Hut. Hat sich extra ein Buch geliehen.“
„Und Nele hat geantwortet?“
„Alle zwanzig.“
Seine Augen wurden feucht. Er wischte mit dem Daumen darüber, beinahe ärgerlich.
„Vor einem halben Jahr kam ein Bild von einem Schulfest. Sie hatte ein schiefes Pferd auf die Wange gemalt. Dörte hat mir geschrieben: Papa, sie macht wieder mit.“
Ich blickte auf den Namen an seinem Arm.
„Deshalb die Tätowierungen?“
Er nickte langsam.
„Den ersten hab ich mir machen lassen, als ich noch Schiss hatte, wieder zur Flasche zu greifen.“
Damit hatte ich nicht gerechnet.
Er bemerkte es.
„Steht ja nicht im Gesicht geschrieben, was einer alles vermasselt hat.“
Er hatte getrunken, seit seine Tochter klein gewesen war.
Nicht jeden Tag bis zur Bewusstlosigkeit. Das sagte er ausdrücklich, als wäre es ihm wichtig, auch bei der eigenen Schuld genau zu bleiben. Oft genug aber, dass Dörte als Kind gelernt hatte, schon am Geräusch seines Schlüssels zu erkennen, welcher Abend bevorstand.
Seine Frau hatte irgendwann aufgegeben und war ausgezogen. Dörte war zwischen beiden Wohnungen hin und her gewechselt, bis sie alt genug gewesen war, lieber ganz woanders zu bleiben.
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